Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

I. Nach den Tropen

Im mittelländischen Meer

Jetzt wäre aller äußerer Zusammenhang mit dem, was mich sonst, bindet, abgeschnitten; kein Brief mehr wird mich erreichen, keine Nachricht. Das Gefühl der gewonnenen Freiheit beseligt mich. Gewiß: so, wie die Mehrheit es versteht, dürften wenige unabhängiger dastehen als ich; ich habe keinen äußeren Beruf, keine Familie, um die ich mich zu kümmern hätte, keine zeitraubenden Verpflichtungen; ich kann tun und lassen, was ich will. In meinem Sinne frei wäre ich erst dann, wenn ich auch psychisch ungebunden wäre, wenn ich jeden Morgen erwachen könnte als ein quasimodogenitus, — und dies gelingt mir noch immer nicht ohne gelegentliche Gewaltmaßregeln. Die geistigen Zusammenhänge, innerhalb welcher ein Mensch lebt, bedingen ihn nicht allein von innen her, sie sind ihm zugleich eine stets gegenwärtige Außenwelt; und diese Außenwelt kann dermaßen aufdringlich werden, daß das Bewußtsein dort, wo es Innerstes vorzustellen wähnt, tatsächlich nur diese reflektiert und so über die Widerspiegelung äußerer Verhältnisse überhaupt nicht hinausgelangt. Diese Lage verschlimmert sich noch im Fall der scheinbar Bevorzugten durch die Schöpfungen, die sie selber in die Welt setzen. Aus den Wirkungen, welche diese auslösen, bilden sich neue Netze von Beziehungen, für die sie sich natürlich interessieren, die sie oft angenehm beschäftigen — jedoch notwendig vom Eigentlichen ablenken. Viele geistig lebende Menschen scheinen seltsamerweise in dem, was ich als Verhängnis empfinde, ein erstrebenswertes Ziel zu sehen. Gleichviel, wie sie sich ihr Verhalten deuten mögen: sie sind es zufrieden, Exponenten oder Faktoren gegebener Beziehungen zu sein. Sie treibt es nicht hinan, über das fertig Gestaltete hinaus, in jene wesenhaftere Welt, wo der Sinn als Primäres lebt und alle Tatsachen zu Symbolen umgeboren werden. So gefallen sie sich als Schulhäupter und geistige Führer, und in ihrem Individuum oder ihrem System (was dem Prinzip nach auf eines hinausläuft) verehren sie ein höchstes Gut. Ich hingegen sehe in der höchstdenkbaren Idee nur den abstrakten Repräsentanten, im bestmöglichen System nur das erstarrte Skelett, in aller Tatsächlichkeit bloß den Niederschlag und in aller Individualität nur einen Ausdruck oder ein Ausdrucksmittel dessen, was einzig unbedingten Wert besitzt. Deshalb kann ich mich dabei nicht bescheiden, Exponent oder Faktor zu sein, kann ich keinen Endzweck darin sehen, eine Idee zu vertreten, oder fortzuentwickeln.

Im letzten gilt es ja nicht, neue Phänomene in die Welt zu setzen oder vorhandene zu erhalten und fortzuzüchten (so gut dies im vorletzten sei): es gilt im gegebenen Phänomen, ob erfunden oder vorgefunden, das zu erkennen oder darzustellen, was, selbst ungeformt, alle Form von innen her bedingt. Wie soll das dem gelingen, der ganz in der fertigen Gestaltung aufgegangen ist? — Nun, aufgegangen wäre ich in dieser wohl noch nie, auch in der eigenen nicht. Niemals, das ich wüßte, habe ich mich mit meinem Individuum oder mit meinem Werk im tiefsten identisch gefühlt; von Jugend auf habe ich mit dem Menschen von gestern fortschreitend gebrochen und jedes vollendete Werk augenblicklich abgestoßen, wie der Polypenstock die reifen Medusen abstößt. Aber so frei bin ich innerlich noch nicht, daß ich wie selbstverständlich von Äußerlichkeiten absehen könnte. Immer wieder fängt sich mein Bewußtsein in psychischen Bindungen, und es bedarf der Anstrengung, mich loszureißen, und immer reicht die Kraft dazu nicht hin. Und die erforderliche Anstrengung wird stetig größer, weil das Netz der Beziehungen täglich wächst, in das ich ideell hineingehöre, und immer dichter und verstrickter wird. Und manchmal überkommt mich so etwas wie Angst, ich möchte einmal doch eingefangen werden … Da wende ich denn, wenn es anders nicht mehr geht, ein mechanisches Mittel an: ich reise fort; verlasse meine Welt, bis daß ich ihr soweit entfremdet bin, daß ich sie wieder übersehen und meistern kann. Ich weiß, gar viele, und nicht die schlechtesten, mißbilligen solchen Schritt; man soll stark genug sein, predigen sie, um ohne Kunstgriffe bestehen zu können. Ja, man soll; aber wenn man so stark nicht ist? Soll man verzichten auf ein erreichbares Ziel, weil man es auf dem kürzesten Wege nicht erreichen kann? Soll man das bißchen Kraft, über das man verfügt, zur Erzwingung dessen verschwenden, was einem nicht Endzweck sondern Mittel ist und auf einem Umwege leicht gewonnen werden kann? Ich gestehe: in bezug auf meine Psyche bin ich aus tiefster Überzeugung Jesuit, oder genauer und weniger ärgerniserregend ausgedrückt: ich sehe ein Mißverständnis darin, seine psychischen Umstände irgendwie anders zu behandeln, mit mehr Respekt, Deferenz, als die der äußeren Natur. Sie ist doch Außenwelt, nicht Ich, diese unzulängliche Anlage, und der Außenwelt schulde ich keine Ehrfurcht. Ja, anstatt verdrossen darüber zu sein, daß ich äußere Mittel anwenden muß, bin ich es im Gegenteil zufrieden, daß die Psyche einfältig genug ist, auf so simple Maßnahmen, wie mechanisches Ausschalten von Eindrücken und dgl., so stark und so schnell zu reagieren.

Frauen rechnen mit ihrer grundsätzlichen Verführbarkeit als mit einem Tatbestand, der sich von selbst versteht; den Mann, der keine Liebe zu wecken weiß, beurteilen sie als ungeschickt, es sei denn, daß ihm an Liebe nichts liege. Damit beweisen sie nicht allein bessere Menschenkenntnis, sondern auch tieferes Lebensverständnis, als die meisten Philosophen es besitzen. Die Psyche ist Natur, muß als solche behandelt und beurteilt werden; von Hause aus sind ihre Prozesse auf keine geistigen Werte bezogen. Freilich läßt sich aus dieser Tatsache mehr denn eine Konsequenz für die Praxis ziehen: man braucht nicht den Bestimmungen zu entlaufen, man kann die höchsten geistigen Werte, wenn man will, einer beliebigen Naturbestimmtheit einbilden. So ist die Lust in der Ehe, der Mord in der Richtergewalt geheiligt worden, und das war gut. Welche Alternative man ergreift, hängt von den Zielen ab, die man sich vorgesetzt hat. Mir nun verbieten die meinen bis auf weiteres, in irgendeiner Gestaltung zu verharren. Also darf ich auch keine ganz ernst nehmen.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
I. Nach den Tropen
© 1998- Schule des Rades
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