Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

Conjeevaram

Aus allen Tempelpräcincten, in die man mir Eintritt gestattet, wird mein tamylischer Diener hinausverwiesen. Er ist ein Christ, mithin ein Paria; das erkennen alle auf den ersten Blick. Die Inder scheinen ein besonderes Organ zu besitzen, mit dem sie die Kastenangehörigkeit jedes Einzelnen, er lüge und verstelle sich noch so schlau, unmittelbar wahrnehmen.

Dieses Mal nun fragt mich ein junger Priester, der mir durch die Heiligtümer Conjeevarams die Wege weist, geradeaus, wie es nur möglich sei, daß ich mich von einem outcast bedienen lasse? Ob ich denn gar keine Angst hätte, mich zu verunreinigen? — Ich weiß ihm nicht zu antworten, denn nur zu gut verstehe ich bereits die indische Lebensauffassung. Wenn das Psychische das Primäre ist, wenn Einbildungen dem Beweisbaren gegenüber als Wirklicheres gelten, wenn die Vorstellung die Welt der Dinge bedingt, dann schaffen Vorurteile genau so scharfe Grenzen, wie solche in der materiellen Natur eine Gattung von der anderen abscheiden; dann sind Angehörige verschiedener Kasten unzweifelhaft Wesen verschiedener Art. Dann erscheint es von unendlicher Bedeutung, mit wem man verkehrt, mit wem man ißt, kann einer durch schlechten Umgang genau so gefährlich angesteckt werden, wie durch Typhusbazillen. Und dieses in buchstäblichem Verstand, ja in höherem Grade. Die Psyche wird außerordentlich leicht infiziert, jeder Einfluß dringt in sie ein und verschiebt den ursprünglichen Zusammenhang. Hieraus ergibt sich denn das weitere: gilt ein bestimmter psychischer Gleichgewichtszustand als einzig möglich, so wie uns die Gesundheit der Krankheit gegenüber als einzig möglich gilt, dann muß allen Einwirkungen, die es verschieben könnten, aufs Energischste vorgebeugt werden. Die ganze kultivierte Menschheit tut dies, wo es den Geist einer Schule, eines Korps, einer Armee intakt zu erhalten gilt; in Indien geschieht es im größten Maßstabe, weil dort das ganze Leben überhaupt von Geistern dieser Art bestimmt wird. Diese haben zwei Eigentümlichkeiten, die ihre Behandlung überaus mühsam machen: sie neigen einerseits zu schier grenzenloser Differenzierung, erliegen andrerseits dem leisesten Krankheitsanfall. Die erstere Eigentümlichkeit hat es im Lauf der Zeit zu einer solchen Komplikation innerhalb des indischen Kastensystems gebracht, daß ein unbefangenes Dahinleben für Hindus kaum mehr möglich ist; bei jedem Schritte kreuzt ein Vorurteil ihren Weg. Die andere bedingt eine ständige Stimmung des Qui vive? die nieaussetzende Notwendigkeit des Einhaltens so strenger Vorsichtsmaßregeln, wie wir solche nur zur Zeit grassierender Pest befolgen. Ein Vorurteil ist gar zu leicht entwurzelt; eine Erfahrung, eine Erkenntnis zu viel, und es ist aus mit ihm. So sind in Europa die allermeisten derer, die über ein Jahrtausend entlang dem Leben seine Farbe verliehen, in knapp einem Jahrhundert ausgestorben. In Indien nun, dem Land der dominierenden Psyche, bestimmen Einbildungen alle Wirklichkeit; mit den Vorurteilen verschwände das Kastensystem, das ehrwürdige Skelett des ganzen Inderlebens. Und diese Vorurteile sind vielfach so zart, daß sie nur mehr in Treibhausluft gedeihen können. Bis vor kurzem verlor jeder Brahmane seine Kaste, welcher Indien auf dem Wasserwege verließ. Mit vollem Recht: das Geflecht von Vorstellungen, Einbildungen und Vorurteilen, das den Brahmanen definiert, muß zerreißen, sobald er aus seinem angestammten Rahmen heraustritt. Und damit hat seine Kaste aufgehört zu sein.

Nur einen Weg gibt es für den Inder über die Bindungen der Kaste hinaus: den der Erkenntnis. Wer seine Identität mit Brahman erkannt hat, ist damit allen Gestaltungen entwachsen; wer der Welt entsagt, um höchste Erleuchtung zu gewinnen, der braucht sich um sie nicht mehr zu kümmern. Der Sanyassi, der Yogi, der Rishi ist ohne Kastenvorurteil. Welche Weisheit spricht aus dieser Lehre! In der Tat: die Erkenntnis schmilzt alle natürlichen Fesseln ein; der Wissende ist durch nichts mehr gebunden. Aber erst der Wissende darf es sich leisten, auf alle Vorurteile hinabzusehen. Wer die seinigen zu früh verwirft, der wird nicht frei dadurch, sondern verlegt sich vielmehr den Weg zur Befreiung. Unsere Zeit illustriert diese Wahrheit mit erschreckender Deutlichkeit. Die moderne Menschheit hat die Formen zerschlagen, deren Zucht ihre Vorfahren tief gemacht, und da sie noch keine neuen erfand, sie zu ersetzen, so wird sie oberflächlicher und schlechter von Jahr zu Jahr. Die großen Ideen der Freiheit, die sie bekennt, versteht sie noch nicht innerlich; so gereichen ihr diese zum Verderben anstatt zum Heil. Quod licet Iovi, non licet bovi. Es ist absolut gleichgültig vom Standpunkte des Lebens, was ein Zustand ideell und theoretisch wert sei; einzig darauf kommt es an, ob er einer gegebenen Seele gemäß ist oder nicht. Wieviel weiser als unsere Volksbeglücker war der Araber Hajji Ibn Yokhdan, der nach gewonnener Erleuchtung von Aufklärung seiner Brüder dennoch absah und sie sogar um Verzeihung bat wegen eines kurzen Versuches dieser Art!

Er bat sie um Vergebung, berichtet Ibn Tufail, für die Worte, die er unter ihnen gesprochen, versicherte sie, daß er ganz ihrer Meinung sei und riet ihnen dringend an, bei ihren gewohnten Vorstellungen zu beharren. Sie möchten sich allen fremden Einflüssen verschließen, dem Beispiel ihrer biederen Vorfahren folgen und ja keine Neuerungen aufkommen lassen. Es gäbe keinen anderen Weg zur Erlösung für Unwissende und Schwache. Wenn sie sich emanzipierten von der Tradition, so könnte ihr Zustand dadurch nur schlimmer werden; sie würden alle innere Sicherheit verlieren, hin- und hergeschüttelt werden und zuletzt wohl ein übles Ende nehmen. —

Doch scheint es, daß auch der Westen sich jetzt endlich zu einer tieferen Lebensauffassung zurückbekehrt. Der Pragmatismus ist ja nichts anderes als eine zeitgemäßere Fassung der Weisheit Hajji Ibn Yokhdans.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME