Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

Adyar: Yoga

Ich benutze die reichen Gelegenheiten der Adyar-Bibliothek, um meine Kenntnisse, die Yoga betreffend, zu vervollständigen.1) Fasse ich das, was in den Schriften der Inder enthalten ist, mit den Yoga-Vorschriften des klassischen Altertums, der Ägypter, der Chinesen, der christlichen Kirche und der modernen Wissenschaft dem Sinne nach zusammen — und das ist durchaus möglich — so finde ich, daß es dabei, wenn ich von der Erschaffung neuer psychischer Organe absehe, welcher Prozeß noch in großes Dunkel gehüllt ist und vermutlich verbleiben wird wie alles lebendige Entstehen, das wohl ausgelöst und begünstigt, aber nie gemacht werden kann, im wesentlichen auf folgendes ankommt: erstens und vor allem auf Ausbildung des Konzentrationsvermögens; zweitens auf Stillung der psychischen Selbsttätigkeit; drittens auf Vitalisierung der Seelenvorgänge, deren Vorherrschen erwünscht erscheint. Im vorausgesetzten Ziel der Ausbildung divergieren die Systeme natürlich: bald gelten Zauberkräfte als zu gewärtigender Erfolg, bald die Vereinigung mit Gott, Aufgehen im Absoluten, oder irdisches Wohlergehen; hier stimmen sie nur darin überein, daß Yoga das Leben potenziert. Hinsichtlich der Technik ist insoweit Divergenz vorhanden als bald auf physische, bald auf psychische Übungen das Hauptgewicht gelegt, und unter diesen bald diese, bald jene bevorzugt wird. Aber dem Sinne nach stimmen alle überein.

Die innere Wahrheit dieses Sinns ist nun dermaßen evident, daß ich mich wundere darüber, daß Yoga-Praxis nicht schon längst in den Plan jeder Erziehungsanstalt aufgenommen worden ist. Unzweifelhaft ist alle Steigerung der Lebenskräfte Funktion ihrer gesteigerten Konzentration; unzweifelhaft bezeichnet Konzentration die technische Basis jedes Fortschrittes. In der Liebe, jeder Leidenschaft die Wunder wirkt, erscheinen die psychischen Kräfte konzentriert; eine starke Persönlichkeit ist gesammelter als eine schwache. Aller Fortschritt in def Erkenntnis beruht auf Zuspitzung der Aufmerksamkeit, aller charakterliche auf Verdichtung der zerstreuten Anlagen um einen ideellen Mittelpunkt herum, aller spirituelle auf Durchseelung des psychischen Komplexes durch das tiefste Selbst, was nur durch Verinnerlichung, d. h. Konzentration gelingt. Konzentration bezeichnet unzweifelhaft den Weg zur Vervollkommnung; gibt es Mittel, wie die Yoga-Philosophie behauptet, diese Fähigkeit zu einem Grade zu steigern, der alle bekannten tief unter sich läßt, so ist deren Anwendung entschieden ratsam. — Der Wert des zweiten Zieles alles Yoga-Trainings, der Stillung der psychischen Selbsttätigkeit, ist ebenso evident. Mit jeder überflüssigen Bewegung wird Kraft vergeudet. Wir verfügen über ein beschränktes Maß von Energie; je weniger wir sinnlos verausgaben, desto mehr bleibt zu sinnvoller Verwendung. Nun vertut jeder gewöhnliche Mensch unverantwortlich viel Kraft auf dem Weg automatischen Vorstellungsspiels; in seinem Bewußtsein löst sich zwecklos in rasender Eile Inhalt auf Inhalt ab. Gelingt es, dies Geschehen aufzuhalten, so wird die Kraft erspart, die sonst verschleudert würde; sie sammelt sich an. Und lernt es einer, den automatischen Vorstellungsverlauf dauernd einzudämmen, so wie alle es lernen, den ursprünglich zappeligen Körper ruhig zu halten, bis auf die Zeiten, da sie ihn wirklich brauchen, so mag es gut sein, daß die aufgespeicherte Kraft solche Umsetzungen im Organismus einleitet, daß in diesem neue Fähigkeiten erwachen. Über den Wert des Stille-Haltens als solchen kann kein Zweifel bestehen. Alle starken Geister sind wesentlich dadurch ausgezeichnet, daß sie nicht fahrig sind; daß sie nach Willkür ein- und auszuspannen und mit der Aufmerksamkeit länger bei einer Sache zu verweilen vermögen, als schwächere. Sie sind eben Herren ihres Vorstellungsverlaufs, nicht Knechte ihres Automatismus; sie strahlen die Energie, die sie haben, nicht andauernd aus, sondern lassen sie sich ansammeln bis zum Augenblicke des Bedarfs. Dieser Stillung der Seele, um in der Sprache der Mystiker zu reden, dienen die meisten der Yoga-Übungen. Alles Meditieren besteht darin, daß das Bewußtsein angehalten wird in regungsloser Lage zu verweilen — gleichviel, ob zu diesem Zweck ein äußerer Gegenstand, eine Idee oder Vorstellung oder das Nichts fixiert wird. Einesteils handelt es sich hierbei um eine Übung in der Konzentration, aber zum größeren Teil um ein Üben im reinen Stillehalten und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, daß dieses scheinbar Sinnloseste und so oft Verlachte das Wichtigere ist; denn ganz abgesehen davon, daß anfangs nicht wenig Konzentration dazu gehört, die sich drängenden Vorstellungen im Schach zu halten, bedingt die bloße Kraftansammlung, die das Stillehalten mit sich bringt, ein Anwachsen des Konzentrationsvermögens. Es ist unglaublich, wie viel Bedeutung für das innere Wachstum noch so kurze, aber regelmäßig eingehaltene Meditationsstunden haben. Ein paar Minuten bewußten Stillehaltens jeden Morgen bewirken mehr, als die strengste Schulung der Aufmerksamkeit durch die Arbeit. Hierauf beruht unter anderem die stärkende Wirkung des Gebets.

Das dritte wesentliche Moment bei aller Yoga-Praxis bezeichnet das Vitalisieren erwünschter Vorstellungsabläufe. Dessen Bedeutung steht gar nicht in Frage, da jedermann weiß, daß alle Erziehung letzthin auf suggestiver Einwirkung beruht. Nur behauptet die Yoga-Philosophie, daß Suggestion sehr viel mehr noch vermag, als wissenschaftlich erwiesen ist: sie soll nicht allein das gegebene psychische Gleichgewicht umlagern, sondern ihm neue Elemente einverleiben können. Man bilde sich nur andauernd ein, daß man eine bisher nicht vorhandene, aber erwünschte Eigenschaft besitzt, im starken Verlangen, daß sie bald in einem erstehen möge, und sie wird entstehen. Man stelle sich nur lange genug vor, daß gewisse beim normalen Menschen unausgebildete Organe des Astralkörpers entwickelt sind, und sie werden sich entwickeln. In der Welt des Psychischen erschüfen Wünsche recht eigentlich den Tatbestand. — Sicher ist das wahr im Prinzip; und es mag wohl sein, daß die Dinge durchaus so liegen, wie die Yogis behaupten. Was mich zu dieser Annahme veranlaßt, sind die ungeheuren, kaum glaublichen Veränderungen, welche die geistlichen Exerzitien des heiligen Ignatius von Loyola nachweislich in denen, die sie energisch betreiben, hervorrufen. Diese Übungen — von einem Psychologen ersten Ranges erdacht — arbeiten durchaus mit der Einbildungskraft; der Praktikant muß in der Einbildung erleben, was er wirklich erleben würde, im Fall er am Ziele wäre. Auf die Dauer verändert er sich tatsächlich im Sinn des imaginierten Ideals. Die durch diese Meditationsübungen Geschulten (und das sind nicht bloß die Jesuiten) haben in hohem Grade die Eigenschaften, die sie haben sollten. Wer nun die spirituellen Exerzitien mit eiserner Konsequenz betreibt, so daß er in der Konzentration und im Stillehalten außerordentliche Übung gewinnt, der wird zu einem Menschen mit den Fähigkeiten, die von jeher als den Mitgliedern des Jesuitenordens eigentümlich und sie unheimlich-machend mit Recht gegolten haben: sie werden zu Virtuosen der Willenskraft, zu Akrobaten der Versatilität, zu Menschenkennern und -beeinflussern ohne Gleichen. Sie sind eben Yogis; sie sind im selben Sinne zu Beherrschern ihrer Seele geworden, wie Athleten Beherrscher des Körpers sind; dementsprechend sind sie stark. Der höchste Typus des Jesuitenpaters, wie er nachweislich vorkommt, verkörpert einen unzweideutigen Beweis des Wertes der Yoga-Praxis.

1Das klassische Werk über Yoga sind die Yoga-Sutras des Patanjali, die vielfach in englischer Übersetzung herausgegeben worden sind; die beste scheint mir die von Rama Prasad zu sein, schon allein deshalb, weil sie den besten indischen Kommentar, den von Vyasa, mitübersetzt. Eine Reihe wichtigerer Traktate über das gleiche Problem aus der altindischen Literatur enthält Rajaram Tookaram’s Compendium of the Raja-Yoga philosophy (Bombay 1901, Theosophical Publication Fund series). Sonst sind an indischen Schriften hauptsächlich zu berücksichtigen: Shankaracharyas Crest Jewel of Wisdom, Vijnana Bhikshu’s Yogasara-Sangraha, Swami Sri Vidyaranyasarswatis Jivanmukti-Viveka und Swatmaram-Swam’s Hatha-Yoga Pràdipika (alle bei der Theosophical Publishing Society in London und bei Otto Harrassowitz in Leipzig erhältlich). An neueren Schriften kommen vor allem die des Svami Vivekananda in Betracht und das vortreffliche Büchlein Kishori Lal Sarkars The Hindu System of Selfcalture. Lesenswert sind Annie Besant’s Thought-Power und An introduction to Yoga, ferner die geisteswissenschaftlichen Arbeiten Rudolfs Steiners, obschon diese nicht der eigentlichen Ypga-Literatur angehöhren. (S. über deren Sondercharakter meinen Aufsatz, Für und wider die Theosophie in Philosophie als Kunst, Darmstadt 1920, Otto Reichl Verlag.) Einen guten allgemeinen Überblick über die verschiedenen Methoden der Selbstvervollkommnung gibt William J. Flagg’s Werk Yoga or transformation, London, William Rider & Son.
Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
© 1998- Schule des Rades
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