Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

Adyar: Geistesschüler

Die Reflexion auf den Jesuitenorden bringt mich auf eine der häufigst mißverstandenen Seiten des Yoga-Problems: den Glauben, daß die Potenzierung und Umsetzung der Lebenskräfte irgendwie notwendig mit moralischem und spirituellem Fortschritte zusammengehe. Yoga ist an sich ein rein Technisches, gleich jeder anderen Gymnastik, kann jedem Geist zugute kommen, mit jeder Gesinnung zusammen bestehen. Es ist nicht wahr, daß moralisches Verhalten und veredelnde Arbeit an sich selbst notwendige Bedingungen zur Erlangung okkulter Kräfte wären; sie sind Bedingungen nur zur Spiritualisierung, was etwas ganz anderes ist; im allgemeinen hat vielmehr der Volksglauben Recht, der im Magier einen seelischen Krüppel sieht, einen Alberich, der zwecks Erlangung von Zaubermacht aller Menschlichkeit entsagt hat. Denn ernstlich betriebene Yoga-Praxis zum Zweck der Steigerung vorhandener und Erweckung neuer psychischer Kräfte (nicht der Spiritualisierung) erfordert einen solchen Grad des Sichabschließens vom Meisten dessen, was die Seele erweitert, eine so ausschließliche Beschäftigung mit sich selbst, daß wohl nicht viele innerlich ungeschädigt aus solcher Schulung hervorgehen dürften. Es kommt eben ganz darauf an, in welchem Geist, auf welche Weise und woraufhin man Yoga treibt. Die Jesuiten z. B., im Höchstfalle Yogis, die den größten indischen nicht nachstehen dürften, schulen sich im Geist einer vorausgesetzten Dogmatik, vermittelst künstlicher Evokation gewollter Stimmungen, im Zeichen unbedingten Gehorsams und unbedingter Nichtberücksichtigung des eigenen Gutdünkens, zu dem Zweck, möglichst leistungsfähige Werkzeuge der Kirche zu werden. Dies hat zur Folge, daß sie nicht allein zu keiner selbständigen Erkenntnis gelangen, sondern daß sich die Frage der Überzeugung, der metaphysischen Wahrhaftigkeit, für sie je weniger und weniger stellt, daß sie mehr und mehr zu selbstlosen Organen dessen werden, dem sie Gehorsam gelobt, in unerhörtem Grad dazu geschickt, jede beliebige ihnen zugemessene Rolle zu spielen. Wer sich im Sinne eines vorgefaßten Glaubens schult, wird immer blinder gläubig werden, wer in ausgesprochen selbstischer Absicht, bei dem wächst auch der Egoismus an. Yoga potenziert eben alle Tendenzen, die der Übende in sich bejaht. So unter anderen die hohen und edlen.

Wer voraussetzungslos nach Erkenntnis strebt, kommt der Wahrheit durch sie immer näher, und entsprechend der moralischen Vollkommenheit, der Heiligkeit, der Selbstverwirklichung. Aber der, dem es ums Höchste zu tun ist, wird selten unterwegs zum Magier; diese Kräfte liegen in anderer Richtung, sind von allen großen Heiligen auch als abliegend und abführend beurteilt worden. Sie gehören eben der Natur an, die es zu überwinden gilt, wo Spiritualisierung bezweckt wird. Und da die Beherrschung dieser Natur als dem Menschen normalerweise nicht zugänglich, die Aufmerksamkeit weit ausschließlicher noch in Anspruch nimmt, als irdisches Interesse, so ist es nichts weniger als verwunderlich, daß Fortschritt im Hellsehen u. ä. meist mit menschlicher Rückbildung zu Paar geht. Man lese die Schriften Leadbeaters oder Rudolf Steiners darüber nach, was ein Geistesschüler alles zu berücksichtigen hat, um nicht Schaden zu nehmen an seiner Seele; wer diese Lehren befolgt und nicht gefeit ist, muß Egoist werden, wofern er es nicht schon vorher war. Darin liegt an sich kein Vorwurf: auch der Künstler, der Dichter, der Denker muß vor allem zunächst an sich denken, was seine Stimmung fördern oder benachteiligen mag, wenn er Bedeutendes hervorbringen will; das muß jeder, dem seine Person das Instrument ist, auf dem er spielt. Aber Künstler, Dichter und Denker behaupten nicht sich zu spiritualisieren, indem sie den Erfordernissen ihres Berufes entsprechend leben, wie dies der Geistesschüler tut. Deshalb muß es ausdrücklich betont werden, daß Kenntnis höherer Welten und Spiritualisierung in keiner Weise notwendig zusammenhängen. Im Gegenteil: der Okkultist ist, dem Volksglauben entsprechend, in der Regel menschlich minderwertig.

Das metaphysische Interesse der Yoga beruht nun darauf, daß sie den Menschen, indem sie ihn vertieft — denn Steigerung bewirkt immer zugleich Vertiefung — fortschreitend eindeutiger macht. Kompromisse sind Produkte der Oberfläche; wird diese durch die Vertiefung entseelt, so sammelt sich alle Kraft in den Wurzelgefühlen, und diese tragen radikalen Charakter. Der vorgeschrittene Yogi ist entweder ein Liebender oder ein Hasser, ein Wissender oder ein Glaubender, äußerst selbstsüchtig oder äußerst selbstlos. Hierauf beruht der uralte Glaube an die zwei Schulen der weißen und der schwarzen Magie, und im letzten der an Ormuzd und Ahriman; hier wurzelt der Wahrheitsgehalt der Ideen eines radikal Guten und radikal Bösen. In einer gewissen Tiefenlage steht die Seele in der Tat vor zwei gleichwertig scheinenden Alternativen; sie mag die gleiche elementare Wurzelkraft mit positivem wie mit negativem Vorzeichen ausströmen lassen; Kompromisse scheinen nicht möglich. Aber diese Lage bezeichnet nicht die äußerste. Sie ist es vom Standpunkte des Willens, denn der Wille ist blind, aber die Erkenntnis dringt über sie hinaus. Dem Wissenden offenbart sich, daß der Unterschied zwischen Gut und Böse an der Wurzel mit dem zwischen Leben und Tod zusammenfällt, daß nur die positiv wirkende Kraft das Leben hinter sich hat, vom nie versiegenden Quell fortdauernd gespeist wird.

Hat einer nun wirklich verstanden, dann will und handelt er auch darnach; wie Guyau sagt: Celui qui n’agit pas, comme il pense, pense imparfaitement. Man handelt notwendig vollkommener Einsicht gemäß, diese aber erwählt notwendig das Positive. Hier sieht man denn, unter Blitzlicht beleuchtet gleichsam, wie recht die Inder darin haben, die Erlösung in Erkenntnis bestehen zu lassen; hier ahnt man den inneren Grund des unausrottbaren Menschheitsglaubens an absolute Werte. Diese Werte werden schlechterdings positiv gedacht; negative absolute Werte sind undenkbar. Selbstverständlich: sie bezeichnen die Bewußtseinsexponenten dessen, was der Geist im tiefsten und letzten will, und im tiefsten und letzten will er leben, d. h. ausströmen in reiner, geberischer Spontaneität. Etwas höher — in der Lage, wo der Wille an sich als primus movens erscheint — spaltet sich der Urimpuls in zwei entgegengesetzte Tendenzen; diese verzweigen sich weiter, deren Schößlinge ihrerseits, je näher der Oberfläche, desto mehr, gehen Verbindungen ein, Vermählungen, Anastomosierungen, ohne Rücksicht auf Charakter und Herkunft, bis das Geranke und Geflecht zuletzt so wirr wird, daß eine Unterscheidung und Entscheidung kaum mehr möglich erscheint. So kann alle oberflächliche Gestaltung sowohl positiv als negativ gedeutet werden; nur ganz selten ist ein sicheres Urteil darüber möglich, ob eine bestimmte Handlung gut oder böse sei. So ist alles bestimmte Leben des Todes teilhaftig. Aber das Leben selbst weiß weder vom Bösen noch vom Tod.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
© 1998- Schule des Rades
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