Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

Adyar: Spirituelle Werte

Als ich die voranstehenden Betrachtungen niederschrieb, hatte ich mir noch nicht klar gemacht, in wie hohem Grade das Mißverständnis, an welches sie anknüpften, die Gemüter der Theosophen beherrscht. Seitdem habe ich festgestellt, daß es überaus vielen unter ihnen vor allem um die Erlangung höherer Kräfte zu tun ist, deren Besitz sie als Zeichen spirituellen Vorgeschrittenseins auffassen. So erweisen sie sich denn, gerade wo sie ganz indisch zu sein wähnen, am ausgesprochensten westlich gesinnt: sie beherrscht der echt-westliche Geist des Expansionsbedürfnisses, der Jagd nach Reichtum, nach äußerem Erfolg; denn das und nichts anderes bedeutet Streben nach den Siddhis.

Es ist wirklich so, daß zwischen den Theosophen, die in die höheren Welten hinaufwollen, und amerikanischen Prospektors ein geringerer Unterschied besteht, als zwischen jenen und alt-indischen Rishis: Erweiterung des Bewußtseins im Sinne der Extension bedeutet einen rein biologischen Fortschritt. Nicht mehr. Der Okkultist, dessen Organe ihm Einblick in hyperphysische Sphären gestatten, ist biologisch weiter als der gewöhnliche Mensch genau im gleichen Sinne, wie der moderne technisch geschulte Ingenieur biologisch weiter ist als sein Vorfahr, der Pfahlbauer. Unzweifelhaft ist solches Fortgeschrittensein erfreulich; nur ist es spirituell bedeutungslos. Wenn die Theosophen ihre Bestrebungen als weltliche erkennen würden, so wäre nichts gegen sie zu erinnern; ich persönlich sympathisiere mit ihnen sogar durchaus, weil ich es hocherfreulich finde, daß endlich eine größere Anzahl von Menschen, ob unter noch so irrigen Voraussetzungen, systematisch okkulte Studien betreibt. Aber es ist nicht zu leugnen, daß ihr naiver Glaube eben dort, wo sie weltlichen Vorteilen nachjagen, den Pfad der Heiligung zu wandeln, sie ein klein wenig lächerlich macht.

Merkwürdig, daß die Menschen noch immer nicht im Klaren darüber sind, daß Fortschritt und Spiritualisierung verschiedenen Dimensionen angehören, obgleich kein großer Religionslehrer, von Buddha und Christus abwärts, es unterlassen hat, vor dieser Verwechselung zu warnen. Ich will versuchen mir über ihr wahres Verhältnis in klaren Worten Rechenschaft abzulegen. Spiritualisierung bedeutet Selbstverwirklichung; das Durchdrungenwerden der Erscheinung durch ihren äußersten Sinn; ihr Beseeltwerden aus der letzten lebendigen Tiefe — heiße man diese Atman, Weltseele, Gott, Prinzip des Lebens oder wie sonst. Aus dieser Bestimmung geht schon eindeutig hervor, weswegen kein biologisches Fortschreiten als solches, und führe es noch so hoch hinan, Spiritualisierung bedingt: im Fortschreiten erweitert sich die Sphäre dessen, was vom Geiste beseelt werden kann; ob sie wirklich beseelt wird, ist eine andere Frage. In der Regel geschieht dies, solange der Fortschritt andauert, nicht, denn wenn Erweiterung und Vertiefung sich auch im Prinzip nicht ausschließen, so tun sie es doch praktisch meist deshalb, weil keine außer einer exzeptionellen Vitalität sich nach zwei verschiedenen Richtungen gleichzeitig voll ausleben kann. (Hierauf beruht es, daß der fortschrittsfreudige Westländer von allen Wesen dieser Welt das unspirituellste ist.) Auch nachdem der Paroxysmus des Fortschreitens vorüber ist, nachdem Festigungsstreben den Evolutionstrieb abgelöst hat, will es mit der Spiritualisierung eine Weile lang nicht vorwärts gehen. Natürlich: der neuerschaffene Leib ist dem Geiste kein botmäßiges Ausdrucksmittel; diesem gelingt es nicht sofort ihn zu durchseelen; der Mensch bleibt oberflächlich, weil er zu seiner lebendigen Tiefe durch die unerforschten und unerkannten Regionen nicht durchzudringen weiß. Hierher rührt es, daß so viele Propheten die Einfältigen, die Armen im Geiste, die Blind-Gläubigen gegenüber höherstehenden Menschentypen selig gepriesen haben: an sich ist es unberechtigt, denn unter allen Umständen ist der Begabte und Gebildete mehr als der Tor; allerdings aber findet jener durch seine reichere und kompliziertere Natur hindurch den Weg zu seinem Grunde schwerer hinab, als dieser, der so wenig hat ihn aufzuhalten; weshalb Spiritualisierte tatsächlich unter Einfältigen häufiger vorkommen, als unter Begabten. Eben hierauf beruht der Wahrheitsgehalt der christlichen Seligpreisung der Mühseligen und Beladenen den Glücklichen gegenüber. An sich bezeichnet auch diese einen Irrtum: alles Große stammt aus der Freude, wer im Geiste lebt, ist eitel Freudigkeit. Aber der Unglückliche, der wenig Ursache hat, seine äußeren Umstände zu bejahen, findet eher den Weg in sein Innerstes hinab, als der Bevorzugte, den es auf Schritt und Tritt zum Verweilen lockt; weshalb sich Schmerz und Trübsal praktisch allerdings als die zuverlässigsten Führer zu Gott erweisen.

Welcher ist nun der Exponent der Spiritualität, sintemalen die Vorgeschrittenheit ihn nicht bezeichnet? Die Vollendung. Am Grad der Vollendung, an ihm allein, mißt sich der Grad der Durchgeistigung. Bedeutet diese Durchdrungenwerden der Erscheinung durch ihren äußersten Sinn, so bedeutet sie zugleich äußerste Verwirklichung von deren Möglichkeiten. Daß Vollendung das Eine, was nottut ist, habe ich nicht etwa als erster erkannt: schon Buddha hat sich ausdrücklich den Vollendeten genannt, der chinesische Weise und Edle wird als wesentlich vollendet bestimmt und früh ist die Idee der Perfektion zum Ideale auch des christlichen Heiligungstrebens geworden. Sie schließt wirklich alles ein; auch den Gott in sich zu realisieren, bedeutet nicht mehr, als seine Möglichkeit vollkommen verwirklichen. Nun ist wohl klar, weshalb Fortschritts- und Vergeistigungsstreben sich praktisch ausschließen: wer fortschreiten will, sucht nach neuen Möglichkeiten, wer da Gott sucht, die gegebenen zu erfüllen. Wer erfüllen will, braucht weder aufzuheben noch zu verändern; wenn Erfüllung an sich das Ideal ist, dann sind alle Möglichkeiten der Idee noch gleichwertig. Daß Vollendung wirklich das spirituelle Ideal bezeichnet, läßt sich noch durch eine andere, rein kritische Erwägung nachweisen. Alle spirituellen Werte — die Schönheit, die Wahrheit, die Güte — sind durch den Charakter der Absolutheit ausgezeichnet; diese ihre wesentliche Qualität kann keine Skepsis hinwegdisputieren. Was bedeutet das? Die Gegenständlichkeit des rationalistischen Begriffs vom Absoluten kann bezweifelt werden; dieser steht und fällt mit einer petitio principii, so daß wenig für die Erkenntnis geleistet wird, indem man die Schönheit eines Kunstwerkes z. B. auf Teilhabe an der Idee des absolut Schönen zurückführt. Ein Wesen oder ein Gegenstand verkörpert dann einen absoluten Wert, wenn in ihm die gegebenen Möglichkeiten ihre äußerste Erfüllung und Vollendung erfuhren. Und man wähne nicht, daß im Worte äußerst seinerseits eine petitio principii verschleiert liegt: man kann ganz gegenständlich von äußerster Erfüllung reden, weil alle konkreten Möglichkeiten begrenzt sind; für jedes Wesen gibt es einen äußersten Grad der Selbstverwirklichung. Ist dieser nun erreicht, dann erscheinen wie durch magischen Spruch auf einmal auch absolute Werte dargestellt: sind physische Möglichkeiten ganz verwirklicht, so schauen wir Schönheit, geistig-intellektuelle, so ist die Wahrheit erkannt, menschlich-sittliche, so ist ein Gottmensch erstanden. Vollendung ist das spirituelle Ideal.

Nun erscheint die Mißverständlichkeit alles Fortschrittsstrebens, sofern einem um spirituelle Verwirklichung zu tun ist, ganz deutlich. Da Vollendung der Exponent der Spiritualität ist, da der Grad jener den Grad dieser zum Ausdruck bringt, so ist ein vollendeter niederer Zustand Gott offenbar näher als ein unvollendeter höherer. Vollkommene physische Schönheit ist ein Geistigeres, als eine unvollkommene Philosophie, ein vollkommenes Tier ein Spirituelleres, als ein unvollkommener Okkultist. Im Geringsten kommt der Atman ganz zum Ausdruck, sofern es vollendet ist. Äußere Grenzen beschränken überhaupt nicht innerlich, weil das Spirituelle ein Prinzip ist, das als solches keinen Extensitätsfaktor besitzt. Das Prinzip der Welt kann eine Monere genau so vollständig zum Ausdruck bringen, wie der hunderttausendfache Brahman. Das Prinzip aber ist das Eigentliche, das Ewige, das lebendig bleibt über alles Entstehen und Vergehen hinaus. Weswegen finden wir so viele Aussprüche antiker Weisen tief, tiefsinniger als alles, was später geäußert ward, obschon die konkreten Vorstellungen, die sie hegten, als irrtümlich erwiesen sind? Weil sie mit noch so unvollkommenen Mitteln das Prinzip dessen, was sie meinten, vollkommen zum Ausdruck gebracht haben. Diese Aussprüche sind wesentlich wahr, wie sehr sie an der Oberfläche falsch sein mögen, werden durch noch so große Fortschritte in der Begriffserkenntnis nie widerlegt werden. So überwindet Spiritualisierung bis zum Tod. Gestalt auf Gestalt ist dahingeschwunden im Laufe der Geschichte der Erkenntnis, und mit ihnen der Geist aller derer, die in der Gestaltung ganz enthalten waren. Aber die Wenigen, denen diese nur ein Ausdrucksmittel war für einen tieferbelegenen Sinn, die diesen Sinn in ihr vollkommen verkörpert hatten, die leben fort. Die vermag keine Zeit zu töten. Und manchmal glaube ich zu wissen, daß auch der persönliche Mensch in eben dem Sinn der Unsterblichkeit teilhaftig werden kann. Freilich ist sein Leib dem Tode versprochen; freilich ist auch seine Seele der schließlichen Auflösung gewiß. Das Prinzip jedoch ist unzerstörbar. Das wirkt objektiv fort von Verkörperung zu Verkörperung, wie diesseits so auch jenseits des Grabes, in irgendeinem unbekannten Sinn. Sein Träger wechselt; ahnt nicht oder nur schwach, daß er wesentlich ewig ist. Der seltene Mensch nun, dem es gelang, sein Bewußtsein im Wesen zu verankern, der weiß sich unsterblich. Dem bedeutet der Tod kein Ende mehr…

— Steht Fortschreiten (im biologischen Verstände) mit Spiritualisierung in gar keinem Zusammenhang? So daß das Streben der Theosophen, okkulte Kräfte in sich auszubilden, so wie sie es meinen, ein radikales Mißverständnis bedeutet? Sie stehen wohl im Zusammenhang, aber in einem anderen, als jene wähnen. Jede höhere biologische Stufe gewährt dem Geist eine reichere Ausdrucksmöglichkeit. Nicht absolut verstanden zwar, denn überall in der Natur wird Gewinn durch Verluste wenn auch noch so billig bezahlt; der Mensch hat viele Fähigkeiten nicht, die das Tier besitzt; der Weise ist unzulänglich in vielem, was das Weltkind kann. Aber soviel ist wohl wahr, daß der Geist sich auf jeder höheren biologischen Stufe freier äußert. Insofern kann er sich, nach menschlichem Maßstabe beurteilt, auf jeder folgenden besser manifestieren. Also haben wir, als empirische Wesen, wohl auch spirituelles, nicht nur temporelles Interesse daran, auf der Stufenleiter der Schöpfung hinanzusteigen. Uns bedeutet es nichts, wenn wir in Form der Schönheit vollkommen durchgeistigt sind, denn nur das Bewußtgewordene berührt uns persönlich; nur was wir als Subjekte bewußt erfahren, erlebt, verstanden haben, existiert für uns. Die Erfahrungsmöglichkeiten nun werden durch psychische Entwickelung allerdings bereichert und gesteigert. Hier aber stellt sich die Frage: worauf kommt es im letzten an: zu sehen oder zu sein? Offenbar zu sein. Die Erkenntnis ist das Vorläufige; sie muß sich in Leben umsetzen, um spirituell bedeutsam zu werden. Also bezeichnet die Erwünschtheit psychischer Vervollkommnung nur die Notwendigkeit eines Umweges für Wesen gewisser Art; sie bedingt keine Abkürzung des Wegs. Und über diesen Umweg gelangen, wie die Erfahrung lehrt, weniger Menschen zum Ziel, als ohne ihn. Hierher rührt, noch einmal, die spirituelle Vorzugsstellung der Einfältigen und der auffallende Mangel an Spiritualität, der die meisten psychistisch begabten Menschen kennzeichnet. Was also tun? Die alt-indische Lehre lieber seinem eigenen noch so niedrigen Dharma folgen, als dem noch so erlauchten eines anderen bezeichnet den Weg. Jedes Wesen soll einzig und allein nach seiner spezifischen Vollendung streben, in welcher Richtung immer diese liege. Wer zum Tun gerufen ist, der werde als Täter vollkommen, der Kunstbegabte trachte nach vollendeter Künstlerschaft; nur der zur Heiligkeit Berufene strebe nach Heiligkeit und vor allem nur der geborene Hellseher nach Vollendung in der Form des Okkultisten. Wer eine Art der Vollendung anstrebt, die seinen inneren Möglichkeiten nicht entspricht, der verliert seine Zeit und verfehlt sein Ziel. Dafür erreicht dieses unzweifelhaft irgendeinmal, wer sein eigenes Dharma treu befolgt, wohin immer es ihn führe. Und dies nicht allein im Sinn spiritueller Vollendung, sondern auch in dem biologischer Vervollkommnung. Jede erschöpfte Möglichkeit bringt, phönixartig, neue aus sich hervor. Wie die ausgekostete Jugend die Fähigkeiten des Mannesalters erweckt, gebiert jeder vollendete Lebensausdruck, sofern das Prinzip, das hinter ihm steht, noch lebt, neue Lebensmöglichkeiten. Es bleibt ewig wahr, was Jesus Christus in seiner mythischen Ausdrucksweise gesagt hat: Trachtet am Ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen. Strebt nur nach Vollendung, und der biologische Fortschritt wird sich von selbst ergeben. Dies ist die einzige Art, wie Fortschritts- und Spiritualisierungsstreben sich vereinen lassen, wer zuvörderst nach Fortschritt strebt, wird nie die Vollendung erreichen. Wunderbar plastisch bringt der Mythos von der Seelenwanderung das wahre Verhältnis zum Ausdruck: wer in niederer Lebensstellung sein Dharma treulich erfüllt, wird in höherer wiedergeboren; wer den Pfad der Heiligung betreten hat, dem werden von Verkörperung zu Verkörperung günstigere Lebensumstände zu teil. Ja, wer ganz selbstlos nach Spiritualisierung strebt, kann nicht allein in einem Leben sämtliche Stadien durchlaufen — er kann sogar während seines fleischlichen Daseins die endgültige Befreiung finden (ein Jivanmukta werden). Freilich kann er das; denn diese Befreiung besteht eben, ganz unabhängig von den Zufällen von Leben und Tod, im Einswerden des Bewußtseins mit dem Lebensgrund.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
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