Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

Adyar: Gläubige

Wer die Masse der Theosophen genauer mustert, unterdrückt nicht leicht ein Lächeln ob deren Vorgabe, den Kern der neuen Rasse zu bilden, welche die große Kultur der Zukunft herbeiführen soll. In der überwiegenden Mehrzahl sind es Leute von weniger als durchschnittlichem Geistesniveau, zum Aberglauben neigend, neuropathisch, mit eben dem leicht-schadenfreudigen Egoismus auf das persönliche Heil bedacht, welcher von je für alle, die sich für auserwählt halten, bezeichnend gewesen ist. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, daß die Geschichte ihre Anmaßung rechtfertigen wird. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Kern der Lehren, die unter anderen religiösen Gemeinschaften auch die Theosophische Gesellschaft vertritt, bald von Millionen als Glauben bekannt werden (man vergesse nicht, wie viele seiner Bekenner verheiratet sind!); unter welchem Banner dieser Glaube seinen offiziellen Einzug halten wird (falls es zu solchem kommt), hängt von Inkommensurabilien ab; es könnte das der Theosophischen Gesellschaft sein. Welche Religionsgemeinschaft bestand nicht am Anfang aus ganz kleinen Leuten? Nie hätte sich Paulus oder Augustin oder Calvin oder irgendeine der Leuchten der späteren Christenheit bei dessen Lebzeiten Jesu angeschlossen. Bedeutende Menschen können nicht Jünger sein; es ist ihnen physiologisch unmöglich. So fähig sie sind sich einem Ideal, einer Institution, einem objektivierten Geiste unterzuordnen — einem lebenden Menschen, nicht als beglaubigtem Repräsentanten, sondern als solchem blind zu folgen, widerstrebt nicht allein ihrem Stolz, sondern vor allem ihrer inneren Wahrhaftigkeit; wo sie nur einen Menschen vor sich sehen, mit menschlichen Gebrechen und Schwächen behaftet, können sie nicht an Gottheit glauben. So hat sogar in Indien, dem Land des Glaubens par excellence, kein Religionsstifter, von dem ich gehört hätte, bei Lebzeiten geistig bedeutende Jünger gefunden. Die ersten, die sich um ein neues Glaubenszentrum scharen, sind ausnahmslos die Armen im Geiste, die Abergläubischen, die Psychopathen, denn die wollen vor allen Dingen geleitet werden; dann folgen biedere Männer des praktischen Lebens, meist von Frauen hierzu verführt; und erst wenn die Geschichte sich zum Mythos verfärbt hat (was im Orient freilich in Windeseile geschehen kann), wenn keine Tatsächlichkeit mehr dem Prozeß der Idealisierung im Wege steht, rücken die ersten bedeutenderen Geister nach. So kann es kommen, daß die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft von heute, wenn das Glück ihr hold ist, in der Geschichte tatsächlich als Pioniere fortleben werden.

Wer in die Mechanik religionsgeschichtlichen Werdens tiefer eingedrungen ist, wird sich hüten, die Unmöglichkeit irgendeines Ereignisses zu behaupten. Nirgends bestehen hier notwendige Zusammenhänge solcher Art, wie die Vernunft sie postulieren muß, um überhaupt konstruieren zu können. Darauf, daß von der Bedeutung der Gläubigen auf die des Glaubens keine Schlüsse zulässig sind, wies ich schon hin. Ebensowenig aber kann von der Bedeutung einer Idee auf die ihres Urhebers zurückgefolgert werden. Es ist bekannt, wie selten menschliche Größe mit geistiger zusammenfällt; ein schwächliches Männchen nicht allein, ein höchst bedenkliches mag gleichwohl weltbewegende Ideen gebären. Eben dieses Verhältnis hat bis zu einem gewissen Grade auch bei den Stiftern der meisten Religionen zu Recht bestanden. Mag die Legende noch so sehr von ihrer allbezwingenden Persönlichkeit berichten — sicher ist, daß sie bei ihren Lebzeiten meist nur auf minderwertiges Publikum einwirken konnten; was mit leidlicher Sicherheit beweist, daß sie starke Persönlichkeiten in gewöhnlichem Sinne nicht waren, denn solche erzwingen sich Anerkennung. So wenig besteht ein notwendiges Verhältnis zwischen der Entelechie einer Idee und derjenigen dessen, der sie gebar, daß von manchen Religionsstiftern nicht gewiß erscheint, ob sie überhaupt existiert haben. Wohl hat sich der spätere Mythos überall um eine historische Persönlichkeit herum verdichtet, aber ob diese die wirkliche Urheberin der weltbewegenden Ideen war, bleibt vielfach zweifelhaft. Der südliche Buddhismus stammt freilich von Buddha her; aber die Mahāyāna-Lehre, die dem nördlichen zugrunde liegt, geht sicher nur auf das erste Jahrhundert nach Christo zurück, ist in jenem Grenzlande zwischen Indien und Zentralasien aufgekommen, woselbst griechische und brahmanische Ideen sich gegenseitig durchdrangen und steht dem Sinne nach dem Christentum so viel näher als der Religion des Sakyersohns, daß man wohl berechtigt ist daran zu zweifeln, ob sie mehr als dem Namen nach buddhistisch ist. Die ursprüngliche Lehre Jesu bezeichnet hinsichtlich des Christentums, das seither die Welt erobert hat, nur ein Element; sein Name ist zum Symbol und zum Brennpunkt all der vielfältigen Tendenzen geworden, die in namenloser Tiefe die Geschicke des Westens bestimmten; daher seine ungeheure historische Bedeutung, die in gar keinem Verhältnis steht zu dem geringen Grade, in dem seine Ideen bis heute verwirklicht worden sind. Und so geht es überall.

Der Nietzscheanismus steht vielfach in direktem Gegensatz zu Nietzsche, um Bergson’s Namen scharen sich Tausende, denen seine wahre Lehre, sofern sie dieselbe verstehen könnten, ein reines Ärgernis wäre. Es kann einer zu einem Größten im Sinne der Geschichte werden, ohne überhaupt gelebt zu haben; ohne das gelehrt zu haben, was seine historische Bedeutung bedingt; ohne überhaupt etwas gelehrt zu haben; ohne bedeutend gewesen zu sein; und so fort. Gottes Wege sind unerforschlich, heißt es. Sicher spotten die Wege der Geschichte jeder noch so weit ausholenden Vernunftkonstruktion. So töricht Antisemitismus als Weltanschauung ist — er muß doch seine Berechtigung haben, da die Juden auf dem ganzen Erdenrund, im Orient noch mehr als im Okzident, allgemein und gleichmäßig verachtet werden und von jeher verachtet worden sind. Und doch: wenn irgendein Volk ein Recht hat, sich für auserwählt zu halten, so gilt dies vom jüdischen. Sein Glaube liegt Christentum und Islam zugrunde und beherrscht so indirekt die Welt; trotz aller Unterdrückung und Verachtung ist es nie degeneriert und heute gar gehören ihm die meisten unserer geistigen Führer an. So mag auch die Theosophische Gesellschaft trotz des problematischen Charakters mehrerer ihrer ersten Größen, trotz des Unbefriedigenden vieler ihrer Lehren, trotz der Minderwertigkeit der meisten ihrer heutigen Mitglieder, noch eine große Zukunft vor sich haben.

Ich berührte vorhin einen Punkt, der eine eingehendere Betrachtung verdient: die offenbare Unfähigkeit vieler derer, die von der Nachwelt als allbezwingende Persönlichkeiten gefeiert werden, ihre Zeitgenossen, einige wenige unbedeutende ausgenommen, unmittelbar zu beeinflussen. Alle Propheten sind verlacht worden. Das beweist, wie ich schon schrieb, daß sie wirklich nicht die Macht hatten, so zu wirken, wie die große Persönlichkeit dies tut, denn diese wird, wenn auch regelmäßig angefeindet, so doch immer bei Lebzeiten von allen als solche anerkannt. Bei näherer Betrachtung erscheint diese ihre Unzulänglichkeit nicht weiter wunderbar. Die Kraft solcher Geister manifestiert sich in einer anderen Sphäre, als die der weltlich Großen, und für wen diese Sphäre nicht in Betracht kommt, auf den können sie nicht einwirken. Gleichwie die Macht eines abstrakten Intellekts nur von dem gespürt wird, der gleichen Denkens fähig ist, gleichwie der Genius nur vom Genius erkannt wird, so ist der gewaltigste spirituelle Riese über den doch machtlos, der keine Spiritualität besitzt. Natürlich kann es vorkommen, daß er überdies noch weltlich-gewaltig ist — dies gilt in hohem Grade von Augustin, von Savonarola, Luther und wenigen anderen — aber in der Regel ist er dies nicht, denn Spiritualität verlangt einerseits, erzeugt andererseits, je sublimierter sie wird, ein desto zarteres Naturell. Spirituelle Genien heischen ausnahmslos von vornherein Glauben, während weltliche dies selten tun, des gewiß, daß der Glaube der Erfahrung folgen wird — warum? Weil sie auf nicht gleichgestimmte Seelen genau nur soweit einwirken können, als diese ihnen entgegenkommen. Sie sind also typischerweise im gewöhnlichen Verstände schwach. Ihre Kraft steht gleichwohl außer Frage. Sie erweist sich am wenigsten in den unmittelbaren Bekehrungen oder Erneuerungen, die sie bewirkt — deren Objekte sind selten ernst zu nehmen; sie äußert sich darin, daß sie durch alle Zeit dem Geschehen Sinn und Richtung gibt. Die Ideen des Christentums, zunächst von kleinen Leuten aufgenommen, welche kaum mehr wußten, was sie taten, als die Schergen, die den Heiland kreuzigten, haben mehr und mehr, je weiter die Geschichte fortschritt, alle Lebensgestaltung durchdrungen; so sehr, daß heute eigentlich alles, was im Westen lebendig ist, auf den Geist Jesu Christi zurückgeht; ein gleiches gilt von Buddha, von Mohammed. Überall erweisen sich die spirituellen Kräfte auf die Dauer als die stärksten. Sie wirken auf geheimnisvolle Art: selten sind es die authentischen Worte der Erleuchteten, welche ihre Lehren durch die Zukunft tragen, so gut wie nie sind es originale Schriften, und die meisten Überlieferungen, die sich auf sie beziehen, sind sagenhaft.

Es sind unfaßbare Impulse, die von den Meistern ausgehend, durch tausend Geister hindurch, durch tausend Umbildungen, Verdichtungen, Mißverständnisse, ihre magische Kraft gleichwohl bewahrend, dem Geschehen fortan die Richtung geben. Vielleicht trägt die Theosophie zurzeit einen solchen Impuls? Wer vermag das zu sagen? Die Zeit allein kann es erweisen. Sie behauptet von den Meistern inspiriert zu sein, allwissenden Übermenschen, die aus unerkannter Abgeschiedenheit heraus die Geschicke des Menschengeschlechtes lenken. Dieser Glaube an die Meister wird viel verlacht: warum zeigen sie sich denn nicht? warum wirken sie nicht unmittelbar ein? warum rührt keine der Großtaten des Menschengeistes von ihresgleichen her? Wozu bedienen sie sich zur Erfüllung ihrer Absichten so auffallend unzulänglicher Organe? — Ich weiß nicht, ob es Meister gibt; aber theoretisch möglich sind Wesen ihrer Beschreibung gewiß. Sind es Übermenschen im Sinne der Spiritualität, dann mag von ihnen im äußersten Maße gelten, was von allen geistlich Großen gegolten hat: sie erscheinen machtlos in allen niederen Sphären, können überhaupt nicht mehr unmittelbar in ihnen wirken, so daß es seinen triftigen Grund hat, wenn sie im Verborgenen bleiben wollen. Überall in der Natur muß Aufsteigen bezahlt werden: der Zarte ist dem Rohen unterlegen, der Spiritualisierte dem groben Patron, der Weise kann vieles nicht, was der Weltmann vermag usf. Aber freilich: gibt es Meister, dann kann nicht wahr sein, was die Theosophen von ihnen behaupten — sie könnten alles, täten es nur nicht, weil ihnen solches in ihrem unbegreiflichen Ratschluß besser dünkt. Sie können sicher nicht, was wir vermögen. Gott kann auch nicht, was wir können, sonst würde Er uns nicht so frei gewähren lassen. Jede Daseinsstufe hat spezifische Schranken. Und diese erscheinen desto auffallender, vom Standpunkte des Durchschnittsmenschen her gesehen, je geistiger ein Wesen ist.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
© 1998- Schule des Rades
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