Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

Adyar: Träume der Theosophen

Und doch, und doch — kann die Menschheit einen Heiland noch brauchen? Kann er noch das für sie bedeuten, was ihn allererst zum Heiland macht? Spricht nicht Iwan Karamasoffs Vision vom wiedererstandenen Christus und dem Großinquisitor in dieser Frage das letzte Wort? — Insofern wohl nicht, als es noch keine homogene Menschheit gibt; noch steht die Mehrzahl auf einer Entwicklungsstufe, die sie zur Aufnahme eines Erlösers im Prinzip wohl geeignet erscheinen läßt. Es treten ja deren auch wieder und wieder auf, nicht nur im Orient, sondern auch mitten in unserer Welt, und finden bereitwilligst Glauben. Bisher hat keiner von ihnen posthum sehr große Karriere gemacht (mit der einzigen Ausnahme Mrs. Baker-Eddys, die aber schwerlich, so weit sie es gebracht, bis zur Welterlöserin aufsteigen wird), aber was geschehen kann, ist unberechenbar; kein Römer noch zur Zeit Diokletians hätte für möglich gehalten, daß der ganze Westen sich dereinst zu Christo bekennen würde. Immerhin scheint soviel mir gewiß: die Kreise, auf die es ankommt, insofern sie die Träger der geschichtlichen Bewegung sind, können einen neuen Heiland wohl nicht mehr gebrauchen. Woraus folgt, daß — sofern keine Barbarisierung hereinbricht, wie nach dem Zusammenbruch des römischen Reichs — kein Religionsstifter es fortan mehr, soweit sich absehen läßt, zur Stellung eines Welterlösers bringen wird.

Ich will nicht von den technischen Hindernissen reden, die solcher Laufbahn heute im Wege stehen: dem Prestige der wissenschaftlichen Kritik, der wachsenden Aufklärung, dem Schwächerwerden der Glaubenskraft, der Publizität; die könnten überwunden werden. Was einer neuen Messiaslaufbahn unter uns recht eigentlich den Boden untergräbt, ist die wachsende Neigung aller Vorgeschrittenen, ihre eigenen Erlöser zu sein. Es ist nicht zu leugnen: der Geist des Protestantismus siegt. Höchst interessant und charakteristisch ist es, was aus Christus im Laufe seiner jüngsten Entwickelung wird. Schon tritt der historische Jesus ganz zurück; schon wird von objektiver Erlösung ganz geschwiegen; schon wird die ganze Theodizee des Mittelalters ignoriert. Was übrig bleibt, ist der inwendige Christus, den Jesus als erster Mensch in sich zum Leben erweckt hätte, den nunmehr jeder für sich, auf seine persönliche Weise, in sich zur Herrschaft bringen soll. Wer schon Christus als Person nicht berücksichtigt, wird schwerlich einen neuen Heiland anerkennen. Und diesen selbständigen Geistern gehört die Zukunft; darüber kann kein Zweifel sein. Man beurteile den Tatbestand wie man will — ich persönlich bin alles eher als blind gegenüber den Nachteilen übertriebener Protestantisierung — es ist keine Frage, daß der objektive Geist sich unaufhaltsam einem Zustande zubewegt, indem der Einzelne, aller Vermittelungen entratend, persönlich und unmittelbar über alles, was ihn innerlich angeht, entscheiden will. Dieses Ergebnis war seit den Tagen der Reformation vorauszusehen; was damals angebahnt ward, wird restlos verwirklicht werden. Und bis das geschehen ist, bis sich gezeigt hat, was dieser neue Zustand objektiv wert ist, besteht keine Aussicht, daß andere Tendenzen historische Bedeutung gewännen.

So werden die Träume der Theosophen vom kommenden Welterlöser wohl schwerlich eine Verwirklichung erleben. Aber zu einer Sektenheilandschaft könnte ihr Messias es wohl bringen; und das wäre schon genug. Es wäre an der Zeit, die Idee einer Weltreligion ein für alle Male fallen zu lassen; wie denn alle Verallgemeinerungsversuche im Konkreten, diese letzten Überreste aus primitiven Denkstadien. Es konnte Weltreligionen geben — und gibt deren ja heute noch — wo die Menschheit wenig individualisiert war und gleichzeitig weite geschlossene Verbände bestanden. Aber die Menschheit individualisiert sich mehr und mehr von Tag zu Tag; sie wird sich dessen mehr und mehr bewußt; und immer stolzer auf das Persönliche. So verliert die Idee der Universalität in allen innerlichen Fragen mit jedem Tage an Bedeutung und Macht, erweisen sich allgemeine Formeln als immer unzulänglicher. In immer besonderer Gestalt offenbart sich der Sinn dem Einzelnen und das ist gut, denn, wie Adèle Kamm sich ausdrückt, Gott wird mächtiger dadurch. Die Theosophische Gesellschaft hat die Idee der Universalität dadurch zu retten und ihren Zwecken dienstbar zu machen versucht, daß sie alle Religionsformen in sich beschließen will. Das macht sie, fern davon sie zu stärken, schwach. Ein so weites kann als Monade nicht bestehen. Es kann keinem eine innere Form geben, der eigentliche Zweck der Konfession. Nun will sie zwar auch keine Konfession sein, aber diesen Willen gibt sie unwillkürlich auf; sie muß es, sofern sie als Lebendiges dauern will; als bloß wissenschaftliche Vereinigung vermöchte sie nichts. Ersteht der erhoffte Messias, dann wird ein Teil der Theosophischen Gesellschaft von heute sich wohl um ihn gruppieren. Indessen aber kristallisieren die Gefolgschaften Annie Besants, Katherine Tingley’s, Rudolf Steiner’s und mancher anderer in aller Stille zu abgeschlossenen Sekten aus. Und das ist gut. Nur in dieser Form hat die Theosophie als konkrete Gestaltung Zukunft. Natürlich wollen es die Führer von heute nicht wahrhaben, daß der grandiose Traum Madame Blavatskys keiner dauerhaften Verwirklichung fähig ist. Es schadet auch nicht, daß sie sich an ihn festklammern, denn das gibt ihrem Schaffen einen großen Zug. Aber früher oder später werden sie es einsehen müssen, daß das Streben nach Katholizität ein Mißverständnis ist, und sogar dankbar sein dafür, daß die Natur der Dinge sie am Ausführen ihres Vorhabens verhindert. So, wie sie geplant ward, könnte die Theosophische Gesellschaft nicht auch annähernd so viel wirken und bedeuten, wie sie in ihrer tatsächlichen Gestalt bedeuten kann und wird.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
© 1998- Schule des Rades
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