Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

Ellora

Aus dem feucht-schwülen südindischen Flachland auf klare Bergeshöhe hinaufversetzt zu sein, ruft allein schon Glücksempfindungen wach. Hier aber sind Wunder zu sehen, die mich wunderbar anregen. In den Felsentempeln von Ellora klingen Stimmungen aus meinen Jugendtagen wieder an. Wieder einmal versenke ich mich als Geolog in das tote Gestein, um den Sinn von Lebendigem zu fassen.

Wie beredt sind die Versteinerungen! — In den heiligen Höhlen von Ellora weht kein lebendiger Geist der Religiosität; längst sind die letzten Schwingungen abgeklungen, die der Gottesdienst einstmals aufgerührt; nur in seltenen, weiten Abständen kehren fromme Pilger in ihnen ein. Sie dienen dem Hirten als Zufluchtstätte vor Ungewitter oder sengendem Sonnenbrand; gelegentlich als Karawanserei; oder die mohammedanische Bevölkerung der Umgegend hält auch Schafsmärkte in ihnen ab. — Allein das Tote lebt fort in der Versteinerung. Der Geist des Glaubens, der das Gebirge ausgehöhlt, der aus Felsen Kathedralen herausgemeißelt, ruht auf ewig gebannt in seinen Taten. Und in der monumentalen Einfachheit, die seine Gestaltungen im Bergschacht gewannen, treten die tiefsten Züge seines Wesens mit unvergleichlicher Kraft hervor.

Drei große Religionen haben hier nebeneinander ihren Geist dem Gebirge eingegraben: der Hinduismus, der Buddhismus und der Dschainismus, jene strengere Schwester der Buddha-Religion. Die brahmanistischen Gestaltungen beseelt der Geist des Mahābhāratam, der gewaltigen Epopöe Hindustans. Aus ihnen spricht die gleiche staunenswerte Potenz, ein gleich grenzenloser Reichtum der Erfindung, eine gleiche Schöpferkraft von gotthafter Überschwenglichkeit. Wie Gott das Weise und das Schöne und das Häßliche, das Himmlische und das Teuflische in seinem Werk zu notwendiger Einheit verbunden hat, so bestehen in der brahmanistischen Formenwelt Ungeheures und Zierliches, Abstoßendes und Gefälliges, Sinnvolles und Unsinniges, Groteskes und Erhabenes, sich gegenseitig bedingend, nebeneinander. Diese Schöpfung ist so allumfassend, daß das Fehlende als bloß vorenthalten wirkt, und so tief im Wesen begründet, daß der Betrachter bewundert und verehrt, auch wo er nicht versteht, wohl wissend, daß sie über sein Fassungsvermögen hinausreicht. — Und daneben die Geister der protestantischen Sekten, des Dschainismus und des Buddhismus! Wie dürr, wie dürftig wirken sie! In der dschainistischen Gestaltung ist die Urkraft wohl noch zu spüren. Man fühlt: hier hat der überschwengliche Geist sich in der Einfachheit verdichten wollen, wie sich Gott Shiva, der Tänzer, gelegentlich zum Asketen zusammenfaßt. So drückt die Armut doch verhaltenen Reichtum aus, und die einfachen Linien atmen Kraft. Aber wieviel weniger Kraft immerhin als die der brahmanistischen Schöpfung! Es ist nicht möglich, eine ganze Welt in enger Provinz zusammenzupferchen. Der Dschainismus bezeichnet nur ein zwar kräftiges Reis am gigantischen Stamm des Hinduismus. — Nun aber der Buddhismus! Wie ich aus dem Tempel des Kailas, der Kathedrale, die in wunderbarer Vielfältigkeit aus einem einzigen Felsen herausgehauen ist, in die kahlen Höhlen hineintrat, die dem Sakya-Sohn zum Heiligtume dienen, da fröstelte mir. Wo ist der Geist geblieben? Nur bei äußerster Anspannung der Aufmerksamkeit gelang es mir, den Zusammenhang dieser Welt mit der vorher geschauten zu erkennen, zu erfassen, daß auch sie im indischen Urgeist wurzelt. Aber wie müde, wie krank stellt dieser sich dar in dieser äußersten Verkörperung! — Heute verstehe ich zum ersten Male ganz, weshalb der Buddhismus, der die Welt zu erobern vermocht hat, sich in Indien nicht hat halten können, weshalb alle Inder, die ich gesehen, vom Buddhismus mit Geringschätzung sprachen; heute zum ersten Male wird mir klar, inwiefern Gautama, dieser einzig große Mann, dieser größte Sohn des Inderlandes, der Verehrung in ihm genießen sollte, wie kein zweiter, seinem Volk nicht zum Heil gereicht hat und ihm daher geringer gilt, als viel geringere: ein wie Großes der Buddhismus an sich immer sei, er bezeichnet eine Degenerationserscheinung des Indergeistes.

Es ist nicht zu leugnen: im Buddhismus hat das philosophische Volk par excellence dem Philosophieren als solchen abgesagt, das Gestaltungsfreudigste der Erde sich zum Ideal der Uniformität bekannt, das Spekulativste, das es jemals gab, alles Heil in der Empirie gesucht. Das konnte zu keinem guten Ende führen. Die Natur läßt sich nicht spotten, nicht vergewaltigen; wird sie im Guten gehemmt, bricht sie desto verheerender hervor. Der Inder kann das Philosophieren nicht lassen: so führte die Absage an die Philosophie nur dahin, daß der Buddhismus zum Sammelbecken aller über Indien verbreiteten nihilistischen, oberflächlich-skeptischen oder grob-materialistischen Geistesströmungen wurde, welche die buddhistische Gemeinde mehr und mehr von innen nach außen zu zersetzten.1) Die Inder lassen sich nicht über einen Kamm scheren; geschieht es dennoch, so wird das Beste damit abgeschoren; der Buddhismus hat sie banalisiert. Die Inder sind mehr phantasievoll als exakt: bekannten sie sich zu einer Weltanschauung der reinen Erfahrung, so konnte das nur zur Folge haben, daß die Mythenbildung sich terre à terre vollzog, aus der Sphäre des Geistes, wo sie am Platz ist, unheilbrauend in die der Materie hinabstieg. Buddha hatte seine Erkenntnistheorie auf das Phänomen des Leidens begründet, und auf dieses hin seine Erlösungslehre ausgestaltet: so gut sich eine solche Weltanschauung unter Empirikern bewähren mag, spekulative Köpfe verdirbt sie, denn die lassen es sich nicht nehmen, das Leiden zur Substanz zu hypostasieren. Buddhas Psychologie ist die exakteste die ich kenne: in den Köpfen der Inder ward sie zur Phantasmagorie, da diese ihrer Anlage nach nicht umhin konnten, sie als metaphysische Seinstheorie auszudeuten. Buddhas sittliche Vorschriften sind von wunderbarer Effikazität, wo sie schlicht befolgt, nicht als Offenbarung zergrübelt werden; geschieht letzteres, wie es in Indien von vornherein geschah, so tritt nur ihr unphilosophischer Geist hervor und verdirbt das Denken und das sittliche Streben derer, die sie zu tief verstehen wollten. So erweist sich der Buddhismus durchaus als ein abnormes, schädliches Gewächs am Stamme des Indergeistes. Und das Glücklichste, was diesem widerfahren konnte, ist, daß er die Krankheit überstand. Wenige Jahrhunderte nach jener Zeit, wo buddhistische Könige ihn künstlich zur Großmacht emporgehoben hatten, war der ursprüngliche Buddhismus aus Indien verschwunden. Was sich jetzt noch in Indien Buddhismus nannte, war tatsächlich Brahmanismus, mit allen seinen typischen anti-buddhistischen Kennzeichen: seinem spekulativen Geist, seinen Ritualismus, seinem metaphysischen Tiefsinn und seiner Gegliedertheit in der äußeren Gestaltung. Aber auch dieser brahmanisierte Buddhismus erhielt sich nur an den Grenzmarken Hindustans. Das ganze übrige Land ward dem Hinduismus zurückgewonnen. Dieser allein ist der eigentliche, vollwertige, allumfassende Ausdruck der indischen Religiosität. Wie dies in großartiger Monumentalschrift die Felsentempel Elloras offenbaren.

Noch nie ist mir der Charakter des Bandes, das Religion und Volkscharakter verknüpft, so deutlich geworden wie heute. Es ist schlechterdings unmöglich, über den Wert einer konkreten Religion ein gültiges Urteil zu fällen, wenn nicht die Eigenart der Seele, die sie bekennen soll, mitberücksichtigt wird. Die geistige Kraft eines Glaubens gilt den, meisten für so groß, daß ihr gegenüber alle anderen Faktoren, wie die Rasse, die Nationalanlage, der ursprüngliche Volksgeist als irrelevant betrachtet werden dürfen: das Beispiel Indiens lehrt, daß diese Auffassung irrig ist. Der Buddhismus ist eine wunderbare Religion, in manchen Hinsichten die höchste, die es gibt: Indien hat ihr Bekenntnis nicht gut getan; die Inder konnte sie nicht vorwärts bringen. Insgleichen wird das Bekenntnis der an sich noch so tiefen indischen Glaubensanschauungen den unphilosophischen Abendländern, die am Christentum die ihnen gemäßesten besitzen, nimmer frommer. Alle autochthonen Religionen haben vor importierten den absoluten Vorzug voraus, daß sie dem Volkscharakter entsprechen und insofern ein Medium bedeuten, indem sich dessen Bestes, Idealstes verständlich ausprägen kann. Freilich darf der Begriff autochthon nicht absolut verstanden werden; richtiger wäre vielleicht zu sagen: langeingesessen; was nämlich langeingesessen ist, erweist damit entweder seine ursprüngliche oder seine schließliche Angepaßtheit, denn das Nichtgemäße erhält sich nicht. Wird man mir die Siegeszüge des Christentums und des Buddhismus als Gegenbeweise vorhalten? Gerade diese zeugen, innerhalb bestimmter Grenzen, für die Existenz eines notwendigen Bands zwischen Volkscharakter und Konfession. Ursprünglich hatte das Christentum freilich gar nichts mit dem Geist der europäischen Völker gemein; aber es verwandelte sich mit rasender Geschwindigkeit diesem Geiste zu. Schon im Frühmittelalter war vom östlichen Urgeist des wirklichen (nicht offiziellen) Christentums im Westen wenig zu spüren; und es verwestlichte sich mehr und mehr in jeder weiteren Gestaltung. Schon das Schisma zwischen Westen und Osten ging wesentlich auf Verschiedenheiten im Volksgeist zurück.

Vollends dominierend aber wurde letzteres Moment bei der Gebietsverteilung zwischen Protestantismus und Katholizismus: je mehr teutonisches Blut, desto ausgesprochener protestantisch die Gesinnung. — Und nun der Buddhismus. In Indien dauerte er nicht, weil er dem Volkscharakter nicht entsprach. In seiner ursprünglichen Gestalt hat er sich einzig am Tropengürtel erhalten, in Ceylon, Birma und Siam, woselbst die wörtlich verstandene Lehre Sakyamunis einer indolenten Menschheit den bestmöglichsten Lebensrahmen gibt. Unter den nordischen Barbaren entartete er zum reinen Götzendienst. China eroberte zwar der brahmanistische Buddhismus (die Mahāyāna-Lehre), aber er ward dort nie zur formenden Macht, weil sein allzu spekulativer Charakter dem realistischen Chinesengeiste fremd blieb; er hat nur den Künstlern wirklich viel bedeutet und ist langsam entschlafen. Der nominell gleiche Buddhismus herrscht heute in Japan. Aber welche Gestalt trägt er dort? Dort sieht er dem Christentum weit ähnlicher als dem Brahmanismus, weil eben der praktische, weltzugewandte Sinn des Japanervolks die fremden Lehren seinen eigenen Bedürfnissen angepaßt hat. — Nein, vom Volkscharakter kann nicht abgesehen werden bei der Beurteilung einer Religion. Die einzige, deren Lehrgehalt sich mächtiger erwiesen zu haben scheint als alle sonstigen Momente, ist der Islam. Woher diese Ausnahmestellung? Das weiß ich nicht. Vermute jedoch, daß es sich nicht wirklich um eine Ausnahmestellung handelt, da in Persien, dem einzigen islamischen Lande von geistig reger Bevölkerung, die Uranlage im Sufismus und Bahaitum nach wie vor zum Ausdruck kommt.

1Ausführliches hierüber steht im Buddha Josef Dahlmanns (Berlin 1898), der diese Seite des Buddha-Problems von allen am hellsten beleuchtet hat.
Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
© 1998- Schule des Rades
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