Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

Dschaipu: Kastenordnung

Die Welt des Rajputs ist allerdings mittelalterlich, so sehr, daß kein Knabe, dessen Vorstellungen durch Fouquesche Romane gebildet wurden, an dieser Wirklichkeit eine Enttäuschung erlebte. In Dschaipur wird nicht geritten sondern gesprengt; alle ritterlichen Künste werden gepflegt; nur Rittertugenden gelten, nur Ritter zählen. Hier herrscht jene exzessive Einseitigkeit, die allein zur Prägung dauerhafter und starker Formen führt. Ohne Zweifel ist es besser, wenn die Macht der Vererbung, überschätzt, als wenn sie unterschätzt wird. Edlere Typen als diese Rajputs gibt es nicht; so ausgeglichen-gleichmäßig schön, wie dieser Menschenschlag, sind die edelsten Rasseherden selten. Wie kümmerlich nehmen sich die Träger unserer alten Namen, deren älteste doch von gestern datieren verglichen mit den indischen, neben einem beliebigen Rajput aus! — Hier handelt es sich um den größten Triumph der Menschenzüchtung, von dem ich wüßte; daß die Ergebnisse nach Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden noch so weiser Inzucht den höchsten Anforderungen genügen, so daß gar keine Degenerationserscheinungen festzustellen sind, bedeutet ein Unerhörtes. Woher dieser Erfolg? Auf die physisch-biologische Seite des Problems mag ich nicht eingehen, da es zu dessen Lösung noch an Daten fehlt. Sei es, weil sie sich weniger verausgaben als wir, weil ihre nervöse Grundanlage robuster, ihre Variabilität geringer ist (was der Erhaltung und Festigung des Typus zugute kommt) — sicher sind die Rassen des Orients im allgemeinen langlebiger als die unserigen, scheint dort der Fortbestand eines Typus weniger gefährdet als bei uns. Aber mit dem Hinweise auf die physischen Bedingungen ist nur eine Seite des Problems ins Auge gefaßt: weshalb wirken die Vererbungsgesetze beim Menschen nie auch nur annähernd so sicher wie beim Vieh? Weil bei jenem auch psychische Umstände mitspielen, weil diese vielfach die entscheidenden sind. Sicher ist die wunderbare Konstanz, mit der sich der Typus unter den Rajputs fortvererbt, zum größten Teil auf psychische Verhältnisse zurückzuführen.

Was in Europa geschehen ist und geschieht, läßt mir an der Richtigkeit dieser Auffassung wenig Zweifel übrig. Bis zum Anbruche der Neuzeit, der antistatischen, waren auch unsere Geschlechter sehr viel langlebiger, vererbten sich die Typen auch bei uns viel sicherer fort, als seither geschieht; und noch heute stellen der Junker und der Bauer — diejenigen also, die sich zur statischsten Weltansicht bekennen — von allen die dauerhaftesten dar. Der Mensch des Mittelalters glaubte an sich, als an den Träger einer spezifischen Form. Jeder Rittersproß setzte es als selbstverständlich voraus, daß er kraft seines Blutes der Rittertugenden teilhaftig war — und so ergriffen sie meistens von ihm Besitz. Dieser Glaube schuf dann aus sich heraus die weiteren Umstände, die der Festigung des Typus zugute kamen: die Meidung des Verkehrs mit Angehörigen anderer Kasten, die schnelle und vollständige Ausmerzung aus der Art geschlagener, die Rücksicht bei der Brautwahl auf ein Optimum für die zu gewärtigende Nachkommenschaft, eine unaufhörliche Selbsterziehung im Sinne des Standesideals usw. Seitdem die alten Formen an Prestige verloren haben, seitdem keine mehr als notwendig gilt und das Ideal des Aufsteigens in der sozialen Ordnung das ursprüngliche einer vollendeten Ausfüllung der Stellung in der und zu der einer geboren ward, abgelöst hat, seitdem wirken die psychischen Umstände unter uns der Erhaltung des Typus Entgegen. Kein Wunder, daß dieser seither immer mehr an Lebenskraft einbüßt. Die psychischen Anlagen eines Menschen sind niemals eindeutig von Hause aus, sondern vielfacher Gestaltung fähig. Wird die Form nun von dem, der sie trägt, nicht ernst genommen, so ergibt dies mit Unvermeidlichkeit Charakterlosigkeit, welche langsam aber sicher von der Psyche auf die Physis hinübergreift. Nur was dem Menschen ein Ideal bedeutet, bleibt dauernd vitalisiert. Herrscherhäuser entarten langsamer als alle anderen, weil sie von den mächtigsten Idealen getragen werden; der Landadel entartet langsamer als das Patriziat, weil die Basis seiner Idealität eine tiefere ist. Überall unter Menschen entscheiden psychische Umstände; wo diese der Konsolidierung des Typus entgegenwirken, dort nützt alle Reinzucht nichts.

Die allgemeine Lebensanschauung des Orients entspricht unserer mittelalterlichen. Der Orient glaubt an seine Formen. Daß aber dieser Glaube hier mehr vermag, als er je bei uns vermocht hat, das liegt an seiner ungleich größeren Intensität. Hier komme ich denn endlich auf ein Problem zu sprechen, daß mich seit dem ersten Tage meines Aufenthaltes auf indischem Boden beschäftigt hat: die Glaubenskraft des Inders üb ersteigt, alle, selbst die extravagantesten Vorstellungen, die der Abendländer sich machen kann. Sein Glaube ist erschütterungsunfähig. Man beweise ihm was und soviel man will, er hält an seinen Vorstellungen fest, wie ein Achtfuß am einmal ergriffenen Gegenstande. So glaubt er an seine Kaste mit eben der Inbrunst, mit der Luther an Gott geglaubt hat. Damit ist eine Bewußtseinslage geschaffen, in der Energien sich auswirken können, welche sonst außer Spiel bleiben: die Kräfte, welche Berge versetzen. So kommt es, daß die Vererbung in Indien zustande bringt, was eigentlich über ihre Kraft geht. Schon bei uns ist die Fortdauer von Familientypen zu einem erheblichen Grade psychisch bedingt: der fortgesetzte Wunsch, einem Vorbilde gleichzukommen, führt diese Verwirklichung auf die Dauer herbei. Unter indischen Rittern, mit ihrer gigantischen Glaubenskraft, der großen Eindeutigkeit ihrer Naturanlage und der im ganzen einfacheren Psyche, geschieht gleiches im höchsten Grad.

Von hier aus gelingt es denn auch, der viel verschrienen Kastenordnung gerecht zu werden. Deren Grundlage ist ganz imaginär; die Voraussetzung der ursprünglichen Blutdifferenz hält der Kritik nicht stand; die Gesetze der Vererbung wirken nicht halb so eindeutig, wie die Hindus dies postulieren; das vielverschränkte abstrakte System, welches heute die Gliederungen der Gesellschaft einfaßt, ist nicht allein unvollkommen, sondern willkürlich und vielfach widernatürlich. Kein Wunder daher, daß alle, welche Indien nur äußerlich kennen, es als Monstrosität verdammen. Tatsächlich bewährt es sich reichlich so gut als irgendeines, das der vernünftigere Westen bisher ersann, weil eben in Indien ein Faktor das Hauptmoment bedeutet, der im Okzident kaum in Frage kommt: eine schier grenzenlose Glaubenskraft. Der Inder glaubt nun einmal an die geistige Begabung des Brahmanen, an den Rittersinn des Kschattrya, die wirtschaftliche Tüchtigkeit des Vaiçya und die Dienstprädestiniertheit des Çudra; er glaubt mit beinahe gleicher Intensität an die spezifischen Tugenden jeder Unterkaste. Was ist der Erfolg? Es sind psychische Vorbedingungen geschaffen, dank welchen der geringste Keim, der den Glaubensvoraussetzungen entspricht, sich frei entfalten kann, während alle anderen baldigst absterben; so daß die Brahmanenkaste z. B. soviel Denker und Priester wirklich liefert, als sie im günstigsten Falle liefern könnte, während die untüchtigen unbemerkt bleiben. Der Mensch bemerkt niemals, was seinem festen Glauben entgegensteht. Auf die Dauer schafft dieser die Wirklichkeit, die ihm entspricht. Und die vorausgesetzten Sondergaben jeder Kaste erben sich sicherer fort, als mit den Naturgesetzen vereinbar scheint, weil niemand diese kennt. Das heißt, die Erziehung vollendet, was die Vererbung angebahnt hatte. So ist es denn zweifelsohne ersprießlicher, wie ich zu Anfang schrieb, daß die Macht der Vererbung überschätzt, als daß sie unterschätzt wird: ihre Macht ist durch schöpferischen Glauben einer ungeheuren Steigerung fähig.

Und von hier aus denke ich zurück an die Grundlehren der indischen Philosophie. Wenn es irgendeinem Volke nahegelegt worden ist, geistige Bindungen zu hypostasieren, so gilt dies vom indischen. Hier, mehr als irgendwo sonst, haben psychische Umstände den Charakter der materiellen Wirklichkeit bestimmt; reicher, als irgendwo sonst, ist diese Wirklichkeit gegliedert; nirgends auf der Welt erscheint der Typus als Typus auch nur annähernd so substantiell. Und doch sind die indischen Denker nie darauf verfallen, was die westlichen aus so viel dürftigerem Anlaß stets getan haben, die Gestaltungen metaphysisch ernstzunehmen. Ihnen war die Erwägung ein Selbstverständliches, die bei uns noch als Paradoxon wirkt: daß was willkürlich gesetzt, erschaffen werden kann, eben deshalb nicht notwendig ist. Ich blicke mit den Augen eines Rishi auf das bunte Schauspiel vor mir hin: ist die Welt nicht nur deshalb so, wie sie ist, weil sie auch anders hätte sein können? Wie stark scheint die Lokalfarbe von Dschaipur! Und doch: konzentriere ich auf sie meinen Geist, so verblaßt sie, verflüchtigt sie sich, und alle Umrisse verfließen.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME