Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

I. Nach den Tropen

Im Roten Meer

Ein erklecklicher Teil meiner Gefährten sagt sich vor Hitze dem Verschmachten nahe. Welcher Mangel an Einbildungskraft! Im Norden könnte solche Glut wohl gefährlich werden, denn dort wäre sie unnatürlich; unter sonst gleichgebliebenen Umständen sprengt übermäßige Temperaturerhöhung das Gleichgewicht der Elemente, die ein gegebenes Klima ausmachen, und da der Körper in bezug auf seine Umwelt existiert, kann eine Zersetzung dieser den Organismus leicht mitzersetzen. Hier aber gehört die Hitze ganz notwendig in den Zusammenhang hinein; ihr absoluter Grad ist nicht zu hoch; der Körper von Einbildungskraft sollte sich ihrer daher freuen. Zunächst wenigstens; mit der Zeit erlahmt wohl das Umstellungsvermögen. Aber am Anfang wirkt das Ungewohnte rein als Anregung, weshalb es mich nicht wundern würde, wenn ich die ersten Monate hindurch nur das Positive des Tropenklimas auffassen sollte.

Wie schön stimmt doch alles hier zusammen: das Klima, die Farben, die Umrisse, die Tiere, das Meer! Jedesmal, wo ich ein neues Wesen sichte, ist mir, als würde eine Ahnung von mir erfüllt: so, gerade so muß ein Tier in diesen Breiten aussehen. Imaginative Synthesen solcher Art schließen gewiß manches Hysteron-Proteron ein, aber mit dieser Feststellung ist die Frage doch nicht erledigt. Es besteht wirklich ein notwendiger Konnex zwischen sämtlichen Elementen einer gegebenen Welt, so daß sich aus der Kenntnis einiger derselben die anderen bis zu einem gewissen Grade voraussagen lassen. Des öfteren habe ich, beim Besuch zoologischer Gärten, aus dem bloßen Charakter eines unbekannten Tieres auf seine Heimat richtig geschlossen, sogar dort, wo alle Vorkenntnisse mir fehlten. Solche Kombinationen gelingen unschwer dort, wo man vom allgemeinen Charakter des Landes und der Eigengesetzlichkeit des Typus, dem das betrachtete Wesen angehört, eine genügend deutliche Vorstellung hat. Auf diese Weise ist der chinesische Hirsch z. B. mit Leichtigkeit als solcher zu bestimmen. Ja mehr noch: ich halte es für möglich im Prinzip, dieses besondere Tier a priori, zu konstruieren, wenn man nur den Hirsch genügend kennt und mit dem chinesischen Menschen im Rahmen seiner Heimat vertraut ist.

Aber heiß ist es doch; mir wird hundstagsmäßig zumut. Langsam zieht sich mein Bewußtsein aus den Gliedern zurück, die am Stoffwechsel ihre reichliche Beschäftigung finden, und verharrt in serener Kontemplation der erythräischen Küste.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
I. Nach den Tropen
© 1998- Schule des Rades
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