Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

Peshawar: Veränderung

Und zu denken, daß hier, vor nicht einmal unendlich ferner Zeit, ein Mittelpunkt buddhistischer Kultur lag! daß das Kabul-Tal das Heilige Land des Mahāyāna-Glaubens war, die Sehnsucht aller Suchenden vom Fünfstromlande bis zum japanischen Meer, der Schauplatz jener Verschmelzung des hellenischen und des indischen Geistes in Kunst, Kultur und Religion, auf den alle spätere Gestaltung des fernen Ostens ursprünglich zurückgeht! — Zentralasien ist Jahrtausende entlang die Quelle alles Geistigen auf Erden gewesen. Aber wie die Wasser mählich versiegten und die Gärten zu Wüsten zerstaubten, da verflüchtigte sich unaufhaltsam auch der Geist aus der ausgedörrten Atmosphäre und die äußerste Barbarei trat das Erbe der äußersten Bildung an. — Ich denke an meine Geologentage zurück und die Art, wie ich damals die Welt betrachtete; in den Alpen schaute ich das Meer, im Basalte die flüssige Lava, im Versteinert-Erstarrten das Leben selbst. Mit nicht viel anderen Augen sieht der Archäolog Zentralasien an. Allein mir scheint: beide blicken über das Eigentlich-Bedeutsame hinweg. Das Bedeutsame ist die Veränderung an sich. Wer jemals Landwirt war, der weiß, was Geschichte heißt: ein Jahr der Kultur mehr oder weniger stellt ein kosmisches Absolutum dar; es ist nicht vorwegzunehmen, nicht rückgängig zu machen; solche Zeit ist wirklich vor der Ewigkeit. Denn solche Zeit schafft um. Wo zielstrebiger Wille das Werden lenkt, dort findet Entwickelung statt; es geht vorwärts, immer vorwärts, immer weiter, und kein Ende ist abzusehen. Versagt der Wille aus irgendeinem Grund, so ändert das Geschehen seinen Sinn. Das Werden biegt ab, verzweigt sich, hört gar auf, ein Beliebiges ersetzt das Vernunftgemäße. So folgt auf den Garten die Wüste, auf Kultur die Wildnis, auf den Geist der Ungeist, auf kurzes Leben ewiger Tod. — Welche Narrheit, an eine Vorsehung zu glauben, die von außen her das irdische Geschehen lenkte! Dieses könnte wohl zweckvoll verlaufen, nichts Prinzipielles steht dem im Wege; vielleicht bringen wir Menschen es einmal dahin, daß es so wird. Aber Gott scheint es ganz gleichgültig zu sein, was auf Erden vorgeht. Gestern Geist, heute Ungeist, morgen vielleicht wiederum Geist; bald Garten, bald Wüste, bald Urwald, bald Meer; mich dünkt, er ergötzt sich an der planlosen Abwechselung, wie der müde Maharajah am Nautsch, auf daß Ihm die Ewigkeit nicht lang würde.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
© 1998- Schule des Rades
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