Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

Delhi: Ablösung der Formen

Wenn ich von Südindien unvermittelt nach Delhi versetzt worden wäre, hätte ich wohl unmittelbar empfunden, was mir nun Reflexion offenbart: wie wenig fremd mir diese Welt doch ist; der Europäer bedarf kaum einer Umstellung seiner selbst, um sich verstehend in sie hineinzuversetzen. Ich denke mir, daß die Italiener, die an den Hof von Delhi kamen, sich dort ohne jede Schwierigkeit eingelebt, und wie selbstverständlich in seinem Sinne geschaffen haben, denn die Kultur, die hier herrschte, war nicht anderen Geistes als die romanischer Höfe der gleichen Zeit. Sie unterschied sich von letzterer vielleicht nur durch eine Nuance: ihr Fatamorganaartiges. Die Großmoguln haben in der Feenwelt, die ihre Künstler um sie her erschufen, nicht eigentlich gelebt, sie haben ihr zugeschaut, wie einem Bühnenfeste. Ihr eigentliches Leben war ernst und rauh, viel ernster als das der Päpste und Fürsten Italiens. Doch wie die milchweißen Marmornippsachen dem massiven Fort von Delhi ohne Übergang aufgepflanzt erscheinen, so schwebte über der rauhen Wirklichkeit wie ein Schleier zartester Schönheit, unwesenhaft zwar, doch desto zauberhafter. Timur, der furchtbarste Eroberer seiner Zeit, war zugleich ein feinsinniger Ästhet, es war ihm Bedürfnis von Liebreiz umgeben zu sein; und dies Bedürfnis verstärkte sich bei seinen Enkeln. Nun wäre es Menschen wohl unmöglich, eine derartig feenhafte Kunst als Wesensausdruck hervorzubringen; das müßten Elfen sein, deren Seele die Perlenmoschee entspräche. Und wahrscheinlich haben die Künstler Hindustans eben deshalb hier Unglaubliches geleistet, weil sie Träume auszudrücken hatten. Ganz wirklich waren diese Leute nie; sie besaßen nur überaus viel Phantasie. Und diese schafft am freiesten im Märchen.

Nein, diese Welt ist mir nicht fremd. Was natürlich nicht allein an ihrem Sinne liegt: auch ihre einzelnen Gestaltungen sind mir wohlbekannt, obschon ich die meisten von ihnen nie früher erblickt habe, je mehr ich sehe und erfahre, desto deutlicher erkenne ich, wie wenig frei der Mensch in seinem geistigen Schaffen ist. Bringt er neue Gestalten aus sich hervor, so bedeutet das nie, daß er willkürlich erfindet: er ermöglicht bloß der Form, von der er ausging — und von Ungeformtem ausgehen kann nur Gott — zu der Fortbildung, die ihr eigenes Gesetz ihr von jeher vorgezeichnet hatte. Die schaffenden Geister sind nur Media, wie es die zeugenden Eltern vom Standpunkt des Keimes sind, dessen Entwickelung, einmal angetreten, ausschließlich dem eigenen Gesetze folgt. Einst habe ich über die Kunsthistoriker gelächelt, die das Werden eines Stiles so gern auf bestimmte äußere Momente zurückführen; so habe ein Artikel Diderots z. B. seinerzeit eine entscheidende Richtungsänderung in der französischen Malerei bedingt. Ich sagte mir: als ob die Schöpfer sich vom Kritiker dermaßen beeinflussen ließen! als ob ein äußeres Moment je die Ursache einer inneren Umwandelung sein könnte! Ich hatte, was die Tatsachen betrifft, ganz Recht. Nur habe ich seither begriffen, daß solche Konstruktionen, obgleich falsch an sich selbst, doch berechtigt sind, weil sie ein Schema geben, das die Wirklichkeit richtig umschreibt. Das Wachstum und die Ablösung der Formen sind Vorgang von solcher Notwendigkeit, daß alles zu ihrem Werden beiträgt, und die Gründe daher beliebig gewählt werden dürfen. Wenn also Diderot auch nicht wirklich die Künstler beeinflußt hat, so sprach er als Kritiker doch eben das aus, was die unbewußte Schaffenstendenz der Maler war, so daß man meinetwegen, der Vereinfachung halber, sagen mag, Diderot sei der Urheber der Bewegung gewesen. Jeder Richtung sind ihre Grenzen immanent, jede Form birgt in sich ihre ganze mögliche Nachkommenschaft, weswegen es im Prinzip immer möglich ist, das Geschehen sowohl zu rekonstruieren als vorauszusehen. Ohne Richard Strauß hätte es Straußsche Musik zwar nicht gegeben, allein die Idee dieser ist eine Abgeleitete derjenigen Richard Wagners (wie Viktor Goldschmidt so schön mathematisch nachgewiesen hat), so daß Strauß’ Originalität, gleich der jedes Schöpfers, nur darin bestanden hat, daß er das ideell notwendige aktuell und empirisch verwirklicht hat. Deswegen verstehen sich alle Philosophen für den von selbst, der die Grundidee besitzt, müßte es bei genügendem Überblick gelingen, die philosophische Überzeugung jeder Epoche, deren sonstige Elemente man kennt, a priori, zu konstruieren Am evidentesten offenbart sich der notwendige Konnex aller Formen im Falle der bildenden Kunst, weil hier die Bildungsgesetze am offensten zutage liegen. Daher einerseits die Möglichkeit kritischer Kunstgeschichte überhaupt, andrerseits die einzigartige Bedeutung, welche Denkmälern bildender Kunst bei der historischen Orientierung zukommt. Sintemalen nun alle Ausdrucksformen naturnotwendig sind und ihren Stammbaum unverkennbar zur Schau tragen, ist es möglich, eine fremde Erscheinung dennoch unmittelbar von innen heraus zu verstehen, wenn sie nur auf Vertrautes zurückgeht. So ergeht es mir in bezug auf die Mogulenkunst. Diese stammt ursprünglich aus dem Okzident, oder genauer aus der Vermählung von Orient und Okzident, die das oströmische Kaiserreich charakterisiert; und dessen Gestaltungen sind mir vertraut. Die Fortentwicklung ist gesetzmäßig verlaufen, mit einem Blick zu übersehen. Und da ferner ein bestimmter Sinn nicht allein mit Notwendigkeit entsprechende Formen gebiert, sondern diese umgekehrt auf jenen zurückwirken, so hat die bloße Übernahme byzantinischer Ausdrucksmittel eine innere Annäherung zwischen Westen und Osten bedingt, dank welcher der Geist von Delhi dem Konstantinopels verwandter scheint, als dem Geiste von Udaipur. Man wird auf die Dauer seinen Ausdrucksmitteln gemäß. Der Deutsche, welcher andauernd französisch spricht und denkt, wird geistig zuletzt zum Franzosen; wer bei Kant lange genug in die Schule ging, wird in einem gewissen Grade zu seinem Nachkommen, und ob seine ursprüngliche Anlage der Kantischen noch so entgegengesetzt war.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
© 1998- Schule des Rades
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