Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

I. Nach den Tropen

Im Indischen Ozean

Wie sehr ich, trotz allem, doch Nordländer bin! Dieses Meer ist weiter und tiefer als alle, die ich bisher durchquert, und doch verfehlt es die Wirkung, die der Ozean sonst auf mich ausübt. Die milden, süßlichen Farben lassen das Bewußtsein von Erhabenheit in mir nicht wach werden. Wenn ich auf die rosiguntertönte Fläche hinausblicke, kann ich immer nur denken: dies ist die Weide der Medusen, der Spielplatz der Delphine.

Das rührt daher, daß ich Nordländer bin. Dem räumlich Großen an sich kommt keine Großheit zu: es muß eine entsprechende Steigerung des Selbstgefühls auslösen, auf daß es Großes bedeute; und ob es solche Steigerung bewirkt, hängt von persönlichen Verhältnissen ab. Prinzipiell gesprochen, wirken großartige Naturbilder, zumal das Hochgebirge, die Wüste und das Meer (ich nenne den Sternenhimmel nicht, weil sein Anblick zu alltäglich ist und daher so gut wie keine Wirkung im gemeinten Sinne ausübt), wohl auf jeden Menschen erhebend. Leichter als sonst dämmert ihm in solcher Umgebung die Ahnung auf, daß die Grenzen der vergänglichen Person sein Wesen nicht notwendig abschließen, daß es gewissermaßen von ihm abhängt, ob er unendlich oder endlich ist. Die ungeheuren Kräfte, die er außer sich am Werke sieht und doch irgendwie als ihm zugehörig betrachten muß, sprengen — wie es von innen her die Leidenschaft tut — den Panzer der Vorurteile; unwillkürlich erweitert sich sein Ich; er erkennt seine Individualität als geringfügigen Teil seiner selbst, fühlt sich größer, großmütiger und edler — oder auch unwichtiger, kleiner, was hier das gleiche bedeutet. Allein der Grad dieser typischen Wirkung ist in jedem Einzelfall von besonderen Umständen abhängig. Ob der Inder vor den glimmernden Eisbergen nördlicher Meere wohl von den Göttern träumen würde, die der Anblick des Himalayas wie selbstverständlich in seiner Seele entstehen läßt? — Vermutlich fröre er dazu zu sehr; er würde gottlos werden vor Kälteempfinden. Ich aber suche vergebens im Indischen Ozean die Stimmung wiederzufinden, die der Atlantik und die Nordsee so oft in mir wachgerufen haben. Das lastend Schwüle, das Milde, das Süße vermag ich als Elemente des Erhabenen nicht zu denken; es wirkt zu einschläfernd auf mein Nervensystem. Als oh ich ein Weib wäre, interessiere ich mich aufrichtig nur für das Kleine inmitten des Großen; so heute vorzüglich für die Kurven, welche die Fische in schwirrendem Flug zwischen Welle und Welle beschreiben.

Ja, ich bin Nordländer … Wieder einmal steht Proteus an seiner Grenze, der Indische Ozean kann ihm nicht die Nordsee sein. So leicht es ist, seinen psychophysischen Zusammenhang umzuzentrieren, so schwer fällt es, dessen Elemente umzuwandeln; dies gelingt nur durch langsames Wachstum in der Zeit. Bin ich nicht wie ein Sträfling, dem das Ausbrechen Mal auf Mal mißglückt? Immer wieder wähne ich, meiner Person entschlüpft zu sein, und immer wieder fängt sie mich schließlich ein. Ich muß anerkennen, ob ich’s will oder nicht, daß es bestimmte Gegebenheiten in mir gibt, die meiner Bestimmung nicht unterworfen sind; daß ich, so frei ich wesentlich sei, als Erscheinung nur ein Element bin im Gefüge der Welt.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
I. Nach den Tropen
© 1998- Schule des Rades
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