Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

Benares: Indische Scholastik

Alles Rational-Systematische an der indischen Philosophie ist ebensoviel Spreu; es ist Scholastik im übelsten Sinne. Seit es Weltanschauung gibt, sind spirituelles Wissen und scholastisches Denken zupaar gegangen: wo der Geist unmittelbar erfaßt (oder zu erfassen glaubt), was höher ist, denn alle Vernunft, dort muß er außerordentlich gebildet sein, um dieser ihre Selbständigkeit zu belassen. Meist heißt er sie coûte que coûte beweisen, was er ohnehin schon weiß, und da er der Wahrheit gewiß ist, mithin der Beweise nicht wirklich bedarf, so befriedigt ihn jede, noch so bedenkliche Demonstration, sofern sie nur demonstriert was er voraussetzte. Nur so ist es zu erklären, daß ein so erlauchter Geist wie Thomas von Aquin die Unzulänglichkeit seines Systems niemals erkannt hat.

Die indische Scholastik nun ist noch um vieles schlimmer, als die des Westens (wie denn auch die Pandits die übelste Verkörperung des Schriftgelehrtentypus bezeichnen, von der ich wüßte), weil die Begriffe, mit denen sie jongliert, ursprünglich gar keine Verstandesbegriffe sind, sondern Bezeichnungen für konkrete Zustände, so daß ihren Konstruktionen jede Basis fehlt. Mehr oder weniger scholastisch ist aber alle indische Philosophie. Es nützt nichts, Shankara oder Ramanuja hier in Schutz zu nehmen: als Philosophen waren sie Scholastiker, das heißt, sie gingen von bestimmten Überzeugungen aus, welche ihr Denken auszuführen und zu erweisen hatte; das macht sie jedem kritischen Denker des Westens unterlegen. So haben Oldenberg und Thibaut unzweifelhaft denen gegenüber recht, welche die indische Philosophie in den Himmel erheben. Aber es bezeichnet ein arges Verkennen des indischen Geistes, wenn man ihn in irgendeinem System restlos verkörpert wähnt, überhaupt in irgendeiner bestimmten Weltansicht. Dem Advaita stehen Dvaita und Vishishtadvaita entgegen, die monistische Metaphysik ergänzt eine dualistische Daseins- und Erkenntnistheorie; das scheinbar Gleichmacherische des Spruches tat twam asi wird durch subtilstes Unterschiedsbewußtsein aufgehoben, dem Entleerenden eines extremen Einheitsbewußtseins durch die üppigste Mythen- und Göttersprossung entgegengewirkt. Es gibt in Indien überhaupt keinen Monismus, keinen Pantheismus, keine Allheitslehre und kein Einheitsbewußtsein im westlichen Verstände; das heißt, nirgends beeinträchtigt letzteres die unbefangene Anerkennung der Mannigfaltigkeit. Fern davon, den Reichtum der Erscheinungswelt aufzulösen, bezeichnet die Advaitalehre als solche nur einen Ausdruck mehr eben dieses Reichtums; einen Zweig mehr am übervitalen Stamm des Indergeists. So, nicht anders, haben die Rishis sie gemeint. Und bekannten sie sich persönlich zu ihr im Gegensatz zu irgendeiner anderen Lehre, so geschah das in dem Sinne, daß jedem Wesen irgendeine empirische Form aus empirischen Gründen am gemäßesten ist. Es sei müßig, darüber zu streiten, was Brahman an sich sei, ja ob es ihn gäbe, ob er einfach oder vielfach sei.

Das Dasein irgendeiner absoluten Wirklichkeit sei evident; auf die weist eben die Bezeichnung Brahman hin. Wie man sich sie vorstelle, hänge ab von der Veranlagung. Der Bhakta wird immer zum Theismus neigen, der Gnani hingegen zu einer Lehre, welche das Einheitliche betont. Denn je tiefer man eindringe in sich selbst, je mehr man sein Wesen im Bewußtsein realisiere, desto stärker würde das Einheitsgefühl: also hätte man allen Grund zur Annahme, daß vom Standpunkte der Erkenntnis die Lehre von der wesentlichen Einheit der beste Ausdruck des Metaphysisch-Wirklichen sei. Die Rishis waren als Forscher extreme Empiriker; nur dem Erlebnis trauten sie. Sofern man aber ihre Weltanschauung überhaupt unter eine der üblichen Rubriken bringen kann, muß man sie pragmatistisch heißen. Sie waren in der Tat die idealen Pragmatisten. Gleich würden sie William James und F. C. S. Schiller zugestehen, daß alle lebendige Wahrheit in concreto auf Postulate zurückgehe; keine Gestaltung sei metaphysisch wesentlich, jede sei das Produkt empirischer Umstände, was im Falle der Erkenntnis besagt, daß die Wahrheit des Einzelnen, als bestimmte konkrete Erscheinung, von seinen Anlagen, Vorurteilen und Wünschen abhängt. Nur, würden sie lächelnd hinzusetzen, sagt diese Theorie nicht das letzte Wort; sie handelt nur vom Ausdruck dessen, was man Wahrheit heißt; der Sinn entgeht der Fassung des Pragmatismus. Es gibt ein Jenseits der Gestaltung, ein Reich des reinen Sinns, in welches kein Postulat hinaufreicht, das aber umgekehrt alle lebendigen Postulate beseelt und ihnen die Substanz verleiht. Wer nun sein Bewußtsein in diese Sphäre hinaufgehoben hat, und dauernd in ihr zu erhalten weiß, der ist über den Pragmatismus hinaus; der sieht durch alle Postulate hindurch; dessen Erkenntnis spiegelt unverfälscht die rein in sich selbst beruhende Schöpferkraft wieder, die der lebendige Seinsgrund aller Erscheinung ist. Von dem könnte man sagen, daß er die Wahrheit besitzt; aber das wäre ein uneigentlicher Ausdruck; die Pragmatisten hätten vollständig recht, diesen Begriff (sofern es sich um lebendige, nicht um logische Wahrheit handelt) leer zu finden; denn nur als Ausdruck eines Sinns könne er definiert werden, nicht als dieser selbst, und aller Ausdruck sei notwendig relativ. Das richtigste wäre zu sagen, daß der Wissende über Wahrheit sowohl als Irrtum hinaus ist; daß es diesen Unterschied für ihn nicht mehr gibt. Er lebt im Reich des reinen lebendigen Sinnes, der sowohl als Wahrheit wie als Irrtum in die Erscheinung treten kann. Dieser Sinn ist eine Dynamis, ein rein Intensives, kann als solches nicht vorgestellt, nicht gefaßt werden; wo immer, wie immer dies versucht wird, greift man anstatt des ewigen Sinnes eine unzulänglich-vergängliche Gestalt. So bekennt sich auch der Rishi, wo er reden muß, notgedrungen zu irgendeinem relativ-richtigen System, das durch Postulate definiert werden kann. Aber man kann diesen Sinn unmittelbar leben, von ihm aus denken und handeln, und dann erscheint es irrelevant, was gerade man denkt und tut…

Das Vorbildliche, ewig Wertvolle an der indischen Weltanschauung ist der Geist der Tiefe, aus dem sie stammt. Alle seine Gestaltungen können vollkommener gedacht werden; ich glaube nicht, daß man tiefer in das Wesen eindringen könnte; mir scheint hier die äußerste Tiefe erreicht. Die Inder haben den statischen Wahrheitsbegriff überwunden und ihn durch einen dynamischen ersetzt, der seinen Sinn transfiguriert: auch wir werden das früher oder später tun. Auch wir werden früh oder spät einsehen, daß Wesenserkenntnis nicht durch noch so weitgehende Vervollkommnung des Begriffsapparats, nicht durch noch so erschöpfende Erforschung unseres Bewußtseins, wie es ist, zu erreichen ist, sondern nur durch Gewinnung einer neuen, höheren Bewußtseinsform. Der Mensch muß sich erheben über sein sekuläres Erkenntnisinstrument; hinausgelangen über die biologischen Grenzen, deren klassischer abstrakter Ausdruck in Kants Kritiken enthalten ist; er muß hinauswachsen über sein bisheriges Maß; sein Bewußtsein muß, anstatt an der Oberfläche zu haften, den Geist der Tiefe spiegeln lernen, der sein Seinsgrund ist. Diese Höherentwickelung hat in Indien begonnen; daher die Wunder seiner Seinserkenntnis und Lebensweisheit. An uns ist es, sie weiterzuführen.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
© 1998- Schule des Rades
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