Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

Benares: Ideenwelt

Daß die Weisen, auf deren Intuitionen alles Wertvolle an der indischen Metaphysik zurückgeht, jene so erwünschte tiefere Bewußtseinslage erreicht haben, verdanken sie eingestandenermaßen der Yoga-Praxis. Diese bezeichnet den praktischen Angelpunkt aller indischen Weisheit. Wo wir alles vom Genie erhoffen, erwarten jene das Meiste von der Ausbildung. — Neulich sagte mir ein Hindu: daß Ihr großer Geister bedürft, um die Wahrheit zu entdecken, ist ein Zeichen, wie ungebildet Ihr seid; Ihr seid auf außerordentliche Zufälle angewiesen. Die Wahrheit ist doch da, liegt jedermann vor, ist im Geringsten enthalten: nach genügender Schulung kann jeder ihrer ansichtig werden. Welch’ supreme Ironie liegt darin, daß Ihr, die Ungeduldigen, die Geburt eines Originales abwarten müßt, um Euch einer Selbstverständlichkeit (denn jede Wahrheit versteht sich von selbst) bewußt zu werden! — Natürlich hatte er Recht im Prinzip. Unsere Abhängigkeit von der Begabung hat etwas Beschämendes. Aber ist es möglich, ihr zu entrinnen? — Daß es möglich ist, beweist das bloße Dasein der Wunder der indischen Weisheit: soweit deren Urheber bekannt sind, handelt es sich nicht um große Geister in unserem Sinne. Man kann aus dem Stil und dem Tonus mit großer Sicherheit auf die Qualität eines Genius schließen, seine Originalität, seine Potenz, den Reichtum seiner Anlagen; ich wüßte keinen in der ganzen indischen Geschichte, mit der einen Ausnahme Buddhas, der im westlichen Sinne als großer Geist gelten dürfte; keinen indischen Philosophen, der auch nur einigermaßen den Vergleich mit unseren großen Denkern aushielte. Sowohl Shankara, als Vyasa, als Ramanuja, waren allerhöchstenfalls Philosophen zweiten Ranges. Und doch stammen viele der tiefsten Einsichten von diesen, nicht von den Rishis des Altertums her; dennoch ist die indische Weisheit als Ganzes die tiefste, die es gibt. Ich behaupte hiermit nichts Unerweisliches; je weiter wir kommen, desto mehr nähern sich unsere Anschauungen den indischen. Schritt auf Schritt bestätigt die psychologische Forschung die in noch so unzulängliche Theorien eingefaßten Behauptungen der altindischen Seelenkunde; wieder und wieder stimmen die Ergebnisse der philosophischen Kritik mit den noch so mythisch eingekleideten Intuitionen der alten Rishis überein; und mit Bergson ist auch die Metaphysik in die Richtung, in welcher Indien seit jeher wandelt, eingebogen. Denn keiner Metaphysik ähnelt die seine mehr, als der des Inders Açvagoshas.

Indien verdankt seine Erkenntnisse eingestandenermaßen der Schulung gemäß dem Raja-Yoga-System. Dessen Grundidee ist die folgende: durch Potenzierung des Konzentrationsvermögens gelange der Mensch in den Besitz eines Werkzeugs von ungeheurer Kraft. Habe er dieses vollkommen in seiner Hand, so sei es ihm möglich, mit jedem beliebigen Gegenstand der Welt in unmittelbaren Kontakt zu kommen, Fernwirkungen auszuüben, göttergleich zu schaffen, zu erreichen, was immer er will. Er habe seine konzentrierte Aufmerksamkeit nur auf einen Punkt hin zu richten, so wisse er alles, was diesen betrifft, nur einem Probleme zuzuwenden, so habe er es schon erfaßt und gelöst. Der vollkommene Yogi bedürfe keiner materiellen Werkzeuge, um in der Welt zu wirken, keines wissenschaftlichen Apparats, um Erkenntnis zu erlangen; alles erfahre und vermöge er unmittelbar. — Es ist gleichgültig, ob es je einen vollkommenen Yogi gegeben hat. Das Wesentliche, Entscheidende ist, wie ich schon in Adyar auseinandergesetzt habe, die evidente Richtigkeit des Prinzips der Yoga-Theorie, ihr Gerechtwerden allen erwiesenen Erfahrungstatsachen, und die innere Wahrscheinlichkeit des noch so Außerordentlichen, was sie als erreichbar hinstellt.

Unzweifelhaft ist das Konzentrationsvermögen die eigentliche Triebkraft unseres ganzen psychischen Mechanismus. Nichts erhöht dessen Leistungsfähigkeit so sehr, wie deren Steigerung, jeglicher Erfolg auf welchem Gebiete immer läßt sich auf intelligente Ausnutzung dieser Kraft zurückführen. Einer exzeptionellen, d. h. aufs Äußerste konzentrierten Willenskraft hält kein Hindernis dauernd Stand; konzentrierte Aufmerksamkeit zwingt jedes Problem früh oder spät seine sämtlichen einer gegebenen Begabung erkennbaren Seiten aufzuweisen. Die Yoga-Philosophie behauptet nun, daß ein genügend hoher Grad von Konzentration Begabung ersetzen kann. Was kennzeichnet im Letzten die Sonderbefähigung des Mathematikers? Die Fähigkeit, erwidern die Yogis, mathematische Verhältnisse so fest im Auge zu halten und so aufmerksam zu betrachten, daß ihr Charakter und dessen mögliche Konsequenzen ihm vollkommen deutlich werden. Denn sie sind ja da, gegeben in der Welt des Geistes, wie nur irgendein Gegenstand in der Natur, es kommt nur darauf an, sie zu erkennen. Handelte es sich nicht um objektiv Gültiges, also an sich Existentes, unabhängig davon ob es erkannt wird oder nicht, es könnte keine mathematische Wissenschaft geben. Alles Erkennen ist Perzeption; Reflexion, Induktion, Deduktion sind nur Mittel, zur Perzeption zu gelangen. Nicht umsonst sagt man auch im Falle nichtsichtbarer Verhältnisse, ich sehe wie die Dinge liegen; man perzipiert eben auch einen abstrakten Zusammenhang. Es ist unberechtigt, einen prinzipiellen Unterschied zu statuieren zwischen dem Beobachten eines äußeren Gegenstandes, dem Visualisieren des Malers in der Phantasie, dem Vorstellen eines Gedankens und dem geistigen Schauen einer Idee; überall handelt es sich um dasselbe: um Perzeption. Nur die Objekte sind verschieden und die Organe. Aber eine Idee ist als Phänomen ein genau so äußerlich Gegebenes wie der Baum, welcher vor einem steht; man nimmt sie wahr oder nicht. Wie in der Welt der Sinneswahrnehmungen die Auffassung, so hängt in derjenigen der Ideen das Verständnis lediglich davon ab, wie deutlich einer sieht. Hieraus ergibt sich denn zweierlei. Erstens der objektive Sinn dessen, was man Talent heißt: Talent ist die Idiosynkrasie des einzelnen, vorzüglich eine Art von Erscheinungen zu perzipieren; der schlechte Mathematiker ist der, dem es nicht gelingen will, sein Konzentrationsvermögen auf abstrakte Symbole und deren Beziehungen zu fixieren; welche Deutung dadurch als richtig erwiesen wird, daß es möglich ist, einem Hypnotisierten Fähigkeiten zu suggerieren, die er sonst nicht hat. — Die zweite und wichtigste Folge aus den vorhergehenden allgemeinen Feststellungen ist aber die: wer seinen psychischen Apparat vollkommen beherrscht, so daß er sein Konzentrationsvermögen in jeder Richtung gleich gut verwenden kann, also fähig ist, mit vollendeter Aufmerksamkeit auf jedem beliebigen Punkte, bei jedem beliebigen Probleme zu verweilen, der wird, falls sein Konzentrationsvermögen als solches stark genug ist, augenblicklich jeden Zusammenhang erkennen, dem er sich zuwendet (da er ihn ja vollkommen deutlich sieht); er wird überall unmittelbar die Wahrheit erfassen. Ein solcher Mann bedürfte offenbar keines wissenschaftlichen Apparats, er könnte aller Logik, alles Denkens überhaupt entraten, denn dieses ist ja nur ein Hilfsmittel zur Perzeption; er bedürfte nicht einmal einer außerordentlichen Begabung, denn auch mit unvollkommenen Mitteln erzielt der, welcher sie vollkommen beherrscht, bedeutende Erfolge. Und auch hier kommt eine Analogie der Erfahrung der Theorie von vornherein zu gut: ist es nicht gerade das Wesen des Genies, unmittelbar, augenblicklich zu erfassen, was andere allenfalls auf vielen Umwegen, wenn überhaupt, durch tausend Zwischenstationen hindurch erreichen? Es ist in der Tat möglich, durch Schulung die Anlagen zu ersetzen, ja weiter zu gelangen, als Begabung für sich allein einen führen könnte. Daher ist gar nichts Wunderbares daran, daß die indischen Weisen, trotz unzweifelhaft geringerer Begabung, tiefere Erkenntnis zutage gefördert haben, als die größten Genien des Westens.

Soweit die Yoga-Philosophie. Ich will nicht behaupten, daß sie wörtlich das lehrt, was ich hier ausführe, aber sicher bedeutet dieses eine mögliche Verkörperung ihres letzten Sinns. Und gegen diesen wüßte ich gar nichts zu erinnern; ich bin überzeugt, daß er der Wirklichkeit entspricht. Ich bin ferner überzeugt, daß die Entdeckung der Inder der fundamentalen Bedeutung des Konzentrationsvermögens und vor allem der Methode, es zu steigern, eine der bedeutsamsten ist, die je gemacht wurde. Toren wären wir, wollten wir sie uns nicht zunutze machen. Wir sind so viel vitaler als die Inder, verfügen über so viel mehr psychisches Kapital — wer weiß, wohin wir erst gelangen werden, wenn wir uns genügend ausbilden? — Ich antizipiere hier nicht bloß, ich rede aus Erfahrung. Ganz am Anfang meines Aufenthaltes in Indien unterhielt ich mich mit einem Yogi einmal über Inspiration. Ich erzählte ihm, was wir Westländer darunter verstehen, und wie es die Tragödie aller derer sei, die sie gelegentlich heimsucht — und solchen Heimsuchungen verdanke ihr Bestes seine Entstehung — daß sie nie weilt; sie sei nicht zu halten. Hier unterbrach mich der Yogi: warum weilt sie nicht? Doch offenbar nur, weil Ihr sie nicht zu halten wißt. Freilich kann sie gehalten werden; sie bezeichnet ja nur eine besondere, keineswegs übernatürliche Bewußtseinslage, die zur normalen werden kann wie jede andere auch. Ich an Ihrer Stelle würde nun nimmer rasten — sintemalen Ihr Bestes, wie Sie sagen, aus inspirierten Zuständen stammt — bis daß ich normalerweise inspiriert wäre. — Dieser Rat frappierte mich damals sehr. Ich begann mich nach der Raja-Yoga-Methode zu üben; anstatt, wie bisher, die Inspiration des Augenblicks sofort in Gedanken und Worte hinabzuleiten, bemühte ich mich die Region zu fixieren, aus der sie kam, womöglich ganz in sie hinaufzusteigen. Und siehe da, es gelang. Es erwies sich nicht allein als möglich, beträchtliche Zeitspannen entlang in Zuständen zu verharren, die sich sonst nach Sekunden verflüchtigten: mir kam nun die Ahnung noch höherer. Ich erprobte an mir selbst, was die Yogis behaupten: daß jede Bewußtseinslage phänomenologisch jeder anderen äquivalent ist.

Wie jeder seinen Geist in der sinnlich wahrnehmbaren Außenwelt, die ihm als feste Gegebenheit erscheint, mühelos schweifen läßt, so ist es möglich, wenn die Vorstellungswelt gestillt ist, wenn die Einbildungskraft, der betrunkene Affe, sich ruhig zu verhalten gelernt hat, auch in dieser gleichsam spazieren zu gehen und seine Vorstellungen ebenso gelassen zu mustern, wie Bäume. Und lernt man weiter, die sich bildenden Ideen nicht gleich in Gedanken und Vorstellungen hinabzuleiten, sondern als solche zu fixieren, dann erlebt man, was Plato zu seiner Ideenlehre veranlaßt hat. Aber die Ideenwelt bezeichnet nicht die höchste Stufe: hoch über dieser thront ein Reich des reinen Sinns, und wer in diesem dauernd wohnt, mag wohl allwissend sein… Ich brauche wohl nicht ausdrücklich zu versichern, daß ich soweit nicht gelangt bin. Wohl aber habe ich schon öfters das Erlebnis Platos nacherlebt, habe Ideen wie Gegenstände gemustert. Derweil perzipierte ich ihren Zusammenhang, ihren Ursprung, ihren Sinn; ich brauchte nicht nachzudenken; und bisweilen gelang es mir buchstäblich, hinter sie, um sie herum zu kommen. Ich übte das Vermögen aus, das die Philosophen von Plotin bis Schelling so schlecht als intellektuale Anschauung bezeichnet haben (sie ist nicht intellektuell, sondern genau so empirisch wie jede andere, nur von einer anderen Bewußtseinlage her), ich schaute unmittelbar, was sonst nur mittelbar erschlossen ward. Seit diesen Erfahrungen wundere ich mich nicht mehr über die Tiefe der indischen Einsichten. Erkenntnis ist unvermeidlich, sobald man gelernt hat, das psychische Geschehen mit vollendeter Aufmerksamkeit zu beobachten. Denn jede scheinbar letzte Instanz kann ihrerseits zur Grundlage der Beobachtung gemacht werden, so daß es nun ebensowenig Schwierigkeiten bereitet, Begriffe und Vorstellungen zu fixieren, wie äußere Gegenstände, ideelle Zusammenhänge zu übersehen, wie räumlich-empirische. Hierher rührt es, daß die Inder ohne vorhergegangene Kritik, trotz äußerst mangelhafter wissenschaftlicher Ausrüstung, das Metaphysisch-Wirkliche gleich richtig erkannt haben in seinem Verhältnis zur Ideen- und Erscheinungswelt; daß ihre Psychologie, was immer gegen ihren Ausdruck einzuwenden sei, unvergleichlich viel tiefer greift, als die unserige bisher. Hierher rührt im letzten die einzigartige Tiefe der indischen Weisheit als Ganzes. Die großen Rishis haben dauernd in der Tiefe gelebt. Das hat kein Weiser des Westens getan. Plato, der des Schauens der Ideen wohl fähig war, wußte über diese doch nicht hinauszublicken und verkannte daher ihren eigentlichen Charakter; er überschätzte sie. Überdies schaute er sie nur gelegentlich: so wies er nur immer wieder auf sie hin, oder belichtete von ihnen aus in inspirierten Momenten die Erscheinungsweit. Plotin ist vom Atman immer nur hinabgestiegen; seine Äußerungen haben ihn im Rücken. Fichte und Hegel haben ihrerseits von der Tiefe her die Erscheinung zu gestalten versucht, und mit Erfolg; Nietzsche hat sie sprunghaft beleuchtet; in der Tiefe gelebt hat keiner von ihnen. Sie hatten eben, so begabt sie waren, ihr Konzentrationsvermögen nicht genügend ausgebildet; sie blieben abhängig von empirischen Zufälligkeiten. Kein Geist des Westens war konzentrationsfähig genug, um dauernd in seinem tiefsten Selbst zu leben. Am deutlichsten vielleicht tritt dieser Mangel an Goethe in die Erscheinung. Dieser Mann hat wohl mehr Blitze aus der Tiefe in Worte gebannt, als irgendein neuzeitlicher Mensch; aber zugleich ist er unfähiger, als irgendein anderer Großer gewesen, in der Region, aus der sie stammten, zu verweilen. Sein normales Dasein verlief an der Oberfläche, und tauchte er zur Tiefe hinab, so mußte er sich desto länger auf jener erholen. Der Faust stellt den verklärten Ausdruck dieser letzten Unzulänglichkeit dar. In dieser Dichtung sieht man Zustand an Zustand gereiht, ohne daß je der folgende eine wesentliche Vertiefung des vorhergehenden bedeutete, und der Schlußakt gibt keine Erfüllung des Gesamtlebens, sondern nur einen Zustand mehr, welcher zufällig der letzte ist und ebenso zufällig als der höchste bewertet wird.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
© 1998- Schule des Rades
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