Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

In den Himalayas: Mahatmas

In diesen Bergwäldern also hausen die Mahatmas, die stillen unerkannten Übermenschen, welche selbstlos die Geschicke der Menschheit lenken. Die sind über die Bindungen der Materie hinaus. Äußerlich uns gleich, mit einem sterblichen Körper behaftet, geringer erscheinend als unsere Großen, was menschliche Kraftfülle betrifft, sind sie doch mehr als Menschen, weil vollkommen frei. Sie sind gebunden nur, weil sie es selbst so wollen, brauchten weder zu sterben noch wieder zu entstehen; wo sie hinwollen, dort sind sie gegenwärtig, worauf sie ihre Aufmerksamkeit heften, das wissen sie. Ihr Bewußtsein umfaßt die Welt; sie springen als Geister von Stern zu Stern hinüber, so wie wir von Erinnerung zu Erinnerung. Sie wirken im Stillen, Geheimen. Nur ganz selten greifen sie sichtbar ins Geschehen ein. Aber sie bilden sich Gehilfen in der Stille, die ihre Pläne sichtbarlich fördern sollen. Wo ein strebendes Menschenkind reif erscheint zur Übersetzung in eine höhere Dimension, kommt ihm der Meister liebreich entgegen und weist ihm den Weg auf neuer, höherer Bahn.

Ob diese Sage der Wahrheit entspricht, das weiß ich nicht; doch es gefällt mir heute, ihr Glauben zu schenken. Indem ich einsam durch die Wälder streife, und meine Blicke weit über Ströme und Täler hin zu den Schneegipfeln und Eisfeldern hinübersende, vergegenwärtige ich mir dieses übermenschliche Dasein und hoffe bei jeder Biegung des Wegs, ein Mahatma möchte mir begegnen. Sollte er meiner nicht ansichtig werden oder wirklich ablehnen, sich auf gnädigem Gedanken zu mir hinüberzuschwingen? Ich bedürfte seiner so sehr. Gerade jetzt befinde ich mich wieder an einem Punkte, wo ich unschlüssig bin darüber, was ich weiter soll. Wohl hat mein Unbewußtes die rechte Richtung immer gekannt, und gewiß wird es auch heute so sein. Als Jüngling, als Geist noch ungeboren, habe ich, oft aller Vernunft zum Trotz, doch stetig meinem Schicksal vorgearbeitet; alle Betätigung habe ich abgewiesen, die meiner besten Zukunft nicht entsprach, ohne eigentliches Interesse so manches Jahr in Laboratorien experimentierend zugebracht, als ob ich mir darüber klar gewesen wäre, daß solche Schulung mir unbedingt vonnöten war, und ohne eigentliches Bewußtsein der Ursache dem Naturstudium in dem Augenblick den Rücken gekehrt, wo es aufhörte mich zu fördern. In den Perioden physischen Tiefstandes bin ich mit dem Instinkt des Wandervogels den unbekannten Breiten zugeeilt, die mir zum Heil gereichen sollten und ebenso unbeirrbar habe ich mein Lebelang die Erfüllung der Herzenswünsche selbst vereitelt, die mein Schicksal gebrochen haben würden. Und doch hätte ich, auf mich selbst angewiesen, sogar mein heutiges, so vorläufiges Stadium nicht erreicht: an allen kritischen Punkten sind mir freundliche Menschen begegnet, die mir weiterhalfen. Es ist ein Wundersames um das geschaute Beispiel und den Einfluß des gesprochenen Worts. Man sei noch so strebsam, noch so willensstark: das Unterbewußtsein folgt Autosuggestionen nie so gut wie von anderen erteilten; wäre es anders, so bedürfte es weder der Lehrer noch der Ärzte, weder der Schulen noch der Heilanstalten. Dies erweist sich zumal, wo es sich um einen neuen Anfang handelt oder um einen Fortschritt von neuer Basis aus. Zum Durchmessen eines Wegs, der dem Bewußtsein klar vor Augen liegt, bedarf es keines Führers, weil es hier eben weiß und das Wissen von innen her bestimmt. Der Sünder jedoch, der noch so nahe an das Tor der Heiligung herangetreten ist, der weiß es nicht, denn sein Bewußtsein ist ja sündbefangen; die Raupe kann erst als Schmetterling empfinden, wo sie zum Schmetterling geworden ist. Aber wo der Werdende dicht vor der Krisis steht, wo er innerlich reif ist zur Erneuerung und nun außer sich ein Wesen gewahrt, das dort angelangt ist, wohin er strebt, dort erkennt er es und die Erkenntnis weckt in ihm das Unbewußte auf einmal zur Bewußtheit. Jetzt weiß er, wohin er soll und will; was sonst in langen Zeiträumen geschähe, ereignet sich nun vielleicht in einem Augenblick. Das ist das Werk des Meisters, des Erlösers. — Mir ist, als befände ich mich an ähnlichem kritischen Punkt. Meine einstigen Ziele kommen mir wertlos vor; bei allem, was ich im Geist meiner Vergangenheit betreibe, spüre ich, daß ich eigentlich anderes will. Aber was? Ich weiß es nicht. So täte mir ein Meister gar not, einer der dort steht, wohin ich strebe.

Heute ist mir, als läge im Mahatmatum mein Ziel; als sei ich reif, aus dem Menschentum auszukriechen; schon gibt es ja nichts Menschliches mehr, das mich innerlichst bände. Und so wie die Mahatmas sein sollen, müßten, könnten Übermenschen sein. Als Jahveh sich dem Elias zu offenbaren versprach, erwartete dieser ihn in Form des Sturms, Er aber kam als stilles, sanftes Sausen. Welche Verblendung, sich den Übermenschen als Hebbelschen Holofernes vorzustellen! Je höher ein Wesen steht, desto geistiger ist es, und je geistiger, desto geringer ist seine unmittelbare materielle Macht. Gott wirkt in das physische Geschehen gar nicht ein; Er ist nicht nachzuweisen, kaum zu erschließen. Die Mahatmas wirken nur noch indirekt. In ihrer Sphäre gilt keine der Normen, welche irdische Größe bestimmen, erscheint selbstverständlich, was die Erlöser und Heiligen aller Länder und Zeiten gelehrt, den Menschen aber ewig paradox klingen wird: das Demut mehr ist als Stolz, Ehrgeiz vom Übel, alles Streben nach irdischem Glück ein Mißverständnis, daß nur der sein Leben gewinnt, der es verliert… Die Mahatmas heischen von dem, der ihnen nachfolgen will, Verzicht auf alles, was hienieden als erstrebenswert gilt. Natürlich. Bin ich so weit schon, verzichten zu können? Heute ist mir, als wäre ich es; als sei alle Absicht in mir schon abgestorben, alle Eitelkeit, alles Streben nach Erhöhung und Ruhm. Erschiene mir heute ein Meister und sagte mir: Komm!, ich folgte ihm blindlings.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
© 1998- Schule des Rades
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