Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

In den Himalayas: Streben nach Vollendung

Kein Mahatma erscheint mir. Keine Stimme eines Meisters vernehme ich weder in noch außer mir. Aber wunderbar anregend wirkt in den Himalayas die Luft. Lange ist mir das Denken nicht so leicht gefallen, hat es mich so wenig Mühe gekostet, bei den Problemen, die mich just beschäftigen, zu verweilen. So verbringe ich jeden Tag etliche Stunden ohne merkliche Ermüdung mit Yoga-Experimenten.

Während dieser fiel mir heute die Äußerung eines Biologen ein, unser Gehirn sei protoplasmatischer Natur; es sei das einzige unserer Organe, das noch in eben dem Sinne plastisch wäre, wie der Gesamtkörper des Protozoons. Das ist nicht richtig. Wie schwierig es sei, die Struktur des Gehirnes festzustellen: es ist ein differenziertes Organ, das sich in keinem anderen Sinn verändert, als ein Muskel, der durch Übung umgestaltet wird; nichts wesentlich Neues entsteht in ihm. Das Eigentümliche des Protisten liegt aber darin, daß er aus gestaltloser Grundmasse je nach den Umständen Gestalten schafft, die früher oder später ins Amorphe zurücksinken. Der Mensch nun, dessen gesamter physischer Leib, seinen Samen ausgenommen, fest ausgestaltet ist, ist allerdings auch protoplasmaartig — nicht aber als physischer, sondern als psychischer Organismus. Befasse ich mich mit Protisten, so kann ich mir deren Eigenart nur durch den Vergleich mit der Psyche deutlich machen: ihre Organe entstehen, wie beim Menschen die Einfälle kommen. Kehre ich den Vergleich nun um, urteile ich vom Protisten her, so sehe ich mich logisch gezwungen, zu folgern, daß der Stoff, aus dem sich die Gedanken und Anschauungen zusammenballen, genau den Charakter des Protoplasmas trägt. Im Zustande der Ruhe ist der Inhalt der Psyche, soweit wir uns seiner bewußt sind, amorph; sobald die Aufmerksamkeit erwacht und sich irgendwohin lenkt, oder sobald die Masse überhaupt in Bewegung gerät, entstehen Strukturen — Gedanken, Töne, Bilder usw. — die sich verflüchtigen, sobald das Bewußtsein sich umzentriert. Ich habe mir diese Gestaltungen nun als solche anzusehen versucht, was insofern nicht ganz einfach ist, als sie nur ungern weilen, und jeder Gedanke, den man sich über das Gesehene macht, seinerseits eine Gestalt bildet, die das ursprüngliche Bild überschichtet; der Schluß, zu dem ich übereinstimmend mit den Indern gelange, ist der, daß die Gebilde der Psyche wirkliche Gegenstände sind, also Objekte, die nach den Kategorien von Kraft und Stoff begriffen werden müssen. Selbstredend gehören sie einer anderen Ordnung des Erscheinenden an, als die Gegebenheiten der äußeren Natur, aber es wäre verfehlt, ihr materielles Dasein abstreiten zu wollen, da sie doch Gegenstände der Erfahrung und als Geist nicht zu begreifen sind. Was hat es denn mit der Unterscheidung von Natur und Geist letzthin für eine Bewandtnis? Daß es sich um eine reale handelte, halte ich für überaus unwahrscheinlich, und zu entscheiden ist diese Frage keinesfalls; es ist unmöglich, mit den Mitteln des Verstandes in der Sphäre des Metaphysischen sichere Schlüsse zu ziehen. Sicher betrifft die Antithese von Natur und Geist nur ein epistemologisches Verhältnis, eine ratio cognoscendi.

Alles Gegebene, Aktuelle ist Natur, folgt deren unwandelbaren Normen. Das schöpferische Prinzip, das wir voraussetzen müssen, kommt in der Schöpfung zum Ausdruck, aber ist sie nicht. Ich bin frei, insofern als ich wollen kann, aber sobald ich gewollt habe, befinde ich mich strengstens determiniert; sobald eine Gestaltung entstanden ist, ist es aus mit der Spontaneität. So mag die Freiheit dem Körper, und Gott der Natur zugrunde liegen, aber in dieser Gott unmittelbar am Werk sehen zu wollen, ist ebenso widersinnig, wie die Fingernägel als freien Willensentschluß zu beurteilen. Von allen Fassungen die gegenständlichste scheint mir die meinige zu sein, die das Metaphysisch-Wirkliche mit dem Begriff des Lebens identifiziert, denn im Leben allein sehen wir uns je und je auf den schöpferischen Urgrund zurückgewiesen. Wohl mag alle Natur in diesem Sinn ursprünglich lebendig gewesen sein, mag das Sternenheer seine Entstehung einem Einfall Gottes danken — wer kann das wissen? — aber was wir tatsächlich erfahren, ist nicht der Wille Gottes, sondern ein Geschehen, das mechanischen Gesetzen folgt, also Natur; gleichermaßen folgt der fertiggestaltete Organismus keinen anderen als physiologischen Gesetzen, folgt das soziale Leben den toten Normen des Usus und des Rechts usf. Aus allem diesem geht hervor, daß, gleichviel in welchem Wesensverhältnis Natur und Geist zueinander stehen mögen, der Verstand nicht umhin kann, zwischen ihnen zu scheiden, und da der Seinsgrund dieser Scheidung in ihm selber liegt, sie wohin immer übertragen mag. Also bin ich berechtigt, die Gegebenheiten des Bewußtseins als Materie zu begreifen. Welcher Art diese Materie sei, kann ich nicht sagen; ich selbst bin hier zu keinen befriedigenden Einsichten gelangt und die Behauptungen der Inder und Theosophen können vorläufig nicht nachgeprüft werden. Aber daß es tatsächlich so etwas wie einen Gedankenstoff gibt, scheint mir gewiß, und aus dieser Bestimmung, sowie aus den Möglichkeiten, die sie einschließt, ergeben sich nicht uninteressante Folgerungen.

So scheint es, daß die Sphäre der Freiheit mit fortschreitender Entwicklung immer mehr zurückweicht. Bei den Protisten schließt sie noch den Körper ein; bei diesen erweist sich die physische Seite des Lebens noch im selben Sinn und Maße als plastisch, wie beim Menschen nur mehr die psychische. Je festere Gestalt die Physis annimmt, desto unfreier wird sie. Seesterne vermögen noch die Hälfte ihres Körpers, Reptilien wenigstens die Extremitäten zu regenerieren, die höheren Tiere haben von der einst unbeschränkten Phantasie des Körpers nur noch soviel übrig behalten, daß sie meist schnell und ohne Pflege genesen. Beim erwachsenen Menschen äußert sich die Freiheit im Körper so gut wie gar nicht mehr. — Dafür tut sich in ihm eine neue Sphäre des Wirklichen auf. Er ist als Psyche ebensosehr Protoplasma, wie als Physis nur irgendein Protist; ungestaltet an sich, doch jeder Gestaltung fähig. Aber auch hier verläuft die Entwickelung der Festigung zu; je vorgeschrittener eine Psyche ist, desto differenzierter sind ihre Organe und Gebilde, und destomehr neigt sie zur Kristallisation. So haben wir nicht allein Gesetze, soziale Systeme, Religionen, feste Weltanschauungen: jedes Einzelnen Geist kristallisiert früh oder spät zu einem festen Gebilde aus, das, einmal vollendet, keiner Veränderung mehr fähig erscheint und nur mehr wächst und den Stoff wechselt, wie der physische Körper auch. Nun aber kommt das Paradox: als der höchste Geist gilt uns nicht der, welcher die festeste Gestalt zu eigen hat, sondern umgekehrt der plastischeste; der, welcher niemals fertig (figé) ist. Also scheint das Protoplasmatische prinzipiell doch das Höhere zu sein, obgleich dessen eigene progressive Tendenz unzweifelhaft fester Gestaltung zustrebt.

Ich weiß mir diesen Tatbestand im Augenblick nur so zu deuten, daß es in der Sphäre des Lebens wohl ein Höheres, jedoch kein Höchstes gibt. Höher als das Unbestimmte steht das Bestimmte, aber höher als dieses wiederum ein neues Unbestimmtes, das seinerseits seine Erfüllung in der Bestimmung fände usf. ad infinitum. Die Bestimmtheit ist das Maximum für einen gegebenen Augenblick, sobald dieser zur Zeit wird, nimmt das Maximum mehr und mehr den Aspekt eines Minimums an. Also läßt sich schlechterdings keine absolute Vollkommenheit denken, es sei denn, man verstände unter dieser, mit Hegel, das Endprodukt eines endlosen Prozesses — eine bloß mathematisch reelle, empirisch imaginäre Größe. Was für praktische Konsequenzen soll man aus dieser Erkenntnis ziehen? — Ich sehe keine andere als die, welche von je mein Leitmotiv war: überall nach Vollendung zu streben, aber keine erreichte je als Definitivum zu betrachten. Soviel in der Theorie. Praktisch liegt die Frage erheblich einfacher. Der Amöbe ist die vollendete Menschengestalt ein Unerreichbares, uns allen die Vollendung eines Buddha. Da jedermann bestimmte, begrenzte Möglichkeiten verkörpert, so gibt es auch für jeden (in einer gegebenen Existenz, sofern jeder deren mehrere vor sich haben sollte, was ich nicht weiß) ein absolutes Maximum. Dieses zu erreichen, soll sein Lebensziel bedeuten. Dieses Ideal hat er auch in dem Fall festzuhalten, wo er gewahr wird, daß in ihm höhere Möglichkeiten leben, als ihm ursprünglich schien, denn der Weg zu einer höheren Stufe der Vollendung führt immer über das Streben nach einer niedrigeren hin und ist anders überhaupt nicht zu finden. Dies denn ist die Wahrheit, welche der Evolutionstheorie zugrunde liegt, obgleich sowohl der indische als der darwinische Ausdruck derselben den wirklichen Verhältnissen nur unvollkommen gerecht wird: es gibt wirklich eine Stufenfolge, eine Hierarchie der Wesen, von denen jedes unmittelbare Ideal in der nächsthöheren Stufe liegt. Wir haben nach Vollendung zu streben, wiewohl jede erreichte Vollendung vom nächsthöheren Standpunkte gesehen als Beschränkung wirken wird. Nur eine einzige andere Möglichkeit ist noch denkbar, von der es mir aber zweifelhaft scheint, daß Menschen sie verwirklichen können: unter Verzicht auf allen Ausdruck nach außen zu sich so tief zu verinnerlichen, daß man in seiner eigenen reinen Möglichkeit lebte. In dem Falle wären alle Grenzen überwunden, weil vorweggenommen…

Ich setze den abgebrochenen Gedankengang nach einer anderen Richtung hin fort. Wenn das innerste Prinzip des Lebens an sich jeder Gestaltung fähig ist, wovon hängt die gegebene Gestalt ab? Offenbar von den äußeren Umständen, zu welchen natürlich die Erbmasse, das Karma, die Naturanlage mitgehören. So könnte einerseits die Evolution der Organismen weit, andrerseits das Schicksal des Einzelnen, so weit ich heute sehe, erschöpfend verstanden werden. Es treten überall die einerseits möglichen, andrerseits notwendigen Bildungen in die Erscheinung. Denke ich nun von hier aus an jenes Proteusideal, zu dem ich mich so lange bekannt habe, so erkenne ich, daß zu dessen Verwirklichung nicht mehr als eine unbegrenzte Plastizität und die Gelegenheit, unendlich viele Umstände auf sich einwirken zu lassen, erforderlich wäre. Ein Gedankenwesen könnte buchstäblich jede Gestalt annehmen; materielle müssen sich immerhin an ihre Spezies und ihren Typus halten.

Je mehr ich mich mit dem Problem befasse, desto mehr befremdet es mich, daß Philosophen die geistigen Gestaltungen so ernst nehmen können, wo sie doch jeden Augenblick erfahren müssen, wie flüchtig diese sind, wie oberflächlich und zufällig begründet. Menschen kristallisieren zu Berufstypen aus, religiöse Verbände schaffen Nationen, die Lebensstellung prägt sich der Physis auf, gewiß. Aber woran liegt das? Doch ausschließlich an der Inertie. Hätten die Menschen ein klein wenig mehr Phantasie, so könnten alle diese Klassen nicht bestehen, oder vielmehr, sie würden bestehen, aus Gründen der Nützlichkeit, aber nicht so bitter ernst genommen werden. Ich, für meinen Teil, kann alle noch so festen Gestaltungen nicht anders beurteilen, als die Gebilde der schweifenden Phantasie, und anstatt mich dessen zu freuen, leide ich darunter, daß viele so dauerhaft sind. Allein die meisten Menschen sehen die Lage anders an, und wahrscheinlich ist das so gut; denn sonst käme dieser Planet überhaupt zu keinem festen Inventar. Freilich, ginge es nach mir… Ich gestehe, daß ich in vielen, immer wiederkehrenden Stimmungen mein Vollendungsstreben als pis-aller beurteile. Unter den gegebenen Verhältnissen, bei der Unüberwindlichkeit der Trägheit läßt sich leider nichts Besseres anstreben. Aber lieber wäre mir wohl, ich könnte ohne aufgedrängte Bestimmung dauern, und unfaßbar an mir selbst, gelegentlich, wie es sich gerade gibt, bald als Keyserling, bald als Tier oder Gott, und bald als Weltall in die Erscheinung treten.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
© 1998- Schule des Rades
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