Schule des Rades

Hermann Keyserling

Menschen als Sinnbilder

Schopenhauer als Verbilder

Schöpferische Selbstgestaltung

Der frühe Nietzsche schreibt: Allmählich hat es sich mir herausgestellt, was jede große Philosophie bisher war, nämlich das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter mémoires. Das ist die Umkehrung der Wahrheit: eine große Philosophie ist das genaue Gegenteil eines Bekenntnisses, sie ist nicht Darstellung eines Empirischen, sondern dessen Überwindung durch die Idee. Daß dieser Satz bei aller großen Kunst zu Recht besteht, dürfte kein Einsichtiger bestreiten. Viele behaupten ja wohl, Faust stelle Goethes eigentliche Memoiren dar, aber Schlechteres läßt sich schwer bemerken: die Einheit der Dichtung liegt auf anderer Ebene als die der empirischen Wirklichkeit, die beiden berühren sich nicht einmal. Beim Chronologischen ist das Faktum die letzte Instanz, mag es bedeuten, was es will, in der Poesie regiert die Bedeutung den Tatbestand; das Primäre im Faust ist nicht die Fabel, es ist die Stimmung und der Sinn. Fausts Person, wie sie sich der äußerlichen Betrachtung darstellt, mag die ungleichartigsten und unvermitteltsten Phasen durchlaufen, die Dichtung Faust ist ein dynamisches Ganzes, sie verdichtet das Stückwerk eines Menschenlebens zur geschlossenen geistigen Einheit. Die Poesie bezieht das Besondere in weite Zusammenhänge ein, erhebt den Zufall zur Notwendigkeit, den Tatbestand zum Schicksal; sie schafft aus der Welt eine neue Welt. Jede große Dichtung bedeutet insofern die Überwindung eines Empirischen in der Idee. In diesem Sinne eignet sogar der Lyrik unpersönliche Idealität. Die Stimmung, die das Gedicht erschuf und im Ausdruck zusammenhält, besteht unabhängig von des Autors Person; sie ist ein Absolutum, ein Selbstherrliches, das keiner Stütze bedarf. Wer die Rime liest, darf Francesco Petrarca vergessen, das Sonett hat sich vom Menschen losgelöst. Und nur insofern eine Dichtung in diesem Sinne unpersönlich ist, kann sie als lebendige Schöpfung gelten. Flaubert hat in einem tieferen Sinne recht, als er es selbst gemeint hat, wenn er sagte: L’artiste ne doit pas plus paraître dans son œuvre que Dieu dans la nature. Ob der Künstler objektiv oder subjektiv ist, ob er Erlebtes oder Erfundenes darstellt, berührt nicht den Wert seiner Kunst: darauf kommt es an, daß die schöpferische Idee alles Einzelne so lebendig beseele, den Zusammenhang so notwendig bedinge, daß des Schöpfers Dasein geleugnet werden kann, ohne daß die Welt hierdurch aufgehoben würde.

Genau in dem Sinne hat Philosophie unpersönlich zu sein. Sie muß dastehen können, unabhängig von ihrem Urheber. Sie ist insofern das Gegenteil eines Bekenntnisses. Nietzsche stand, als er den angeführten Ausspruch niederschrieb, unter dem Banne Schopenhauers, und diesen hat er, wenn auch falsch beurteilt, so doch richtig durchschaut: Schopenhauers Philosophie ist wirklich ein Selbstbekenntnis. Aber sie ist auch keine große Philosophie.

Daß Schopenhauer einige der Sonderfähigkeiten abgingen, welche dem Denker notwendige Werkzeuge sind, ist von geringerer Bedeutung, als es den Anschein hat. Ihm fehlte wohl jede tiefere Anlage zur Erkenntniskritik, Hegels logische Kraft, Kants Meisterschaft in der Fragestellung, ihm fehlte Spinozas Intensität der Abstraktion, der grüblerische Tiefsinn eines Plotin. Dafür besaß er Eigenschaften, welche jene nicht hatten: eine wunderbare Luzidität der Anschauung, eine seltene Beobachtungsgabe, psychologischen Scharfblick und manches mehr. Er hätte, der bloßen Bilanz seiner Talente nach, ein größter Denker werden können. Aber er ist doch keiner geworden. Dies liegt daran, daß es Schopenhauern an der eigentlichen Potenz in der Ideenbildung gebrochen hat.

Um recht deutlich zu machen, was dieses Urteil besagen soll, will ich zwei Geister schildern, welche diese Potenz im höchsten Grade besessen haben: Kant und Hegel. Erinnern wir uns dessen, was bei der Dichtung das eigentlich Schöpferische ist: die Grundidee oder die Grundstimmung, die allem Einzelnen den Sinn verleiht. Das gleiche gilt von der Philosophie: auch deren Charakter hängt allein vom Charakter der Grundidee ab. (Ich gebrauche das Wort Idee als allgemeine Bezeichnung für Anschauung, Gedanke, Gesichtspunkt, Grundkonzeption, Einstellung usw.) Sie muß alles Einzelne zusammenhalten, wie Gott das Universum, sie muß alldurchdringend, allgegenwärtig, allbeseelend sein: sonst ist sie nicht schöpferisch. Dieses Allbeseelende, Alldurchdringende ist bei Kant, dem kritischen Denker, sein Gesichtspunkt, die Art seiner Fragestellung. Überall ist diese gegenwärtig, mit bewunderungswürdiger Energie, überall schaffend, richtend und ordnend; jedes Einzelne erhält von ihr Stellung und Sinn. Die Fragestellung der Vernunftkritik ist die folgende: vorausgesetzt, daß die Naturwissenschaften wirkliche Erkenntnis vermitteln, wie ist diese Wirklichkeit ohne Zuhilfenahme unerweisbarer Annahmen zu verstehen?, woraus sich die Aufgabe ergibt, die Welt aus den Bedingungen ihrer Erfahrbarkeit heraus zu begreifen, oder anders ausgedrückt, aus Erkenntnisgründen dieselbe Schöpfung hervorzubringen, wie die Natur aus Gründen des Seins. Der Anblick ist nun wahrhaft erhebend, mit welcher Überlegenheit Kant dieser Aufgabe gerecht wird, mit welcher Kraft er die ganze Welt von seinem Standpunkt aus zusammenhält. Da gibt es kein Entrinnen, kein Entweichen. Wie die Natur in sich selbst beruht, so ruht sie in den kantischen Voraussetzungen. Damit, daß Kants Werk keine logischen Fehler, keine Widersprüche enthält, damit, daß es ein abgerundetes System darstellt, wäre nichts bewiesen: Widerspruchslosigkeit schließt Impotenz nicht aus, kleinste Geister sind oft untadelige Logiker, und zum System führen die allerverschiedensten Wege. Eduard von Hartmann und Wundt sind beide bedeutende Systematiker und dennoch beide wesentlich unproduktiv. Das Außerordentliche bei Kant ist, daß sein Gesichtspunkt seine Logik bedingt, wie das Lebensgesetz die Entwickelung des Organismus, daß seine Widerspruchsfreiheit etwas Positives ist, wie das Zusammenstimmen der Funktionen beim Lebewesen, daß sein System die schlechthin notwendige Folge seines Prinzips ist, wie die erwachsene Gestalt das Schicksal des Keims. Kants Gesichtspunkt schafft von innen heraus, er schafft aus einem Material, nach einem Gesetz, aus einem Geist. Kein fremdes Element ist in seinem Werke zu entdecken, kein Passus nachzuweisen, der nicht durch seine Stellung im System, sondern anderswoher, etwa durch die Person des Denkers, ihren Halt gewänne. So ist Kants Philosophie eine vollendete geistige Einheit, vollendet in sich selbst und aus sich selbst erwachsen. Sie besitzt eigenes, selbstherrliches Leben, unabhängig von dem, der sie erschuf. Sie steht da wie die Odyssee, wie Faust, wie die Göttliche Komödie, unsterblich, weil sie durch und durch lebendig ist.

Kants Schöpferkraft ist die des kritischen Philosophen, derjenigen des Physikers am nächsten verwandt; sie erweist sich in der Stellungnahme den Tatsachen und Problemen gegenüber. Hegel war schöpferisch auf anderem Gebiet, demjenigen der reinen Metaphysik. Hegel befaßte sich nicht mit den regulativen Prinzipien der Vernunft, er handelte von den konstitutiven Prinzipien des Seins. Es ist nicht ganz leicht, diesem Denker gerecht zu werden, denn seine Prämissen sind undeutlich, seine Postulate anfechtbar, seine Ergebnisse demzufolge nur zum Teil zu halten; ihm fehlte es an Exaktheit des Denkens, an Gewissenhaftigkeit in der Fragestellung, und die Gabe des sprachlichen Ausdrucks war ihm vollends versagt. Aber seine Schöpferkraft in der Ideenbildung steht in ihrer Sphäre unerreicht da. Hegels System ist eine lebendige Einheit allergrößten Stils. Seine Grundidee beherrscht das Einzelne mit zwingender Gewalt, fortstrebend von Verkörperung zur Verkörperung, allenthalben wirksam und lebendig; sie umfaßt alle Erfahrung, verleugnet keine Erscheinung, sucht das Werden in seinem Wesen zu durchdringen. In diesem Weltbild ist alles dicht und straff, der Zusammenhang ist überall gespannt, er bedarf keines äußeren Haltes. Hegels Philosophie bedeutet den bisher gewaltigsten Versuch, den Naturprozeß in Begriffen nachzubilden. Der Versuch ist zwar gescheitert, er mußte scheitern wegen der verhängnisvollen Identifizierung des Weltengrundes mit der Vernunft, des Wesens der Dinge mit den Begriffen. Aber Hegels Streben war ursprünglich richtig orientiert, und seine Kraft war die eines Giganten. An innerer, organischer Notwendigkeit des Gedankenbaues wird Hegel von Kant nicht übertroffen. Auch bei Hegel stammt alles aus einem Keim, ist alles innerlich hervorgewachsen, ist alles in sich selbst gegründet. Ja, es mag Beleuchtungen geben, in welchen Hegels gescheitertes Unternehmen erhabener erscheint als das siegreich Vollendete des Weisen von Königsberg: Kant hat sich zur Welt als unbeteiligter Forscher verhalten, vorsichtig tastend, von außen her behutsam vordringend; Hegel erstürmte den Mittelpunkt der Welt, er suchte ihr Werden im Geiste zu verkörpern. Seine Idee beseelt die Natur, beseelt die Geschichte, gibt dem Weltprozeß einen einheitlichen Sinn. Wer das vermag, gleichviel ob er die Wahrheit fand, der ist ein gewaltiger Schöpfer, der ist kein geistloser Charlatan.

Es ist Schopenhauer, welcher Hegel auf die letztere Weise bestimmt hat. Daß er, der in Sachen des Genies sonst so sicher urteilte, seinen großen Rivalen vollkommen verkannt hat, läßt sich, wenn wir von persönlichen Motiven absehen, aus zwei Defekten seines Geists erklären: seiner Untiefe in der abstrakten Sphäre und dem typischen Vorurteil des Literaten, daß die Sprache über den Wert der Gedanken entscheide. Schopenhauer war unfähig, die geistige Stellung einzunehmen, von welcher aus das Sein, das Absolute, das Selbst als äußerste Erkenntnisprobleme erscheinen; er konnte, wie er selbst bekannte, im Sein nicht mehr erblicken, als den nichtssagenden Infinitiv des Copula. Ihm war Durchsichtigkeit das Höchste und Letzte, ihm kam es nie in den Sinn, daß die Transparenz oder Opazität eines Stoffs von dessen Wesen unabhängig sein kann, daß bei gewissen Tiefen Durchsichtigkeit der Darstellung kaum mehr erreichbar ist, und vor allem, daß tief denken und gut schreiben zwei Dinge sind, von denen keins das andere notwendig bedingt. Tiefe ist Ergebnis der Verinnerlichung, sie besteht darin, daß alles Vielfältige vereinheitlicht, alle Materie von innen heraus beseelt, aller Stoff zur Substanz verdichtet erscheint. Und in diesem Sinne war Hegel viel tiefer als Schopenhauer. Vergleichen wir die Welt als Wille und Vorstellung mit der Phänomenologie des Geistes: bei dieser ist, wir sahen es, alles aus einem Guß, aus einem Geist, es ist ein Leben, welches das Ganze beseelt; jene ist ein Nebeneinander von Lebenseinheiten verschiedener Art und verschiedenen Geblütes, die sich selten vertragen, häufig bekriegen und von denen keine durch die andere bedingt erscheint. Bei Schopenhauer bedingt die Grundidee die Logik nicht, wie das Lebensgesetz die Entwicklung, bei ihm ist der Zusammenhang der Elemente nicht produktiv, wie der Zusammenhang der Funktionen beim Lebewesen, und das System keine schlechthin-notwendige Folge des Prinzips, wie die erwachsene Gestalt das Schicksal des Keims. Die Willensmetaphysik impliziert den Illusionismus nicht, der kritische Gesichtspunkt ist von außen hineingetragen, der Pessimismus entspringt aus abliegendem Quell, die Verneinung des Willens am Schluß verneint das Prinzip des Systems. Die Welt als Wille und Vorstellung ist dem inneren Bau nach das gerade Gegenteil der Phänomenologie des Geistes. Sie ist nicht eines Geistes Kind, nicht durchdrungen von einer Idee, die sich selbst ihre Organe und Verkörperungen schafft, sie besitzt daher kein selbständiges Leben. Dieses Werk wird nur äußerlich zusammengehalten. In sich selbst ist es nicht gegründet und nicht vollendet. Schopenhauer sollte tiefer sein als Hegel? Ihm ist es nie gelungen, die Gesamtheit seiner Gaben zu beherrschen, nie geglückt, sie von innen heraus zu durchdringen; er hat es als Philosoph zu keiner Verinnerlichung gebracht. Er kannte wohl Momente tiefsten Lebensgefühls, luzidester Anschauung, durchdringendsten Denkens. Allein die tiefen Weltstimmungen, aus denen der Plan seines Werks entstand, wußte er nur durch Scharfsinn zu verknüpfen, seine Anschauungen nur dialektisch zu kombinieren, seine Gedanken nur literarisch in Einklang zu bringen. Seine Grundidee war nicht kraftvoll genug, um sich die fremden Elemente zu assimilieren, sie vermochte keinen selbständigen Organismus zu erzeugen, wie solches Kant und Hegel so wunderbar gelang. Schopenhauers Werk ist, noch einmal, nicht eigenlebig. Es ist der Ausdruck eines Geists, der sich zu keiner ideellen Einheit durchzuringen vermocht hat.

Das ist es. Die eigentliche Schöpferkraft des Denkers, die Potenz in der Ideation, hat Schopenhauern gefehlt. Er hat seinen Geist nicht zusammenfassen, zu keiner intensiven Einheit verdichten können, seine innere Form zu finden nicht gewußt. Und das war wirkliches Unvermögen, nicht Zufall oder Mißgeschick: seinem Geist fehlte das Letztentscheidende, die von innen heraus treibende Kraft; ihm fehlte das ethische Moment. Schopenhauers Wille war im tiefsten Sinne ohnmächtig. Und er war es auf jedem Gebiet. Ein Mann wie Herder, als Geist keine intensive Einheit, war es doch in seinem Leben, als Persönlichkeit; Schopenhauer war als Mensch erst recht nicht schöpferisch. Die ethische Spontaneität ging ihm vollständig ab. Schopenhauer ist vielleicht der starrste Charakter, der unter Geisteshelden vorgekommen ist, er war unbildsam bis zur Unwahrscheinlichkeit. Aus einer reichen und mächtigen Natur hat er nichts mehr zu machen gewußt, nachdem die erste, unvermeidliche Plastizität der Jugend vorüber war. Er konnte nur das anwenden, verarbeiten, verrechnen, was fertig in ihm lag, und das hat er zeitlebens mit Zähigkeit getan: Neues zu schaffen ging über seine Kraft. Die Einsicht vermochte den Menschen nicht zu ändern, seine hohen Ideale blieben wirkungslos. Wer hat den Heiligen schärfer erschaut als Schopenhauer, wer hat ihn überschwenglicher gepriesen? Er war unfähig, einer zu werden. Ewig mußte er so bleiben, wie er war. Schopenhauer gehörte nicht zu den Schöpfernaturen, deren Leben ununterbrochener Fortschritt ist, denen ihre Sünden deshalb täglich vergeben werden, weil der Mensch jeden Tag ein anderer, neuer ist: in früher Jugend schon ist er für immer stehengeblieben. Die Zeit hat keine frischen Keime in ihm getrieben, sie hat nur die Züge verschärft und übertrieben, die schon am Kinde sichtbar waren.

Schopenhauers Metaphysik ist dem eigenen Leben abgezogen, sie ist das riesenhafte Abbild seines tief erfaßten Naturells. Die Welt ist ohnmächtiger Wille, ein Wille, welcher nichts bewegen kann; sie ist ein ewiges Einerlei. Aller Fortschritt ist Schein, alle Schöpfung Täuschung. Die Geschichte ist unwirklich, die Zeit ohne Bedeutung. Der Charakter des Menschen ist unwandelbar, was er ist, ist Sache des Zufalls oder der Gnade. Zu wollen ist da nichts Schopenhauer muß ein tief unglücklicher Mensch gewesen sein. Nicht etwa, weil zwischen seinem Streben und seinem Sein ein Gegensatz bestand: der Schöpfer freut sich des Unvollkommenen, denn es gibt ihm Gelegenheit zur Tat. Sondern deshalb, weil dieser Gegensatz unüberwindlich, weil sich Schopenhauer seines Unvermögens bewußt war und dasselbe als Unbill empfand. Wie hätte er es auch anders empfinden können? Seine Natur schien doch reicher ausgestattet als die so manches Geists, der die höchste Stufe erstiegen hat; es mangelte ihm weder an Einfällen noch an Urteilskraft. Er begriff das meiste, ahnte das Höchste, sein Intellekt war wirklich ein Spiegel der Welt. Wie sollte es ihn da nicht empören, daß ihm das Äußerste fehlte, das Vermögen, seine Gaben mit einem Geiste zu durchdringen, seine Ideen lebendig zu verkörpern? Um so mehr als er ein so sicheres Gefühl für geistige Größe besaß? Durch Schopenhauers beharrliches Selbstlob klingt überall das dunkle Bewußtsein der Ohnmacht hindurch; seine Bitterkeit ist die des unheilbar Kranken, sein Schimpfen das des geschlagenen Krüppels. Ein Goethe konnte nicht eitel sein, weil ihn jede Erfahrung verwandelte und das Morgen jeden Einwand gegen das Heute entkräftete. Schopenhauers Selbstbewußtsein mußte die Form der Eitelkeit annehmen, denn wer sein Sosein anfocht, der verneinte ihn überhaupt. Schopenhauer war unentrinnbar, erbarmungslos an das Empirische gefesselt. Ihm war sein Individuum die letzte Instanz. Deswegen legte er auch in seiner Beurteilung der anderen allen Nachdruck auf die ursprüngliche Natur. Man ist genial oder nicht — das ist der Wertmaßstab der geistigen Leistung; desgleichen im Ethischen: man hat die Gnade, oder sie ist einem versagt. Die Entwicklung leugnet er, von schöpferischer Selbstgestaltung ahnt er nichts. Das Α und Ω seiner Philosophie, das Zentrum, auf welches sich alles bei ihm bezieht, wohin auch der fernste Ausblick reflektorisch zurückweist, ist Arthur Schopenhauers Person.

Hermann Keyserling
Menschen als Sinnbilder · 1926
Schopenhauer als Verbilder
© 1998- Schule des Rades
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