Schule des Rades

Hermann Keyserling

Menschen als Sinnbilder

Spengler der Tatsachenmensch

Mechanistische Weltanschauung

Wenden wir uns jetzt dem Propheten Oswald Spengler zu. Was ich über seine sonstige und allgemeine Bedeutung im 5. Heft des Wegs zur Vollendung geschrieben habe, will ich nicht wiederholen; hier ist es mir weder um Würdigung noch Kritik an sich zu tun, denn dieses Buch behandelt Persönlichkeiten lediglich als Sinnbilder. Ich will einzig den Sinn und die Grenzen von Spenglers Prophetengabe und -Sendung kurz bestimmen, um an konkretem Beispiel das bisher gesagte Grundsätzliche ganz deutlich zu machen und dadurch weiteren allgemeinen Einsichten den Weg zu bereiten. Nur so viel zu Spenglers allgemeiner Würdigung, damit die folgende scharfe Kritik im Leser keinen falschen Eindruck vom Gesamtbild seiner Persönlichkeit hervorruft: sieht man vom Propheten und Geschichtstheoretiker ab, so ist er zweifelsohne einer der stärksten lebenden Geister, seinen meisten Beanstandern so turmhoch überlegen, daß ich mich für die, welche gegen ihn schreiben, oft aufrichtig geschämt habe. Seine Bücher strotzen von wichtigen und nützlichen Einzeleinsichten, sowie von glücklichen Fassungen, welche fortleben werden; insbesondere besitzt er einen supremen Sinn für Tatsachen und deren Bedeutung im Natur- und Kulturzusammenhang, abgesehen von ihrem metaphysischen oder sonstigen Geisteswert.

Betrachten wir also einzig den Propheten Spengler. Da wäre zunächst zu sagen, daß dieser dem historischen Geschehen gegenüber ohne Zweifel vom richtigen Ansatz ausgeht. Dieses kann, als ein Lebendiges, allein vom Sinne her begriffen werden, nicht aus dem Geist der Kausalität heraus, die nur dessen Ausdrucksmittel bindet; und was Spengler Physiognomieschau heißt, ist nichts anderes wie Sinnerfassung und Sinndeutung. Insofern die Geschichte ein Sinneszusammenhang ist, besteht auch seine Kulturseelentheorie zu Recht1. Und ob nun Spenglers besondere historischen Gliederungen zutreffen oder nicht — seine Fehler sind ein Geringeres gegenüber seiner Tat, dank einer ausserordentlichen Ausdruckskraft den wesentlich richtigen Gesichtspunkt dem allgemeinen Bewußtsein eingebildet zu haben. Ferner verfügt er in hohem Grade über die Gabe, die den großen Historiker kennzeichnet: die Fähigkeit, retrospektiv zu kombinieren und Tatsachen selbstgeschaffenen Sinneszusammenhängen einzugliedern. Dies ergibt jedes, mal eine höchst interessante Geschichtsdichtung und sehr häufig überdies ein der Wirklichkeit gemäßes Bild. Es ist nämlich ungerecht, in diesem Zusammenhang auf Spenglers Irrtümer den Akzent zu legen. Wer kombinatorisch dermaßen begabt ist, dem fällt nicht nur das Wirkliche, sondern auch alles Mögliche ein, und wer soll a priori wissen, welche Möglichkeit tatsächlich verwirklicht ward? Im Fall der gewaltigen Zusammenhänge, mit denen Spengler sich in erster Linie befaßt, sind nun Richtigkeitsnachweise überhaupt schwierig. Und dann ist Spengler nicht als Historiker ausgebildet, sondern als Mathematiker, d. h. auf hemmungsloses Deduzieren hin. Grundsätzlich läge es in ihm, soweit Tatsachen in Frage stehen, nur Richtiges zu sagen, inwiefern seine Irrtümer als Zufälle anzusprechen sind.

Aber so schön Spengler retrospektiv kombiniert, so vollkommen versagt er im Verstehen des noch-nicht-Gewordenen. Selten ward ein Prophet je so schnell und so regelmäßig ad absurdum geführt wie er. Nicht eine seiner Prognosen für die nahe Zukunft, von der ich erfahren hätte, war bis heute richtig. Die politische Gegenwart mißversteht er, wie kein zweiter ihm einigermaßen vergleichbarer Geist. Seine Schriften, welche den Willen des Volks oder die Jugend beeinflussen wollen, atmen eine reaktionäre Gesinnung hoffnungslosester Art. Und entsprechend bekennen sich zu ihm als Propheten — da jeder Geist Schicksalsmäßig die ihm entsprechende Gefolgschaft findet — nur einerseits Catonen und andere historische Morituri, oder aber rein mechanische Geister nach der Art des Chauffeurhäuptlings, des modernen Industriekapitäns. Diese Behauptungen brauche ich nicht persönlich zu begründen: jeder Leser vergleiche sie selbst mit den Ereignissen und, in Hinsicht auf mögliche richtige Zukunftsschau, mit meinen schon eingetroffenen Prophezeiungen in Schöpferische Erkenntnis, Politik, Wirtschaft, Weisheit und Philosophie als Kunst; er vergleiche die Gegenwart überdies mit meiner Analyse ihres psychologischen Tatbestandes in der Neuentstehenden Welt. Tut er dies gerade von der Spenglerschen Voraussetzung aus, daß Tatsachen letztlich entscheiden, so wird er mein Urteil am geringsten Ausschnitt aus dem Selbsterlebten bestätigt finden. Warum bleiben gerade die Typen an der Spitze, die nach Spengler gegen das Schicksal wirken? Warum bedeutet Geist immer mehr gegenüber dem Blut? Warum erweisen sich die modernen Ideale, welche Spengler als bedeutungslos verlacht, erstens als so wirkungskräftig überhaupt, zweitens als letztentscheidend für die Machtbedeutung der Persönlichkeiten? Warum bedeuten die, welche Spenglers persönliche politische Anschauungen teilen, von Jahr zu Jahr nachweislich immer weniger, so daß man schon jetzt mit Sicherheit behaupten kann, die Ludendorffianer, Völkischen, altpreußischen Monarchisten u. ä. Typen haben nur mehr archäologisches Interesse, so groß ihre Zahl noch sei, denn es ist ausgeschlossen, in Anbetracht der gerade von Spengler als letzte Instanzen anerkannten realen Machtverhältnisse, daß sie je wieder zur Führung gelangten? Allgemein gesprochen: warum wird Spengler durch seine eigenste Behauptung, daß die Tatsachen allen ideellen Richtigkeits-Erwägungen gegenüber recht haben, als Prophet so vollkommen ad absurdum geführt? — Die Antwort, welche richtige Sinnesschau auf diese Fragen zu geben hat, ist so allgemein bedeutsam, daß ich eben deshalb Spengler unter die Sinnbilder-Menschen aufnahm.

In erster Instanz liegt des Propheten Spenglers Versagen daran, daß seine Anlage die des Historikers ist und folglich rückwärts gewandt. Es besteht erfahrungsgemäß ein physiologisches Ausschließungsverhältnis zwischen rück- und vorausschauender Intuition. Mommsen und Treitschke waren erbärmliche Gegenwartsversteher und Zukunftskünder. Und ihnen gegenüber ist Spengler dank seinem richtigen Ansatzpunkt noch sehr im Vorteil, denn zweifellos haben Kulturen ein organisches Schicksal; sie entstehen, erwachsen, altern und sterben wie andere Lebewesen auch; so daß Spengler, wo er nur im Sinn des Embryologen und Arztes prophezeit, nicht selten richtig sieht. Nichtsdestoweniger sieht er Gegenwart und Zukunft wesentlich falsch. Dies aber hat zur Ursache, daß er, gerade als Embryolog und Arzt, und was immer er in Worten behaupte, der mechanistischen Weltanschauung huldigt.

Er dekretiert immer wieder als Diktator, was allein in Zukunft eintreten kann; er gibt haargenau an, was allein man heute wollen darf:

wir haben nicht die Freiheit, dies oder jenes zu erreichen, aber die, das Notwendige zu tun oder nichts;

kein ihn widerlegendes Ereignis beirrt ihn je. Das bedeutet psychologisch, daß Spengler ein Dogmengläubiger ist. In bezug auf seinen Glaubensinhalt indes bedeutet es, daß er im historischen Schicksal, was immer er anderes behaupte, den Ablauf eines uhrwerkartigen Mechanismus sieht. Ich verstehe nicht, wie irgendeiner je Spenglers Anspruch ernstgenommen hat, auf Goethesche Art zu schauen: nur in seinen Worten ist er Organizist, seine eigentliche Meinung ist die, daß gerade das Organische maschinell zu verstehen ist, denn nur bei Maschinen ist das Schicksal im Spenglerschen Sinn voraussehbar. Wer dies nun erkannt hat, dem wird auf einmal klar, welch ungeheuerlich starrer Schematismus das Skelett zu Spenglers oft so farbigen Einzelintuitionen bildet. Warum müssen wesentlich gleichsinnige Ereignisse — diese Qualifikation sei vorläufig als möglich zugestanden — sich so genau dem Begriff der Gleichzeitigkeit, der Homologie und Analogie einordnen? Warum müssen zu gleichzeitigen Perioden auch immer die entsprechenden Persönlichkeiten geboren werden? Allerdings werden immer nur Zeitgemäße bedeutsam: aber das kann, so man ohne Vorurteil urteilt, nur an der Symbolik der Geschichte liegen, die aus dem allezeit gleichartigen Menschenmaterial jedes Mal die Anlagen zur Macht gelangen läßt, die den Zeitaufgaben entsprechen. Warum sollen, wo alles Leben wesentlich vieldeutig ist, allein die Spenglerschen Deutungen zutreffen, warum sollen Sozialdemokratie, Buddhismus und Christentum z. B. nur Verfallserscheinungen sein? Warum soll man heute nur noch Zivilisatorisches (im Gegensatz zum Kulturellen) wollen können? Hier kann man nicht erwidern, es ist nun einmal so; wäre diese Antwort möglich, dann entschiede sie selbstverständlich allen Vernunftbedenken zum Trotz. Was Spengler gibt, sind aber Deutungen, nicht Tatsachenfeststellungen. Und bei jeder Deutung darf man freilich fragen, warum gerade sie gewählt ward. Da gibt es denn keine andere Antwort auf das Warum als die, daß Spenglers vorgefaßte Meinung es so will. Und zwar nicht aus Verstehen heraus, sondern aus Glauben. Auch Hegel meinte gelegentlich, wenn die Tatsachen gegen mich sind, dann um so schlimmer für sie. Auch große Mathematiker dachten oft gering von Erfahrungsbeweisen gegen ihre grundsätzlichen Einsichten. Aber in beiden Fällen war Einsicht — ob auch vermeintliche — in die Eigengesetzlichkeit des Geists als bestimmende Wirklichkeit der Urgrund der Theorie, und da sein eigener Geist allerdings nach innen zu des denkenden Menschen letzte Instanz ist, so ist Dekretieren trotz aller Erfahrung insofern nicht widersinnig. Spengler hat keinen solchen Rechtsgrund für seine Behauptungen.

Was er hier Intuition heißt, ist in Wahrheit ein ganz bestimmter Glaube, den er in die Welt des oft wirklich intuitiv Erschauten ähnlich hineinsieht, wie Philo die Lehre Platos in das alte Testament. Was immer Spengler vorgäbe: in Wahrheit und letztinstanzlich glaubt er ganz einfach an einen Ablauf des Geschichtsprozesses im Sinne eines Uhrwerks, nur soviel der Freiheit überlassend, daß der Einzelne auch Falsches wollen kann, um dann zugrunde zu gehen. Er extrapoliert den Standpunkt des Embryologen, und noch einmal, des Embryologen der mechanistischen Überzeugung, daß der Ablauf des Lebens keine andere Deutung erfordert, als der eines chemischen Prozesses, auf den möglicher Zukunftsschau: in beiden Fällen müsse auf Bestimmtes Bestimmtes folgen. Hier drängt sich, vom psychologischen Standpunkt, der Vergleich nicht mit Philo auf, sondern mit den starrsten der Scholastiker des Mittelalters sowie denen unter den heutigen Katholiken, denen die Starrheit der dogmatischen Voraussetzungen und die unbedingte Sicherheit, die sie gewährleistet, das Wesentliche ihres Glaubens ist. Doch nun zur sachlichen Seite des Problems. Wir sahen eingangs, daß schon der Embryolog und Arzt in Wahrheit nur als Prophet und nicht als Wissenschaftler Zukunft künden kann. Spengler ist sich hierüber völlig unklar. So oft er von Organik redet, so oft er sich scheinbar Goethescher oder Bergsonscher Wendungen als Ausdrucksmittel bedient — in Wahrheit stand kein Geist Goethe je ferner, als gerade er, und Bergson hat er nie genau gelesen —, er meint immer Mechanik. Hierauf beruht denn sein Irrationalismus.

Die Welt als Uhrwerk gibt allerdings das ungeheuerlich irrationalste Rätsel auf, das sich überhaupt denken läßt. Und da sie tatsächlich kein solches Uhrwerk ist, und dies sein Unbewußtes weiß, so bleibt Spengler nichts anderes übrig — womit wir denn zur Bestimmung des Sinns seiner Gläubigkeit gelangen —, als jedem Dogmengläubigen im gleichen Fall: er verschanzt sich hinter desto größerer Starrheit seiner Begriffe. Daß er dies psychologisch kann, hängt aber seinerseits mit seinem Gelehrtentum zusammen. Der Gelehrte ist der Tatsachenmensch. Da nun alle Tatsachen irrational sind, und Glauben unter allen Umständen das psychologisch Letzte ist, so muß der Gelehrte in bezug auf die letzten Zusammenhänge irgendwie köhlergläubig sein. Hier wurzelt der Fanatismus aller Großen des mechanistischen Zeitalters: um einen so irrationalen Glauben zu halten, wie es der ihre war, bedarf es noch größerer Abwehrmaßregeln als im Fall der Kirche. Hier der scheinbar religiöse Schicksalsglaube Spenglers. Sollen die Tatsachen die letzte Instanz des Wirklichen sein, dann bleibt dem Geist als letztes Wort tatsächlich nichts übrig, als Ehrfurcht vor dem schlechthin Widersinnigen; denn Sinnvolles läßt sich nur in der Region des Sinns entdecken, oder von ihr her. Spengler schrieb mir einmal, über metaphysische Fragen hätten nur kleine Kinder und Tiere zu reden ein Recht: dies war ein besonderer Ausdruck des oben erläuterten psychologischen Sachverhalts. Er schrieb mir weiter: weder Kants noch Bergsons Schriften hätte er verstehen können, soweit er sie jemals las: dies kann nicht anders sein, sofern die Region des schöpferischen Sinns für ihn nicht existiert.

Spengler ist wesentlich Tatsachenmensch. Und — hier können wir einen Schritt weiter in der Bestimmung gehen — nicht allein im Sinn des Gelehrten, sondern im radikaleren des mechanistischen modernen Industriellen, dessen Typus er persönlich hat. Wie vielen hat der bloße Titel Untergang des Abendlands stärkstes Erleben vermittelt! Spengler selbst meinte nie das, was seinem Buch zu seinem ersten Erfolg verholfen hat. Ihm ist der Untergang des Abendlands nur eine Konjunktur, und zwar eine für Deutschland günstige. So versteht er gar nicht, wie man ihn zu den Pessimisten zählen konnte. Er ist, als Natur, genau so optimistisch, wie es jeder Unternehmer sein muß. Wie könnte er sich auch als Prophet des neuen Zeitalters, so wie er es vorzeichnet, fühlen, wenn er anders dächte? Man darf jetzt nur Zivilisatorisches wollen, nur Mechanisches, Machtzuwachs, Fabriken und so fort. Da ist doch klar, daß Spengler zu dieser Zeit in keinem Gegensatze steht. Das nicht abzuleugnende Pathos seines Buchs rührt von ganz anderem her: der bis zur Absurdität übersteigerten Irrationalität des Glaubens, der hinter seinem persönlichen Optimismus steht. Hier erinnert Spengler nicht an Philo, auch nicht an die Scholastiker, sondern an Calvin. Was diesen von den anderen Religionsstiftern seiner Zeit unterschied, war seine Starrheit und der irrationale Mechanismus seines Schicksalsglaubens. Deshalb allein konnte die kapitalistische Welt aus seinem Geist erwachsen. Das Glauben-Bannende und zugleich Anspornende, das für Spengler irgendwie Ähnliche in dessen Weltanschauung liegt, hat ähnliche Gründe, wie die Werbekraft der Lehre Calvins. Ihre Starrheit befriedigt das Sicherungsbedürfnis. Und indem sie dem Vorherbestimmung und Irrationalität fordernden Teile der Psyche voll Genüge tut, spornt sie ihr Freiheit Wollendes desto mehr zur Betätigung an.

1Den wahren Sinn dessen, was Spengler Kulturseele heißt, findet der Leser im Kapitel Der Weg zur Zukunftskultur der Neuentstehenden Welt erläutert.
Hermann Keyserling
Menschen als Sinnbilder · 1926
Spengler der Tatsachenmensch
© 1998- Schule des Rades
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