Schule des Rades

Hermann Keyserling

Menschen als Sinnbilder

Kant der Sinneserfasser

Tatbestand und Mythos

Eines Menschen Größe läßt sich mit großer Sicherheit danach abschätzen, in welchem Grad und Maß seine Bedeutung vom erkannten oder anerkannten Tatbestande unabhängig ist. Hierzu bietet Cäsar das eindrucksvollste Beispiel. Man lese, nebeneinander, Gundolfs Cäsar und Eduard Meyers Cäsars Monarchie. Letztere bietet das wohl exakteste Abbild des empirischen Seins und der unmittelbaren Leistung des großen Mannes; ersterer ein zusammenfassendes Bild dessen, wie er historisch gewirkt hat. Und aus dem Vergleich ergibt sich eine Diskrepanz, die im ersten Augenblicke überrascht. Ich will hier nur einen Punkt hervorheben. Tatsächlich war das spätere römische Kaiserreich die Verwirklichung nicht von Cäsars, sondern von Pompejus’ Plänen; fortgewirkt indes hat einzig Cäsars Bild, so daß ihm nachträglich auch die Verdienste seines Gegners zugeschrieben wurden. Alle spätere imperiale und cäsarische Wirklichkeit hat den Menschen Cäsar zum bestimmenden Vorbild. Also hat der Mythos auch dort, wo die Tatsachen bekannt sind, die eigentlich historische Wirklichkeit bedeutet. Weil sie dies, als geborene Politiker, instinkthaft wußten, deshalb wohl ließen sich Cäsars Nachfolger schon bei Lebzeiten zu Göttern erheben, wofür sich nur die Wahnsinnigen unter ihnen tatsächlich gehalten haben dürften, mochte die römische Vorstellung von einem Gott noch so bescheiden sein. Nun, aus diesen Tatsachen leuchtet bereits ein, warum alle größten und wirksamsten Menschen mythosumwoben, warum nur Mythen von ihnen lebendig überliefert sind und warum es so schwer hält, ihre empirische Wirklichkeit, ja die bloße Tatsache ihres Gelebthabens wissenschaftlich zu bestimmen. So wenig kommt es beim Fortwirken auf den Tatbestand an, daß dessen Überlieferung proportional der Bedeutsamkeit verblaßt. Von Jesus wissen wir im wissenschaftlichen Verstand so gut wie nichts. Wüßten wir aber noch so viel von ihm, und widerlegte das Wissen den Glauben selbst in allen Stücken, so würde dies an der Art seines Fortwirkens sicher noch weniger ändern, als dies bei Cäsar der Fall war. Dies beweisen die Beispiele Buddhas und Mohammeds. Sogar von des ersteren Leben, von dem des letzteren zu schweigen, wußte die Gemeinde genug, um über sein historisches Sosein nicht im Zweifel zu sein, denn schon seine vielen Reden geben, in Gehalt und Stil, ein unverkennbar treues Bild des Menschen, wie er leibte und lebte. Dennoch hat Buddha von Hause aus als Übermensch fortgewirkt. Nicht anders steht es auf seiner Ebene mit Mohammed, trotz aller seiner nie verheimlichten Schwächen. Und hat es dem Werke Mrs. Baker-Eddys, der jüngsten unter den erfolgreichen Religionsstiftern, das mindeste geschadet, daß ihr die schlimmsten Unzulänglichkeiten und Vergehen, die ihren Anspruch auf persönliche Größe unwiderleglich abtun, dokumentarisch nachgewiesen sind1? Es wirkt geschichtlich wirklich allein der Mythos.

Wo Wirkung vorliegt, ist nun andererseits notwendig auf entsprechende Wirklichkeit zu schließen; die Gelehrten, die aus der Kenntnis des Tatbestandes heraus den Mythos zu widerlegen unternehmen, versündigen sich gegen den eigensten Geist der Wissenschaft, denn nur ein irgendwie Wirkliches kann wirken. Es fragt sich einzig, welche Art seiner im gegebenen Falle im Spiel war. Hier nun liegen grundsätzlich zwei Möglichkeiten vor. Entweder der betreffende Geist selbst entspricht seinem mythischen Bilde besser als seiner wissenschaftlich nachweisbaren Wirklichkeit, oder aber er bedeutet ein Sinnbild dessen, was seine Verehrer und Nachfolger als zum Dasein drängende Möglichkeit in sich selbst trugen. Eine reinliche Entscheidung zwischen beiden ist nur dort zu treffen, wo über die Minderwertigkeit des Vorbilds kein Zweifel besteht, wie im Fall der Begründerin der Christlichen Wissenschaft. Denn da nur der repräsentative Geist wirkt, insofern keiner sich für etwas interessiert, das ihn nicht innerlich angeht, so müssen grundsätzlich beide betrachteten Möglichkeiten in jedem Fall verwirklicht gewesen sein, wo ganz große historische Wirkung vorliegt; auch die der tatsächlichen Größe des vorausgesetzten großen Menschen (um schnell die andere Seite zu berühren), denn keiner kann erfinden, was er gar nicht ist, und gelangten neue Impulse durch jemand in die Welt, so muß ein entsprechender Urheber wohl gelebt haben. Die meisten Großen, welche als Vorbilder fortleben, bedeuten insofern Kreuzungsprodukte aus gelebter und übertragener Wirklichkeit. Aber es hat immerhin einige so ungeheuer Große gegeben, daß sie rein aus eigenem Rechte fortleben. Dieser Tatbestand ergibt sich aus der einen Feststellung mit völliger Gewißheit, daß das, was sie tatsächlich waren oder herausstellten, nur von ganz wenigen Auserwählten, ob seiner Größe, ganz verstanden wird. Solche haben insofern auch ihren eigenen Mythos erschaffen. Hierher rührt das Überzeugende der Christus-, der Buddhamythe, und dieses gerade in ihrer Transzendenz über das Menschenmögliche hinaus. Um sich ein Bild dessen zu machen, wer diese Geister tatsächlich waren, mußte im Bild über Menschenmaß hinausgegriffen werden. Hierher rührt auch die größere Wahrheit des Cäsar-Mythos gegenüber seiner empirischen Tatsächlichkeit. Die Menschen wirken für die Dauer immer, wie sie sind. Der ganz große Mensch, der Cäsar tatsächlich war, aber den er in seiner unmittelbaren Leistung desto weniger herausstellen konnte, als er, als Vermittler eines Übergangs, sein Lebtag Kompromisse eingehen mußte, hat sich im Nachbild und in der Nachwirkung immer mehr seiner eigenen tiefsten Wirklichkeit angeglichen. Sein einzigartiges Niveau ist immer deutlicher erkannt worden, als Zentrum des Sinneszusammenhangs, auf welchen alles Einzelne zurückwies, das je von ihm einen neuen Sinn erhielt. So war Cäsar wesentlich ohne jeden Zweifel der, als welchen ihn die Menschheit verehrt.

1Die Lebensgeschichte dieser Frau sollte jeder Psychologe und Historiker besonders genau studieren. Ein sehr gutes Bild von ihrer Bedeutung gibt schon Mark Twains Christian Science (Tauchnitz edition).
Hermann Keyserling
Menschen als Sinnbilder · 1926
Kant der Sinneserfasser
© 1998- Schule des Rades
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