Schule des Rades

Hermann Keyserling

Menschen als Sinnbilder

Kant der Sinneserfasser

Ideal und Wirklichkeit

Hieraus ergibt sich das Paradox, daß es sinngemäßer ist, die Tatsachen am Mythos, als diesen an jenen zu berichtigen. Daß die Dinge wirklich so liegen, wird aus der folgenden Erwägung vollends klar. So sehr wir noch am Anfang des eigentlichen Mythenverständnisses stehen — auch C. G. Jung, von den anderen Analytikern zu schweigen, hat hier erst Vorarbeit geleistet —, so viel steht doch schon fest: jeder Mythos ist ein Sinnbild innerer Wirklichkeit. Alle Urmythen haben, abgesehen von möglichen anderen, jedenfalls den Sinn, daß sie Elementarprobleme der Seele zum Ausdruck bringen. Deshalb finden sie sich überall auf Erden wieder, entstehen sie in Träumen zu allen Zeiten neu, wirken sie grundsätzlich überzeugend; nur deshalb wenden sich die Dichter immer erneut gerade ihrer Behandlung zu. Äquivalentes gilt, mutatis mutandis, von aller nationalen Mythe. Von hier aus fällt denn ein besonders erhellendes Licht auf die Mythisierung des Geschichtlichen. Da sich die Psyche im weitesten Verstand in Sinnbildern auslebt, weshalb sie diese zwangsläufig auf das äußerlich-Wirkliche überträgt und dieses, umgekehrt, eben so zwangsläufig mythische Gegenbilder auslöst, so ist das Bild der eigentliche Ausdruck der inneren Realität. Denn diese ist ja ein Sinnhaftes; nur das Bedeutende ist insofern lebendig-wirklich. Hieraus ergibt sich denn, daß Geschichte recht eigentlich Mythologie sein muß, weshalb Historiker die Vorurteile, Übertreibungen, Mißdeutungen, ja Fälschungen einer Zeit als geschichtliche Mächte viel ernster nehmen sollten als ihren objektiven Tatbestand.

Hieran ändert die Erwägung nichts, daß der Mythos Idealbilder schafft, hinter welchen die Wirklichkeit, immer wieder enttäuscht, zurückbleibt: da das Leben unaufhaltsamer Prozeß und deshalb als statisches Sein unfaßbar ist, so läßt sich seine immerdar strebende Wirklichkeit vom Geist, wie er nun einmal ist, nur als unlösbarer Spannungszustand zwischen Erreichtem und Unerreichbarem sinnbildlich ausdrücken. Also ist der wahre Mensch zwar nicht mit seinem Ideal als solchem, und ebensowenig mit seiner Wirklichkeit allein, wohl aber mit seiner erlebten Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit (der Nachdruck liegt auf dem Wort erlebt, wodurch alles nur vorgebliche, weil nur vorgestellte Streben außerhalb des Geltungsbereiches dieses Satzes bleibt) identisch. Woraus denn klar wird, warum wesentlich strebende Menschen notwendig idealisiert werden, doch für die Dauer nur sie. Aus dem Gleichen wird weiter klar, warum die Geschichte, so oft kein Mißverständnis vorlag, als welches sich immer bald amortisiert, dem Mythos gegenüber der Chronik recht geben muß: wenn man den Menschen, als wesentlich strebendes Wesen, nur in Funktion seiner Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit bestimmen kann, dann muß sich im Fall historischer Bedeutsamkeit die Wirklichkeit, je später, desto mehr, dem Idealbild annähern. Daher das Fortwachsen großer Männer nach ihrem Tod, wie ich es in der Schopenhauer-Studie dieses Buches sowie im Geschichtsaufsatz in Philosophie als Kunst verdeutlicht habe. Es kann vernünftigerweise gar nicht anders sein. Und nun können wir dem Problem des Verhältnisses von Mythos und tatsächlicher Wahrheit die wohl abschließende Fassung geben.

Der Mythos als Sinn-Bild gibt eben dem Sinn eines bestimmten Lebens den geistgemäßen Ausdruck. Sinn ist tatsächlich der reale Urgrund alles Lebens, wie schon die antike Vorstellung vom λόγος σπεϱματιϰὸς vorwegnahm. Zieht man hierzu noch in Betracht, daß gemäß dem gleichen Polarisationsgesetz, das ein Zusammenwirken von Bestehendem und unerreichbarem Ideal zur Erhaltung lebendiger Bewegung im einzelnen Menschen fordert, nur aus dem Zusammenwirken von Führern und Geführten, Vor- und Nachbildern historische Bewegung hervorgeht, nicht anders wie auf organischer Ebene neues Leben nur durch das Zusammenwirken von Mann und Weib entsteht, so wird — was als Tatbestand überhaupt nicht in Frage steht — verständlich, warum sich die fortschreitende Menschheit erstens überhaupt an Vorbildern polarisiert, und warum zweitens die Erwählten, als Wesenheiten, in der Regel dem Bild entsprechen. Nur was dem Sinn eigenen Strebens entspricht, leuchtet als Vorbild ein; was niemand persönlich angeht, wirkt auf niemand. Deshalb üben im historischen Prozeß, der unter allen Umständen Kumulation (Driesch) ist, weil sich die Erinnerung summiert und damit die Grundlage jeweilig-persönlichen Erlebens verändert, überdies aber Sinnerfüllung, welcher Begriff besagt, daß die historischen Probleme sich von Stufe zu Stufe erledigen, nur solche Vorbilder Macht aus, welche dem jeweils gegebenen kollektiven Unbewußten dessen konkrete Probleme lösen oder doch deren Lösung einleiten. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, bleibt es sich gleich, ob das wirksame Vorbild historisch oder erdichtet ist, denn in beiden Fällen wirkt das Bild als solches; und wirklich haben nachweislich erdichtete Gestalten wieder und wieder — daher die historische Bedeutung der Dichter überhaupt — sehr große Wirkungen ausgelöst. So vor allen Don Quixote. Dennoch gehen allergrößte Wirkungen nur von solchen Vorbildern aus, die wirklich gelebt haben und deren Wesenheit ihrem Bild in hohem Grad entsprach. Dies liegt daran, daß man unmöglich erfinden kann, was man nicht ist. Da nicht das Herausgestellte an sich wirkt, sondern immer nur das, was als Lebendiges dahintersteht, so beseelt jedes Große, das ein Dichter schuf, er erfinde, was immer er wolle, doch dessen eigene Seele; und ist diese dem Erdichteten nicht ebenbürtig, so fehlt diesem zwar nicht notwendig die geistige Überzeugungs-, jedenfalls aber die Wandlungskraft. Aus welchem Gedankengang denn klar werden dürfte, weshalb nur der wirklich ganz Große für die Dauer als Großer fortlebt und sich alsdann auch notwendig seinen eigenen Mythos schafft. Hier bedeutet das wirksame Bild nicht die Übertragung des Ideals seiner Verehrer auf einen anderen, sondern umgekehrt: die größere Wirklichkeit überträgt sich als Vorbild auf sie.

Man soll nicht den Mythos an den Tatsachen, sondern diese an jenem berichtigen. Dies liegt, um den Kernpunkt nochmals hervorzuheben, daran, daß das eigentlich Wirksame an jedem Leben, weil dessen tiefste Wirklichkeit, sein wesenhafter Sinn ist. Jetzt können wir einen Schritt weitergehen. Wenn der Sinn entscheidet, dann spielt der Tatbestand, der ihn jeweils verkörpert, grundsätzlich eine sekundäre Rolle. Gewiß gilt das Korrelationsgesetz­ von Sinn und Ausdruck ausnahmslos1. Aber da die Gemäßheit eines Ausdrucks nur in Funktion des Empirischen bestimmbar ist, so verlangt gerade das Korrelationsgesetz Wandlung innerhalb von Raum und Zeit. Um den tiefsten Sinn von Christi Lehre zu verschiedenen Zeiten lebendig-verständlich zu fassen, mußten verschiedene Begriffe und Vorstellungen verwandt werden. Nur in dieser Form erhält sich irgendeine Religion Jahrhunderte entlang. Und nur ins sofern kann andererseits ihre Wahrheit auf ewige Geltung Anspruch erheben, als sie Wandel im Ausdruck verträgt. Oder wie ich es in der Vorrede zur Unsterblichkeit formulierte, in der ich das Problem zum erstenmal behandelte: nur die Richtung ist ewig, alle Grenzen überschreitet die Zeit. Jeder Sinn nun ist ein Zeitloses; auch der einen konkreten Menschen beseelende. Deshalb hat die Nachwelt auch bei ihm das volle Recht zur Umdeutung, sofern er als Bedeutungsträger fortlebt. Diese Art Wiederverkörperung entspricht einer Naturnotwendigkeit, wie immer es mit derjenigen bestellt sei, an die der Reinkarnationsgläubige glaubt (in bezug auf dessen Lehre hier nur darauf hingewiesen sei, daß sie nichts anderes tut, als den Tatbestand, der auf dem Gebiet des geistig-bedeutsamen Fortlebens gewiß ist, für das Fortleben des einzelnen zu behaupten). Was nun für Geister überhaupt gilt, gilt gleichsinnig für abstrakte Lehren. Und damit gelange ich zum besonderen Anlaß dieses Kapitels, zu Kant. Nur noch so viel zur Überleitung: Wenn die hier behandelte Grundwahrheit nicht nur für Geister, sondern auch für abstrakte Lehren gilt, so liegt dies natürlich daran, daß es solche, im buchstäblichen Verstande, gar nicht gibt, wo immer die Ebene der bloßen Tatbestände und des bloßen Weges zur Erkenntnis, der Logik, überstiegen scheint; oder in unserer Sprache, wo immer bei einer Geistesgestalt der Nachdruck auf dem Verstehen und nicht dem Wissen ruht. Wie Verstehen in jedem Fall durch einen persönlichen Akt allein zustande kommt, so hat auch jede noch so objektivierbare Ein- oder Fragestellung eine lebendige Seele, die ein Lebendiges bleibt, so notwendig sie schlechthin jeden beseelen müsse, der zu bestimmten Einsichten gelangen will — weil eben Einstellung, wie ich auf den Schlußseiten der Schöpferischen Erkenntnis erwiesen zu haben glaube, nichts anderes ist als ein bestimmter Aspekt des Geisteslebens selbst.

1Vgl. das Kapitel Sinn und Ausdruck in Kunst und Leben der Schöpferischen Erkenntnis. Der Inhalt der folgenden Sätze steht im Kapitel Morgenländisches und abendländisches Denken als Wege zum Sinn des gleichen Buches genauer ausgeführt.
Hermann Keyserling
Menschen als Sinnbilder · 1926
Kant der Sinneserfasser
© 1998- Schule des Rades
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