Schule des Rades

Hermann Keyserling

Menschen als Sinnbilder

Kant der Sinneserfasser

Anreger und Erfüller

Kant ist in der Tat einer der wenigen ewigen Geister, welche die Menschheit zählt. Entsinnen wir uns nun aber der Betrachtungen, die uns zu ihm hinführten, so müssen wir schon aus diesem einen Satz mit Bestimmtheit folgern, daß seine wahre Fortwirkung nicht auf seiner Tatsächlichkeit, sondern seinem Mythos beruht. Hat Kant das mögliche Wissen in einen neuen Sinneszusammenhang hineinbezogen, beruht auf diesem seine ganze Bedeutsamkeit, dann muß sein wahres Fortwirken in der lebendigen Einstellung bestehen, die sein Beispiel in anderen immer wieder wachruft. Dann muß er wesentlich im selben Sinn Polarisator und Vorbild sein, wie dies von Cäsar gilt, von Christus, von jeder großen historischen Gestalt. Dann muß seinem Tatsächlichen die geringste historische Bedeutung zukommen. Und so ist es wirklich, so sehr die Kants und Kantianer-Literatur diese Behauptung Lügen zu strafen scheint. Es besteht kein Zweifel, daß viele, sehr viele von Kants Sonder-Erkenntnissen, auch unter denen, die er als endgültig ansah, überholt sind. Es besteht kein Zweifel, daß alle modernen Versuche, seine Lehre, wie sie in ihrem zeitbestimmten Sosein war, als Vorbild hinzustellen, gescheitert sind. Regen sie Verweilen bei den von ihm gelösten Problemen an, so hindern sie den Fortschritt, denn gelöste Probleme sind damit erledigt, d. h. keine Probleme mehr. Beschäftigen sie die Geister mit dem, was der Erkenntnisfortschritt überwand, so erzeugen sie historisches Interesse, wo einzig Zukunftsschau in Frage steht. Verstehen sie Kants Größe gar so, daß man zu dieser einfach gläubig aufschauen soll, so züchten sie Autoritäts- und Dogmenglauben, d. h. eben das, was Kant selbst aus jeder künftigen Philosophie verbannen wollte. Und nun zu den Kantianern.

Diese haben gewiß manche Kantische Einsicht auf dankenswerte Weise fortgebildet und manchen Einzelirrtum gewissenhaft richtiggestellt. Aber steht diese Leistung zu dem, was Kant eigentlich bedeutet, in irgendeinem Verhältnis? Meint irgend jemand dies, wenn er des Fortwirkens Kants gedenkt? Wird deshalb Kants Name von aller Welt als lebendige Geistesmacht zitiert? Auf die Beantwortung dieser Fragen kommt alles an. Selbstverständlich soll sein Buchstabe weiterstudiert werden, und dies zwar immerfort, denn einen besseren Lehrer gibt es nicht1. Aber wenn Kants Bedeutung sich hierin erschöpfte, dann läge sie auf einer Ebene mit den toten Sprachen, die man als Mittel zum Zweck der Schulung lernt; dann ginge Kant bald bloß noch Schüler an. Kant ist aber ein lebendiger Geist. Als lebendiger Geist ist er im höchsten Grade Vorbild. Gerade dies aber verkennt fast die gesamte Kant- und Kantianerliteratur.

Kants wahre Bedeutung liegt eben auf ganz anderer Ebene, als diese annimmt. Von ihr gilt alles das, was ich eingangs über das Verhältnis von Tatbestand und Mythos ausführte. Sie ist ebenso unabhängig von seinem besonderen raumzeitlich bedingten System, wie diejenige Cäsars von seiner nachweisbaren Leistung; sie wird dadurch, daß er vieles von dem, was ihm als größtes Verdienst zugerechnet wird (ich denke hier zumal an vieles dessen, was mit der Kritik der praktischen Vernunft zusammenhängt), nicht geleistet hat, nicht mehr in Frage gestellt, wie Cäsars cäsarische und imperiale Bedeutung dadurch, daß das römische Kaiser, reich tatsächlich die Ideen des Pompejus verwirklicht hat. Wenn jeder Denker, ja jeder Denkende seit Kant sich auf Kant beruft, möge er im besonderen noch so anderes lehren, so wie sich jeder Kaiser auf Cäsar berief, so liegt dies daran, daß Kant, unabhängig von seinem besonderen System, allem nur möglichen Denken eine neue Einstellung gegeben hat. Er hat ihm die Einstellung gegeben, von welcher Denken überhaupt allererst ganz fruchtbar wird. Vor Kant unternahm dieses immer wieder, was ihm als Richtung nicht liegt, oder es überschritt seine naturgesetzten Grenzen, oder aber es wagte sich, von Erwägungen aus anderen Gültigkeitsbereichen abgehalten, nicht weit genug voran. Kant lehrte die Frage so stellen, daß die sich ergebende richtige Antwort des Denkens Grenzen bewußt machen mußte. Gleiches gilt aber auch von dessen unbegrenzten Möglichkeiten, wo es sie gibt. Kant hat das Denken als solches in den Sinneszusammenhang des gesamten Geisteslebens grundsätzlich richtig eingestellt. Jetzt ist wohl deutlich, warum seine Bedeutung davon unabhängig ist, ob sein besonderes System nun standhält oder nicht, warum sein Mythos in jedem Falle fortwirkt, wo irgendeiner seine Fragen in gleichem Geiste stellt, wie immer sie im besonderen lauten mögen: als größter aller Realpolitiker des Geists, insofern wieder Cäsar analog, hat er, indem er mit vorhandenen Mitteln arbeitete und nur auf Mögliches hin, verwirklicht oder doch die Verwirklichung dessen vorbereitet, woran alle die, welche mit nichtvorhandenen Mitteln schufen, scheitern mußten. Letzteres gilt von Plato, Plotin, dem heiligen Thomas, um nur die größten zu nennen. Diese haben vielleicht alle mehr geahnt und mehr gewollt, als der nicht nur nüchterne, sondern auch in vielem positivistische Ostpreuße; sie waren die hochgesinnteren Geister. Aber sie mußten, wie alle Idealisten, scheitern, insofern sie mit nicht vorhandenen Mitteln schufen. Gerade ihr Ahnen nun kann dank Kants Leistung dereinst zur Gewißheit werden. Kant hat in Wahrheit ganz anderes und mehr geleistet, als er selber meinte. Indem er bestimmte, oder zur Bestimmung den Anlaß gab, wo die Grenzen möglicher Anschauung, möglicher Logik liegen, was Wissenschaft überhaupt im Zusammenhang des Geisteskosmos bedeutet, hat er eine Erkenntnisinstanz jenseits ihrer erreicht und eine Philosophie der allgemeinen Sinneserfassung ermöglicht, welche das Irrationale wie das Rationale im Zusammenhang zu verstehen erlaubt. Gewiß hat er diese persönlich nicht geschaffen. Aber sie liegt in Kants Fragestellung, das eine, worauf es bei ihm ankommt, mit gleicher Notwendigkeit vorgebildet, wie die erwachsene Gestalt im Keim. Auch dieser hat ja mit jener zunächst überhaupt keine äußere Ähnlichkeit. Und hieraus wird deutlich, daß die bei Kants Ergebnissen Stehenbleibenden oder ihn bloß im einzelnen Fortsetzenden gerade kein Recht haben, sich auf ihn zu berufen. Hieraus erscheint weiter klar, warum Nicht-Übereinstimmung in den konkreten Denkergebnissen niemandem ein Recht gibt, sich nicht als Kants dankbaren Schüler zu fühlen. Auf der heutigen Erkenntnis- und Bewußtheitsstufe ist ein Stehenbleiben bei Kants Grenzen undenkbar. Andererseits ist es gerade ihm zu danken, daß Philosophieren über sie hinausführen kann. Kants einzigartige Größe beruht gerade darauf, daß zeitbedingte Grenzen das Wesen seiner Lehre überhaupt nicht einschränken, daß seine Philosophie bestehen bleibt, auch wenn sämtliche seiner Sonderlehren fallen müßten. Sie ist ewig lebendig, weil ihr immer erneute Wiedergeburt möglich ist. Kant als erster hat die Frage nach dem Sinn aller Tatsachen als die eigentlich philosophische Frage begriffen. Deshalb ist jeder, welcher vom Sinn aus weiterfragt, Kants Nachfahr.

Kant ist also in Wahrheit der Begründer der Philosophie der Sinneserfassung. Daß er nur deren Vorstufen vollenden konnte, war zeit-, daß er ihre Fragestellung nur auf das Gebiet möglicher Naturwissenschaft ganz richtig anwenden konnte, begabungsbedingt. Kant war, seiner ganzen Anlage nach, mehr Physiker als Metaphysiker. Da aber alle nur möglichen Sinne einander spiegeln, weswegen alle Gebiete möglicher Sinnesverwirklichung in Korrespondenzverhältnis stehen, so führt seine Philosophie, als eine der Sinneserfassung, zwangsläufig, ihrer innerlich-lebendigen Logik nach, im Lauf der Zeit, d. h. der Wiederverkörperung, über ihre ursprünglichen Grenzen hinaus. So muß Kant heute, gerade sofern exaktes Urteil vom Standpunkt lebendiger Geschichte in Frage steht, als mythische Gestalt beurteilt werden, die deshalb nur Pietät zu ihrem Sinn verlangt. Und hieraus ergibt sich ein Grundsätzliches, das bis heute beinahe gar nicht verstanden wird, aber endgültig verstanden werden muß, wenn endlich eine Zeit wahrhaft freien Forschens anheben soll, das als solches rein vorwärts gerichtet sein muß. Man unterscheidet allgemein zwischen Anregern und Erfüllern und nimmt nur die letzteren, in der Wissenschaft, vollkommen ernst. Nun ist erstens jeder, welcher von Erreichtem — und keiner begann je vom Nichts her — einen Schritt vorwärts tut, eben dadurch Erfüller; insofern entbehrt die obige Scheidung des Sinns. Zweitens aber ist Erfüllung im absoluten Verstand in einer Welt unaufhaltsamen Werdens und Vergehens, überhaupt nicht möglich. Hier ist Erfüllung im Sinn von Endgültigkeit nur im zwiefachen Verstande denkbar, daß ein Problem erledigt ist, d. h. aufgehört hat, Problem zu sein, oder aber, daß bestimmte Möglichkeiten in bestimmter Gestaltung endgültig erschöpft sind. Und hieraus folgt, daß Erfüller nur zeitliche, nicht ewige Bedeutung haben. Im besten Fall bedeuten sie endgültig überholte Etappen, deren Erinnerung man aus Dankbarkeit bewahrt, am häufigsten jedoch Denkmäler einer für immer verstorbenen Zeit. Deshalb haben ausschließlich Anreger — sonach unter Erfüllern die, welche gleichzeitig Anreger sind — lebendige Bedeutung. Vom Standpunkt der Zukunft, vom Standpunkt möglicher Unsterblichkeit kann keiner mehr als Anreger sein. Kant selber wußte dies wohl, denn wieder und wieder betonte er, er wolle nicht eigentlich eine bestimmte Philosophie, sondern denken lehren. Doch die meisten, die allermeisten wissen es noch nicht. Sie müssen es endlich lernen. Der Anspruch, mehr als Anreger sein zu können, sofern Fortleben und wirken erstrebt wird, muß endgültig fallen gelassen werden. Was als bestimmte Gestaltung fortexistieren soll, kann es in dieser Wandel-Welt allein als Mumie tun. Hieraus erklärt sich denn auch, weshalb die Geister, die nachweislich unerschöpflich sind, sogar im zeitlichen Ausdruck nichts als Anreger waren: diese allein haben ihren zeitlichen Tod persönlich vorweggenommen. Dies gilt in erster Linie vom Schöpfer-Gott, wie ihn der Mythos darstellt: Dieser sprach nur wenige Worte, und die Welt entwickelt sich seither in nie aussetzender Wandlung fort. Gleiches gilt von allen großen Religionsstiftern, Gleiches von Laotse, den größten Indern, Heraklit, Plato, Nietzsche. Sie alle haben nicht möglichst wenig, sondern möglichst viel ungesagt gelassen, um das, was sie meinten, nicht durch Sterbliches mehr zu belasten, als unvermeidlich war. Kant hat sich freilich, als sterblicher Körper, vollkommen ausgedrückt. Aber gerade darin zeigt sich seine ungeheure Größe, daß er trotzdem nicht stirbt. Daß sein Unsterbliches trotz diesem Körper, ja trotz dessen Mumifizierung und trotzdem, daß die meisten in der Mumie den Geist selbst zu bewahren wähnen, fortwirkend fortlebt.

1Inwiefern dies der Fall ist, habe ich auf S. 92 ff. von Heft 8/9 meines Wegs zur Vollendung ausgeführt.
Hermann Keyserling
Menschen als Sinnbilder · 1926
Kant der Sinneserfasser
© 1998- Schule des Rades
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