Schule des Rades

Hermann Keyserling

Menschen als Sinnbilder

Jesus der Magier

Neue Einstellung

Die moderne Naturforschung entwickelt sich unaufhaltsam Anschauungen zu, wie sie, in bezug auf das kosmische Werden, die alten Inder vertraten. Diese glaubten an Zyklen der Entwicklung; nachdem eine Welt ihre letzte Ausgestaltung erreicht, verschwinde sie im Nichts. Und in Form reiner Neuschöpfung käme es dann später zu neuem Werden. Im Reich der Sterne scheint es tatsächlich so zuzugehen. Früher glaubte man, in der Entropie das letzte Wort der kosmischen Physik zu besitzen; gemäß deren Gesetzen drohte dem Weltall absolutes Ende in Form des Wärmetods. Heute neigen die führenden Astrophysiker dazu, alle bisherigen Anschauungen auf Grund der Erkenntnis zu revidieren, daß die Materie nicht letzte Instanz der materiellen Welt ist, vielmehr aus Energie entstehen und sich in solche zurückverwandeln kann. Weshalb denn Sonnen ohne Widersinn verschwinden und neue plötzlich in die Erscheinung treten können. So bedeutet der Weg vom glühenden Nebel zum kalten Planeten wohl den schicksalsmäßigen Weg des einzelnen Himmelskörpers, nicht jedoch der Welt als Ganzen: immer wieder kann die Kette neu beginnen.

Was in der Welt der Sterne wahrscheinlich scheint, ist in der des Lebendigen gewiß. Vom Standpunkt der Sichtbaren Erfahrung aus beurteilt, entsteht jedes Wesen aus dem Nichts und vergeht wieder in diesem, nachdem es bestimmte Daseinsphasen typischer Art durchlebte. Fortdauer über bestimmte Zeitgrenzen hinaus gibt es nur in Form von Wiedergeburt, die aber nie materiell Gleiches wiedererstehen läßt. Das Einzelwesen ist absoluter irdischer Vernichtung preisgegeben. Niedagewesenes, Einziges, Neues folgt allemal Niedagewesenem, Einzigem, Neuem nach. — Andererseits aber setzt das Neue doch das Alte fort. Inwiefern? Hier liegt das für uns Interessanteste am Prozeß. Zunächst fängt jedes Lebewesen ganz von vorne an; sowohl materiell wie geistig betrachtet; jeder Mensch beginnt seinen Lebenslauf recht eigentlich als erster Mensch; vom Standpunkt manifestierter Wirklichkeit erscheint die Tradition im Fall jedes Kindes zunächst unterbrochen. Später aber übernimmt dieses das Erbe seiner Eltern; vom Ursprünglichen und Ungeschichtlichen kommend, mündet es später in die Welt der Geschichte ein. Indem er nun aber das Erbe seiner Vorfahren antritt, wird der Nachkomme nicht etwa diesen gleich, was immer er meinen mag: er bezieht das Alte auf nie dagewesene Wurzeln zurück. In Zeiten stetiger Fortentwicklung fällt dies bei jedem Generationswechsel vorliegende Unstetigkeitsmoment nicht in die Augen. Es tut dies in höchstem Grad in Wendezeiten, wo oft Jahrhunderte, innerlich, Väter und Söhne von einander scheiden.

Was nun vom Menschen gilt, gilt auch von den Kulturen. Hier haben Frobenius und Spengler Endgültiges festgestellt. Jede Kultur beginnt neu und innerlich unbelastet, wie ein Kind. Daß sie neu und unbelastet sei, bemerkt die Elternumgebung in beiden Fällen gewöhnlich nicht. Jede neue Ausgrabung aus der Grenzperiode zwischen Antike und Christlicher Ära macht uns deutlicher, wie wenig die Zeitgenossen sich darüber klar waren, daß das Christentum nicht einen Bestandteil mehr des alten Weltbilds bedeutete, sondern den Beginn der Herrschaft eines neuen Geists, der das Alte erledigte. Umgekehrt merkt die neue Generation erst spät, daß sie nicht nur neu ist, sondern, im Großen betrachtet, das Leben genau so mit sich selbst identisch fortsetzt, wie dies auf der physischen Ebene hinsichtlich des Typus gilt. Je älter sie nun wird, desto mehr vom Alten wird selber in ihr lebendig. So spüren wir Heutigen den Zusammenhang des Christentums mit der Antike deutlicher, als irgendeine Zeit vor uns. Einen Inge, dessen Auffassung, daß der Neuplatonismus den wertvollsten Bestandteil des Christentums bedeute, seine Kirche heute nicht oder kaum beanstandet, hätten die Urchristen, lebte er unter ihnen, als schlimmsten Heiden verdammt. Für uns Heutige ist es nun aber vor allem wichtig, die Entwicklung so zu sehen, wie es die Urchristen zu ihrer Zeit taten, denn unser Fall ist dem ihren analog. Die Welt wird wieder einmal neu. Das spüren alle lebendigen Vertreter des neuen Zeitgeists. Ebenso regelmäßig spüren es die noch die große Mehrheit bildenden Vertreter des alten nicht, denn äußerlich hat sich bisher noch weniger geändert, als im ersten Jahrhundert unserer Ära, da die Innendekoration unter anderen mythischen Gestalten auch den Guten Hirten hie und da, in meist undeutlicher Unterscheidung von Orpheus oder Apollo, darstellte. Je mehr nun die Zeit fortschreitet, desto mehr wird die Welt nicht etwa ins alte Geleise zurückkehren, sondern den neuen Geist rezipieren, bis daß er schließlich alleinbestimmend geworden ist. Und erst am Ende unseres Zyklus, auf neuer Ebene, in neuer Form, wird das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit von Neu und Alt historische Bedeutung erlangen. Worin besteht nun das Neue, das die Alten niemals sehen? In nichts Tatsächlichem, nichts Äußerlichem; deswegen sehen sie es ja nicht. Hier kann man sogar sagen: wo jetzt schon viel Neues als solches äußerlich erkennbar ist, da handelt es sich um unter außerordentlichen experimentellen Umständen zustande gekommene Gebilde, die sich nach Wegfall jener kaum werden halten können, so der Fascismus und der europäische Bolschewismus. Das Neue besteht in einer neuen Einstellung. Die Einzigkeit jedes neugeborenen Menschen beruht allemal auf einer neuen Einstellung des überkommenen und ererbten physischen und psychischen Materials auf einen einzigartigen Sinnesmittelpunkt hin. Erscheint später auch das Material verwandelt, so beruht dies darauf, daß der Sinn letztendlich den Tatbestand schafft. Christus gab der Welt eine neue Einstellung und von ihr aus einen neuen Sinn. Mehr hat er nicht getan. Doch damit hat er getan, was überhaupt möglich ist. Damit hat er einen neuen Geist zur Erdenherrschaft berufen1.

1Vgl. die Ausführung und prinzipielle Begründung dieser Gedankengänge im Kapitel Was wir wollen der Schöpferischen Erkenntnis.
Hermann Keyserling
Menschen als Sinnbilder · 1926
Jesus der Magier
© 1998- Schule des Rades
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