Schule des Rades

Hermann Keyserling

Menschen als Sinnbilder

Jesus der Magier

Sieg des Christentum

Wie fing es Jesus nun an, um der zu seiner Zeit äußerlich noch völlig festen und dichten antiken Welt neuen Geist einzubilden? Eine Betrachtung gerade der technischen Seite dieses Problems ist überaus lehrreich. Jesus wandte sich von Hause aus und grundsätzlich, ob bewußt oder unbewußt, gleichviel, nicht an das Fertige, sondern an die Keime. Die, welche er in seinen Reden meinte, waren grundsätzlich andere Menschen, als die zur Zeit bestimmenden. Indem er lehrte,

gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist,

parierte er der anfangs für das Christentum unmittelbar tödlichen Gefahr, die ihm von politischer Seite drohen konnte, und bog sie auf die Zukunft hin zu einem Segen um, insofern das Mißverständnis, das politischer Christenverfolgung nachträglich nachgewiesen werden konnte, dessen Stellung stärken mußte. So konnte der römische Staat das Christentum später rezipieren, ohne sich aufzuheben, ja im Gegenteil, um sich in der veränderten Welt zu halten. Indem Jesus weiter lehrte,

ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen,

beugte er im gleichen Sinn gefahrdrohenden Gegenbewegungen aus religiöser Sphäre vor. Seine ersten Jünger brauchten nicht zu glauben, aus dem Judentum austreten zu müssen, so daß sie gleichsam in sicherer religiöser Kinderstube aufwuchsen. Dank dieser seiner Ureinstellung stärkte der durch seine Hinrichtung scheinbar erfochtene Endsieg der Vertreter des Alten gegenüber dem Christenglauben dessen spätere Stellung. Endlich konnte so das spätere Christentum, auch nachdem es judenfeindlich geworden, das Alte Testament weiter als Heilige Schrift verehren. Andererseits war aber auch die spätere Rezeption der antiken Weltweisheit im weitesten Sinn vom Urheber von Hause aus vorbereitet. Doch nun zur substantiellen Seite des Problems.

Jesus wandte sich nicht allein von Hause aus nur an die Keime des Neuwerdenden inmitten des sterbenden Alten, erfaßte sie in Form, indem er ihnen eine wesentlich konstruktive, nicht oppositionelle Aufgabe zuwies. Und zwar faßte er sie in so bestimmte Form, daß, um modern zu reden, ein neues Klassenbewußtsein der Gefahr einer Assimilierung des Neuen durch das Alte vorbeugte und dafür dem entgegengesetzten Vorgang vorarbeitete. Jesus lehrte,

mein Reich ist nicht von dieser Welt:

so entstand in den Jahren der ersten zarten Kindheit des Christentums kein innerer Konflikt mit dem Bestehenden. Hier befolgte er den weisen Grundsatz Laotse: wirken ohne zu streiten. Er lehrte aber andererseits sehr Positives, das den Zeitgeist für sich hatte: deshalb konnte sich die geordnete Welt späterhin auf ihn zurückbeziehen, dadurch neu Wurzel fassen und, als die Zeit erfüllt war, neu erblühen. Und diese Rückbeziehung erfolgte bezeichnenderweise durch den machiavellistischesten und irreligiösesten der römischen Cäsaren, Constantin. Dieser erkannte, daß die neue Gesinnung des Christentums allein den alten Staat fortan zusammenhalten konnte. Doch noch Erstaunlicheres ereignete sich schon früher: als Erlöser trat Christus in der trans-israelitischen Welt nicht das Erbe des jüdischen Messias, sondern des Augustus an: dieser hatte die Form vorbereitet für den gänzlich neuen Inhalt1. Diese abgeschlossene Erziehung, fast möchte man sagen Züchtung des christlichen Menschen gelang nun Jesus weiter dadurch, daß er, in der Verkörperung seiner Lehre, allen Nachdruck auf die Funktionen des psychischen Organismus legte, die an der Gestaltung der Antike am wenigsten teilgenommen hatten: Gefühle und Gemüt. Ebendeshalb waren sie unverbraucht. Ebendeshalb wären sie, als die alte Gestaltung erstarrte, unter allen Umständen bestimmend an die Oberfläche des Lebens ausgebrochen. Ebendeshalb waren sie zum Körper des neuen Impulses prädestiniert. Gleichsinnig wandte er sich an die historisch unverbrauchten Volksschichten, die Mühseligen und Beladenen, die Enterbten des Römerreichs, die dank dem die heredes designati der neuentstehenden Welt waren. Letzterer Umstand erklärt denn den Sieg seiner Lehre über die zunächst erfolgreichere der Mithrasreligion: diese entspricht dem Geist der letzten Vertreter der alten Welt; insofern solche noch heute weiterleben, in Spanien und Südfrankreich, tut es auch jener; hier liegt der tiefste Sinn des Stiergefechts. Aber gerade die besten des überlebenden Alten konnten in der neuen Ära nicht mehr bestimmend werden. Deshalb mußte das Christentum siegen.

1Vgl. den Nachweis dieses Tatbestands in Salins Civitas Dei, Tübingen 1925.
Hermann Keyserling
Menschen als Sinnbilder · 1926
Jesus der Magier
© 1998- Schule des Rades
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