Schule des Rades

Hermann Keyserling

Menschen als Sinnbilder

Jesus der Magier

Geistige Befruchtung

Wer ist nun der Magier letztlich? Welches ist seine Rolle im Menschheitszusammenhang? Daß von ihm alle großen Initiativen ausgingen, steht fest. Wir dürfen aber deshalb doch nicht sagen, er sei der höchste Mensch schlechthin: auf menschlicher Ebene betrachtet, erscheint sein Typus einseitig, viele positive Möglichkeiten ausschließend, wie jeder andere auch. Seine Rolle kann deshalb, und sei sie noch so entscheidend, nur eine bestimmte, begrenzte sein. — Ziehen wir die weitausgesponnenen Fäden jetzt zusammen — weit ausspannen mußten wir sie, weil die Wirklichkeit des magischen Menschen von der Moderne vollkommen verkannt wird und jede kritische Bestimmung ihrer fehlt — so sind wir in der Lage, die Fragen, wer der Magier nun letztlich ist und was seine Aufgabe darstellt, ebenso klar wie kurz zu beantworten: Der Magier verkörpert das schöpferische Prinzip des Geists in männlicher Modalität. Er ist der befruchtende im Unterschied vom aufnehmenden und gebärenden Geist.

Das christliche Zeitalter wußte vom schöpferischen Geist, allgemein gesprochen und bewußtermaßen, nur in seiner weiblichen Abart, wie sie sich im Dichter und Künstler, im Glaubenden und Verstehenden manifestiert. Dies rührt daher, daß das Abendland mit dem Ende der Antike in eine pathische Phase eintrat. Jene war extrem männlichen Geists gewesen. Nachdem sie sich erschöpft hatte, mußten naturnotwendig die noch unverbrauchten Seelenkräfte historisch bestimmend werden, und das waren eben die weiblicher Signatur. Jesus selbst war zwar ein Magier, und folglich geistig so männlich, wie es nur je einer war. Aber er wurde, dem Zeitgeist entsprechend, nun zum einen männlichen Logos hypostasiert, und auf diesen stellte sich die ihn anerkennende Menschheit bräutlich-weiblich ein. Alle Impulsgebung sollte nunmehr von einem höheren Außer-sich kommen; der Mensch sollte nur nach vorhergehender Befruchtung von solchem her zu schaffen fähig sein. Modernwissenschaftlich ausgedrückt: der Mensch durfte, par définition, nur Medium, nicht Meister sein. Diese Auffassung beherrscht noch das heutige kollektive Unbewußte, unabhängig von aller Konfession. An ein männlich-geistiges spirituelles Prinzip unter Menschen wird noch heute grundsätzlich nicht geglaubt. Gottnähe erscheint der Mehrzahl nur in Form des Glaubens denkbar, geistige Tiefe nur in Form des Erlebnisses oder der Schau. Und tritt der männliche Logos irgend einmal unverkennbar auf, dann wird er entweder als bloßer Intellekt mißdeutet, oder aber seine Tiefe wird irgendwie ins Pathische transponiert, im Sinn des Müssens, der Schicksalserfüllung oder wie sonst. Aber zu aller Zeit gab es den Magier, den Geist männlicher Modalität, den Logos spermatikós. Zu aller Zeit gab es den Geist, aus dem dieselbe Tiefe unmittelbar ausstrahlte, den der Pathiker hinnehmend erlebt. Zu aller Zeit gab es neben dem Medium den Meister. Von diesem stellt Jesus nur den grandiosesten Ausdruck dar. Der metaphysische Ursprung seiner Kraft liegt jenseits möglichen menschlichen Fassungsvermögens. Nie wird erklärt werden, wie es denn wohl kam, daß ein Mensch in Knechtsgestalt mit seinem kurzen armen Leben, dem der Erfolg versagt blieb, nach seinem Tod das Römische Reich bezwang, zu seinem Werkzeug umschuf, den Neuaufbau der Welt auf neuer Grundlage inspirierte und je später desto mehr zum Schicksal des ganzen Erdballs erwuchs. In empirischem Zusammenhang ist Christi beispiellos fortwirkende Kraft hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß die Epoche, der er seine Impulse mitteilte, den in geistiger Hinsicht reinst weiblichen Charakter der Geschichte trug und sich sehr lange von ihm allein befruchten ließ. So ist der Erfolg der Kreuzung mit einzigartiger Klarheit zu verfolgen. Sogar heute, wo so viele andere Vererbungsreihen mit hineinwirken, sind alle Erscheinungen der Westwelt unverkennbar seines Geists. Noch der Bolschewismus, die erste große Bewegung, die ihn radikal verleugnet, stammt doch in gerader Linie von ihm ab: ohne ihn, der vom unendlichen Wert der Menschenseele gekündet und den Mühseligen und Beladenen den Vorrang zuerkannt hatte, wäre er undenkbar. Aber was von Christus gilt, gilt in geringerem Grad von jedem Magier überhaupt: alle geistige Befruchtung auf Erden, alle geistige Initiative und Übertragung geht auf den männlichen Logos zurück.

Daß dies so schwer erkannt und verstanden wird, liegt eben daran, daß unsere ganze Zeit noch traditionellerweise in den Kategorien des weiblichen Logos denkt. Alles Ausgestaltete ist schon geboren und irgendein Weibliches setzte es in die Welt. Das Sperma ist aber wesentlich nicht ausgestaltet, nicht geboren, und sucht man da nach Wirklichkeit im Tatsachensinn, so findet man sie nicht; beurteilt man da das nachweislich Wirksame nach der Norm des Ausgestalteten, so urteilt man an ihm vorbei. Der männliche Logos ist nur befruchtend, nur Anstoß, Dynamik, Initiative. Sein Gesetz ist nicht das weibliche Erhalte, was ist, sondern Stirb und Werde. Ist der Tod des Mannes nicht in der ganzen Natur sein Weg zur Dauer? Das Sterben der Väter bereitet den Kindern in der Tat überall den Weg; ob nun das Spinnen-Männchen vom Gemahl verzehrt wird, ob das Befruchtende selbst an seiner Leistung stirbt oder die Männer im Männerkampfe fallen. So muß auch der geistige Same immer wieder verderben, auf daß der Geist lebe. Auf Jesu Worte an sich eine Kirche zu gründen, wäre undenkbar gewesen — und weil es auch heute nicht geht, entwickelt sich alles evangelische Christentum zwangsläufig von der Kirche fort —; eine Kirche konnte nur als Frucht im Schoß der gläubigen Gemeinschaft entstehen. So liegt auch das echte Christentum durchaus nicht in Jesu Lehre beschlossen, sondern in der auf ihn zurückgehenden Tradition, die tausend Tode und Wiedergeburten seines spermatischen Geistes in sich beschließt. Konnte dies jemals verkannt werden, so lag’s daran, daß geistiges Sperma als solches in Form des Worts erhalten und als unsterbliches Keimplasma im Menschheitskörper lebendig bleibt. Nichtsdestoweniger spricht unsere Deutung wahr, denn die Bedeutung des Worts erweist sich immer wieder nur daran, daß es die Seelen befruchtet und insofern als Same immer wieder stirbt. Das ist eben, noch einmal, das Spezifische des männlichen Prinzips, daß sich seine Dauer in Form empirischer Vergänglichkeit äußert. Hierher rührt denn wohl letztlich der mythische Charakter aller Initiatoren, ob sie von Hause aus unbekannt waren oder mythisiert wurden, sowie ihr typischerweise anonymes Fortwirken — von nur ganz wenigen Initiativen kennen wir die Urheber —: auch auf geistigem Gebiet ist nur die Mutter des Kindes gewiß. In jedem jedoch, der einen Impuls aufnahm, wird dieser wirklich neugeboren, so daß man unrecht tut, von übernahme im Gelehrtensinn zu reden. Andererseits kann aber allein der männliche Logos zeugen. So wird der Weltschöpfer von jeher männlich vorgestellt. Daß kein Volk jemals etwas dabei fand, daß er nach erfolgter Schöpfung nie mehr sichtbar eingriff, ist seinerseits im selben Sinn bezeichnend. So ist es denn auch nicht sinnwidrig, wenn Magier höchster Art historisch allenfalls als Götter fortleben. Je reiner und ausschließlicher sie Magier waren, desto vergänglicher mußten sie sein als Erdenphänomene. Jesus wirkte nur drei kurze Jahre entlang und erlitt dann einen jähen Tod. Seither aber steht er in immer neuer Verkörperung immer wieder auf.

Dies ist die spezifische Form männlichen Fortlebens im Körper möglicher Erscheinung. Aber wahrscheinlich gibt es, vom Irdischen her beurteilt, nur diese Art Unsterblichkeit überhaupt. Von jeher galt das weibliche Prinzip als das des Endlichen, und das Weib als Erde im Gegensatz zum geistigen Mann. Wenn nur der Sinn sich als wesenhaft erweist und alle Erscheinung zergeht, so besagt dies gleiches. Man erinnere sich unserer Betrachtungen im Kant-Kapitel: kein Körper hatte je Unsterblichkeitswert. Was die Historiker unsterblich heißen, ist nicht wahre Unsterblichkeit; sie bedeutet nur fortlebende Erinnerung, die dem für sich Mausetoten gelten kann. Ferner ist hierbei zu bedenken, daß es sich bei den männlichen und weiblichen Prinzipien um universell in jeder Erscheinung Wirksames handelt, so daß man ohne Widersinn sagen kann, das Unsterbliche auch des Weibes sei ihr männlicher Teil, welche Erwägung den Einwurf gegen unsere Deutung, die man auf das Impulsgebertum so vieler pathischer Glaubensmenschen gründen könnte, erledigt. Jetzt verstehen wir, warum von allen Geistern auf die Dauer nachweislich nur ihr Magisches fortlebt und warum die größten Namen der Geschichte die von Magiern sind: Das Geistige läßt sich dem Irdischen, dessen Lebensgesetz Werden und Vergehen ist, nur in Form immer wiederkehrender Befruchtung mitteilen. Hier liegt die Erklärung des Stils aller heiligen Menschheitsbücher. Eben hier die der übereinstimmenden Sonderart ihrer aller Inhalte. Kein Heiliges Buch gibt wesentlich eine statische Theodizee: solche haben immer erst die Kirchen ausgestaltet. Im Falle keines ist die Darstellung dessen, was ist oder sein soll, die Hauptsache. Die Heiligen Schriften haben allesamt an erster Stelle zum Ziel, den Menschen zu wandeln, ihn zum Gefäß umzuschaffen für ein Höheres. Daher ist ihrer aller Ethik eine solche der Fruchtbarkeit. Je nach der Sonderart des Ziels trägt diese verschiedenen Charakter. Der Buddha, der von allen Religionsstiftern am extremsten nur das von seinem Standpunkt Fruchtbare als wertvoll gelten ließ, lehrte das, was zum Entwelten taugt. Jesus wies den Weg zum Himmelreich auf Erden, und die Tugenden allein waren ihm Tugenden, die diesem Ziele zuführten; daher die Umwertung aller Werte gegenüber Juden und Heiden. Den indischen Rishis galt das allein als gut, was der Vereinigung von Atman und Brahman diente. Keiner dieser Magier erkannte ein statisches System des Guten an, von allen am wenigsten Jesus, der direkt vor dem Gerechten, dessen Gerechtigkeit er nicht anzweifelte, dem Sünder den Vortritt ließ. Und von hier aus verstehen wir auch Nietzsche mit seiner proklamierten Wissenschafts- und Wahrheitsfeindschaft, seinem Haß gegen die christliche Moral, seinem Aufruf zum Bösen. Auch er wollte die Menschen wandeln. Auch ihm war dies das eine Ziel. Die unterste Stufe des Magiers verkörpert der machiavellistische Staatsmann. Der Machiavellismus ist die Ethik der politischen Fruchtbarkeit, unabhängig von jeder anderen Erwägung. Und in der Tat ist nur das politisch Fruchtbare politisch gut.

Hermann Keyserling
Menschen als Sinnbilder · 1926
Jesus der Magier
© 1998- Schule des Rades
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