Schule des Rades

Hermann Keyserling

Menschen als Sinnbilder

Jesus der Magier

Geisteskindschaft

Der Magier ist der Träger des männlichen Logos-Prinzips. Wie kommt es nun, daß ich dieses Buch just mit einer Bestimmung seines Wesens beschließe? Weil das Endziel unserer Betrachtungen im Erweise dessen liegt, daß es sich beim Geist um ein Lebendiges handelt und der Magier insofern den Höchstausdruck lebendig-schöpferischer Geistigkeit verkörpert, als es vollkommen unmöglich ist, sein Wesen und Wirken im Rahmen von Kategorien der Sachlichkeit überhaupt zu begreifen. Jedem Ausgestalter gegenüber gelingt dies bis zu einem noch so geringen Grad, denn das herausgestellte Werk ist eben dadurch Sache.

Der rein männliche und deshalb rein befruchtende Geist manifestiert sich überhaupt nur in Form schöpferischer Aktualität. Seine Wirklichkeit äußert sich ausschließlich im Indifferenzpunkt zwischen dem noch nicht und dem nicht mehr, der die eigentliche Dimension der Freiheit ist; sie erscheint immer als Improvisation, ob der Heilige wandelt, der Heiler heilt, oder die im Wort verdichtete Magie Jahrtausende lang immer erneut einzelnen Seelen, die verstehen können, befruchtet. Nie ist es hier die Sache, auf die es ankommt, sondern das Lebendige, das sie jeweils beseelt. Es ist auch nie die Wahrheit im üblichen Verstand. Freilich wirkt nur das Wahre dauernd befruchtend, weil das Wahre allein unsterblich ist. Aber es muß lebendige, d. h. verstandene, nicht bloß gewußte Wahrheit sein. Wäre es anders, dann läge das Idealziel aller Magie in der Mechanisierung nach Art der Gebetsmühle, wo alle Erfahrung beweißt, das Magie das genaue Gegenteil mechanischer Technik ist und die Wirksamkeit aller Wahrheiten davon abhängt, wer sie vertritt; sonst müßte jeder Feuilletonist, welcher christliche Wahrheiten ausspricht, so wirken können wie seinerzeit Jesus Christus.

Es kommt eben letztlich gar nicht auf die Sache an, sondern allein den lebendigen Geist, der sie vertritt und zwar gilt dies vom Aufnehmenden genau so wie vom Gebenden. Um lebendig zu wirken, muß das Wahre in dem, der es aufnimmt, Lebendiges auslösen, und dies tut nur das, was der Seele des Aufnehmenden irgendwie lebendig entspricht. Eben insofern wirken Ideen, wie die Neuentstehende Welt zeigte, nicht auf Grund ihrer Wahrheit, sondern ihres repräsentativen Charakters. Und wie sollte es auch anders sein? Bei allen abstrakten Wahrheiten und Richtigkeiten handelt es sich, soweit sie für sich gelten sollen, um Konstruktionen des Intellekts von rein instrumentaler Bedeutung; gemäß dem glücklichen Ausdruck Hans Blühers1 um Eliminate. Wie keine wissenschaftliche Theorie je in substantiellem Verstande wahr sein kann, so ist es überhaupt ausgeschlossen, die Wirklichkeit des Geists auf der Ebene der Herausstellung, der intellektuellen Ebene, zu fassen. Unsere Untersuchung der Erscheinung des Magiers erwies nun, daß es sich bei dieser Wirklichkeit um ein mit dem organischen Leben Wesensgleiches handelt. Hier wie dort handelt es sich um ein wesentlich Schöpferisches; hier wie dort manifestiert es sich im Wechselspiel von Zeugung und Geburt. Und die Anerkennung dieses Zusammenhangs impliziert, wohlgemerkt, in keiner Weise ein Bekenntnis zum Naturalismus; an keiner Stelle führten wir Geistiges auf Physiologisches zurück. Sie impliziert vielmehr die Erkenntnis, daß die manifestierte Natur ebenso wie der manifestierte Geist gleichsinnige Äußerungen eines Höheren, in seinem an Sich freilich nicht mehr Faßbaren sind. Wie die Sexualität ein Sonderausdruck des Eros, und nicht etwa dieser auf jene zurückzuführen ist, so ist das Lebendige ein Oberhalb von Körper sowohl als manifestiertem Geist. Und nur als lebendig ist dieses Oberhalb zu denken.

Daß die Dinge so und nicht anders liegen, hat das ganze moderne Zeitalter verkannt. Ihm war ein konstruierter abstrakter Mensch zur Voraussetzung alles Denkens geworden. Die Vernunft, der Verstand galt ihm als letzte Geistessubstanz, und da diese unlebendig gedacht wurde, so wurde die Sache ihrem weitesten Begriff nach über das Leben gestellt. Nun sollte der Sinn des Lebens in konstruierten Idealen begründet liegen. Nun galt jede Sache als wertvoller als der lebendige Mensch. Der absolute Nonsens, der darin liegt, daß ein vom lebendigen Menschen nachweislich Hervorgebrachtes und Herausgestelltes — und um nichts Besseres handelt es sich bei den höchsten abstrakt gefaßten Idealen — mehr bedeuten sollte als der Mensch an sich, wurde niemandem als solcher bewußt. Das Abstrakte galt allgemein als höherwertig gegenüber dem Konkreten; ja der denkende Geist selbst wurde, aller Evidenz zum Trotz, nicht nur als Fähigkeit zur Abstraktion, sondern als etwas an sich Abstraktes, in eigener abstrakter Sphäre Wohnendes angesehen. Damit wurde er denn zu einem Ähnlichen degradiert, wie es das Geld ist gegenüber der inneren Vollmacht des überlegenen Menschen. Der naturnotwendige Erfolg dieses Mißverstehens blieb nicht aus; die lebendige Wirklichkeit wird auf die Dauer immer so, wie man sie ansieht. Der Geist mechanisierte sich wirklich in fortschreitendem Maß. Er manifestierte sich wirklich nur mehr als Instrument oder vermittelnde Scheidemünze. Sein Eigentliches trat aus der Erscheinung immer mehr zurück. Nur noch die seiner Eigenschaften entwickelten sich, die dem Vorurteil des abstrakten Menschen entsprachen, was allein beweist, um ein wie durchaus Lebendiges es sich beim Geistigen handelt. Und entsprechend ging der Sinn für lebendigen Geist so vollkommen verloren, daß er, wo er einmal auftrat, nicht mehr bemerkt wurde. Er wurde seinerseits als bloßer Intellekt mißdeutet. Auch an ihn wurde der sachliche Maßstab angelegt, wobei sich denn zu erweisen schien, daß er sich von Tausenden, die gleiche Worte und Begriffe anwandten, in nichts unterschied, welche Entdeckung ihrerseits zum Verlust jedes echten Maßstabs für Geisteswerte führte. Nur für die weibliche, im Künstler verkörperte Modalität des lebendigen Geistes blieb der Sinn erhalten, die denn auch, in entsprechender Überschätzung, allen Glauben überhaupt an den schöpferischen Geist, den jeder im Innersten doch hat, monopolisierte. Daß der Künstler nicht seinerseits als Techniker mißverstanden wurde, lag dabei einzig am glücklichen Umstand, daß sich sein Können nicht rationalisieren läßt.

Ein Porträt ist ein nachweislich anderes als eine Photographie, und die Kenntnis von Kunstregeln führt nachweislich nicht zur originalen Schöpfung. So konnte auf diesem einen Gebiet der Ersatz das Echte nicht verdrängen.

Dieses Kapitel dürfte nun deutlich gemacht haben, daß es nicht nur den weiblich-, sondern auch den männlich-schöpferischen Geist gibt. Sein Hauptziel aber war ein Prinzipielleres. Es hat, so hoffe ich, erwiesen, daß es sich bei den Geistern — nicht Geistern im Sinn von Menschen, sondern gerade als sogenannten reinen Geistern — um ein genau so Konkretes handelt, wie beim Fleisch. Christus wurde geradezu das fleischgewordene Wort genannt, so sehr fiel der konkrete Charakter seines Geistes auf dem Hintergrund des abstrakten spätantiken Denkens auf. Dieser Begriff ist durchaus gegenständlich. In Christus eignete dem Geist tatsächlich dieselbe Lebenskraft, wie sie auf niedereren Seinsstufen nur der Körper hat. Gleiches aber gilt grundsätzlich, in noch so viel geringerem Grade, von jedem Magier, im Unterschied vom Nicht-Magier, überhaupt. Hier manifestiert Geist sich als unmittelbares Leben — oder Leben unmittelbar als Geist; das heißt, die Scheidung zwischen Geist und Leben wird hinfällig, weil eine Instanz oberhalb ihrer erreicht erscheint. Leuchtet jetzt nicht in einem neuen Sinn als sinnvoll ein, daß die Christenheit auf die Person Jesu allen Nachdruck legte, so sehr, daß sie vom Glauben an ihn, nicht nur von der Anerkennung der von ihm vertretenen Wahrheiten die Zugehörigkeit zur Christengemeinschaft abhängig machte? Als wesentlich Lebendiges kann Geist gar nicht unpersönlich sein. Alles Lebendige ist als solches Subjekt; je höher es auf der Rangleiter des Lebens steht, desto einziger und persönlicher erscheint es, desto weniger kann man folglich vom Persönlichen absehen. Deshalb kommt es bei Geistern letztendlich nicht auf das Was, sondern allein das Wer an, deshalb ändert die sachliche Übereinstimmung der Lehren Jesu mit vielen antiken und orientalischen Lehren an der schlechthinnigen Einzigkeit des Christus-Impulses nichts. Das Abstrakte bedeutet immer nur das, was dem konkreten Geist entspricht, der es vertritt. So birgt das banalste Originalwort Jesu mehr Christus-Tiefe; als die tiefsinnigste spätere Theologie. Wirksam ist eben immer allein das Geistige, welches verstandenes und verkörpertes Wissen darstellt, und Verstehen ist jedesmal ein lebendiger Assimilationsvorgang, der in jedem Falle neu und einmalig und einzig ist. Dies gilt genau so vom Empfangenden, wie vom Befruchtenden. Hiermit gelangen wir denn zu einer neuen Ansicht der Geistesgeschichte. Es ist ganz einfach falsch, solche in Funktion abstrakter Wissensinhalte zu konstruieren. Was nicht lebendig aufgenommen und assimiliert ward, blieb und bleibt unwirksam; wie denn auch heute das Wissen von Millionen Menschen, welche glänzend gelernt haben, ohne jede lebendige Bedeutung ist; sie sind wesentlich so, als hätten sie nichts gelernt. Worauf allein es ankommt, ist nicht das Gewußte, sondern das Verstandene. Deshalb äußert sich der Fortschritt nicht in kumuliertem Wissen, sondern in fortschreitendem Selbstverständlichwerden dessen, was den vorhergehenden Zeiten neu war; er äußert sich in dem, daß die jeweilige Folgezeit, ohne ausdrücklich darum zu wissen, von dem ausgeht, was ihrer Vorgängerin Problem und problematisch war. So ist der Satz aus Spannung und Rhythmus zu verstehen, daß die Lebensprobleme nicht gelöst, sondern erledigt werden. Da nun Verstehen, noch einmal, in jedem Fall ein rein persönlicher Vorgang ist, so ergibt sich daraus, daß nur Geisteskindschaft im Gegensatz zu mechanischem Schülertum überhaupt zählt2. Und daraus folgt weiter, daß es sich nicht nur beim echten Christentum an erster und letzter Stelle um ein persönliches Verhältnis zu Christus handelt, sondern genau so bei der Teilhabe an jedem lebendigen Geist. Hat man Schopenhauer oder Kant verstanden, so ist man persönlich von deren persönlichem Geist befruchtet worden. Diese Erkenntnis führt nun aber nicht etwa zu einer Wiedergeburt des mittelalterlich-religiösen Autoritätsglaubens auf allen Gebieten — es erfährt vielmehr dieser durch sie eine Neu-Besinnung. Man braucht durchaus nicht an Christus im dogmatischen Sinn zu glauben, um seiner Heilswirkung teilhaftig zu werden: man muß seinen Geist irgendwie lebendig empfangen haben.

Dies nun gilt auf jedem Gebiet. Mit bloßem Wissen ist auf keinem das mindeste erreicht, überall zählt einzig lebendige Befruchtung und Geburt, überall ist es das geistige Leben allein, welches geistig zählt. Geist ist eben wesentlich lebendigste Wirklichkeit. Theoretisch wird dies der Gottheit zugestanden. Ihr allein bleibt, wo sie geglaubt wird, von Seiten des modernen Bewußtseins vorbehalten, was grundsätzlich allem echten Geiste eignet. So wird auch Gott als Geist allein zugestanden, daß er wesentlich Subjekt ist. Aber was von Gott gilt, gilt grundsätzlich von allem Geist. Sonst hätte der Mensch Gottes Eigenschaften nie erdenken können. Und faktisch offenbart der Menschengeist das, was er wesentlich ist, von dem Augenblicke an, wo sich das Lebensprinzip, das Subjekt in ihm zentriert. Von hier aus erscheint denn, wie mich bedünkt, zum ersten Male ohne Vorurteil begreiflich, inwiefern es nicht sinnwidrig ist, das geistige Leben über das empirische (im weitesten Verstand) zu stellen, wo jeder zunächst doch als konkretes Erdenwesen lebt und alle Ideale konkretes Leben voraussetzen: beim Geistigen handelt es sich im selben Sinn um Lebendiges, wie beim Körperlichen; Geisteskindschaft ist im selben Sinne wirklich wie leibliche Abstammung. Wo er zur Geistbewußtheit erwacht ist, stellt sich der Mensch im gleichen Sinn als geistiger Organismus dar, wie als Naturwesen als körperlicher. Und jetzt wird auch der wahre Sinn des menschlichen Fortschritts- und Höherbildungsstrebens auf einmal klar. Die Ideale als solche sind freilich nur Herausstellungen ohne substantielle Realität. Doch sie vertreten im Spiegelbild des Bewußtseins die lebendigen Kräfte, die von Innen her den geistigen Menschen gestalten. Ihr Sinn ist demzufolge kein substantieller, sondern funktioneller: die Höherbildung und Steigerung von dessen konkreter Wirklichkeit. Daran ändert nichts, daß alle echten Ideale über das Erdenleben hinausweisen; dieses ist unserem Geisteswesen nicht letzte Instanz. Andererseits handelt es sich beim Weiterleben in anderen, höheren Welten, falls es solches gibt, um ein genau, ja mindestens so Konkretes, wie im Fall des irdischen Daseins. So ist denn der lebendige konkrete Mensch der Seinsgrund und zugleich das Ziel aller nur möglichen abstrakten Ideale. Der Mensch lebt auf diese hin, um eine höhere konkrete Daseinsstufe zu erklimmen, entsprechend der Lehre Buddhas, der hier als erster vollkommen richtig sah, daß der bloße Versuch zum Besseren schon das Bessere schafft, daß bloßes Erkenntnisstreben faktisch wissender macht.

Dies gilt hinsichtlich des Einzelnen. Was aber die Menschheitsganzheit betrifft, so spielen die Geister, welche sie verehrt, recht eigentlich die Rolle von Erbträgern, Vererbungsfaktoren. Leben sie unsterblich fort, so tuen sie’s genau in gleichem Sinn, wie die physischen Gene. Auch diese sind ja streng individualisiert, auch sie verlieren nie ihre Identität; es gibt kein nicht-einziges Leben. Und wie ohne Gene keine physiologische Vererbung möglich ist, so gibt es keine geschichtliche Tradition ohne bestimmende bestimmt-konkrete Geister. Und auch in dieser wie in jener verläuft die Entwickelung so, daß das für sich Einzig-Persönliche, wie es als Frucht vorherbestehender Synthesen geboren ward, so auch zu späterer Synthesen Element wird. Insofern und nur so lebt der Geist der Griechen, Christi, Goethes lebendig in uns fort. Insofern tut andererseits das spätere Überschreiten von deren besonderen Grenzen ihrer Unsterblichkeit in keiner Weise Abbruch, weshalb es ein reines Mißverständnis bedeutet, bei irgendeinem stehen zu bleiben. Es müssen sich von Jahrhundert zu Jahrhundert immer neue Synthesen bilden, in welche vormals letzte Instanzen nunmehr als Komponenten eingehen. Aber auf die Erbfaktoren kommt in der Tat alles an. Wo sie fehlen, kann nichts Höheres entstehen. Wir müssen uns irgendwie persönlich zu den Großen bekennen, wenn wir an ihrem Geiste teilhaben wollen. Wer immer dies nicht tut, verleugnet sein Menschheitserbe und beginnt geistig erneut als nackter erster Mensch. Und jetzt sind wir in der Lage, die ganze ungeheuerliche Oberflächlichkeit von Spenglers grundsätzlicher Scheidung zwischen Dasein und Wachsein zu ermessen. Allerdings gebührt jenem das Primat. Aber das Wachsein widerstreitet ihm nur, wo das Leben selbst nicht geistbestimmt erscheint. In bezug auf Männer wie Jesus und Buddha ist Spengler auf unmittelbar groteske Weise im Unrecht. Er ist im Recht, von vormenschlichen Stufen abgesehen, nur in bezug auf den Gelehrten, insofern dessen Geist typischerweise nicht zwar ganz unlebendig, doch in so minimalem Grad lebendig ist, daß er seine Herausstellungen nicht innerlich beherrscht, sondern von ihnen beherrscht wird. Dies wäre denn der letzte Sinn der gelehrten Sachlichkeit. Gewiß ist diese in ihrer Sphäre berechtigt. Aber sie umgrenzt eben das Unlebendige am Geistesleben. Das Unpersönliche am Geist, das sachlich Herausstellbare, allgemeingültig Verwendbare, ist, wir sagten es schon, nicht Geist, sondern Geistes-Eliminat. Es ist Geschöpf des Geistes einerseits, andererseits sein Werkzeug für bestimmte Zwecke. Was aber die Ideen und Begriffe betrifft, so sind sie dem Geiste notwendige Organe, genau wie die leiblichen es dem Körper sind; hier liegt der Hauptsinn der bleibenden Ergebnisse von Kants Kritik. Aber eben deshalb versagt schon ihnen gegenüber der sachliche Gesichtspunkt.

Weil Geistesorgane eben auch lebendig sind, deshalb bedeuten die gleichen Begriffe in jedem konkreten Falle anderes. Auf schlechthin jedem Gebiet schafft der Sinn den Tatbestand. Die Auffassung, daß das Sachliche über dem Persönlichen stehe, ist also überall und in allen Hinsichten falsch. Es gibt nur persönlichen Geist, genau so, wie es nur persönliche Menschen gibt. So ist es denn wohl Zeit, den Irrglauben an den abstrakten Menschen endgültig abzuschütteln. Es ist Zeit, endlich zu verstehen, was schon seit Jesu Tagen als Wissen überliefert wird. Nämlich daß der Mensch als Geist ein Wirkliches ist, daß er gerade als Geist lebt, und daß wir auf der heutigen Erkenntnisstufe mit geringerer Sinnwidrigkeit im Körper ein Abstraktes sehen könnten, als gerade im Geist. Und im gleichen Sinne ist es endlich Zeit, den wahren Sinn der Lehre vom unendlichen Wert der Menschenseele einzusehen. Ihr Bedeutungsakzent liegt nämlich nicht darauf, daß vor Gott alle Menschen gleich wertvoll seien, sondern daß die lebendige Seele das einzig sinngemäße Bezugszentrum darstellt für alles nur mögliche Denken und Tun. Es ist schlechterdings unsinnig, in irgendeiner sachlich zu denkenden Wesenheit, und sei sie das höchstdenkbare Ideal, ein letztes Ziel zu sehen. Das persönliche Leben ist überall die erste und letzte Instanz. Erkenntnisse sind wertvoll, insofern sie des Lebens Wachstum fördern. Große Geister sind ihrerseits nur verehrungswürdig, insofern sie uns weiterbringen. Eben weil sie dies wußten, war alle Ethik aller großen Magier ohne Ausnahme eine solche der Fruchtbarkeit. Überall aber hat andererseits das Allgemeingültige seinen einen adäquaten Körper am Einzigen, und das heißt hier: der berufenen charismatischen Person. Dies gilt auch auf dem Sondergebiete des Sozialen. Auch hier ist nicht das Sachliche das entsprechende Organ der Gesamtheit, sondern das Persönliche und Einzige. So hat sich denn auch jeder Tiefere von Haus aus als Organ für Alle aufgefaßt. Nicht aber im Sinn der Selbstpreisgabe: Jeder hat vielmehr in irgendeiner Form an seine Bestimmung geglaubt, welcher Glaube jeder Grundlage entbehrte, wenn es kein Jenseits der Person gäbe, das diese nicht entwertete und nicht preisgäbe. Und was der Tiefe für sich fühlt, stellt sich objektiv in der Geschichte als wirklich und gültig dar. Jeder Zeitgeist fand seine entsprechende Verkörperung in bestimmten einzigen Menschen. Es ist unmöglich, Geschichte sinngemäß zu schreiben, ohne alles auf bestimmte Einzelne zurückzubeziehen. Gleichsinnig waltete keiner je vollkommen eines Amts, der nicht sein Persönlichstes damit entsprechend auslebte. Auch das abstrakt gedachte Amt ist eben nur ein Eliminat, und wo immer solches für das Eigentliche gehalten wird, ergibt dies Unheil. Ein Jenseits des Persönlichen gibt es nur in der Region des Über-, nicht des Unpersönlichen. Dieses Überpersönliche ist die Menschheit, die jeder in sich trägt. Deshalb kommt jedem ursprünglich eine bestimmte Rolle im Menschheitsorganismus zu. Im Höchstfall heißt man diese Sendung, im Mittelfall Berufung, im niedersten Geeignetheit für ein bestimmtes Amt. Wesentlich handelt es sich aber überall um Gleiches, und zwar in dem Sinn, daß der persönliche Mensch als solcher das eigentliche Amt ist. Und von hier aus erweist es sich denn, was es mit der Forderung der Hingabe, der Liebe in Wahrheit für eine Bewandtnis hat. Der richtig-bestimmte Geist ist wesentlich persönlich und konkret. Deshalb lebt der Mensch unter allen Umständen sich selbst; deshalb gelingt es der Psychoanalyse Mal für Mal, alle Geistesblüten auf elementare Triebe zurückzubeziehen. Der Mensch soll auch mit gutem Gewissen sich selbst leben, denn nur persönliche Interessiertheit kann den Körper zu echtem Geistesstreben abgeben. Aber der Mensch erschöpft sich nicht in seinem Ich. Nur in Form scheinbarer Selbstlosigkeit kann er sein wahres Selbst ausleben. Denn dieses ist die Menschheit in ihm, die sich durch den beschränkten Einzelnen hindurch so äußert, daß dieser allein ans Geben und nicht ans Nehmen denkt.

Der Geist ist ursprünglich lebendig. Es gibt nur subjektives, persönliches Leben. Deshalb kommt auf das Wer, nicht das Was; alles an. Dies führt uns denn, zum Schluß, zur Überwindung der Antinomie rational-irrational, in der sich die meisten fangen. Geist ist nur rational zu denken. Das Persönliche ist andrerseits irrational. Das Wirkliche nun, das schöpferisch in der Welt wirkt, ist überall eine unauflösliche Einheit von beiden, deuten wir sie als deren Synthese oder Integral. Es ist sowohl rational wie irrational. Als Leben ist es wesentlich letzteres. Als Geist ist es wesentlich vernunftgemäß. Dieses Oberhalb von rational-irrational faßt nun mein Sinn-Begriff. Ich habe ihn und keinen anderen gewählt, weil Sinnfülle von Hause aus mehr bedeutet als Vernunftgemäßheit. Eine Symphonie, gegenüber der jeder Verstandesbegriff versagt, empfinden wir doch als sinnvoll, desgleichen eine Dichtung, die irrationalisierbare Gefühle ordnet, desgleichen ein nur auf Farbenwerte hin exakt bestimmbares Meisterstück der Malerei. Und nicht anders stehen wir zum Schicksal. Das Lebendige ist nie durchaus irrational, denn es hat überall seinen rationalen Aspekt. Deshalb allein sind Welterklärungen nicht von Hause aus als solche sinnwidrig. Da wir nun alle Fragen als denkende Wesen stellen, und Denken rationalisieren heißt, so ist klar, daß bei jeder Philosophie, die sich als bloße Intention nicht aufheben soll, der Akzent auf der Logosseite liegen muß. Insofern ist der Sinn-Begriff dem jenseits von rational und irrational am gemäßesten. Da er die letzte Verstehensinstanz verkörpert, so ist er seinerseits nicht mehr zu definieren. Doch er bewährt sich andrerseits an jeder nur möglichen Erfahrung. Denn der Mensch ist für sein eigenes Bewußtsein letztlich Geist und damit sinngebendes Prinzip.

Aber dies ist er wiederum immer nur als einzige, und als solche irrationalisierbare Person. Und daraus erklärt sich das so ganz Irrationale und Unsachliche der Bedingungen seines Wirkens. Sachliche Richtigkeit gewährleistet erwiesenermaßen kein Fortleben. Das sachlich Wertvolle, das Nützliche, ja das Wahre und Gute an sich ist dem Leben nie mehr gewesen als Element, ohne irgendwelche Eigenkraft. So wie summum jus so oft summa injuria bedeutet hat, so hat sich das sachlich Beste in der Hand schlechter Menschen wieder und wieder in Schlechtestes verkehrt. Kein Unpersönlicher, war er Tugendbold, Gerechter oder Gelehrter, hat je dem Leben lebendige Impulse mitgeteilt. Der persönliche Stil ist erwiesenermaßen überall das entscheidend Wichtige vom Standpunkt alles Werts. Daher die primäre Bedeutung des guten Willens für die Religion. Deshalb ist jeder genau nur insoweit für andere bedeutsam, als er den Mut zu sich selbst hat. Eben deshalb leben nur gut geschriebene Bücher fort. Alle magische Wirkung ist an Gesetze gebunden, die man, wo die Normen der Ästhetik versagen, okkult nennt, da sie verstandesgemäß nicht zu erklären sind. Dies alles hat zur Ursache, daß es sich beim Geist um ein Lebendiges handelt, das sich auch in der Geistessphäre nicht anders manifestiert, wie in der physischen: als Organisationsprinzip, dessen Ausdruck einerseits höchster Vernunft gemäß und anderseits durch Vernunft doch nie zu erschöpfen ist. Diese ist dem Einzigen grundsätzlich nicht gewachsen; nur Allgemeines ist sie zu fassen fähig. Aber der Mensch ist als lebendiges Wesen nicht Vernunft allein. Deshalb kann ihm auch das Sinnvoll-Irrationale einleuchten. So ist er unmittelbar empfänglich für den ihm selbst unerklärlichen, rein persönlichen Stil.

Dieser persönliche Stil ist denn die letzte Instanz des manifestierten Geistes. Daher die vollkommene Unablösbarkeit jedes Gedankens als Lebenskraft von seinem bestimmten Ausdruck. Nie kann man ihn, so man ihn nicht töten will, auch anders fassen. Hier liegen die Dinge genau so wie beim konkreten Menschen. Bei der Kunst ist dies allgemein anerkannt. Aber technisch betrachtet gibt es lebendiges Geistesleben nur in Form von Kunst. Was Unpersönliche in unpersönlicher Form an Geist vertreten, entspricht dem, was das Geld ist im Reich der realen Werte; es ist Ersatz und Vermittelung, aber keine Substanz. Der persönliche Stil ist der eine Exponent des lebendig Persönlichen. Von ihm hängt alle Lebenskraft ab. So völlig unmöglich dies zu erklären sei, es ist nicht anders. Das Urbild alles Stils ist nun das Wort. Insofern ist jedes Wort, richtig gefaßt und angewandt, ursprünglich eine Zauberformel. Das Wort ist der ursprüngliche Körper alles Sinns und dadurch unmittelbar spermatisch-schöpferisch. Das Wort stand am Anfang alles neuen historischen Geschehens. Und so stand es wohl am Anfang aller Dinge.

1Vgl. sein Traktat von der Heilkunde, Jena 1926, Eugen Diederichs. Dieses sein neuestes Werk, das mir erst während der Korrektur vorliegenden Buches bekannt wurde, sollte jeder lesen. Es ist Blühers weitaus Reifstes und Bedeutendstes. Wer die psycho-analytischen Kapitel von Wiedergeburt las, wird sich, mit mir, der weitgehenden Übereinstimmung von Blühers letzten Erkenntnissen mit denen der Schule der Weisheit freuen.
2In rein abstraktem Zusammenhang, von anderem Gesichtspunkte aus, behandelt das Problem der Geisteskindschaft ausführlich das gleichnamige Kapitel von Wiedergeburt.
Hermann Keyserling
Menschen als Sinnbilder · 1926
Jesus der Magier
© 1998- Schule des Rades
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