Schule des Rades

Hermann Keyserling

Menschen als Sinnbilder

Von der Produktivität des Unzulänglichen

Selbst und Erscheinung

Im Herbst 1914 sollte das Reisetagebuch erscheinen. Nachdem ich die zweite Korrektur zum ersten Band bereits gelesen hatte, schlug Europas Schicksalsstunde. Offiziell stand ich auf russischer Seite. Innerlich aber war mir der Weltkrieg, solange ich ihn herannahen gefühlt hatte, geistig betrachtet ein Un-Sinn und moralisch-seelisch ein Greuel, denn mir bedeuteten die Probleme, um die er geführt wurde, nichts; ich war, solange ich denken kann, der Europäer, zu dessen historischer Geburt der Zusammenbruch so vieler alter Staatswesen letzten Endes gut gewesen sein wird. Zunächst suchte ich den Krieg zu ignorieren; anderthalb Jahre beinahe lebte ich im Detachiertheitszustand des Reisetagebuchs weiter. So gering war damals, dank jahrzehntelanger Askese, der Kontakt meines Bewußtseins mit meinem persönlichen Wesen, daß mir dies möglich war. Denn als Kind war ich vor allem warmherzig und mitleidvoll gewesen. Darauf packte mich tiefster Unmut. Die weite Welt, in der allein ich mich wahrhaft zu Hause fühlte, gab es fortan nicht mehr; Europa schien mir ausgespielt zu haben; ich korrespondierte sogar mit dem damaligen japanischen Botschafter in Petersburg, Motono, über den Plan, mich in einem Kloster des koreanischen Diamantbergs anzusiedeln. Hierauf aber setzte, für mein Bewußtsein plötzlich, ein neuer Prozeß tiefstgreifender Wandlung in mir ein, dessen Grundzüge noch in dem (1917 geschriebenen) letzten Abschnitt des Reisetagebuchs einen Ausdruck gefunden haben. Ich hatte geglaubt, mit dem Reisetagebuch meinen persönlichen Höchstzustand erreicht und damit mein Lebenswerk vollendet zu haben. Während der Jahre der Abgeschiedenheit in Rayküll — ich war zum Kriegsdienst untauglich befunden — ward mir statt dessen klar, daß es offenbar erst den Beginn dieses darstellte. Im Reisetagebuch lebte der Prozeß meiner Entstehung. Nun galt es, als Entstandener zu leben. Dieses aber war, das erkannte ich immer deutlicher, je mehr die Zeit mein Ich mit dem Schicksal meiner empirischen Bestimmtheit zusammenschweißte, in der Tagebucheinstellung nicht möglich. Der absolute Detachiertheitszustand, den sie bewirkte und andererseits voraussetzte, schloß weitere Fruchtbarkeit im Irdischen aus. Nur als Asket hätte ich sinnvoll weiterexistieren können. Doch zum Asketendasein taugte ich — was ich lange nicht wahrhaben wollte, bis daß ich den Grund endlich einsah — immer weniger. Im Reisetagebuch, so erkannte ich jetzt, war ich doch noch nicht ganz entstanden. Wohl hatte seine Schöpfung für mich gerade die Bedeutung einer Apokatastasis, einer Wiederbringung verlorenen Seins bedeutet. Es hatte mich menschlicher, normaler gemacht. Aber es hatte noch nicht den ganzen Menschen erlöst. Dieser drängte nun selbsttätig zur Geburt. Natürlich erkannte ich auch jetzt nicht gleich, was in mir vorging. Ich wußte zunächst nur soviel: das Reisetagebuch hatte mich vitaler gemacht, als ich je seit Dorpat gewesen war. So konnte sich mir die Frage ohne Widersinn nicht stellen, mein Leben in wunschloser Schau zu beschließen. Hatte der Tagebuchmensch in seinen höchsten Augenblicken Verwandtschaft mit dem buddhistischen Asketen, der im Verstehen alle Wirklichkeit irrealisiert, so ward mir nunmehr klar, daß jener nur eine Entwicklungsphase gewesen war — mochte diese immerhin, vom Standpunkt geistigen Werts, meine höchste gewesen sein. Wenn ich nicht durch Selbstmord freiwillig enden wollte, so mußte ich in andersartiger Gestaltung weiterleben. Dies veranlaßte mich denn zu einem neuen Einstellungswandel. An den Greueln des Weltkriegs ward mir zum erstenmal ganz klar, daß Detachiertheit in dem von mir erreichten Sinn kein Idealzustand ist. So tiefe theoretische Einblicke sie ermöglicht — in allen anderen Hinsichten kann sie ein Ausdruck von Oberflächlichkeit sein. Und in vielen Hinsichten war ich ohne Zweifel oberflächlich geblieben oder geworden. Jetzt erkannte ich auch die ungeheure Gefahr jener Einseitigkeit, die ich seit über 15 Jahren mit Bewußtsein ausgeübt hatte. Meine Erkenntnisseite hatte ich freilich soweit ausgebildet, als meine Anlagen erlaubten; dafür war die aktive und menschliche nahezu unausgebildet geblieben.

Und diese war doch da, sogar übermächtig da. In den Untergründen meines Wesens spürte ich, je länger mich das Schicksal zur Unbeweglichkeit und Untätigkeit (im Vergleich zur früher gewohnten Tätigkeit) verurteilte, einen desto unbezähmbareren Betätigungsdrang; am ununterbrochenen Kontakt mit der heimatlichen Erde wurden überhaupt alle Anlagen wieder lebendig, die ich in meiner Kindheit besessen und seither unterdrückt hatte. Da ich meiner ganzen Ausstattung und Ausbildung nach einmal Versteher war, so konnte ich freilich nur über die Erkenntnis zu vollem Sein gelangen. So urtümlich stark mein Triebwesen immer war — viele sehen wegen der elementaren Stärke meiner Instinkte und Impulse noch heute einen Wilden in mir! —, nur durch Verstehen hindurch konnte es meinem Bewußtsein zugänglich und botmäßig werden. Bis dahin konnte es mich, wie ich einmal war, nur hinterrücks überfallen, gemäß dem Löwen-Urbild meiner Kinderzeit, und heute kann ich sagen, daß ich auch abgesehen von meinen geistigen Zielen weise daran gehandelt habe, bis in mein reifes Mannesalter hinein meine Triebe überhaupt nicht auszuleben: leicht hätte dies früher zu Katastrophen geführt. Um nun mein Sein endlich wirklich auszuwirken, dazu mußte ich jetzt offenbar den Akzent in mir bewußt anderswohin verlegen, als wo er zuletzt geruht hatte; d. h. eben auf den vitalen Urmenschen zurück, den ich aus meinem Bildungsstreben ausgeschaltet hatte. Mit dem Geistesleben allein war es nicht mehr getan. Jetzt mußte meine ganze Natur aus dem Geiste wieder geboren werden, sofern ich weiterkommen wollte. So ging ich denn zum vierten Mal daran, mich selbst zu wandeln. Die Jahre beinahe vollkommener Abgeschiedenheit, in denen sich die Wandlung zunächst vollzog, bedeuten einen einzigen kontinuierlichen Meditationsprozeß. Zuerst nahm ich meine gesamte erlebte Vergangenheit, mit der ich mich früher nie identifiziert hatte, soweit sie mir greifbar war, in der Erinnerung auf mich; jeden begangenen Fehler, jeden erlittenen Schmerz, jeden unlauteren Gedanken gestand ich mir nun nachträglich ein, alles Verdrängte suchte ich ins Bewußtsein zurückzuheben. Dann schuf ich, bei jeder nur möglichen Gelegenheit, bewußte Zusammenhänge zwischen meinem metaphysischen Selbst und der Erscheinung, die sich mir gerade als Ausdrucksmittel darbot, und beeinflußte mich konsequent dahin, daß ich ein Mensch würde, dessen bestimmte Persönlichkeit durchaus, in allen ihren Aspekten, das praktisch zum Ausdruck brächte, was ich bisher nur in Form von Verstehen für realisierbar gehalten hatte. So wurde mir das Erreichnis der Vorbereitungszeit, das ich einst für ein Höchstes gehalten hatte, seinerseits zur Vorstufe.

Hermann Keyserling
Menschen als Sinnbilder · 1926
Von der Produktivität des Unzulänglichen
© 1998- Schule des Rades
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