Schule des Rades

Hermann Keyserling

Menschen als Sinnbilder

Von der Produktivität des Unzulänglichen

Schule der Weisheit

In der neuen Wandlung, die während der Kriegsjahre begann, befinde ich mich noch drin. Sie wird, der Natur der Aufgabe nach, vor meinem Greisenalter, wenn überhaupt, zu keinem Abschluß kommen. Was sie zunächst bewirkte, konnte ich in Rayküll nicht beurteilen. Aber kaum kehrte ich, 1918, in die Welt zurück — die Deutschen besetzten im Februar meine Heimat, im Herbst mußte ich sie, auf Grund der Revolution daselbst für immer verlassen -, da merkte ich, daß mein Meditieren nicht unfruchtbar ges blieben war. Die vitalen Kräfte meiner Jünglingszeit erwiesen sich als neuerwacht; ihnen widerfuhr nun innerhalb kürzester Zeit die Zunahme an spezifischem Gewicht und Potenzierung, die jeden Vierziger gegenüber dem Zwanziger als machtvolle Persönlichkeit erscheinen läßt, welcher Prozeß sich sonst in langsamen Übergängen abspielt. Besonders aber erlebte der jahrzehntelang unterdrückte, auf Tat gerichtete Wille einen wahren réveil du lion. Immer vulkanischer trieben mich fortan die in mir waltenden Tatmenschen-Energien vorwärts. Der vom Buch Ossendowskis her berühmte Mongolen-Kondottiere Baron Roman Ungern-Sternberg, einer der hellseherischsten Geister, die ich jemals traf, sagte mir 1915, er sehe mich in Zukunft Attacken reiten und Reiche gründen. Damals wollte ich meinen Ohren nicht trauen. Aber wie viele derer, die mich erst seit 1920 kennen, werden es mir glauben, daß ich mich vorher schier zwanzig jahrelang nach außen nur als scheuen übersensitiven Künstler dargestellt hatte, dem Leben hilflos gegenüberstehend, jedem Eindruck unterliegend, wegen meiner Anlage, alle Seiten eines Problems zugleich zu sehen, scheinbar unfähig, mich zu entscheiden, mich durchzusetzen, Einfluß zu gewinnen, ohne jede Neigung, als Führer hervorzutreten, jedem Kampfe abhold, ja, daß ich meine Jugend hindurch als willensschwach galt? So sehr hängt alles von der inneren Einstellung eines Menschen zu sich ab; was er in sich nicht bejaht, das entfaltet sich nicht. Jetzt, wo ich den Gewalt- und Tatmenschen in mir nicht mehr verdrängte, begann sich die ursprüngliche Doppeltheit meines Wesens zur Einheit zu integrieren. Immer überzeugter, gläubiger und dementsprechend stärker wurde ich in diesem Prozeß. Immer voller wurde mein Leben. Denn nun stand ich nicht mehr als desinteressierter Zuschauer der Welt gegenüber: ich arbeitete aktiv mit an ihrer Entwicklung.

Und wie es zu gehen pflegt: Kaum daß ich mich bewußt dem Weltprozesse eingefügt hatte, bezog dieser, der sich vormals nicht minder ironisch zu mir verhalten hatte wie ich zu ihm, mich als notwendiges Glied in sich hinein. Der furchtbare Ernst der Lebenswirklichkeit, zu der ich mich bewußt vorher nur betrachtend verhalten hatte, sooft sie mich auch früher schon verwundet, ward mir nunmehr zum nur zu persönlichen Erlebnis. Und dieses schmerzte entsetzlich, denn da ich mich früher Ähnlichem nie ausgesetzt, so war kein Nerv abgestumpft oder auch nur so widerstandsfähig geworden, wie er’s bei jedem Mann im Vergleich zum Kinde ist. In einem Moment überhitzter nationaler Leidenschaft hielt es das Volk der Esten für möglich, seine politische Existenz legal auf der Expropriation derer zu begründen, deren Liebe zur Scholle das Land seine ganze Kultur verdankt und auf die hin allein der neue Staat heute lebensfähig erscheint. Ich meine uns Balten, die wir als Pioniere vor 700 Jahren hinzogen und seither die nie entmutigten Vorkämpfer westlicher Kultur im Osten gewesen waren. Die konstituierende Versammlung des neuen estnischen Staates beschloß eine (sofort auch Hals über Kopf durchgeführte) sogenannte Agrarreform, von der nur zu hoffen steht, daß das politisch reifer gewordene Volk sie einmal revidieren wird. Sie nahm uns Balten von einem Tag zum andern alles Land, alles Inventar, und dies faktisch ohne Entschädigung, denn die bisher nicht einmal ausgezahlten Summen stehen zum Wert kaum im Verhältnis geringfügiger Zinsen zum Kapital. Es war eine in der modernen Geschichte beispiellose Expropriation, da sie ja ohne den weltanschaulichen Hintergrund, den man der bolschewistischen Expropriationspolitik doch zuerkennen muß, stattfand; in Estland gilt Privateigentum sonst als heilig. Dabei hatten die baltischen Gutsbesitzer nicht allein seit Jahrhunderten nur für das Land gelebt — auch seit 1918, wo sie wußten, daß sie vernichtet werden sollten, arbeiteten sie, soweit sie nicht fern von der Heimat leben mußten, zum Heil des Landes weiter mit, wie denn die baltische Jugend an der Befreiung Estlands von den Bolschewisten in vorderster Reihe ihr Blut vergossen hat.

So verlor ich auf einmal mein ganzes, durch meine eigene Arbeit beträchtlich gewordenes Vermögen. Während der Jahre bis zum endgültigen äußeren Abschluß, der erst 1925 erfolgte, war mir der durch illusionsvolle Briefe dauernd bestehende Kontakt mit der verlorengewußten Heimat, während ich mein Leben auf neuer Basis neugründete, ein dauernder Pfahl im Fleisch, der oft zum Wahnsinnigwerden wehtat. Ja, ich, der Detachierte, war an meine Heimat in Wahrheit viel tiefer verhaftet als die meisten. Denn wenn mein Bewußtsein sich schon früh von allen Bindungen emanzipiert hatte, so blieb mein Unbewußtes desto stärker in kindlicher Abhängigkeit an der Stätte meines Ursprungs hängen. Auf diesem persönlichen Leiden zum Teil beruht mein manchmal übertrieben scheinender Aktivismus der Jahre 1919-26. Während dieser mußte ich nun nicht allein überhaupt um meine Existenz kämpfen, von Vortrag zu Vortrag, von Schrift zu Schrift — 1919 hatte ich, der ich zur Zeit meiner materiellen Unabhängigkeit den bloßen Gedanken ans Heiraten, aus Furcht vor Bindung, weit von mir wies, eine junge, an höchste Lebensansprüche gewöhnte Frau gefreit, welche ihrerseits durch die Inflation ihr ganzes Vermögen verlor; bald nannte ich zwei Söhne mein eigen, und nun ward es mir zur Pflicht, dafür zu sorgen, auf neue Art das Niveau, welches die Fortsetzung der Kulturtradition verlangte, zu erhalten. Daß ich damals heiratete, war, im Körper tiefer Neigung, eine bewußt vollzogene symbolische Handlung: jetzt wollte ich alles Menschenschicksal auf mich nehmen. So trieb mich recht eigentlich derselbe Dämon, der mich früher so sorgsam davor bewahrt hatte, jetzt zu heiraten, so unsinnig es schien. Dabei war ich aber physiologisch außerstande, zum Geldverdienen das richtige Verhältnis zu gewinnen. Ich war nun einmal als unabhängiger Edelmann innerlich fixiert. Mir war physiologisch unmöglich, auf Grund momentaner Einnahmen sorgenlos zu sein, so wie dies alle sind, die nicht an Vermögen gewohnt sind. Überdies brauchte ich zur Entfaltung notwendig einen weiten Rahmen. Jeder hat einen ihm ursprünglich gemäßen, dessen Nichtvorhandensein die vorhandenen Kräfte an der Entfaltung hindert oder lähmt. Schadet insofern Reichtum dem geborenen Asketen, so ist er dem Weltzugekehrten, je reicher dessen Anlage, desto notwendigeres Lebenselement. Und zwar im Sinn richtiger physiologischer Notwendigkeit. Den Bedürfnislosen als solchen höher zu stellen als den, der viel benötigt, ist ein reines Mißverständnis: in der Regel ist der Bedürfnislose vielmehr der innerlich Enge und Ungeneröse. Selten gönnt er anderen, was er selbst nicht braucht oder hat, und wird ihm sein Lebensrahmen nur ein wenig eingeengt, so verträgt er dies innerlich schlechter, als der geborene Fürst vollkommenen Ruin.

Nur das bewirkte Wachstum oder die bewirkte Verkümmerung der Seele gibt aber zur Beurteilung des Angemessenen den richtigen Maßstab ab. Hier kompetiert keine abstrakte Soll-Erwägung. Seine Triebe als solche sind dem Menschen unwandelbare Gegebenheit, als Triebwesen ist er ferner durchaus erdverhaftet; nur mittels dieses ist irgendein geistiges Ziel zu erreichen. Deshalb gibt es für jeden Menschen im selben Verstand absolut günstige oder ungünstige Lebensbedingungen wie für die Pflanze (woraus sich, nebenbei bemerkt, die unbedingt fortschrittliche Bedeutung des Materialismus der heutigen Massen erweist). So fühlte ich mich subjektiv in einer äußeren Lebenslage, welche den meisten Geistesarbeitern noch immer beneidenswert erscheinen mußte, nicht viel anders wie ein Kondor im Kanarienvogelkäfig. Vor allem aber erschwerte mir meine persönliche weltanschauliche Überzeugung, mich der neuen Lage innerlich anzupassen.

Zeitlebens habe ich vertreten, daß es ein Unrecht an der Menschheit ist, dem Spirituellen zugekehrte schöpferische Geister, wo sich die Frage stellt, nicht davor zu bewahren, ans Materielle denken zu müssen. Denn deren rein schenkender Anlage Verdienen zuzumuten, ist genau so widersinnig, wie anderen das Recht auf Betteln zuzugestehen. Das Häßliche, das jeder instinktiv am Geschäftssinn geistiger Schöpfer findet, beruht eben auf diesem psychologischen Tatbestand. Der Geistesmensch darf nicht an Erwerb zu denken haben (was aber, noch einmal, nicht so zu verstehen ist, daß er arm sein, sondern daß er über soviel selbstverständlich verfügen können soll, wie seine Natur und Sendung verlangt). Das wußte das europäische Mittelalter, das ihn in der damals zeitgemäßen Sonderform des Mönchtums der Sorgen enthob; das wußte in seiner großen Zeit der ganze Osten, wo als Gemeinschaftspflicht galt, jeden Vertreter des Geists durch Geschenke würdig zu erhalten, eben weil Verdienen diesen Typus innerlich verbildet; so wurde Konfuzius in den Jahren seiner heimatlosen Wanderschaft doch selbstverständlich mitsamt seiner Schülerschaft von jedem Land, in dem er sich gerade aufhielt, Standesgemäß verpflegt, und noch heute lebt es als Schmach in den Annalen Chinas fort, daß er einige Monate lang darben mußte, weil zwei Staaten, in deren Grenzgebiet er gerade weilte, miteinander Krieg führten. In diesem Sinn empfand ich es als unmittelbar unwürdig, daß ich anstatt nur ans Geben zu denken, immer wieder die Gesichtspunkte des Händlers geltend machen mußte. Und das mußte ich, wo ich einmal in ärmlichen Verhältnissen nicht leben konnte, ohne zu verkümmern, wo ich meiner Überzeugung nach kein Recht hatte, mich verkümmern zu lassen, und ich in keinen vorgegebenen Berufsrahmen hineinpaßte, der mich hätte sichern können.

So wurde bei mir die Wucht des äußeren Mißgeschicks durch innere Revolte verstärkt. Doch das persönlich-private Leiden war andererseits zunächst die Kehrseite zutiefst gewollter Schicksalserfüllung. Jetzt erlebte ich die Produktivität des Unzulänglichen zum erstenmal in seiner elementaren Form. Jedes Tier verdient recht eigentlich sein Brot. Wenn nur sehr wenige eine Sorgenfreiheit vertragen, die nicht auf gesicherter Arbeitsmöglichkeit und gesichertem entsprechenden Entgelt für Leistung beruhte, so liegt das daran, daß der Wille zum Leben an sich dessen subjektive Wurzel ist, weshalb eine Schaffenslust, die nicht Tieferes (oder Höheres) zum Ursprung hätte, als den Trieb zum Leben überhaupt, bei Sicherung aufhört. Aus dem gleichen Grunde verdirbt der sich vollkommen gesichert fühlende Mensch. Ich war nun zwar nie buchstäblich in Not. Aber andererseits fühlte ich mich dauernd wesentlich gefährdet; so wenig das objektiv gerechtfertigt erschien, immer wieder befiel mich die Sorge des Verhungerns. Und mein Selbstbewußtsein verlangte, nicht nur oben zu bleiben, sondern immer höher zu steigen, in allen Hinsichten. So setzte meine schwergewordene Lage Triebkräfte in Bewegung, die ohne sie mit gleicher Intensität kaum eingegriffen hätten. Nie hätte ich, ohne Rayküll verloren zu haben, seither auch nur annähernd soviel produziert. Ferner wäre ohne die zeitweilige Notwendigkeit für mich, ein meinem Gefühl nach groteskes Mißverhältnis zwischen Anlage und äußeren Umständen zu ertragen, nie die höhere Kraft frei in mir geworden, die allein aus der Selbstüberwindung stammt.

Bis hierher handelt es sich bei der betrachteten neuen Form der Produktivität des Unzulänglichen nur um Spannungschaffung in mir. Aber dank ihr trat eine weitere in Erscheinung und sie erst rechtfertigt den Satz, daß mein persönliches Leiden die Kehrseite zutiefst gewollter Schicksalsfügung gewesen sei. Die persönliche Not ward mir zum Tor der Erkenntnis meiner Mission. Theoretisch wußte ich’s ja längst: die Berufung steht meist im Gegensatz zur persönlichen Neigung; ohne Spannung zwischen Wünschen und Sollen ist selten je Erhebliches entstanden. Nun erlebte ich es an mir. So empfand ich bald als Pflicht, die zu erfüllen mir höchste Befriedigung schuf, worauf persönliche Not zuerst mich gebracht hatte: meine ganze Persönlichkeit in den Dienst der anderen zu stellen. Neigung spielte dabei nicht mit. Ich bin wesentlich einsam, ohne Bedürfnis nach Verkehr mit meinen Mitmenschen. Bin ich trotzdem periodenweis gesellig, so ist’s aus Drang, mich auszugeben. Dem Menschen in mir, der die Bücher schreibt, bedeutet der persönliche Kontakt mit anderen ausschließlich eine Störung. Der im Gespräch Improvisierende ist aber seinerseits nicht identisch mit dem Teil von mir, den mein Bewußtsein spiegelt; dem höre ich genau so zu, wie andere. Weder der Anerkennung durch andere bedurfte ich innerlich je, noch strebte ich jemals Macht über andere an. Und was mein rein persönliches Verhältnis zum Mitmenschen betrifft, so war die Sensitivität des überströmend liebebedürftigen und vertrauensseligen Kindes in mir von früh an so oft verletzt worden, daß seither alle meine Instinkte dahin gehen, die größtmögliche Distanz einzuhalten. Aber eben die Spannung zwischen dem als Soll erkannten und der persönlichen Neigung beschwor das Tiefste, das Überpersönliche, das Menschheitliche in mir zur Aktivität. Und der Weg dieses Solls stand in so genauer Korrespondenz zu dem persönlich-privaten Müssens, daß ich eben das, was ich vorhin in Funktion dieses geschildert habe, mit gleichem Recht durchaus als Weg meiner Berufung deuten darf. So betrachtet, nimmt sich mein Weg seit 1919 folgendermaßen aus.

Die jahrelange Kriegszeitmeditation hatte den theoretischen Versteher, welcher der praktischen Wirklichkeit hilflos gegenüberstand und so lange ein separates Dasein geführt hatte, mit meinem ganzen Menschen verschmolzen und auf dessen elementare Triebwurzeln zurückbezogen. Da ich nun, als persönliches Wesen, von jeher Mann der Tat und des Ausdrucks, ja in vielen Hinsichten geborener Staatsmann war, so ergab sich daraus, daß eben das in mir praktisch ausstrahlend wurde, was bisher nur als verstehendes Aufnehmen und Herausstellen in der Vorstellung in die Erscheinung trat. Das heißt in meiner Sprache: der Sinneserfasser wurde ganz von selbst, durch einen organischen Umlagerungsprozeß, zum Sinnesverwirklicher. Und damit wurde ich ganz natürlich gerade dazu geeignet, was ich mir früher an allerletzter Stelle als mögliche Lebensaufgabe vorgestellt hatte: zum praktischen Reformator vom Geiste her. Doch hier erst zeigt sich die Korrespondenz zwischen Schicksal, innerem Drang und Freiheit mit letzter Deutlichkeit: Reformator habe ich nicht etwa zu werden versucht, die betreffende Rolle ward mir auferlegt; durch die Wirkung, die ich unwillkürlich ausübte. 1914, vor Ausbruch des Krieges, als ich das Reisetagebuch vollendet hatte, war ich überzeugt, daß meine Stunde zu meinen Lebzeiten nicht schlagen würde; deshalb spielte ich immer wieder mit dem Gedanken, aus Europa nach dem Osten auszuwandern, um dort mein Leben als Einsiedler zu beschließen. Als ich aber 1918 in Deutschland die psychische Atmosphäre des Westens wieder einatmete, spürte ich sogleich, wie sehr der Krieg die Lage verändert hatte. Die lebendige Wirkung des Reisetagebuchs bewies bald darauf, daß meine persönlichen Probleme nunmehr die des ganzen Westens waren, daß ich, der Außenseiter, als welchen mich mein vergangenheitsbefangenes Bewußtsein noch lange weiterspiegelte, nunmehr repräsentativ geworden war. Denn gerade, was ich mit dem Reisetagebuch meinte, wirkte, so wenig sich die meisten darüber heute noch klar sind: die neue Bewußtseinslage des ökumenischen Menschen, auf der sich die Konflikte, welche die letzten Ursachen auch des Weltkriegs sind, zwar nicht lösen, aber erledigen. Darüber hinaus aber wirkte meine allerpersönlichste Problematik nunmehr als menschheitliche.

Da war es für mein höheres Bewußtsein mit meinem Recht auf Privatleben für immer aus. Nun war es mir Pflicht, zum Besten aller öffentlich zu leben. Nun war ich Träger eines Amts, das ich desto ernster zu nehmen hatte, als es jeder äußeren Legitimität entbehrte und alles darauf ankam, daß ich mich selbst durch Leistung immer erneut legitimierte. Doch an diesem meinem Amte zweifle ich, seitdem ich es mir übertragen fühle, ebensowenig, wie an meinem Dasein. Was mir mancher als Anmaßung auslegt, tue ich ebenso selbstverständlich in aller Bescheidenheit, wie etwa der Briefträger seines Amtes waltet. In der Tat: durch Sinneserfassung der religiösen und sonstigen Gestaltung die verlorene Tiefendimension wiederzugeben, alles Können auf Sein zurückzubeziehen, allem Sinn den entsprechenden Ausdruck zu schaffen und umgekehrt, herausgestellte Erkenntnis in wesentliche zu verwandeln, auf der Basis eines unvermeidlichen erkenntnisbedingten Relativismus erneut Charakter zu bilden: diese meine persönlichen Probleme sind die kritischen Probleme dieser ganzen Zeit. Nicht nur ich persönlich kann mich selbst allein durch ihre Lösung erlösen — Gleiches gilt von jedem, der die grundsätzlich gleiche Entwicklungsstufe vertritt. Dieser Satz ist durch Erfahrung direkt bewiesen: was ich seit 1920 sagte und tat, hat in sehr weiten Kreisen als Verdeutlichung dessen gewirkt, was sehr viele Strebende meinten oder wollten; und zwar, wohlgemerkt, mein Versagen genau so wie mein Vollbringen. Daß ich aber auch sobald die für mich geeignetste Form des Wirkens fand, schließt für mich die Kette der Beweise dessen, daß Wille und Schicksal, Menschheit und Einzelner innerlich zusammenhängen. Wohl bewahrte mich mein Instinkt vor jeder störenden Bindung; die projektierte Berufung an eine Universität wies ich a limine mit der Begründung ab, diese zähle schon 500 Jahre, ich aber nur 40, also sei sie stärker als ich und ich müßte meine Lebensform erfüllen. Wohl hatte ich schon 1910 manche Grundgedanken der Schule der Weisheit öffentlich vertreten. Aber daß es zu deren Gründung kam und daß sie so fortleben und so sich weiterentfalten konnte, wie sie’s getan hat, beruhte offenbar auf Fügung, wie immer man das Wort verstehe.

Otto Reichls Interesse daran, daß aus Darmstadt ein philosophischer Mittelpunkt würde, die besondere, seltene Persönlichkeit des Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen, dank dessen hochherziger Initiative die Gründung äußerlich möglich wurde, das feinsinnige Verstehen und die tatkräftige Hilfe dessen Hauptberaters, des Grafen Kuno von Hardenberg, mußten mit der Notwendigkeit für mich, mir eine neue Lebensbasis zu schaffen, zusammentreffen, damit ich mich dazu entschloß und dabei blieb, mein Schicksal mit Darmstadt zu vermählen. Und auch nachher mußte die Vorsehung weiterhelfen, denn die ersten Jahre war meine Revolte gegen die Bindung so stark, daß ich immer wieder Lust spürte, mein eigenes Werk zu zerstören. Denn wie ich’s schon sagte: als Anlage bin ich geradezu antisozial, Gemeinschaft war mir niemals Bedürfnis, alle Schulmeister-, ja alle Vaterinstinkte fehlen mir. Aber gerade die fast täglich neu zu überwindende Neigung, gerade die Spannung zwischen ihr und der Mission ward mir zum Segen. In meinem Innern erhielt sie mein Unbewußtes in dauernder Bewegung; oft durch Wut- oder Verzweiflungsanfälle hindurch gebar es immer wieder, was die Situation verlangte. So hat auch die Notwendigkeit, zu reden und redend zu wirken, allererst mein Rednertalent ans Licht gezogen. Was aber den äußeren Zusammenhang mit der Welt betrifft, so bewahrte mich die gleiche Spannung davor, in irgendeine Routine einzumünden, wie solche so nahelag. Sie erhielt das Werk als Lebensquell am Leben. Sie ermöglichte eine lebendige, d. h. nie festgefahrene, sondern aus dem Sterben immer wieder neuentstehende, im Wandel beharrende Kongruenz und Korrespondenz von Innerlichem und Äußerem, von Sinn und Ausdruck. Wie die Schule der Weisheit am 23. November 1920 eröffnet wurde, da wußte ich überhaupt nicht, wie sie weiter wachsen würde, denn als Lehrer war ich gänzlich unerprobt. Meine ersten Gedanken darüber enthalten das erste und zweite Heft des Wegs zur Vollendung. Der im Herbst 1921 geschriebene Anhang zur Schöpferischen Erkenntnis gibt schon ein anderes Bild. Im Dezember 1922 (anläßlich der autobiographischen Skizze, die ich für den IV. Band der Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen (Leipzig, Felix Meiner) verfaßte, schrieb ich:

Die Schule der Weisheit ist weit eher ein strategisches Hauptquartier zu nennen als eine Stätte des Lernens; eben deshalb beschwört sie soviel Feindschaft. Sie unternimmt, den Impuls der Erneuerung des Lebens vom Geist her, welchen ich vertrete, durch die entsprechenden psychologischen Mittel der weitesten historischen Wirklichkeit einzuverleiben. Ich aber fühle mich zunächst, in schroffstem Gegensatz zum Tagebuchmenschen, ganz als Staatsmann und Feldherr. Auf Sinnesverwirklichung ausgehend, muß ich vor allem Realpolitiker sein; darauf bedacht, der Welt einen Ruck nach vorwärts zu geben, vor allem Bewegtheit einzuleiten trachten. Ich bin heute genau so einseitig, wie ich in der Tagebuchperiode allseitig gewesen war, und zwar aus den gleichen Motiven und der gleichen metaphysischen Einstellung heraus. Denn es bedeutet metaphysisch offenbar nicht Verschiedenes, sondern Gleiches, alle Vielfalt auf einmal vom Sinn her vorwegzunehmen, oder das jeweilig Einzelne in seiner vorgegebenen Eigenart zum Sinnbild des Universellen zu vertiefen, wie dies das Lehrziel der Schule der Weisheit ist — so verschieden die empirischen Voraussetzungen bei der Betätigung sind; insofern stellt die Schöpferische Erkenntnis das genaue und notwendige Komplement zum Reisetagebuch dar.
Meinen derzeitigen Zustand spiegelt der im Leuchter für 1923 abgedruckte Eingangsvortrag zur 4. Tagung der Gesellschaft für Freie Philosophie zu Darmstadt Spannung und Rhythmus am besten wieder. In der Tat, die in einen besonderen Rhythmus übersetzte Spannung zwischen den beiden Polen meines Wesens ist das Α und Ω meiner gesamten praktischen Wirksamkeit. Da diese beiden Pole tatsächlich genau entgegengesetzt sind, so besteht zwischen ihnen eine extreme Spannung, muß der resultierende Rhythmus ein besonders energischer sein. Hier liegt das ganze Geheimnis meiner anregenden Kraft. Nicht weil ich originell wäre in der Vertretung allein geschauter Wahrheiten, sondern weil als solche vielen bekannte, zumeist uralte an mir einen besonders weitausstrahlenden Übertragungsmechanismus besitzen, vermag ich anderen auf ihrem Weg behilflich zu sein.

Ein Jahr später war die Situation wieder eine neue. Dank der Psychoanalyse, mit der mich zuerst Oscar A. H. Schmitz (im Dezember 1922) praktisch vertraut machte und deren Theorie und Praxis mich noch zwei Jahre weiterbeschäftigten, begannen sich die bisherigen Überspannungen meiner Natur in normalere Hochspannungen umzusetzen. Ich wurde klarer über mich selbst und folglich ruhiger. Dementsprechend zielsicherer konnte ich meiner Sendung leben. So erwuchs der äußere Rahmen der Schule der Weisheit immer eindeutiger von der halb selbständigen Sache, zu der er zuerst zu werden drohte, zum bloßen Ausdrucksmittel des lebendigen Impulses, den sie vertritt. Denn nur zu dem Ende hatte ich sie gegründet. Meine ganze Angst war von jeher, daß das aus ihr werden könnte, was die meisten für sie erhofften — eine erfolgreiche, eigenlebige Institution. Kann schon keine Kirche, als Überträgerin und Formerin eines bestimmten Glaubens, den religiösen Impuls, dem sie dient, unverfälscht vertreten, so gilt dies erst recht von einem Übertragungsmittel, daß dem Verstehen dient, das vom Verstehen her das Leben wandeln will. Denn Verstehen ist allezeit ein Persönliches, kann nur von Mensch zu Mensch, von Geist zu Geist in jedesmal einzigartiger Situation und damit auch auf einzigartige Weise induziert werden. Immerhin ergaben sich auch für dieses grundsätzlich Einmalige an der Erfahrung feste Regeln. Immer besser lernte ich in kurzer Zeit meinen persönlichen Schülern das sagen, was ihnen nottat. Die schriftliche Vermittlung des Impulses der Schule der Weisheit fand gleichfalls immer mehr ihren besonderen, angemessenen Stil. 1922 fanden unsere Tagungen ihre endgültige Form; erst damals entdeckte ich meine technische Hauptbegabung, die eines Orchesterdirigenten des Geistes. Seither wandelt Darmstadtjahr für Jahr die Grundthemen des Weltalls polyphon von neuem Verstehensniveau aus ab und erteilt ihnen dadurch einen neuen Sinn. Zur Entdeckung des polyphonen Denkstils führte mich die Erfahrung, daß der Qualität und dem Rhythmus nach richtig aufeinander abgestimmte verschiedene Geistesinhalte, als Einheit aufgenommen, genau so zu einem qualitativ neuen und einheitlichen Erlebnis führen, wie der Akkord a-e-g qualitativ ein Anderes und Besonderes ist gegenüber den ihn zusammensetzenden Einzeltönen. So ward es mir möglich, den Darmstädter Tagungsteilnehmern, die sich entsprechend einstellen, für eine Zeit wenigstens zu einem inneren Standpunkt zu verhelfen, der jenseits aller Einseitigkeit und persönlicher Beschränktheit liegt. Auch jenseits der meinen. Denn auf den Tagungen der Schule der Weisheit dirigiere ich nicht etwa ein Orchester subordinierter Stimmen, sondern alle Redner arbeiten freischöpferisch zusammen auf der Ebene vollkommener Gleichberechtigung, nur eben als Teile einer höheren Einheit im kosmisch-richtigen Einstellungsverhältnis zu einander1. Die schönste Genugtuung, die mir bisher zuteil ward, war insofern ein Wort von Hans Driesch bei Gelegenheit einer Ansprache auf der privaten Schlußfeier unserer sechsten Tagung: Darmstadt sei wirklich das, was Bayreuth hatte werden wollen: eine Stätte sinnvollsten Wirkens nicht für einen, sondern für alle. Aber auch hier war es gerade das Unzulängliche, das mich produktiv machte: die erforderliche Arbeitsgemeinschaft zu schaffen und zu erhalten, war und ist mir bitter schwer. Meinen Instinkten nach bin ich Autokrat. Indem ich meiner eigensten geistigen Sendung lebe, muß ich andauernd gegen meine Naturanlage ankämpfen. Dieses gilt auch von der Notwendigkeit für mich, zu bestimmten Terminen bestimmte Schriften zu vollenden, denn auch heute noch perhorresziere ich persönlich jede Bindung. Bedarf es da weiterer Beweise für die Wahrheit des immer wieder zitierten Goetheworts? Mein Leben bringt in meinen Augen den unmittelbaren Beweis dafür, daß es die Spannungen der Saiten sind, dank denen die Melodie erklingt.

1Das bisher beste Bild vom Sinn der Darmstädter Tagungen gibt Baron Taubes dichterisch überaus schöner Bericht im 11. Heft des Weg zur Vollendung. Zu Beginn der Bücherschau im gleichen Heft äußere ich selbst mich ausführlicher über den Sinn des polyphonen Denkstils.
Hermann Keyserling
Menschen als Sinnbilder · 1926
Von der Produktivität des Unzulänglichen
© 1998- Schule des Rades
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