Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Frankreich

Geist der vollkommene Sprache

Bis zum Weltkrieg gab es kein Land, in welchem Menschen weiten Geistes- und Herzenshorizonts nicht gelegentlich den alten Satz zitierten: jeder Mensch hat zwei Heimaten, seine eigene und — Frankreich. Und wirklich: sich in Frankreich nicht wohl zu fühlen, ist für den, der aus sich herauszutreten, welcher Ferien vom Ich zu nehmen fähig ist, ein Ding der Unmöglichkeit, so er Frankreich kennt und versteht und zeitbedingte Empfindungen die unmittelbare nicht überschichten. Zumal dies vom persönlichen Verhältnis zu den Franzosen, die sehr wenige kennen und, seitdem die Welt sich entfranzösiert hat, weshalb ihr Typus nicht mehr universell, sondern spezifisch, ja provinziell wirkt, nicht viele mögen, kaum abhängt. Den Franzosen wirklich kennenzulernen, ist schon deshalb schwer, weil er sich der Höflichkeit zur Wahrung seiner großen Abgeschlossenheit bedient.

Die erste Ursache des Heimatgefühls, das jeder innerlich Offene in Frankreich erlebt, sei er im übrigen Einsamer oder Gemeinschaftsmensch, ist die folgende: dieses Land verkörpert die eine allgemeinverständliche, von jedem unmittelbar erlebbare Harmonie, die es in Europa gibt, von Mensch und Umwelt. Auch der Engländer ist seiner Welt vollkommen eingepaßt; ja er übertrifft darin, abstrakt beurteilt, den Franzosen; denn erscheint dieser nur in Frankreich zu Hause, ist er es in der ganzen Welt. Doch seine Lebensform ist wesentlich unverständlich, so werbend sie wirkt. Die französische ist die eine universell verständliche. Sie ist es, weil ihr den Ausdruck bestimmendes Zentrum nicht im Unbewußten, sondern im Bewußtsein liegt, innerhalb dieses wiederum im Geist und dieser Geist sich eine vollkommene Sprache erschaffen hat. Was wesentlich bewußt geworden, ist es grundsätzlich für alle, so wie die Sonne, die überhaupt aufging, für jeden scheint. Der Geist ist ferner wesentlich übertragbar; drückt er sich vollkommen aus, so muß ihn jeder verstehen. Denn drückt er sich vollkommen aus, so ist er objektiv klar; eine objektiv klare Fassung stellt eine notwendige Beziehung her zwischen dem abstrakt gefaßten Problem und den Bedingungen menschlichen Erkennens überhaupt. Das Übertragbare des Geistes erschöpft sich nun keineswegs in der Verstandesklarheit: sie gilt von aller Korrespondenz überhaupt zwischen erfaßtem Sinn und Ausdruck, und der französische Ausdruck ist auf allen Gebieten einleuchtend klar. Er hat die gleichen Vorzüge, welche bewirkten, daß die altgriechische Form ganz selbstverständlich, als Folge von Alexanders Zügen, den ganzen Osten eroberte. Er ist fleischgewordene Logik im weitesten Sinn des Worts. Die Sprache an sich ist so geistreich, daß selbst ein dummer Franzose, ja sogar ein mittelbegabter Ausländer, den nur ihr Geist ergriff, über seine Verhältnisse gescheit scheint; der französische Geschmack an sich ist so gut, daß das on, das man von Paris im allgemeinen sicherer urteilt, als der nicht außerordentliche Einzelne. So findet aller abendländische Sinn, wo er auf französisch ausdrückbar erscheint, in diesem Körper seinen verständlichsten Ausdruck; die Luzidität dieser Sprache im weitesten Verstand, die Durchbildung des sie beseelenden Geistes bis zu objektivierter, unvermeidlicher Anmut, setzt das spezifisch Abendländische, wie keine andere Formenwelt Europas, in unmittelbare Beziehung zur allgemeinen Menschennatur. Deshalb überzeugt europäische Kultur nur in französischer Fassung auf dem ganzen Planeten unmittelbar. Deswegen galt das Französische bis vor kurzem mit tiefstem Recht als bestes allgemeines Verständigungsmittel. Deswegen sind die meisten schönen Formen Europas, die Allgemeingut wurden, französischen Ursprungs. Dies gilt auch von den Formen des Gemeinschaftslebens. England besetzt, wie wir sahen, für sich vollkommen die Pole von Ich und Du, von Gemeinschafts- und Einzigkeitsnorm: Frankreichs Lebensform tut es für alle. So absolut wie in England wird die Einsamkeit des Einzigen nicht respektiert, und so rein auf das Kollektive hin, wie dort, ist das Gemeinschaftsleben nicht gestaltet. Dafür ist ein Vergleich auf der Ebene rationeller Schönheit Norm, der sowohl alles Gesellschaftliche gefällig macht, als dem Einzigen ermöglicht sich in der Gesellschaft persönlich auszuprägen.

Das gleiche Verhältnis bestimmt nun, mutatis mutandis, das französische Verhältnis von Mensch und Umwelt überhaupt. Als Natur ist ganz Frankreich recht eigentlich Gartenland. Sie ist die Mutter des französischen Menschen, wie er sich heute darstellt, nachdem er die Zeit des Sturms und Dranges endgültig hinter sich hat; deswegen allein schon fühlt dieser, wo immer Außenwelt in Frage steht, in erster Linie als Gärtner. Vor allem aber tut er’s, insofern es in ihm liegt, allem Sinn allgemein-verständlichen und -erfreulichen Ausdruck zu schaffen. Wie jedes Tier sich seine eigene Umwelt bildet, so drängt es auch den Menschen, für den die Außenwelt überhaupt existiert, sie zu humanisieren; daher das ursprüngliche Gärtnertum der Frau. Der Franzose nun ist Gärtner durchaus und im höchsten Grad. Meisterschaft im Kochen, Verschönerung der Frauennatur durch Kleidung, Geselligkeitskunst, gepflegte Sprache, Kultur des Liebeslebens, Esprit, die Imperative des Maßes in allem und der angemessenen Rücksicht auf fremde Eitelkeit sind allesamt nichts anderes als verschiedene Sonderarten von Gärtnertum. Eben dazu gehört die hohe Moralität im Sinn des französischen le moral, das heißt das hohe charakterliche ethosbestimmte Gleichgewicht, innerhalb des Einzelnen wie der Gemeinschaft, des Franzosentums. Nach chinesischer Lehre ist Moralität gebildete Natur. In der Tat kann Moralität an sich selbst im Höchstfall nichts anderes noch besseres bedeuten, als die hergestellte Harmonie zwischen Geist, Seele, Körper und Welt. Daher die Sonderart des französischen Moralismus im europäischen Zusammenhang. Daher die Tatsache, daß die von jeher immer wieder als unmoralisch verschrieene französische Nation zutiefst moralistisch ist. Sie führt uns denn zur Erfassung der seelischen Wurzel des Franzosentums. Der Moralist verhält sich notwendig wertend. Es wertet aber nicht der Verstand, sondern das Gefühl. Betrachten wir von hier aus das bisher Behauptete, dann wird uns klar, daß es nicht richtig ist, beim Franzosen den Geist voranzustellen: im Zusammenhang seiner Psyche regieren Sentiment und Emotion. C. G. Jung ist einmal sogar so weit gegangen, zu behaupten, das extreme Klarheitsbedürfnis der Franzosen rühre daher, daß der Verstand ihre minderwertige Funktion sei. Sicher leben sie nicht aus ihrer logischen Luzidität, sondern einer hochdifferenzierten und -kultivierten Gefühlssphäre heraus. Es ist insofern nicht ihr Wahrheitsbedürfnis, sondern ihr Geschmack, welcher letzte Klarheit verlangt, wie es das Definitive der bestimmenden Werte-Welt in ihnen ist, welche geistig abschließende Definition und in allem Sekurität fordert. Aus dem Vorherrschen des Gefühls und der in Europa einzig dastehenden Durchbildung von dessen Sphäre erklärt sich denn zutiefst Frankreichs werbende Kraft. Keiner ward je geliebt, weil er nicht gegen den Satz des Widerspruchs verstieß. Strahlen aber edle Gefühle aus, dann gelangt fremde Neigung unwillkürlich in ihren Bannkreis und schwingt in gleichem Rhythmus mit. Warum verliert Frankreich nie den Ruf der Generosität, trotz erwiesener kältester Berechnung und härtester Interessenvertretung? Weil das Gefühl als solches blind und insofern par définition desinteressiert ist, obwohl es sich auf andere bezieht; Interesse kann nur beim Sehenden entscheiden. In seiner besten Einstellung ist Frankreich deshalb tatsächlich die generöseste Nation. Treten hierzu noch der Takt, der Geschmack und als Ausdruck des letzteren geistige Klarheit, so ergibt sich daraus eine gebildete Natur, die nichts Menschliches ausschließt, soweit es eines Ausdrucks im Rahmen französischer Begabung fähig ist.

Hiermit hätten wir dem Begriff des französischen Gärtnertums, wie mir scheint, die Tiefendimension gegeben. Hiermit gezeigt, ein wie menschlich Tiefes jener Zustand von Maß und Einklang bedeutet, den Frankreich auf allen Ebenen, von der kulinarischen über die künstlerische bis zur moralischen, manifestiert. In Paris, Frankreichs Höchstausdruck, kann sich der Einsame wie der Gesellige, der Heitere wie der Ernste gleich heimisch fühlen. Sämtliche Zustände erscheinen da von Hause aus auf optimale Weise aufeinander abgestimmt, so daß die Heiterkeit als Oberton entsprechenden Ernstes wirkt, die Ironie als Kompensation tiefen Gefühls, die Leichtigkeit den Diskant spielt zum Basse erdnaher Urkraft, ja der Schatten des Lasters das Licht der Tugend nur plastisch modelliert. Solch ursprünglicher Einklang kann nicht umhin — ebensowenig wie eine Saite umhin kann, ihrerseits anzuklingen, wenn eine gleichgespannte neben ihr gestrichen wird —, befreiend auf jeden zu wirken, der für ihn überhaupt empfänglich ist. Auf dem Gebiet der Seele ist Paris Europas größter Lehrer der rhythmischen Gymnastik. Hier liegt die Wurzel seiner Anregungskraft: alle Verkrampfungen löst es, die Gesamtkraft der Muskeln wächst im harmonischen Zusammenspiel; so hat dort auch der sonst Unproduktive Einfälle, denn ist nur eine Bewegung vorgegeben, so folgen Gegenbewegung oder Abwandlung wie von selbst. Daß aber Frankreich so vielen Nicht-Franzosen nicht nur steigernde Geliebte, sondern auch treue Gattin ist, hat neben den früher bestimmten Ursachen noch die folgende: der französische Zustand bedeutet bei aller vibrierenden Bewegtheit letztlich ein statisches Gleichgewicht; die französische Wechselfreude hat letztlich Bewahrung der Tradition zum Ziel. Der Mensch ist ein Abwechselungswesen; nur wer dem Rechnung trägt, versteht den Eigenrhythmus seiner Natur. Seine Lebensmelodie ist aber andererseits ein Ritornell. Deswegen gilt der Satz: je mehr Abwechslung im kleinen ein Volk (wie ein Einzelner) sich gestattet, desto mehr ist auf wesentliche Treue bei ihm Verlaß. Diese Wahrheit beweisen am meisten gerade die, die aus Phantasiemangel oder Schwerfälligkeit jeder Abwechslung entraten zu können meinen: nur deren Leben weist ganz große Unstetigkeitsmomente auf; sie machen die wirklich einschneidenden Revolutionen. Während die gleiche Wahrheit erklärt, warum die Franzosen sich im Lauf der Jahrhunderte, seitdem sie sich zur heutigen Nation vereinheitlichten, durch alle Revolutionen hindurch so viel weniger verändert haben als die Deutschen und Briten; sie sind, gerade weil ihr Sinn für die Nuance sie schillernder als alle anderen Europäer erscheinen läßt, unseres Kontinentes konservativstes Volk. Nun beruht alles Leben ursprünglich auf Einfügung in die Umwelt, alles dauernde Glück auf weiser Abstimmung von Wünschen und Erfüllungen aufeinander; initiative-bedingte Neuerung bedeutet insofern nie viel mehr, als ein Witterungswechsel in bezug auf die Erdrotation: so muß die spezifisch französische Lebensmodalität als Umwelt schlechthin jeden, und am meisten den Träger der ihr am meisten entgegengesetzten, der dynamisch-faustischen, beglücken. Diese ist ja die des Unerlösten, dessen primitive Natur, was immer der Geist diktiere, Tag und Nacht nach Erlösung im Sinn des irdischen Glückes schreit. So kommt die französische Atmosphäre gerade hier allen natürlichen Neigungen entgegen. Sie bringt Abwechslungs- und Treuebedürfnis in den objektiv richtigen Einklang; sie erledigt damit den Hang zum Protest, zur Revolution.

Im übrigen ist es ein Irrtum, den Franzosen für durchaus beweglich und schnell zu halten. Das ist er nur als Geist; und gerade die Synthese von beweglichem Geist und treuer Natur schafft seinen tiefsten Charme. Weit eher ist er, alles in allem, zu routiniert. Die Langsamkeit des heutigen Frankreich im Verstehen der veränderten Welt, sein starrer Formalismus, die Schwerfälligkeit seines Verwaltungsapparats rühren daher. Aber das Wohltuende der Grundatmosphäre stören sogar diese Mißstände nicht. Schließlich ist der weitaus größte Teil alles dessen, was Menschenleben füllt, seit Adams Tagen das gleiche; und wo dieses Sichgleichbleiben bejaht wird, und dabei in Schönheit und ohne Insistieren, dort fühlt der Mensch sich instinktiv geborgen. Hiermit gelangen wir denn zu dem Moment, auf dem Frankreichs größte Werbekraft im quantitativen Sinn beruht. Der französische Statismus, das französische Gärtnertum implizieren entschiedene Lebensbejahung. Die Franzosen stehen völlig unbefangen zum Positiven dieses Lebens. Sie bejahen es mit allen fünf Sinnen. Ihre Sinnlichkeit im Verstand der Liebesfreudigkeit ist nur ein Ausdruck unter anderen der allgemeinen Lebensbejahung und nur von ihr her richtig zu verstehen. Vor allem aber bejahen sie sich selbst und ihre Sonderart mit der gleichen selbstverständlichen Naivität, wie der Typus der schönen Frau sich selbst bejaht, der erwiesenermaßen am meisten Liebe weckt. Dieser liebt nur sich selbst. Aber er ist andererseits dermaßen überzeugt von seiner Liebes-Würdigkeit, daß seine Selbst-Liebe ausstrahlt und den anderen unwillkürlich Liebe zu sich suggeriert. Dies erklärt letztlich das Paradox, daß so viele Frankreich lieben, denen jeder einzelne Franzose unsympathisch ist.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Frankreich
© 1998- Schule des Rades
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