Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Spanien

Haltung

So sehe ich keinerlei Grund, die Vision des ewigen Spaniens, die ich zu Anfang herausstellte, jetzt, nach dem Regimewechsel von 1931, im Ausdruck abzuändern. Was ich an wenigen Beispielen dartat, ließe sich an schlechthin allen leisten. Selbstverständlich unterliegt das spanische Menschentum, wie jedes, dem Kairos. Aber das Wesentliche ist eben, daß das Ewige der Substanz gegenüber aller Zeitveränderung entscheidend bedeutsam bleibt. Dafür sorgen schon die Frauen, jene mächtigsten, unbeirrbarsten Weibsbilder, die ich je sah, die von jeher den Mann nur als abenteuerndes, verantwortungsscheues Kind beurteilten und ihn gewähren lassen, bis daß er es gar zu arg treibt; so stürzte, erzählt man, den Grafen Romanones einmal, als Minister, seine eigene Frau, als er zu radikal tat und eine drastische Strafe dem Mutterinstinkt erforderlich erschien. Keine mir bekannte Frau der Erde verkörpert, in der Tat, so sehr den Macht-Aspekt des Ewig-Weiblichen, wie gerade die spanische.

Was kann nun dieses ewige Spanien dem neuen Europa bedeuten? Greifen wir zunächst wieder einmal auf die Erkenntnis zurück, daß es dreierlei ist, was ein Volk vor Gott, für sich und andere bedeutet. Deshalb hat es im Rahmen unserer Betrachtungen nichts zu sagen, daß ein sehr großer Teil der Oberschicht Spaniens sich von anderen Europäern nur wenig unterscheidet und daß ein in Spanien führender Geist wie José Ortega y Gasset nicht allein ein guter, sondern ein bester Europäer ist. In der Synthesis Europa kommt gerade das Eigenartige einzigartig zur Geltung. In ihm wird Spanien als solches genau nur soviel bedeuten können, als es anders als andere Länder ist und einen Sonderton des Lebens, der doch in allem Leben klingt, besonders rein und überzeugend anschlägt. — Nun, gerade insofern kann Spanien in der neuentstehenden Welt außerordentlich viel bedeuten.

Wenden wir unseren Blick dem anderen Polarland Europas, Rußland zu: worauf beruht die europäische Bedeutung von dessen großer Literatur, die als Schilderung reinrussischer Zustände doch keinen Nicht-Russen angeht? Sie beruht darauf, daß dem Russen die inneren Fixierungen fehlen, welche Denken und Wollen seit dem Mittelalter — Rußland hat weder Mittelalter noch Renaissance erlebt — in der Europäerseele schufen. So ist er nicht starr, sondern flüssig und insofern sowohl natur- als potentiell gottnah (an anderer Stelle bestimmte ich die Lebensmodalität des Russen als unmittelbares Streben des Tieres zu Gott, unter Überspringung des Menschen). Da nun Fixiertes nicht schaffen kann — nur Undifferenziertes, Protoplasmatisches, auf welcher Ebene immer, bringt Neues aus sich hervor —, so konnte Europas Seele, um sich im Sinn des Schöpferischen zu erneuern, einen besseren Polarisator, als das Sinnbild Rußlands, kaum finden. Überdies aber verkörpert jeder Russe in sich eine höhere Spannung als irgendein bisher repräsentativer Europäer. Da nun der westliche Zukunftstyp der ökumenische — nur auf Grund einer Höherspannung des Menschenwesens realisierbar ist, so ist kein Wunder, daß dem allzu fixierten und beschränkten Europäer, zumal dem Deutschen, sogar der chaotische Russe zeitweilig zum Ideale ward. — Aber Rußlands symbolische Aufgabe für Europa ist im angeführten Sinne erschöpft, weil erfüllt. Die alten Fixierungen sind, historisch betrachtet, eingeschmolzen, denn nur noch die Schichten, die für die Zukunft nicht mitzählen, sind mit ihnen behaftet. Jetzt tut ein anderer Polarisator not. Eben einen solchen bietet, in wichtigsten Hinsichten, Spanien. Spanien hat in anderem Sinne als Rußland das Schicksal Europas nicht geteilt. Vom Mittelalter bis Napoleon erlebte es eigentlich kein einziges Unstetigkeitsmoment. Der Reformationsgeist wehte an ihm vorüber. Seit Philipp II. hat es in immer höherem Grad ein in sich zurückgezogenes, zusammengezogenes Eigenleben geführt. Die französische Revolution hat es als Revolution überhaupt nicht, es hat auch den Weltkrieg nicht mitgemacht. Vor allem aber nicht den Prozeß der Intellektualisierung, der von Reformation und Renaissance an aller Nicht-Spanier wesentliches historisches Erlebnis bedeutet. Das war bisher Spaniens Nachlaß. Nun setzt aber eben jetzt die kontrapunktische Gegenbewegung gegen das 18. Jahrhundert und dessen Früchte ein. Und damit wird Spanien — gemäß den Gesetzen der Symbolik der Geschichte1 — auf einmal sinnbildlich-zeitgemäß. Es wird dies vielleicht nicht von seinem eigenen Standpunkt aus gesehen, wohl aber von dem der anderen. Denn für die zählt immer nur der aktuelle Zustand, nicht das, was er im Zusammenhang eines Sonderdaseins bedeutet; so fördert Asiaten heute eben der Intellektualismus, über den wir als erstes hinauszugelangen trachten.

Worum handelt es sich nun, vom Standpunkt Europas, beim Spaniertum? Um nicht mehr und nicht weniger als um inkarnierte Grundtöne. Die urtümlichen Grundtöne des irdischen Lebens klingen in Spanien fort in vollendeter Naivität, bestimmen das Leben in einem Grad, wie nirgends sonst mehr auf Erden. Miguel de Unamuno, der europäisch bedeutendste Spanier, welcher lebt und wohl der bedeutendste Spanier überhaupt seit Goya, kündet unentwegt, aus der Ungebrochenheit des Urmenschen heraus, von den ganz wenigen aber ganz tiefen Dingen, die er erfaßt und weiß: der Bedeutung des Glaubens, des Blutes, der Tragik, der Haltung, von Don Quixote als höchstem Sinnbild des Menschen: gerade diese ganz einfachen, ganz tiefen Töne überzeugend zu vernehmen, tut uns heute not, denn in der Relativiertheit unserer Vorstellungswelt sind gerade sie uns am schwersten vernehmlich. Das unmittelbare Bewußtsein des Modernen hat den Kontakt mit ihnen nahezu verloren. Ein unmittelbares Verhältnis zu diesen Urproblemen des Lebens wieder zu gewinnen, tut nun dem Europäer allerdings in dieser Stunde besonders not, denn sie sind nun einmal die Eingeweideprobleme des erdverhafteten und gleichzeitig himmelstürmenden Menschen. Der Mensch ist ja nicht allein als Seele, im Unterschied von Geist, dieser Erde unentrinnbar verhaftet, er ist es auch als Leib. Ist es Verdienst der deutschen Chthoniker, die erdbedingte Psyche wieder bewußt und damit eine Seite des Mütter-Problems neu erlebbar gemacht zu haben, so ist es Spaniens Sendung, das Erlebnis des Leibes und jenes Lebensnächsten Seelischen, das unmittelbar mit ihm zusammenhängt, in Lebenswunsch und Todesangst, in elementarer Leidenschaft mit ihrem unbedingten Ja und Nein, wieder zu erwecken. Denn diese Eingeweideprobleme, wie ich sie nannte, werden immerdar die Eingeweideprobleme des Menschen bleiben, wie hoch sein Kopf immer hinaufrage; für den Menschen, der sich von den Müttern abschnürte, gibt es kein Heil. So tritt denn Spanien in die Synthese des neuen Europa als Vertreter des Urirdischen ein; als Vertreter dessen, was vor aller Geschichte war und sein wird. Auf der Vertretung dieses im irdischen Verstande Vor- und Überhistorischen nun beruht alles, schlechthin alles, was Spanien dem Nicht-Spanier bedeutet; auf ihm beruht alles, schlechthin alles, was es im Zusammenhang des enger zusammengeschlossenen Europa als Monade überhaupt bedeuten kann. Nun aber können wir spezifizieren.

Spanien, wir sagten es schon, vertritt das Urkosmische in einem grundsätzlich anderen Verstand als Rußland. Inwiefern? Die russische Ursprünglichkeit hat ganz ausgesprochen nicht-menschlichen Charakter; sie ist unter- und übermenschlich zugleich. Wo immer das geistige Rußland sich in Gegensatzstellung zu Europa fühlte, tat es dies in Rücksicht auf dessen spezifisch menschliche Eigenschaften, seinen Logos und sein Ethos. Was ist nun aber der Mensch als Mensch, zoologisch betrachtet, anderes als das logische und ethische Tier? Die Logos-Seite ist beim Spanier verhältnismäßig gering entwickelt; wo sie noch so ausgebildet vorliegt, bedeutet sie doch national nie viel. Aber es gibt kein Volk von ursprünglicherem und tieferverwurzeltem Ethos. Das ganze Spaniertum ist Haltung. Gewiß kann man auch sagen: das ganze Spaniertum ist Leidenschaft, denn es gibt keinen leidenschaftlicheren Menschen. Man kann sogar sagen, das ganze Spaniertum ist Lösung, wie der Spanier selbst seine Haltung mitunter dejadez, Lässigkeit heißt; aber diese bedeutet eben die Freiheit der selbstverständlich Gehaltenen. Das Vorbildliche ist, daß das spanische Pathos, das Pathos der Erdverhaftung einerseits, des donquixotesken Himmelsdranges andererseits, auf der Ebene des Menschendaseins als vollendetes Ethos in Erscheinung tritt; als in-Form-sein und Form-Gebung. Der Spanier verfließt nie, weder himmel- noch erdwärts; er gibt sein Menschentum als Aufgabe und Würde nie preis. Und dies ergibt ganz selbstverständlich, daß jeder nicht aus der Art geschlagene Spanier Herr ist, insofern Herrsein selbstverständliches Würdegefühl und die Anerkennung der Devise noblesse oblige bedeutet. Denn der Mensch als Mensch ist ja der Herr der Schöpfung. Nur Herrsein ziemt ihm. In dem modernen Gerede vom Dienen als höchster Betätigungsart, von der erforderlichen Verleugnung des erdbeherrschenden Geistes äußert sich bloß die Unwürde von Untermenschen. In Spanien weiß jeder, daß der Mensch erst mit der Haltung anfängt. Dort käme kein Volksführer darauf, ein proletarisches Ehrgefühl zu kultivieren, weil auch der Bettler das Selbstgefühl des Steinzeit-Häuptlings hat. Das nun ist es, was beim Primitiven und Ungebildeten dem Selbstgefühl des Grandseigneurs äquivalent ist; das macht ihn, wo vorhanden, diesem gleich. So bedeutet denn die spanische Natürlichkeit und Familiarität, die spanische Nichtachtung aller Hierarchie das genaue Gegenteil ihrer amerikanischen scheinbaren Äquivalente: Spanier bedürfen keiner steifen Formeln und Regeln, um Haltung und Distanz zu wahren. Die sogenannte spanische Etikette ist nur zu geringem Teil Ausdruck von Formensinn, zum weitaus größten Sicherungsmittel der fremdstämmigen Dynastien. Am spanischen Hof geht es, und ging es wohl immer, natürlicher zu, als bei entthronten deutschen Fürsten, so wie nur der deutsche Soldat, um Haltung zu bewahren, einen Zollstock verschlucken zu müssen glaubt.

Hieraus ergibt sich denn Spaniens Vorbildlichkeit. Insofern es bleibt, was es war, indem es sich modernisiert, ist es der eine Hort in Europa von Demokratie im guten Sinn, denn solche kann es allein unter im Sinn nicht des unten, sondern des oben Gleichberechtigten gehen. Nie werde ich den Eindruck vergessen, den ich von einer jungen Bäuerin, die in fünf Jahren sechs Kinder zur Welt gebracht hatte, gewann, als ich nach einem Autounfall mehrere Stunden mit zwei spanischen Herzogen in ihrer ärmlichen Hütte Obdach fand: sie verkehrte mit diesen nicht allein als Gleichberechtigte, sie war es, denn der Würde ihres Standes war sie sich genau so bewußt, wie Herzog von Alba der seinen. Nicht anders verkehrte das Volk selbstverständlich mit seinem König. Es achtete sich selbst, indem es die Form wahrte, aber der König wiederum wußte genau, daß es ihm übel erginge, wenn er nicht den ärmsten Spanier als menschlich gleichberechtigt behandelte. Was aber die Großen unter sich betrifft, so hatte ich beim Wettspiel den Eindruck eines Turniers aus einer Zeit, da sich der König von Zweikampf zu Zweikampf behaupten mußte. Da setzten es die Edelleute recht eigentlich darauf an, nicht etwa dem König gefällig zu sein und ihn, hofmännisch-kriecherisch, siegen zu lassen, sondern ihn zu schlagen. So hat denn die Abschaffung der Monarchie überhaupt kein wesentliches Unstetigkeitsmoment bedingt. Im Grunde waren die Spanier nie weder Aristo- noch Demokraten im modernen Sinn, sie waren immer Republikaner im alt-römischen. In Spanien allein, in der Tat, lebt diese Tradition noch lebendig fort. So mag die spanische Republik in dieser Wende noch zu einer Behauptung des Qualitätsprinzipes führen, zu dem die Monarchie heute nicht mehr fähig ist.

Daß es nun aber so ist, daß die Entwicklung so fortschreiten kann, wie sie’s in Spanien tut, beweist über allen Zweifel hinaus einen Allgemeinzustand ethischer Bildung, der allen sonstigen europäischen überlegen ist. Und dieser tut, sowohl als wirklicher Bestandteil wie als schöpferisches Sinnbild, gerade dem heutigen verflüssigten Europa bitter not. Nur in Spanien erscheint in dieser Zeit Demokratie mit bestimmender Ehre, Modernität mit vorherrschender Menschlichkeit vereinbar; dort allein bedingt der Aufstieg zur Macht von Bourgeoisie und Proletariat weder Kommerzialisierung noch Proletarisierung. In diesem Sinn stehe ich nicht an zu behaupten: nur wenn es Spanien bewußt in sich aufnimmt, wird Europa die Krisen dieser Übergangszeit im Guten überwinden. Und dies auch aus einem bisher nicht betrachteten Grund, den wiederum Spanien am deutlichsten versinnbildlicht: Haltung bedingt Ungefährdbarkeit durch die Wechselfälle der Zeit. Seit Philipp II. bis vor wenigen Jahren ist es mit Spanien äußerlich abwärtsgegangen. Es ist aber doch in keiner Weise dekadent und war es nie. Im Gegenteil: wo sich in anderen, mehr logisch bestimmten Ländern — der Logos ist das Prinzip der Initiative, der Übertragbarkeit und damit auch des Wandels — der Volkstypus rein physiognomisch von Jahrhundert zu Jahrhundert so sehr verändert hat, daß der jeweils Moderne in Vorfahrentracht als schlechte Maske wirkt, sieht der spanische Grande von heute noch genau so aus, wie der von Velázquez und Greco porträtierte. Er verträgt es eben, auch nichts zu tun, auch still zu halten. Er kann warten. Er ist zeitlos, wie sein Wüstenbruder, der Beduine. Er ist ebenso unerschütterlich wie dieser in seiner Substanz. — Bedeutet diese bloße Möglichkeit nicht den genauen Kontrapunkt zur Verflüssigung der übrigen Welt? Muß der Europäer der Zukunft nicht unter allen Umständen, soll er seine Vollendung erreichen, als ethisches Wesen Spanier werden?

1Vgl. das Kapitel dieses Namens meiner Schöpferischen Erkenntnis.
Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Spanien
© 1998- Schule des Rades
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