Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Deutschland

Primat der Sache

Es war nicht schwer zu bestimmen warum der Engländer grundsätzlich mißverstanden wird. Warum aber wird es der Deutsche? Er ist doch nicht tierartig, sondern allzu menschlich; und auch bei ihm, wie beim Franzosen, überwiegt der Verstand, das Übertragbare par excellence. Jede Betrachtung Deutschlands, die zugleich richtig und allgemeinverständlich ausfallen soll, muß bei dieser Fragestellung ansetzen. Nun gibt es den Deutschen, genau genommen, nicht. Wie mir das Deutschtum zum erstenmal zum beunruhigenden Problem ward, da half mir niemand mehr als der greise russische Botschafter in London, Graf Benckendorff, der mich bei irgendeinem Ausspruch über die Deutschen unterbrach: Ne dites pas les Allemands: il n’y a que des Allemands. Jeder Deutsche ist für sich tatsächlich eine Monade ohne Fenster; daher wohl mußte der Erfinder der Monadologie ein Deutscher sein. Und hieraus ergibt sich mit Notwendigkeit eine solche Mannigfaltigkeit, mag es noch so viel Gemeinschaften geben auf Typusgleichheit hin, daß man vom Deutschen nicht im selben Sinne reden darf wie vom Franzosen und Engländer. Hier ist sein Fall dem des Inders analog. Trotzdem tritt der Deutsche heute als Masse in historische Erscheinung, wie sonst nur der Amerikaner; insofern gibt es vom Standpunkt der anderen den Deutschen doch. Der wird als ein sehr Bestimmtes gesehen; als solche Bestimmtheit wird er von allen mißverstanden. So läßt sich doch von Mißverständnissen reden, welche den Deutschen betreffen, und von allgemein-deutschen Eigenschaften, die sie hervorrufen. Deren nun kommen, soweit ich sehe, fünf oder sechs vor allem in Betracht. Ich will sie nacheinander, doch ohne ausdrückliche Ordnung, behandeln, da sich ihre Bereiche überschneiden.

Die erste Ursache der Unverständlichkeit des Deutschen ist seine Sachlichkeit. Er ist wohl das eine sachliche Geschöpf, das Gott erschuf. Nur unter Deutschen unter allen Wesen, die wir kennen, konnte die Fichtesche Bestimmung ohne Gegenbewegung einleuchten, daß Deutschsein eine Sache um ihrer selbst willen zu tun bedeute. Selbstverständlich gelingt kein Werk, das nicht mit Liebe und insofern als Selbstzweck betrieben wird: doch von dieser Bestimmung bis zu der, daß die Sache mehr bedeute als der Mensch, ist ein sehr weiter Weg, und für Deutschland, für Deutschland allein auf Erden, gilt sie. Sei ein Werk noch so persönlich bedingt, liege sein Sinn noch so sehr in der Lebensqualität, die es verkörpert, der Deutsche sieht in der Sache das Eigentliche. In den ersten Jahren des Bolschewismus ging ich einmal den Vortrag eines bewährten deutschen Rußlandkenners hören, der gerade aus dem Sowjet-Staat kam und über dessen Wesen berichten sollte: er hielt einen sachlichen Vortrag über die Idee des Mehrwerts; also das eine, was bei der Bewertung des Bolschewismus jeder Bedeutung ermangelt. So war die deutsche Revolution von Hause aus ein Widersinn und insofern praktisch ungefährlich — gefährdeten Verwandten gegenüber vertrat ich dies von vornherein, ja ich übernahm jede Gewähr dafür, daß nichts passieren würde —, weil die Revolutionäre sachlichen Erwägungen zugänglich waren. Selbstverständlich macht sich Umsturz nie bezahlt; selbstverständlich vermindert eine Agrarrevolution zunächst den Bodenertrag, selbstverständlich müssen Unschuldige leiden. Der echte Revolutionär handelt aus dem blinden Dennoch primärer Leidenschaft heraus. Beim Deutschen gibt es das nicht. Bei ihm entscheidet das Sachliche durchaus. Der 9. November 1918, den ich zufällig in Berlin verbrachte — es war die vierte Revolution, diese stereotypste aller Begebenheiten, die ich durchleben mußte —, bescherte mir zwei denkwürdige Erfahrungen. Frühmorgens begegnete mir ein Balte, ehemaliger russischer Marineoffizier, moralisch gebrochen: Lasen Sie die Proklamation der Kieler Matrosen? Auf meine bejahende Antwort fuhr er fort: Die habe ich ja verfaßt; ich tat es seinerzeit in Helsingfors, um durch geschickt ablenkende Wendung einem Gemetzel der Offiziere vorzubeugen. Nun haben diese Esel sie abgeschrieben, repetieren danach. Später ging ich mit einem Professor unter die Linden. Er schnupperte in der Luft und meinte: Es ist, so fühle ich, allerhöchste Zeit, die Republik zu proklamieren. Kommen Sie mit zum Reichskanzlerpalais? Ich tat es, obwohl es mich nichts anging. Der Gelehrte wollte einen der Volksbeauftragten sprechen. Die hätten keine Zeit, er möge seine Anregung dem Adjutanten zur Weitergabe mündlich mitteilen. Der Professor erklärte daraufhin, die Republik müsse sofort proklamiert werden. Bald stürzte der Adjutant zurück und fragte, die Hacken zusammenschlagend: Meinen Herr Geheimrat, daß eine Republik genügt, oder muß es eine demokratische Republik sein? Das ist deutsche Sachlichkeit. Sie bestimmt fast alles nach außen zu sichtbare deutsche Leben. Sie ist die Wurzel der nur-deutschen Idee des Fachmanntums: sie ist nur deutsch, obgleich es überall Sachverständige gibt, weil nur in Deutschland der Mensch seinen funktionellen Mittelpunkt im Fach hat und nicht umgekehrt. In dieser Hinsicht lernte ich während der Inflationszeit von einem jungen Kellner viel, der sich darüber aufhielt, daß der Cafébesitzer, ein türkischer Teppichhändler, selbst nach dem Rechten sehen wollte: Darüber kann ein Fachmann nur lachen, schloß er im gleichen Tonfall und mit dem gleichen Ausdruck, den man sooft bei Geheimräten sieht. Später einmal saß ich bei einem Frühstück in Berlin an einer Tischecke mit Lunatscharsky und einem großen deutschen Naturforscher zusammen. Dieser wollte wissen, wie die Exzellenz — da Lunatscharsky Unterrichtsminister ist, war er natürlich in allen Hinsichten auf einer Ebene mit seinen deutschen Kollegen zu betrachten — die Heranbildung der Bewohner Turkestans zu echten Kulturmenschen betreibt. Wir setzen natürlich die Tradition Wilhelm von Humboldts fort. Lunatscharsky und ich konnten kaum ernst bleiben. Dem guten Teufelsdrökh jedoch war und blieb unfaßlich, wie Unterricht anders als aus rein sachlichen Gesichtspunkten geleitet werden könne. Dieses Primat der Sache in der deutschen Seele ist auch die psychologische Wurzel des meisten deutschen Idealismus: der Deutsche wagt nicht, sich für etwas einzusetzen, das er nicht sachlich rechtfertigen kann. Daher Bethmann Hollwegs unglückseliger Ausspruch zu Kriegsbeginn. So las ich neulich in einem Prospekt des Zirkus Krone: Meine Schöpfung ist nicht zur Unterhaltung da, sie soll belehren, das Wissen bereichern, die Weltanschauung vertiefen. Es fehlt jeder Sinn für den Wert der Freude an sich, für deren spirituelle Qualität, der für den Engländer so charakteristisch ist, es sei denn, das Festefeiern beruhe seinerseits auf Weltanschauung und das jeweilige Fest werde im Geist einer Sache veranstaltet. So behauptet selbst der gerissenste deutsche Geschäftsmann, unter Opfern einem Ideal zu dienen. Gleichen Geists war Deutschlands innere Stellung zum Weltkrieg. Was zumal die Angelsachsen am wenigsten verstanden, was die Hauptnahrung der späteren Vorstellung war, die Deutschen seien ein Volk von Teufeln, war eben ihr Bestreben, ihr Tun durch metaphysische Gründe zu rechtfertigen. Daß die Deutschen nach Macht strebten und für ihr Leben kämpften, verstanden jene wohl; nicht aber, daß sie dies in ihren Augen selbstverständlich Berechtigte noch metaphysisch zu begründen für nötig hielten; das konnte, so meinten sie, nur schlechtes Gewissen bedeuten. — Und ebenso beruht auf der Vorherrschaft des Sachlichen der mangelnde Sinn für nationale Ehre. Ehre ist nie sachlich zu begründen. Das Gefühl dafür besteht entweder primär, oder es fehlt. Alle bestimmende Ehre im deutschen Leben war von jeher die Ehre von Kasten oder einzelnen, die von der Norm abwichen und ihr Spezifisches den anderen oktroyierten. Dies illustriert am besten das deutsche Zwangsduell gegenüber der anerkannten Wahlfreiheit in diesen Dingen unter romanischen Völkern. Über diesen Punkt sowie darüber, wie alles Bildhafte, in Schönheit Fundierte, also auch alle Form, alle Staatlichkeit in Deutschland romanischen Geistes war, lese man die Betrachtungen eines Römlings Otto von Taubes (In Navigare necesse est. Insel-Verlag) nach, eine der tiefsten Betrachtungen, von denen ich wüßte, über das deutsche Wesen.

Aber in dem, was nach außen zu am typischsten als Sach-Kult in die Erscheinung tritt, liegt nun einmal des Deutschen Lebenselement. Und da es bei ihm allein dort liegt, so wirkt er so unverständlich und unheimlich. Dem Deutschen bedeuten Vorstellungen und Ideen mehr als jede Realität. Ein Brite prägte einmal das Witzwort:

Gäbe es zwei Tore, auf deren erstem stände: Eingang ins Himmelreich, und auf deren zweitem: Eingang zu Vorträgen über das Himmelreich, alle Deutschen drängten durch das zweite.

Dieser Mann blickte tief. Wirklich bedeutet die Vorstellung dem Deutschen sein Lebenselement. So beurteilt der Deutsche einen bedeutenden Menschen instinktiv nicht nach seinem Sein, dem er seine Begriffe anzupassen strebt, sondern er geht, umgekehrt, von einem vorausgesetzten Begriffe aus, und sagt im Höchstfall, falls seine Vorstellung nicht zutrifft, mit Hegel: desto schlimmer für die Tatsachen. So erzählte ein bekannter philosophischer Verleger mir einmal begeistert, fast alle Bücher eines der bedeutendsten lebenden Philosophen, die er verlegte, lägen unverkauft im Keller: und so soll es sein. Der gute Mann wär fähig, unter Opfern den Verkauf zu hintertreiben, nur damit seine Vorstellung von der Notwendigkeit des Mißerfolgs des Wertvollen bei Lebzeiten gewahrt bliebe. Hiermit hielten wir denn die eigentliche Wurzel der Sachlichkeit und sind zugleich in der Lage zu verstehen, inwiefern das gleiche Motiv seinen Ausdruck sowohl in Wirklichkeitsbeherrschung wie in rein Fiktivem finden kann. Im 18. Jahrhundert gab es in Frankreich ein Versailles, von einem mächtigen König bewohnt. In Deutschland gab es gute fünfhundert ähnliche Gebilde, in denen es äußerlich identisch herging. Doch in Versailles wurde Geschichte gemacht und an den deutschen Miniaturhöfen nur gespielt. Aber eben dieses Spiel entsprach den Deutschen. Genau so sind die von den Ententekommissionen so gründlich mißverstandenen Demonstrationen zu verstehen. Sie sind als Schaustellungen Selbstzweck. Und wie war es im Mittelalter? Liest man die Geschichte der frühen deutschen Kaiserzeit, so begegnen einem beinahe ausschließlich Berichte von Tagungen; wie Kongreßstiere zogen die Kaiser dazu von Stadt zu Stadt. Bei den Tagungen kam natürlich nie das mindeste heraus, noch sollte es das tun. Heute tagen in Deutschland nicht nur die Kaiser, sondern auch die Kunstmaler, die Sparkassenbeamten, ja es tagt die Schule der Weisheit. Die gleiche psychologische Wurzel wie das Darstellen und Tagen hat denn auch das deutsche Protestieren, vom historischen Protestantismus bis zu dem, was einem tagaus, tagein in Form von Entschließungen begegnet. Der Protest ist Selbstzweck, es soll gar nichts bei ihm herauskommen. Daher die erfahrungsmäßig geringe Überzeugungskraft deutschen Protestierens; jeder fühlt, daß ein Erfolg gar nicht beabsichtigt wird. Deswegen behält der Deutsche seinen Protest auch dann nicht für sich, wenn er ganz genau weiß, daß er durch Schweigen dessen Ziel sicherer erreichte. Wie völlig harmlos das deutsche Protestieren ist, ersah man kürzlich am Falle Theodor Lessing: die ganze deutsche Studentenschaft, ja die Mehrheit des deutschen Volks stand geschlossen gegen ihn auf. Und es passierte nur dies, daß Lessing eine Sinekure erhielt, einen Forschungsauftrag ohne Lehrverpflichtung: so wurde ihm der sehnlichste Wunsch der allermeisten Forscher erfüllt. Hiermit hängt denn wohl auch das deutsche Sprichwort Viel Feind’, viel Ehr’ zusammen.

Aber der gleiche psychologische Umstand erklärt wiederum allen deutschen Triumph auf dem Gebiet der Dinge und Tatsachen. Ist eine herrschende Vorstellung wirklichkeitsgemäß und liegt ihr sachlicher Sinn darin, sich in Wirklichkeit umzusetzen, dann erreicht das deutsche Volk, was kein anderes erreicht. Nur Deutsche konnten vom Wunder der Rentenmark begnadet werden: es waren eben alle auf Grund der Idee des Goldwerts bereit, alles Vermögen auf einmal zu opfern. Nicht anders, grundsätzlich, steht es mit jedem großen deutschen Unternehmen; dessen Möglichkeit beruht Mal für Mal auf der Opferbereitschaft für eine Idee. Und weiter: nur Deutsche konnten sich ohne weiteres so umstellen, daß der Versailler Vertrag zur unmittelbaren Vorstufe des deutschen Neuaufstiegs wurde. Diese Umstellungsfähigkeit ist nur ein besonderer Ausdruck dessen, was gemeinhin als deutscher Konservativismus in Erscheinung tritt; sie hat die gleichen psychologischen Wurzeln wie sonst die deutsche Rechthaberei und Standpunkttreue. Der Deutsche ist nicht im englischen Sinn konservativ; er lebt nicht instinkthaft die historische Kontinuität. Dafür glaubt er an zeitlose Werte, und die Fortdauer in der Zeit, aber auch die Möglichkeit plötzlicher totaler Neugeburt ist des Zeitlosen Allegorie. Der Deutsche glaubt aus dem gleichen Motive, wie kein anderer, an wohlerworbenes Recht, wie er sich andererseits mit jedem Unrecht, innerlich belastet, abfindet.

Die deutsche Sachlichkeit ist also die psychologische Wurzel des spezifisch deutschen Idealismus sowohl als der deutschen Charakterlosigkeit. Und alle diese Eigenschaften rühren letztlich daher, daß beim Deutschen die Vorstellung vor der Wirklichkeit den Vorzug hat. Es kann dies jeweils ein Ideal sein, oder die Staatsraison, oder das Verdienen, oder das bestehende Recht, oder eine persönliche rancune. Ich weiß von maßgebenden Deutschen, die geradezu glücklich waren, am Versailler Vertrag ein feststehendes Instrument zu besitzen, und sich beim bloßen Gedanken ängstigten, eine Revision könne ihnen diese innere Sicherheit nehmen. Ähnlich war es von je. In der Kathedrale von Assisi prangt ein Fenster, wenn ich nicht irre von Giotto gemalt, in welchem Friedrich Barbarossa auf dem Rücken liegt und der Papst seinen Fuß auf seinen Bauch setzt. Die Italiener auf dem Bilde schauen verlegen-belustigt drein. Ich möchte wetten, daß die Deutschen auf dieser Zeremonie bestanden hatten; in deren Augen war sie irgendwie geltendes Recht. Auch die deutsche Treue leitet aus diesem Prädominieren des Sachlichen über das Persönliche ihren Sondercharakter ab. Natürlich sind die Deutschen, vom Standpunkt der sonst üblichen Begriffe, das treuloseste aller Völker; diese These Leopold Zieglers muß als erwiesen gelten. Niemand fällt oder stellt sich so leicht um; dies muß so sein, da das Prinzip der lebendigen Kontinuität, das rein Persönliche, nicht unmittelbar und letztinstanzlich bestimmt; das Ideal der deutschen Treue bedeutet insofern eine Kontrastideologie. Aber es gibt eine Art Treue, die sonst niemand kennt. Bei einem Kriege zwischen Litauern und Polen schlugen sich auf der ersten Seite deutsche Landsknechte so gut, daß die Polen ihnen nahelegten, doch zu ihnen überzugehen. Sehr gern — aber erst nach heute abend, lautete die Antwort, denn bis dahin läuft unser Kontrakt. Bis zum Abend aber waren sie alle tot.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Deutschland
© 1998- Schule des Rades
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