Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Deutschland

Einzigkeitsbewußtsein

Vom zuletzt Betrachteten und Bedachten aus finden wir denn den besten Zugang zum Verständnis der Sonderart der deutschen Innerlichkeit. Sie ist pathisch, d. h. weiblich geartet. Bei jedem weiblichen Menschen bildet das immer auch vorhandene Männliche die minderwertige Funktion. Gerade eine solche wird typischerweise, aus psychologischem Kompensationsdrange überbetont. So beweist denn gerade die deutsche Männlichkeitsbetonung weibliche Artung. Und daß das männliche Urbild gerade Unteroffizierscharakter trägt, beweist seinerseits wieder die Minderwertigkeit der männlichen Funktion. Gewiß ist sie nicht bei jedem Deutschen minderwertig, aber Deutschland bringt Männer im besten Sinn nur gleichsam als Sonderkaste hervor. Kein wirklich männliches Volk verfiele darauf, den übersensitiven Nervenmenschen Bismarck als des Deutschen Reiches Schmied in Hemdsärmeln vorzustellen. Eben hier liegt die psychologische Wurzel des überbetonten Machtwillens der wilhelminischen Ära. Der wesentlich männliche Engländer betont ihn nie; er sucht sein Männliches viel eher abzuschwächen, indem er sich zurückhält, leise redet, weiblich-suggestiv wirkt usw. Ebendaher rührt die deutsche Mißachtung der Frau. Der Brite vergöttert sie, was aber nicht hindert, daß ältere Frauen dieser wesentlich männlichen Nation viel männlichere Züge tragen als die meisten glattrasierten deutschen Männer gleichen Jahrgangs. Der Deutsche mißachtet sein Weibliches in der Frau, was natürlich auf den Frauentyp zurückwirkt. Und weiter: eine der Superioritäten des Franzosen über ihn beruht darauf, daß jener die Arbeit der Frau, vom Haushalt bis zur Toilette, als ein dem Berufsleben des Mannes Gleichwertiges achtet: natürlich ist es das. Aber der männliche Protest des Deutschen verhindert hier die klare Erkenntnis. Den wesentlich weiblichen Charakter des Deutschen beweist seinerseits, daß er von Hause aus nicht selbstbeherrscht ist, sondern der Bindung durch Herausstellungen bedarf: das ist nichts anderes wie das Bedürfnis der Frau, vom Mann ihr Gesetz zu erhalten. Gleiches bedeutet die deutsche Organisationsfreude: das deutsche Volk ist ja, wie Walther Rathenau so oft mit Recht betonte, nicht wesentlich organisatorisch, sondern organisierbar. Gleiches bedeutet seine Pflichtethik. Pflichterfüllung, nicht persönliche Verantwortung als Höchstes hinzustellen, beweist primäres Hingabebedürfnis. Der Mann fragt instinktiv nicht darf ich?, sondern, will ich?. Eben hier liegt die psychologische Wurzel der deutschen Neigung, sich auf den Boden der Tatsachen zu stellen; eben hier die des deutschen Mangels an Zivilcourage: solche hat die Frau nur ausnahmsweise; sie hat typischerweise nur den Mut zu dem, was sich schickt. Endlich beweist die Physis der deutschen Majorität allein schon das Überwiegen des weiblichen Prinzips: die Breithüftigkeit, die Artung der Haut, des Fettansatzes und der Korpulenz sind weibliche Geschlechtscharaktere. Doch der entscheidende Beweis des pathisch-weiblichen Grundcharakters des Deutschen liegt in seinem Akzentlegen auf das Erleben anstatt aufs Leben. Hier nun geht das spezifisch Weibliche in das über, was den Introvertierten als solchen charakterisiert. Wenn der Deutsche immer darf ich? fragt, so liegt das auch an der Unsicherheit des in-sich-Gekehrten gegenüber den Aufgaben der Außenwelt; eben darauf beruht sein überlautes Gebaren, wo er irgendwie sicher ist, daß er darf, besonders wenn er Masse hinter sich weiß; einfach als in-sich-Gekehrter kann der Deutsche nicht als so unbefangener Individualist in die Erscheinung treten wie der Italiener. Daher denn der Schein, die Deutschen seien ein Herdenvolk. In der Tat läßt sich kein zweites Volk gleich kritiklos kommandieren. An sich ist aber der Deutsche ein genau so ausgesprochener Individualist wie der Engländer, Franzose und Italiener, nur in anderer Hinsicht, in anderer Einstellung; er ist es als Erlebender, d. h. für sich; für sich allein. Von seinem Einzigkeitsbewußtsein her grenzt und schließt er sich von allen anderen ab; allein als Herdenwesen, was ja als genus jeder ist, ist er mit ihnen im Kontakt. Er ist als Individualist ein Eigenbrötler, was Individualismus als solcher keineswegs verlangt. Der in sich gekehrte Individualist braucht nun die äußere Ordnung zur Kompensation. Insofern ist die deutsche Herdenhaftigkeit der Regel des Mönchslebens Äquivalent.

Bisher schrieb ich nun so, daß jeder Leser meinen kann, es überwögen bei der deutschen Einstellung die Nachteile. Aber das Gegenteil ist wahr. Ist der Deutsche betontermaßen in sich gekehrter Individualist, ist er als solcher hochbegabt, erkennt er gleichzeitig die Grenzen an, welche seinem Typus von Natur aus gesetzt sind, dann ist der Deutsche der erste Europäer. Warum? Weil das Einzige im Einzigen das Tiefste und Letzte im Menschen ist, weil alle Ewigkeitswerte vom Einzigen her ins Leben eingreifen und deshalb durch den, der in ihm sein Bewußtseinszentrum hat, die tiefsten Schöpferkräfte hindurchwirken. Hieraus erklärt sich denn, warum die überwiegende Mehrzahl aller ganz großen Europäer, seitdem der Deutsche die nötige Entwicklungsstufe erstiegen hat, aus Deutschland stammt. Sie stammt aus Deutschland auch auf den Gebieten, auf denen die Nationalanlage unzulänglich erscheint: auch Wilhelm von Oranien, Friedrich der Große, Stein und Bismarck waren Deutsche. Die deutsche Einstellung ist eben für jeden Außergewöhnlichen zur Vollentfaltung die günstigste. Nur der Deutsche denkt so selbstverständlich zunächst an sich und an sich allein, ohne primäre Bezugnahme auf andere, daß sein Einziges zu seiner höchstmöglichen Ausgestaltung gelangt. Das Gegenbeispiel hierzu bietet Frankreich. Hieraus folgt nun aber für die Volksgesamtheit etwas, was das demokratische Ideal für Deutschland, soll dieses menschheitsbedeutsam sein, endgültig begräbt: soll Deutschland groß sein, so kann der Bedeutungsakzent des ganzen Volks nur auf dem Einzigen, und folglich auf der Projektionsfläche des historischen Lebens, auf wenigen Einzelnen liegen. Ist in Frankreich Paris allein Kopf, so ist ganz Deutschland, als Wert, immer nur um einiger Einziger willen da. Hier handelt es sich um eine ebenso wesentliche, durch keinerlei Willensentscheidung zu ändernde Struktur, wie bei der Tatsache, daß in Frankreich Eliten bestimmen und unter Angelsachsen der sozial-politische Nachdruck auf jedem Einzelnen ruht, weshalb sie freilich recht tun, auf die äußere Freiheit den Hauptakzent zu legen. Dem Polaritätsgesetz entsprechend bringen Engländer und Franzosen nie Einzelne hervor, die den größten Deutschen vergleichbar wären; selbst die besten Vertreter der französischen Eliten waren deutschen Einzelnen nie gleichwertig. Umgekehrt aber stehen deutsche Mehrheiten schicksalsmäßig unter denen anderer Völker. Von hier aus gelangen wir denn zur richtigen Einschätzung des Urphänomens des deutschen Neids. Selbstverständlich bedeutet dieser ein metaphysisches Mißverständnis. Wenn der Bedeutungsakzent beim Deutschen, wo er richtig liegt, auf dem Einzigen ruht, so kann er zwar nicht auf jedem Einzelnen liegen, wohl aber liegt er bei jedem auf seiner Einzigkeit. Und da diese eben einzig ist, so stellt sich die Frage des Vergleichs vernünftigerweise nicht. Aber in der Erscheinung ist solches Einzigkeitsbewußtsein, wie ich anläßlich Ungarns näher ausführen werde, nur in der Sondergestaltung des Grandseigneurs manifestationsfähig. Und der Deutsche ist wesentlich Bürger, fühlt sich überdies als Introvertierter unsicher in der Welt. So kann er nicht einsehen, daß die Entsprechung bestimmender Einzigkeit auf der empirischen Ebene, das Vorherrschen Weniger im Sinn des Werts, keinen Geringeren entwertet. Es ist für den Kleinen, der nicht metaphysisch bewußt ist, das muß man zugeben, auch wirklich nicht leicht anzuerkennen, daß auf dem Großen alle Bedeutung ruht. England ist neidfrei, insofern wirklich jeder zählt. Man mag in Deutschland demokratisieren, soviel man will: jeder Deutsche weiß im innersten Herzen doch, daß es in Deutschland nur auf wenige ankommt, und diese Erkenntnis verträgt nur der innerlich Vornehme. Dies erklärt denn verschiedene Sondererscheinungen, die kaum jemand versteht. Erstens liegt auch hier eine Hauptwurzel des deutschen Monarchismus: instinkthaft träumt der Deutsche vom Führer, mit dem er sich kraft dessen bloßer Stellung nicht vergleichen kann; dieser wiederum ist, aus dem gleichen Grund, sei er noch so deutsch, ebendeshalb neidfrei. Dann erklärt sich hieraus die merkwürdige Tatsache, warum so viele gerissene Geschäftsleute arme Geistige oder Heilige mäzenieren. Sie wissen, daß solche über ihnen stehen; insofern sie sie aber unterstützen, vertragen sie das Gefühl ihrer Unterlegenheit. Weiter erklärt sich hieraus die selbstverständliche gegenseitige Anerkennung und Belobung der Professoren: insofern Kastengleichheit besteht und gegenseitige Anerkennung Norm ist, wird die persönliche Ungleichheit erträglich.

Herrscht nun aber die Mehrheit als solche in Deutschland auch nur im geringsten vor, dann bestimmt zwangsläufig mehr als irgendwo auf Erden der Neid. Dann zeigt Demokratie ihr häßlichstes Gesicht. Dann werden alle Werte negiert. Dann erlangt die Billigkeit über die Gerechtigkeit das Übergewicht; dann wird Qualitätsleistung unmöglich, das wertfeindliche Ethos des Gemütes letztbestimmend. Der spezifisch deutsche Sozialismus, der jeden Wettbewerb ausschalten möchte, der aus dem Arbeiterheer am liebsten eine Beamtenschaft schüfe, innerhalb derer jeder einzelne auf Grund seiner Anciennität allein aufrückte und als Geheimrat endigte1, ist eine der kulturfeindlichsten Erscheinungen aller Zeiten. So müssen denn die Deutschen, wenn sie als Volk in Verfassung sein wollen, obgleich sie an sich kein aristokratisches Volk sind, sich aristokratisch organisieren. Zu allen großen Zeiten haben sie es getan. In allen künftigen großen Zeiten werden sie’s wieder tun. Der äußerliche Antrieb hierzu liegt im pathischen Hingabebedürfnis: die deutsche Mehrheit will geführt werden. Aber der tiefste Grund ist der Instinkt, daß nur in aristokratischer Verfassung das deutsche Volk als Volk, nicht nur als Hervorbringer Einzelner, wertvoll erscheinen kann. Deshalb stammt alles kulturell Wertvolle in Deutschland aus seiner Fürstenzeit, soviel gegen die meisten Höfe zu erinnern sei.

1In diesem Sinn erlebte ich zu Anfang der deutschen Revolution etwas Köstliches. Ich erkundigte mich in einem Hause nach der Portiersfrau. Es wurde mir gesagt, die Frau Rat sei abwesend. Frau Rat? Ja, ihr Mann war Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrats geworden. Darin lag für die biedere Familie wohl der ganze tiefere Sinn der Revolution.
Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Deutschland
© 1998- Schule des Rades
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