Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Deutschland

Geistigkeit

Hiermit gelangen wir denn zur Bestimmung der deutschen Aufgabe in der Welt. Noch einmal: selbstverständlich soll Deutschland sich als Volk und Staat behaupten. Wie es allgemeine Menschenrechte gibt, so gibt es allgemeine Völkerrechte; und zumal im Zeitalter der Selbstbestimmung der Völker bedeutet es Verbrechen, hier auch nur ein Tüttelchen seiner Rechte kampflos preiszugeben. Aber Deutschlands Weltbedeutung beruht allerdings nicht auf seiner Tüchtigkeit, seiner Arbeitskraft, seiner Organisation, seiner Ordnung, seinen Wohlfahrtseinrichtungen. Heutzutage ist es überhaupt lächerlich, auf das, was der Tüchtigkeitsbegriff umschließt, seinen Stolz zu setzen: Tüchtigkeit, Ordnung, industrielles und mechanisches Können, gute Erziehungsanstalten und dergleichen werden bald ebenso allgemeine Selbstverständlichkeiten sein, wie daß jedermann zwei Beine hat. In diesem Sinn beweist es erschreckendes Minderwertigkeitsgefühl, daß das ganze deutsche Volk darauf stolz war, daß Dr. Eckener den Ozean überflog. Dergleichen können die jüngsten Völker auch, werden wilde mit ihren scharfen Sinnen bald viel besser können. Deutschlands Weltbedeutung beruht auch nicht darauf, welche äußere Machtstellung es einnimmt. Der Amerikanismus, der heute psychologisch den preußischen Militarismus zu ersetzen beginnt, wird, falls der Bedeutungsakzent auf ihm ruhen bleibt, zu einer noch furchtbareren Katastrophe führen, wie dieser: nämlich nicht zur äußeren Niederlage, von welcher ein starkes Volk sich immer schnell erholt, sondern zur inneren Entwertung. Der preußische Offizier ist an sich edelster Artung, nur ist sein Typus beschränkt; er verhält sich zu dem Deutschen, welcher im Guten herrschen kann, wie ein einzelner Dominikaner zur Kurie. Nur insofern hat er versagt. Ich persönlich zweifle nicht daran, daß das deutsche Volk früh oder spät eine neue anerkannte Herrenschicht hervorbringen wird, deren Dauer in der Zeit unter den neuen Verhältnissen natürlich nicht auf dem Bluterbe, sondern Kooptation beruhen wird, welche Herrenschicht Deutschland besser regieren dürfte, als es je früher regiert ward. Verliert derweil der Staat, wie ich’s erwarte, an Bedeutung, gilt gleiches von der auswärtigen Politik im Rahmen Europas, so kann es sehr wohl sein, daß bei dem vorherrschenden rein sachlichen Gesichtspunkt beim Regieren, welche diese Entwicklung bedingte, Deutschland zum bestregierten Land Europas würde. Aber nicht darauf kann Deutschlands Weltbedeutung je beruhen. Gut regieren können andere Völker auch. Nur das, was ein Volk allein oder am besten kann, macht es jeweils bedeutsam. In diesem Sinn beruht Deutschlands ganze mögliche Weltbedeutung auf seiner Geistigkeit.

An Geistigkeit ist Deutschland allen anderen Völkern Europas im selben Sinne voraus, wie es Frankreich an Kultur ist und England an politischem Takt. Das Indien Gandhis setzt die moderne Welt dadurch in Erstaunen, daß das indische Äquivalent der christlichen Idee des Nicht-Widerstehens dem Übel, das Ahimsa, eine politische Macht bedeutet: den besten Indern ist in der Tat Religion das ausschlaggebend Wichtige; deshalb kann dort nur ein Religiöser Realpolitiker sein. Genau so nun ist allen Deutschen, welche zählen, das Geistige das ausschlaggebend Wichtige, ob sie es im übrigen zugeben oder nicht. Dieser Unterschied ist dermaßen wichtig, daß ich näher auf ihn eingehen muß. Die Deutschen sind durchaus nicht das klügste oder sonst geistig begabteste Volk Europas; fern davon, viel eher darf da der Michel als ihr Urbild gelten. Doch keinem Volk der Erde bedeutet das Geistige so viel. Was diese Bestimmung besagt, macht der Vergleich mit Amerika am deutlichsten. Der Amerikaner ist sehr oft sehr klug. Aber nur in Ausnahmefällen ist ihm Erkenntnis oder Verwirklichung geistiger Werte in irgendeinem Sinne Selbstzweck. In seinen Augen ist das Geistige immer nur dazu da, entweder geschäftlich oder sozial zu nützen, oder aber zu unterhalten. So geschah es mir, daß eine große amerikanische Zeitung, die mich um eine Aufsatzserie über sehr tiefe Probleme gebeten hatte, nach Erhalt derselben einen Redakteur mit einem auf Quintanermentalität berechneten Schema für die geforderte Umarbeitung zu mir schickte: unser Publikum verlangt Aufsätze anderer Art; Magazine-articles haben einen anderen Stil. Daß ein Fordwagen keinen Maßstab für Pegasus abgibt, daß jeder nur einigermaßen ursprüngliche Geist ablehnen muß, sich nach der Vorliebe des Mannes auf der Straße zu richten, schien die Schriftleitung unfähig zu verstehen. Es handelt sich, wenn geistige Werte verwirklicht werden sollen, in erster Linie eben nicht um die Größe der Begabung, sondern die Akzentlage im Bewußtsein; ruht der Akzent beim größten Geist auf Äußerlichem, so ist er ungeistig. Der Wert der Einzelleistung beruht selbstverständlich trotzdem auf dem Begabungsgrad. Bei einem Volk indessen ist der Grad der Geistigkeit ausschließlich nach der ursprünglichen Einstellung zu messen; da stellt sich die Frage der Begabung überhaupt nicht, denn jedes Volk bringt Begabte hervor. Die Geistigkeit der nationalen Leistung hängt einzig davon ab, ob auf den Geistigen und deren Leistung der Akzent ruht oder nicht. Ersteres ist nun in Deutschland am meisten von allen modernen Völkern der Fall. Überdies bringt entsprechende Einstellung allein das Beste im Deutschen angemessen zur Geltung. Jeder materielle Deutsche wirkt unangenehm gegenüber dem gleich oder mehr materiellen Engländer oder Franzosen. Und umgekehrt wirkt der geistig eingestellte Deutsche unmittelbar überzeugend und werbend auf jedermann. So liegt denn auch Deutschlands praktisches Interesse darin, daß es sich entsprechend ein- oder, wo nötig, umstelle. Hier gedenke man nur der deutschen Musik: es veranstalte jede deutsche Stadt zweimal im Jahr Musikfeste — sicher wären sie alle überlaufen seitens der ganzen Menschheit, oder würden es doch bald sein. Der jüngste Wiederaufstieg Deutschlands in der öffentlichen Meinung der Welt nach seinem beispiellosen Sturz beruht einzig und allein auf der deutschen Geistigkeit und deren Prestige. Nein, Deutschlands ganzer Sinn Beruht auf dem, was es außer seiner Tüchtigkeit kann. Diesem außerdem hat alles andere untergeordnet zu werden.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Deutschland
© 1998- Schule des Rades
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