Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Deutschland

Wiedergeburt aus dem Geist

Was ist also Deutschlands wahre Aufgabe in der Welt, unter Voraussetzung der Eigentümlichkeiten dieses Volks, die wir uns im vorhergehenden bewußt machten? Sie kann nur in folgendem bestehen. Erstens einmal ist Deutschland das Laboratorium der Welt. Gerade zu dieser Erfüllung prädestinieren es die meisten derselben Eigenschaften, die in anderer Richtung so oft verderblich wirken. Ideen und Vorstellungen bedeuten dem Deutschen mehr als Wirklichkeiten, die Sache mehr als der Mensch. Diese wiederum betreibt er wesentlich zweck- und absichtslos. Endlich ist das Erleben, also die Erfahrung ihm das Bedeutsamste. Alles dies macht den idealen Experimentator. So war denn Deutschland zu allen seinen bewegten Zeiten tatsächlich ein Laboratorium. Es war dieses, soweit der mittelalterliche Rahmen erlaubte, zur Zeit Eckeharts. Es war es in großem Stil zur Zeit der Reformation. Es ist Laboratorium im allergrößten Stil zu dieser Zeit. Man tue alle geistigen Bewegungen der übrigen Welt auf eine Waagschale und die von Deutschland auf die andere: die letztere wird sinken. Es experimentiert in Deutschland jeder irgendwie. Auch die Geschäftsleute tun es: sonst würden sie so viel nicht riskieren; sonst wären sie nicht so stolz darauf, gelegentlich Opfer zu bringen. Und sicher sind die Laboratorien bei den großen Fabriken für die Leiter das, was sie am meisten freut. Es kommt ihnen innerlich vielmehr aufs Experimentieren an sich an, als darauf, was dabei praktisch herauskommt. Die Bestimmung von Deutschland als einem Laboratorium läßt uns denn auch einsehen, warum es kein Unglück bedeutet, wenn es kulturell und in der Annehmlichkeit überhaupt den Vergleich mit vielen Ländern nicht aushält. Keinem Laboratorium kann man nachsagen, daß es wohnlich sei. Aber zunächst muß das Richtige gefunden sein, ehe man es anwenden kann. So arbeitet die Nation, der es aufs Suchen mehr ankommt als aufs Gefunden-haben, mehr als eine andere unmittelbar für die Menschheit.

In zweiter Linie ist Deutschland das Gewissen der Welt. So nannte man es schon lang. Aber man verstand es einseitig moralisch und ward dann dadurch beirrt, was jedem auf dem Weg politischen Handelns als Schicksal aufgelegt wird. Was es in Wahrheit mit der richtigen Bestimmung für eine Bewandtnis hat, erhellt am deutlichsten, wenn man es auf dem Hintergründe Englands bedenkt. England weiß nie, was es tut. Deutschland tut nichts, bevor es nicht zu wissen glaubt, was sein Tun bedeutet, und hat es etwas getan, so ist ihm vornehmstes Bedürfnis, sich über den Sinn des Getanen klar zu werden. Deutschland ist ferner Bedürfnis, seine Erkenntnis zu bekennen. Deutschland ist also richtig der Spiegel der Welt, wie es, wenn ich nicht irre, Leibniz zuerst hieß. Und zwar ist Deutschland der einzige reine Spiegel, den wir haben, denn die französische Klarheit hat allemal rein-französische Vorurteile zum Grund. Nie ist der Franzose objektiv. Der Deutsche ist es durchaus. Also kann er eine ungeheure Bedeutung gewinnen überall, wo es Allgemeingültiges gilt. Fortan wird nun zum mindesten die Hälfte alles politischen Lebens allein aus universalistischer Perspektive im Guten zu meistern sein. Es muß ein neues Völkerrecht zur Geltung gelangen1. Die Beziehungen der Völker untereinander müssen überhaupt so weit als irgend möglich auf Recht und Billigkeit fundiert werden. Daß subjektivistische Nationen dazu trotz besten Willens außerstande sind, beweist, was Frankreich und England aus dem Völkerbund gemacht haben. Soll dieser jemals segensreich wirken, dann muß deutscher Geist ihn beseelen. Deutschem Geist allein gemäß wird ferner sein, die Beziehungen zwischen Weißen und Farbigen neuzugestalten, die alte Vorherrschafts- und Ausbeutungspolitik zu liquidieren. Endlich ist Deutschland vor allem berufen dazu, kraft seines unpolitischen Charakters, die Eigengesetzlichkeit der Politik, wie sie am reinsten der italienische Geist vertritt, der Eigengesetzlichkeit des menschheitlichen Kulturwollens ein- und unterzuordnen. Dazu muß es kommen. Mit rein egoistischer Politik ist auf lange Sicht hin wenig mehr zu wollen. Und wie in Indien nur der religiöse Führer zugleich Realpolitiker sein kann, weil im indischen Bewußtsein das Religiöse die tiefste Realität vertritt, s0 ist dem Deutschen natürlich, das Primat überall dem Geist und Geistigen und damit dem Kulturellen gegenüber dem Politischen zuzuerkennen. Sonst kommt es gar bald zu einem neuen europäischen Krieg, und dann ist es mit Europa aus. Ich habe mich oft gefragt, wie es nur möglich sei, daß die Greuel der Jahre von 1914-1918, die den modernen Maschinenkrieg unter allen Umständen zum Verbrechen stempeln, keine allgemein europäische Front gegen den Krieg ins Leben gerufen haben. Jetzt weiß ich die Antwort: die überwiegende Mehrzahl hat weder Gedächtnis noch Phantasie; sie lebt aus dem Augenblick heraus, lebt dabei primitive Triebe aus, und die verlangen unter Männern natürlich für alle Ewigkeit Krieg. Der Deutsche nun hat mehr Gedächtnis als die anderen und auch mehr Phantasie, insofern als er am meisten in der Vorstellung lebt. Also ist er der prädestinierte Protagonist des Weltfriedensgedankens. Doch die mögliche Bedeutung Deutschlands im betrachteten Sinn beschränkt sich nicht auf Einzelaufgaben: in der neuentstehenden Welt, wo auf dem Übertragbaren aller Nachdruck ruht, hat das Volk eine physiologische Vorzugsstellung, in der das Menschheitliche — um es einmal so zu sagen — über dem Nationalen von Hause aus dominiert. Denn hier liegt die Wurzel des deutschen Universalismus. Bei diesem handelt es sich weniger denn je um ein zu Überwindendes: fortan kann gerade der Universalismus dem deutschen Volk nationale Bedeutung schaffen. Gewiß wird das exklusiv Nationale an Bedeutung in Zukunft nicht abnehmen, im Gegenteil; inwiefern auch das Nationale höchste Zukunftsbedeutung hat, werden wir ihm Italien-Kapitel sehen. Aber die neuentstehende Welt — hier verweise ich nicht nur auf das Buch gleichen Namens, sondern vor allem auf meine Vision der kommenden Weltordnung im Weg zur Vollendung, Heft 10 — wird ein höchstgespanntes bipolares Gebilde sein; Nationalismus, aus irrationaler Wurzel gewachsen, und geistgeborener Universalismus, in den Mächten der Wissenschaft, der Metaphysik, der Religion, des Rechts, der Wirtschaft, des Kapitals verkörpert, werden sich gegenseitig die Waage halten. Den universalistischen Pol zu vertreten, ist kein zweites Volk so berufen wie das deutsche. Erkennt es darin seinen eigentlichen Sinn, dann wird auch sein Expansionsdrang, ja seine Maßlosigkeit ihren Gefahrencharakter im Bewußtsein der anderen verlieren. Denn dem Universellen ist Unendlichkeitsstreben gemäß, und kein Maß ist zu groß für das Allumfassende. Dann wird Deutschland das für alle lebende Land sein, so wie es jeder große Deutsche von jeher war. Es gibt nämlich nicht einen europagültigen Deutschen, der nicht von dieser universalistischen Weite gewesen wäre. Der nationalistische Deutsche, im Gegensatz zum nationalistischen Franzosen, zählt kulturell und menschheitlich nicht, der ist pommerische oder bayerische Privatangelegenheit, wenn nicht gar die von Vereinen. Im Rahmen des Universellen jedoch kann auch die minderwertige Funktion des Deutschen im Guten wirken: der sachliche Deutschentyp zuerst kann zeigen, wie alles Versachlichbare auf die Stufe der Sachen zu senken und damit als Lebensproblem zu erledigen sei. Denn was zur Tüchtigkeit gehört, muß anstandshalber ebenso selbstverständlich und unmittelbar funktionieren wie die Post oder allerpersönlichstenfalls ein lebendiger Schutzmann als Wegweiser auf einer Straßenkreuzung.

Damit gelangen wir denn zur tiefsten und heiligsten deutschen Aufgabe: sie ruht auf der Grundlage des tiefsten deutschen Pathos. Als Introvertierter vermag der Deutsche aus letzter Tiefe nur zweierlei: innerlichst erleben oder aber aus letzter Innerlichkeit heraus vulkanisch hervorbrechen. Und das bedeutet in der Erscheinung: er kann aus letzter Tiefe zeugen und gebären. Die großen Aufwühler der Geschichte des nach-antiken Europa waren sämtlich Deutsche: von der politischen Aufwühlung durch die Völkerwanderung bis zu Luther und Nietzsche. Aber vor allem waren Deutsche die großen Verarbeiter, die jeden geistigen Impuls assimilierten und in Form universeller Geistesschöpfungen herausstellten und dergestalt fortpflanzten. Denn das die Deutschen ein weibliches Volk sind, so ist der Zeuger Ausnahme in ihm, der Gebärende Regel. Doch hier erst erweist sich die ganze Menschheitsbedeutsamkeit des Deutschtums. Das jeweilige letzte Wort Deutschlands, von seinen großen mütterlichen Geistern herausgestellt, erhob nie den Anspruch, ein absolut letztes zu sein, wie es dies beim Franzosen tut; seine Klarheit war nie im buchstäblichen Sinne abschließende Klarheit. In einer Welt des Werdens und Vergehens bedeutet solche immer nur Beschränktheit. Absolut letzte Worte wird es, solang die Menschheit lebt, nie geben; immer wieder wird sich das Menschheitsproblem neu stellen, immerdar das Leben problematisch bleiben. So nun sieht der Deutsche es allein. Der einzige, der es überhaupt vergleichbar sieht, ist der Jude; und die Juden sind als Schöpfer des Alten Testaments und insofern Begründer jenes Ethos, auf das die ganze westliche Weltgewaltigkeit zurückgeht, ihrerseits eins der allergrößten Menschheitsvölker, wie immer es mit ihnen sonst bestellt sei. So liegt gerade im problematischen, ja im undeutlichen Charakter des Deutschen sein größter Vorzug, wie im allzu deutlichen des Franzosen sein größter Nachteil liegt. Selbstverständlich bedingt die gezeichnete deutsche Anlage, daß nur die Höchstpunkte im Guten bedeutsam sind. Die meisten Aufwühler sind nur Störenfriede, die meisten Verarbeiter formunfähige Wiederkäuer, die unter der Maske geistiger Interessiertheit nur geruhsames Philistertum spazieren führen; und die meisten problematischen Naturen sind solche im schlechten Sinn. Doch die Struktur des deutschen Volks bedingt eben, daß es nur auf diese Größten ankommt. Alles andere bei ihm ist, vom Standpunkt der Menschheit, Vorstufe.

Auf der Ebene des zuletzt Betrachteten bringen denn die Deutschen gelegentlich Gestalten und Gestaltungen hervor, denen kein anderes Volk Europas Gleichwertiges zur Seite setzen kann. Hier liegt zunächst die Urwurzel der Deutschen Musik, der größten Musik aller Zeiten. Musik ist nicht Sein im bildhaften Sinn, sondern Werden und Vergehen im Rahmen einer Sinneseinheit: größte Musik kann folglich nur ein Volk des Werdens schaffen, dessen letztem Wesen entspricht, innerlich zu erleben und sein Erlebnis zu bekennen. Hier liegt die Urwurzel der großen deutschen Philosophie; der Philosoph ist auf dem Gebiet des Verstehens das gleiche wie der Musiker auf dem des Gefühls. Und hier liegt auch die Urwurzel der unvergleichlichen menschlichen Größe der Deutschen, welche solche erreichten. Das bisher größte Beispiel solcher bietet Goethe. Worauf beruht dessen Menschheitsbedeutung? Auf jener letzten, äußersten Vorbildlichkeit, daß in ihm alles Unzulängliche produktiv wurde. Sie ist die letzte und äußerste deshalb, weil Menschsein unzulänglich sein heißt; so verstand sogar Christus sein armseliges Menschsein in bezug auf seinen göttlichen Kern. Da nun die menschliche Bedeutung des Deutschtums den meisten Nicht-Deutschen vor allem fraglich ist, so sei hier der Fall Goethe etwas eingehender analysiert. Goethe war typisch deutsch; das meiste im Lauf dieses Kapitels über den Deutschen überhaupt Gesagte gilt von ihm. Die lutherische Sinnesart hallt wider aus dem orphischen Urwort: So mußt du sein usw.; die seltsam theoretische Art, auf die er zu sich selbst stand, war ein Ausdruck unter anderen der Irrealität des deutschen Geists; von dieser her strebte auch er dem Erlebnis zu. Wohl suchte er seine Natur dynamisch zu entwickeln, aber vor allem lag ihm doch daran, das Ergebnis dessen zu erleben. Auch ihm war das Erlebnis an sich die eigentliche Zentrale seines Lebens, obschon er weniger davon sprach als die Modernen und es im Objektiven, der Objektivation zumal der begrifflichen, zu fassen strebte; auch seine äußerste Instanz war daher das Ja-Sagen zu sich selbst; die Willensbestimmtheit, die zur Erfüllung auf der Ebene des Ethos, im Unterschied vom Pathos, führt, fehlte, wie den meisten Deutschen, auch ihm. Dieses tritt gerade im Faust sehr deutlich zutage, diesem seltsamen Gedicht, in dem man Zustand an Zustand gereiht sieht, ohne daß der spätere je eine notwendige Vertiefung oder Steigerung eines früheren bedeutete; diesem Drama, welches dermaßen episch ist, daß es eigentlich mit nichts anderem als dem natürlichen Tode ausklingt, denn nicht die mindeste Steigerung liegt darin, daß Faust sein tat- und ereignisreiches Leben als Landwirt abschließt. Vergleicht man damit das Leben irgendeines großen Tatmenschen oder Heiligen, so erhellt sofort, was dieser Umstand bedeutet. Auch Goethes Männliches lag auf der Ebene des Tüchtigkeits- und Ordnungstyps: man vergesse nie, daß Goethe guter Staatsminister eines Kleinstaats war und ein sehr guter Geschäftsmann; so ist er der eigentliche Begründer des Autorenschutzes durch das Verlagsrecht. Goethe war also, als Typus, ein deutscher Geistiger wie andere auch. Und der bloße Reichtum seiner deutschen Veranlagung im Sinne der Extension macht ihn noch nicht zu dem ganz großen Mann, als welcher er heute erkannt ist. Goethes Größe beruht auf der unvergleichlichen Tiefe, Wahrhaftigkeit und Intensität seines Deutschtums. Sie beruht zunächst, in Funktion unserer Grundbestimmungen ausgedrückt, darauf, daß sein Leben ein einziges Experiment, eine einzige Gewissenserforschung war, daß er die Welt in einzigartiger Reinheit spiegelte und daß seine Existenz ein einziges Stirb und Werde bedeutet. Nun aber setzt Goethes Einziges ein. Von Hause aus bewegte sich sein Leben zwischen den beiden deutschen Polen: erleidendes Erleben — Irrealität des Geistes; von jenem ging er aus, in diese stellte er es wieder und wieder hinaus, zu jenem strebte er aus diesem immer wieder zurück; aber von dieser Seinsebene gelangte er zu einer höheren hinauf. Insofern er, als große deutsche Ausnahme, nicht die Sache letztlich ernst nahm, sondern sich selbst, nicht die herausgestellte Erkenntnis, wie der Gelehrte, sondern sein persönliches Leben, gelangte er, in den letzten Jahrzehnten seines Erdenwandels, zu einer Verschmelzung von subjektivem Erleben und objektivem Erkennen, zu einer Synthesis des erkenntnisbedingten Lebens, das aber nie am Ende war, nie am Ende sein konnte, weil sein Sinn ewiges Fortschreiten war. Damit wurde nicht nur alles Unzulängliche überhaupt in Goethes Person und Dasein im höchsten Sinne produktiv: dank seiner unvergleichlichen Ausdrucksgabe wurde es dies für alle. Damit leuchtete, historisch gesehen, ein neues, höheres, weil von tieferer Erkenntnis bedingtes Wirklichkeitsbewußtsein in Europa auf. Denn damit wurde der Geist aus der Entwirklichung, in die ihn das Christentum versetzt hatte, zum Beherrscher des Lebens berufen. Damit begann sich der Fluch des Essens vom Baum der Erkenntnis dank erreichten höheren Bewußtseins in Segen umzusetzen. Damit tauchten neue Möglichkeiten der Vollendung am Horizonte auf. Daher denn die ungeheure suggestive Kraft von Goethes Persönlichkeit. Sie beruht vor allem auf der bestimmten Bewegung, die er versinnbildlichte, und zwar dank dem epischen Gange seines Lebens so bis ins Einzelne deutlich, daß man der Zeitlupe gedenkt: der Bewegung von der Irrealität des Geistes her zum vollendeten Wirklichkeitsbewußtsein. Alle Menschen suchen ja heute den Weg, ob sie es wissen oder nicht, aus der Selbstentfremdung zum Selbstbewußtsein zurück. Diese Selbstentfremdung begann in dem Augenblick, wo das Bewußtsein überhaupt erwachte, und mit ihm die Fähigkeit, zu den Dingen der Welt nicht unmittelbar, sondern auf der Bildfläche des Vorgestellten in Beziehung zu treten; dies besagt unter anderem der Mythos vom Sündenfall. Aber diese Selbstentfremdung hat sich fortlaufend gesteigert, sie ist heute so groß geworden, daß der Mensch als vorstellendes Wesen jeden Zusammenhang mit seiner Wirklichkeit verloren hat. Mehr noch: der einseitig entwickelte Verstand hat den ganzen seelischen Organismus der westlichen Menschheit zersetzt; diese ist, als Vorstellende weiter als irgendeine frühere, als Seiende in einen chaotischeren Zustand zurückgefallen, als dieses je seit Sintflutstagen der Fall war. Nun ist es unmöglich, die alte Unschuld Wiederzugewinnen. Jetzt kann nur eines helfen: die Einsicht so weit zu vertiefen, daß sie nicht zerstörend bleibt, sondern wieder aufbauend wird. Jetzt kann neues Leben erst aus vollendetem Wissen erblühen2.

Das erste ganz große Beispiel dergestalt erkenntnisbedingten Lebens hat Goethe gegeben. Und damit wäre wohl klar, worin die tiefste Möglichkeit des Deutschtums überhaupt liegt: sie liegt, in einem Wort gesagt, in der immer erneuten Möglichkeit einer Wiedergeburt aus dem Geist. In irgendeiner Form verwirklichte jeder ganz große Deutsche gerade diese Möglichkeit. Dies gilt von Luther im Sinn religiöser Selbstbestimmung, von Nietzsche in Form psychologischer Selbstbesinnung, von Stefan George im Sinne geistgeborener Selbstformung. Gewiß folgt hieraus nicht, daß das deutsche Volk von allen das größte sei. Dieser in Deutschland leider noch landläufigen Vorstellung liegt nichts Besseres als der typische Größenwahn des Introvertierten zugrunde, welcher immer an der Grenze der Schizophrenie liegt. Weder Geist, noch geistige Entwicklung, noch auch Kultur sind Selbstzweck. Selbstzweck ist letztlich für jeden nur sein individuelles Heil, was an der Schwelle des Todes zum mindesten auch jedem klar wird. Eine Einstellung, die in diesem Heil ihr Ziel sieht, ist absolut tiefer als die des deutschen Geistigen. So sind auch englische Lebenszentrierung auf der praktischen Besserung der Welt, französische Ausdrucks- und spanische Haltungskultur an sich kein Geringeres als deutsche Geistigkeit. Angesichts des Hochmuts der Priester dieser muß ich jedesmal der drei gedenken, die zu Schlachtensee das Schicksal der Welt in der Hand hielten und es leider vertaten. Es ist auch höchste Zeit, daß das ridicule dieses Hochmuts aufhörte. Ein noch so tiefer oder ehrlicher Denker ist als Denker an sich einem Menschenkind beliebiger Einstellung nicht überlegen. Er ist auch nicht substanzreicher, er ist bloß anders. Die Deutschen sind einfach sonderliche Menschen mit daraus sich ergebenden sonderlichen Aufgaben. Sie sind das Volk bestimmender Bewußtheit, bestimmenden Geists. Ebendeshalb können sie vieles schlechter als andere Völker. Als Menschen sind sie typischerweise besonders unzulänglich. Wohl aber sind sie, als ewig Werdende, trotz ihrer großen Fehler, die geborenen Pioniere in Zeiten der Erneuerung. Und das ist viel. Wohl aber bringen sie von Zeit zu Zeit ganz große Strebende und niemals Fertige hervor. Und das ist gewaltig. Denn Menschsein heißt streben und nie fertig sein.

1Hier verweise ich auf die bestimmten Vorschläge, die im Baltikum-Kapitel dieses Buches stehen.
2Vgl. die Ausführung dieses Gedankenganges im Kapitel Was uns not tut, was ich will meiner Schöpferischen Erkenntnis.
Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Deutschland
© 1998- Schule des Rades
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