Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Italien

Italienisches Theater

Wenden wir uns nunmehr Speziellerem zu. Um diesem die richtige Beleuchtung zu geben, möchte ich als Hintergrund von Fall zu Fall bald Spanien, bald Rußland evozieren. Vom Spanier unterscheidet sich der Italiener beinahe mehr noch als vom Deutschen. Das spanische Fleisch ist durchweg fleischgewordener Geist und deshalb Ausdruck. Das italienische Gesicht ist, wie Rudolf Kassner richtig gesagt hat, im allgemeinen ausdruckslos. Der Spanier ist der Mann der Wirklichkeit, was immer er tut; auch wo er gegen Windmühlen ficht. Der Italiener ist, seiner Natur nach, sobald er aus den Beziehungen der Intimität heraustritt, innerhalb welcher er nüchterner als irgendeiner erscheint, typischerweise Schauspieler. Seine superlativische Sprache ist wesentlich rhetorisch; so sind es seine Gebärden. Was aber bei ihm nicht bedeutet, daß das Theater dazu da sei, Wirklichkeit darzustellen, wie beim Franzosen, oder aber zu schaffen, wie beim Russen, sondern daß ihm das Theater Selbstzweck ist. Wobei jedoch wiederum nicht, wie beim Deutschen, auf dem Erleben der Nachdruck liegt, sondern auf dem Tun. Dies nun ist eine bei einem Kulturvolk höchst merkwürdige, meines Wissens einzigartige Konstellation. Das italienische Theater reagiert ganz einfach primitive Instinkte ab; es ermöglicht ein Irrealisieren in der Vorstellungswelt. Ebendeshalb bedeuten die wildesten Massenmanifestationen von Italienern so wenig. Aber andererseits müssen die Instinkte dergestalt abreagiert werden, denn bei der explosiv-primitiven Vitalität des Volks führten verdrängte Leidenschaften unmittelbar zu Mord und Totschlag. Der Schlüssel zum Problem des italienischen Komödiantentumes liegt nun in dem Satz, daß der Italiener nur dort spielt, wo er aus den Beziehungen der Intimität heraustritt. Nur zu diesen hat er nämlich ein unmittelbares Verhältnis. Über anderes palabriert er nur. Das andere sollen andere Leute für ihn tun. Aber diese müssen ihm wiederum Gelegenheit geben, seine Instinkte auszuleben, zu applaudieren oder zu zischen, je nachdem. Daher das Theatralische der Reden Mussolinis; ebendaher das Theatralische schon der frühesten Römerreden. Für sich ist Mussolini wahrscheinlich der nüchternste der heutigen Staatsmänner, bei aller Leidenschaftlichkeit. Und extrem nüchtern war italienische Staatskunst von jeher überhaupt. Sie machten eben die Ausnahmemenschen, denen Politik natürliches Element ist, die auf deren Gebiet die gleichen Eigenschaften auslebten, wie der Durchschnitt, indem er pasta asciutta ißt.

Aber damit ist doch noch nicht alles gesagt. In Italien, und dort allein, kann wegen der geschilderten Anlagen ein Theaterheld gelegentlich wirklich Geschichte machen: das ist der Sinn des Falls D’Annunzio. Ich kenne keinen ernstzunehmenden Italiener — und viele sind mir bekannt —, der diesen Mann anders denn als Sprachkünstler schätzte. Er ist wie selten einer substanzarm; was er aber an Substanz hat, ist schlimm. Allein im Krieg und nachher als Condottiere spielt er vor sich und anderen eine Rolle, die auf die Dauer historische Wirklichkeit erschuf. So nahm ihn das Volk immer wieder ernst. Ein Beispiel, das mir in Mailand erzählt wurde; se non è vero, è ben trovato. Seine Legionäre vernahmen, daß eine Anzahl Damen die Absicht hätten, zu ihm gen Gardone zu ziehen. Entrüstet darob, daß solche schlechte Menschen ihren Heiligen zu umgarnen unternahmen, entführten sie ihn von daheim. Als D’Annunzio bald darauf auf den Kopf fiel, sei dies ein Mittel gewesen, um durch die Folgen des Sturzes neuen Erlösungsversuchen vorzubeugen. Aber sogar der so kluge und umsichtige Tschitscherin nahm ihn einmal ernst. Die folgende Geschichte ward mir von des Vertrauens würdigsten Gewährsmännern erzählt. Tschitscherin war einer Einladung D’Annunzios nach Gardone gefolgt. Nach dem vorzüglichen Diner brachte ein Lakai einen blanken Säbel herein und sperrte darauf ab. Wie Tschitscherin seinen Gastgeber befremdet anstarrte, verpatzte dieser: Eh bien, mon cher ami, pour certaines raisons je n’ai pas voulu vous orienter d’avance — mais, j’ai résolu de vous trancher la tête.; Tschitscherin erbleichte und dachte bei sich: nun bin ich verloren. Dieser verrückte Kerl ist ja zu allem fähig; verglichen mit dem Zug nach Fiume wäre dies ja ein harmloses Abenteuer. Denn, tötet er mich, so wird kein Hahn danach krähen. Die Kanzleien werden ohne Schwierigkeiten Gründe finden, die ihnen höchst gelegene Tat zu rechtfertigen. D’Annunzio suchte indes die Gedanken seines Gastes zu lesen und prüfte derweil mit der Hand die Schärfe der Klinge. Dann fing er an Fechtbewegungen zu machen. Schließlich sagte er, wie verdrießlich: Quel ennui, je ne suis pas bien en forme ce soir. Je crains qu’il faudra remettre cela à autre fois.

Doch noch einmal: niemand irrt mehr, als wer im Italiener nichts als den Komödianten sieht. Er ist auf dem Gebiet, das er persönlich ernst nimmt, der nüchternste Europäer; hier geradezu mit dem Russen verwandt. Von jeher war panem et circenses Italiens Devise, und das heißt: wo ein Italiener nicht spielt, dort ist es ihm ernst wie um das tägliche Brot. Entweder er will reine Praxis oder reines Theater. Damit gelangen wir denn zu dem, was immer wieder auffällt: dem absoluten Unverständnis des Durchschnittsitalieners für nicht positivistische Gesinnung irgendwelcher Art, von der Sentimentalität über die Romantik bis zum Idealismus. Er kennt keine Akzentlegung im Bewußtsein auf das Zwischengebiet zwischen Theater und Tat. Das nun ist das Gebiet der eigentlich geistigen Interessen. Nirgends spielen diese folglich eine geringere Rolle. Nicht nur ist die Konversation des italienischen Durchschnitts, wozu ich die große Welt rechne, die fadeste Europas: auch der kluge und bedeutende Italiener ist typischerweise geist- und witzlos. Er kennt weder englischen humour, noch französischen esprit, noch gar deutschen Tiefsinn; sogar seine Ironie ist platt. Hier erscheint wiederum D’Annunzio als italienischer Prototyp: seine wunderbar farbige Sprache ist erschreckend geistlos, seine Rhetorik leer. Ganz wie in England erscheinen die dem Geistigen zugewandten kleinsten Kreise gelegentlich desto geistiger; es gibt keinen reineren Idealismus als den, dessen letztes Sinnbild Benedetto Croce ist. So waren die echten italienischen Humanisten — nie gab es deren viele, deren Durchschnitt hatte an Pietro Aretino sein Vorbild — besonders exquisit. Aber diese Kreise waren von jeher eine Welt für sich. Im nationalen Leben spielten sie nur insofern eine Rolle, als Fürsten sie herausstellten, um mit ihnen zu glänzen.

Dem Volkscharakter ist, in der Tat, jedes geistige Pathos im Sinn des Deutschen oder Franzosen fremd. Das hindert aber nicht, daß der Italiener im Ausnahmefall höchst Geistiges tut. Er ist eben, als geistiges Wesen, durchaus ethisch, nicht pathisch. Reinstes Ethos, fast ohne bewußtes Pathos, charakterisierte den italienischen Täter vom alten Römer bis zu Napoleon. Und die gleiche Grundanlage kennzeichnet auch den italienischen Künstler. Sogar Dante war absolut kein Erlebender im deutschen Sinn. Das italienische Ethos erhält nun seinen einzigartigen Charakter dadurch, daß es durch primitive und als solche bejahte Natur hindurchwirkt, also auf keiner Spannung zu ihr beruht, wie beim Spanier, beim Juden und Puritaner. Daher der durchgehende Naturalismus aller italienischen Kunst, selbst zu deren geistigsten Zeiten. Daher zugleich deren unerreichte Kitschigkeit, sobald kein Genie sie inspiriert. Daher das, was an der italienischen Politik so phantastisch zynisch wirkt. Kein anderes Volk hätte einen Machiavelli hervorbringen, kein zweites modernes vertragen können, daß sein jüngster Heros, Mussolini, sich übertreibend auf ihn beruft. Der Italiener ist eben auch als Politiker Naturalist. Er findet die Notwendigkeiten der Politik ebenso natürlich, wie die Mutter die Bedürfnisse ihrer kleinen Kinder. Da gibt es keine Problematik über das praktisch Zweckmäßige hinaus. Mir floß der Vergleich mit Müttern in die Feder: dieser Art naturhaft, naturgebunden, auf die Natur gerichtet ist in der Tat alle italienische Geistigkeit. Dies bedingt die einzigartige Plattheit, das ungeheuerliche terre-à-terre des Durchschnittsitalieners, wo er sich mit Geistigem befaßt. Beim großen Einzelnen indessen ergibt das gleiche eine ganz wunderbare Erdnähe des Geists. Hier liegt der Sinn der antiken Vollendung überhaupt. Hier vor allem der Schlüssel zum Geheimnis der Renaissance.

Dies führt uns denn zum moralischen Aspekt des gleichen Verhältnisses. Ist der Spanier als Typus vornehm, so ist der Italiener als Typus vulgär. Naturalismus, Rhetorismus, Machiavellismus und Komödiantentum als Grundlagen schließen, in der Tat, Vornehmheit als Nationaleigenschaft aus. Kein wesentlich vornehmes Volk hätte je daran gedacht, den Egoismus als ein Heiliges zu proklamieren. Und hier, auf moralischem Gebiet, sind auch die Ausnahmen selten. Kein bedeutender italienischer Fürst oder Herrscher, von dem ich wüßte, war Grandseigneur im Sinn moralischer Überlegenheit; dazu war er zu utilitarisch, zu schlau oder zu protzenhaft. Nur Vornehmheit im Sinn des Dekorativen ist gelegentlich echt italienisches Gewächs. So war es kein Zufall, daß ein Italiener den Cortegiano schrieb.

Das wirkliche Italien hat, wie man sieht, so gut wie nichts mit dem zu tun, was der Reisende aus dem Norden in ihm erlebt. Die Diskrepanz beginnt mit der Natur. Den Fremden beeindruckt sie als reich; sie ist aber in Wahrheit, bis auf wenige Regionen, karg und arm. Die gleiche Diskrepanz wird vollkommen auf dem Gebiet der Kunst, vom bel canto bis zu Raffael. Der Täter ist grundsätzlich nicht der Erlebende. Der Italiener singt wie der Vogel, um sich auszuleben, er malt, weil er muß, er dichtet oder mordet, weil er nicht anders kann. Wirken Ideale durch ihn hindurch, dann opfert er sich als Held. Hat er überhaupt anderes als seine Tat an sich im Sinn, dann ist es der praktischste Vorteil, den sie bringt; hier darf wohl Tizian als Prototyp gelten. Was des Italieners Tun anderen bedeutet, geht seine Seele nichts an. Dieser angeborene Naturalismus sichert der italienischen Politik, potentia wenigstens, größtdenkbare Kontinuität, denn Politik ist die Kunst des Möglichen. Doch auf geistigem Gebiet kann einzig das Genie im italienischen Körper auch nur Erhebliches leisten. Daher die fabelhafte Höhe italienischer Höhepunkte auf dem Gebiet des Geists, daher zugleich die außerordentliche Minderwertigkeit der geistigen Durchschnittsproduktion. Breiter wurde die Front bedeutsamer Italiener immer nur dann, wenn die nationale Psyche von irgendwoher einen beschleunigenden Impuls erhielt und zugleich viel ungewöhnliche Individualitäten geboren wurden.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Italien
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME