Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Italien

Neues heroisches Zeitalter

Diese Tatsache ist von solcher sinnbildlicher Bedeutung, daß ich zunächst einige weitere allgemeine Betrachtungen folgen lassen möchte. Es ist nicht so, daß die Nationen, um zunächst diese eine Seite zu beleuchten, jeweilig Torheiten begehen, dieselben dann einsehen und zum besseren Früheren zurückkehren: ein dem Früheren Entsprechendes wird vielmehr erst dadurch wieder möglich, weil Andersartiges inzwischen durchlebt ward. Der seelische Prozeß ist ein genau so physiologischer Wachstumsvorgang wie der physische. Wie das werdende Leben in Wechselwirkung mit der Umwelt Gestalt gewinnt und jede bestimmte Phase, wie immer sie sonst erscheine, den zur Zeit einzig möglichen Gleichgewichtszustand darstellt, so ist auch die Folge der historischen Zustände ein unbedingt Notwendiges, durch keinerlei Vernunftserwägung zu Änderndes, soweit eine bestimmte Folge geistiger Einflüsse gegeben ist, die stark genug sind, das seelische Gleichgewicht des Volkes zu verändern. Und Ideen sind für bewußt denkende Wesen genau so zwingende Reize, wie Chemikalien für Protisten. Hieraus erklärt sich die Einsinnigkeit des Geschichtsprozesses überall, wo geistige Entwicklung vorliegt: mit den in logischer Folge einander ablösenden Ideenkomplexen müssen sich alle Völker, die ihrem Einflüsse ausgesetzt sind, auseinandersetzen, um ihr biologisches Gleichgewicht zu behaupten. So hat sich kein europäisches Volk den Ideen der Reformation, der Französischen Revolution, der Demokratie, des Parlamentarismus entziehen können; gleiches wird mehr und mehr vom Sozialismus und Bolschewismus gelten. Aber freilich reagiert jedes Volk verschieden, je nach Anlage und Entwicklungsstufe und -rhythmus. Auf ersteres Moment brauche ich nicht einzugehen, da es sich um eine jeweilige Sonderkonstante handelt. Was nun das zweite betrifft, so müssen gleiche Einflüsse offenbar verschiedene Erscheinungen auslösen, je nach der Entwicklungsphase, in der sich ein Volk befindet. Alte Völker, die schon sehr viele Ideen assimiliert haben (Frankreich, England), sind gegen neue, die deren Nachkommen sind, insofern immun, als es ihnen gelingt, dieselben ohne pathologische Gleichgewichtsstörung in sich aufzunehmen. In ähnlich glücklicher Lage sind andererseits ganz junge (Amerika, manche der als Folge des Weltkriegs neuentstandenen Nationen), insofern die neuen Ideen überhaupt kein altes Gleichgewicht stören und ohne weiteres die entsprechende innere Antwort auslösen. Am schlimmsten daran sind solche Völker, deren Fortschritt insofern einseitig verlief, als sie in bestimmten Hinsichten an der jüngsten Entwicklung teilgenommen hatten, in anderen, künstlich zurückgehalten, wiederum gar nicht. Das seelische Gleichgewicht solcher ist ein eminent gefährdetes; wird dieses überhaupt erschüttert, so muß dies zu Katastrophen führen. Diese eine Erwägung schon erklärt das Schicksal Rußlands, Deutschlands und des alten Österreichs. Wann nun eilt ein Volk der allgemeinen Entwicklung eines Kulturkreises voraus? Wenn es ihm, dank irgendwelchen Gründen, gelingt, die innere Gleichgewichtsverschiebung, welche die Assimilierung der Geistesentwicklung fordert, im stillen dennoch vollständig und beschleunigt durchzumachen, so daß es den jüngsten Einflüssen nicht als einem Fremden, sondern als dem ihm selbstverständlich Gemäßen gegenübertritt. Aus keinem anderen Grunde war der gleichbegabte Junge in kritischen Zeiten den Alten immer überlegen; aus keinem anderen nimmt der Weise das Schicksal vorweg: da alle möglichen Konflikte sich bei ihm von Hause aus innerlich erledigen, so kann kein äußerer Zufall sein Gleichgewicht gefährden.

Aus diesen allgemeinen Erwägungen ergibt sich völlig eindeutig, wie mich bedünkt, die heutige historische Vorzugsstellung Italiens. Die Zerstörung des alten Gleichgewichtszustandes erfolgte schon zur Zeit Cavours. Seither stand es allen wirklichen Einflüssen offen, konnte es andererseits jedoch keine bestimmte Phase als Dauerzustand aus sich heraussteilen und sich alsdann auf diesen, wie auf ein Skelettgerüst, festlegen. Also wirkte der Entwicklungsimpuls ununterbrochen fort. Alle seelischen Konflikte, die in anderen Ländern in Form äußerer Auseinandersetzung abreagiert wurden, wurden hier von vornherein zu innerlichen Bildungsmotiven. Also konnte Italien zur allgemein europäischen Schicksalsstunde weder sozialistisch noch bolschewistisch werden, es konnte andererseits auch in keinerlei Reaktion verfallen, weil seine geborenen Führer über diese Phasen innerlich hinaus waren. Nun setzt das Motiv ein, daß in Italien immer nur wenige zählen und diese wenigen eine persönliche Gefolgschaft finden, wie nirgends sonst. Daß die große Masse den Massen der übrigen Länder in keiner Hinsicht voraus ist, bedeutete nichts; ausschließlich die Minoritäten zählten. So bedurfte es nur des großen Bewußtmachers dafür, wozu eigentlich alle Führernaturen physiologisch reif waren, damit der neue zeitgemäße Gleichgewichtszustand Gestalt gewann. Den äußeren Anlaß gab die vom Standpunkt Italiens reaktionäre rote Phase. Dank dieser hatten die ersten bewußten Vertreter des Neuen, nämlich die Fascisten, von vornherein gewonnenes Spiel. Nun gaben sie dem innersten Fühlen und Wissen aller Lebendigen Ausdruck, insofern sie erklärten, die moderne Entwicklung sei über Parlamentarismus, Parteiwesen, Demokratie und Sozialismus hinaus, denn unbewußt war dies tatsächlich der maßgebende Teil des italienischen Volks. So wurde das Herzogtum Benito Mussolinis möglich. Dieser ist nicht etwa der starke Mann, der die bebende Masse zwänge: so unzweifelhaft groß er sei, feine Bedeutung beruht auf seinem selbstverständlichen Repräsentantentum. Bei ihm bewahrheitet sich wieder einmal Bismarcks Wort: Der Mann ist gerade nur so groß wie die Welle, die unter ihm brandet. Der große Mussolini ist möglich, weil es Hunderte kleiner Mussolinis gibt, die ihm Gefolgschaft leisten und Hunderttausende, welche diese als Wortführer innerlich anerkennen. Die Fascisten sind wesentlich heroische Naturen. Daß sie deshalb in Italien herrschen werden, solang sie heroisch bleiben, ist gewiß. Zumal sich das typisch italienische Kontrastverhältnis zwischen Minoritäten und Majoritäten auch darin erweist, daß die italienische Masse durchaus nicht mutig ist. Das europäische Prestige der Fascisten aber rührt daher, daß überall ein neues heroisches Zeitalter dämmert, daß der demokratisch-liberale Gedanke überall seine beschleunigende Kraft verliert. So taugt Italien, trotz aller Sonderlichkeit, im selben Sinn zum allgemein-europäischen Sinnbild, wie dies Sowjetrußland (man vergleiche die diesbezüglichen Darlegungen in der Neuentstehenden Welt) für das erwachende Asien ist.

Nun ist wohl klar, warum es so wenig darauf ankommt, was der Fascismus eigentlich sei. Er ist ja gerade nichts von all dem, was sich mittels herrschender Begriffe definieren läßt: er ist kein Programm, keine abstrakte Ideologie. Was seine ganze Kraft macht, ist, daß er, gemäß dem Gesetz des historischen Kontrapunkts, den Kontrapunkt zur letzten Periode darstellt: er ist also antisentimental, antiliberal, antiquantitativ, antiabstrakt usw.; insofern ist er mit dem Bolschewismus eines Geists, der seinen negativen Gegenpol bedeutet und ebendeshalb neben dem Fascismus die einzige schon in Erscheinung getretene politische Geistesmacht ist, welche historische Zukunft hat. In beiden Fällen handelt es sich um die lebendige Überwindung der Ideologien des 18. und 19. Jahrhunderts. In beiden Fällen erfolgt Ersetzung von deren Primat durch das des lebendigen Menschen; denn nicht das heutige, gewiß vergängliche System macht den Bolschewismus als historischen Faktor, sondern der neue Mensch, den es zur Macht berief, die proletarische Herrennatur. In beiden Fällen ist der Grundzug dabei nicht reaktionär, sondern im allermodernsten Sinne fortschrittlich. Nur jetzt nicht von gleichmacherischer, sondern aristokratischer Grundeinstellung aus. Bolschewismus wie Fascismus streben mittels zeitweiliger funktioneller Klassenherrschaft einem klassenlosen Zustand zu. So handelt es sich beim Fascismus um den in Europa ersten positiven Ausdruck des neuen organischen Gleichgewichtszustandes, welcher den letzten, dessen Geistesgehalt noch aus dem 18. Jahrhundert stammt, ablösen kommt. Wozu er sich fortentwickeln wird, kann heute niemand sagen. Sicher wird er, gerade wenn er so Zeugerisches bedeutet, wie ich es glaube, als Samen einmal vergehen. Er wird Ungeahntem, Unahnbarem Platz machen, wenn nicht in Italien, dann gewiß in der übrigen Welt, soweit sie seinen Impuls rezipiert.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Italien
© 1998- Schule des Rades
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