Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Italien

Geist der Antike

Immerhin kann vorausgesagt werden, weil es sich schon heute unverkennbar zeigt, welches die prädestinierte Rolle Italiens Im Gesamtbild des künftigen Europas ist. Italien wird, wie es dies zu allen seinen großen Zeiten tat, nur in Zukunft mehr denn je, das Prinzip des antiken Heidentums verkörpern; mehr denn je, weil die nachchristliche Ära, die mit dem Weltkriege begann, in vielen Hinsichten eine historische Wiedergeburt der antiken Seele bedeutet. Deshalb allein kann ihr extremer Ausdruck, wie ihn das jüngste Italien darstellt, so überzeugend wirken. Jüngst las ich die folgenden Sätze eines jungen Fascisten:

Wir brauchen Wahrheit, Gewißheit und Licht. Wir müssen sicheren Boden unter unseren Füßen fühlen, uns müssen die Wahrheiten wie geschliffene Schwerter aus härtestem Stahle sein. Die sogenannte Geistesfreiheit hat kläglich versagt, da sie uns keine Gewißheit an Stelle der antiken Wahrheit gegeben, da sie nur Prinzipien zu erschaffen gewußt hat.

Nicht anders hätte ein antiker Römer über die liberal-demokratische Ära geurteilt. Diesem fehlte jedwede Problematik. Die Wahrheit war nur dazu da, dem Leben sicheren Grund, dem Handeln klare Richtlinien zu geben. Sie war also Verfassung und juristische Form, an beiden nur zu rühren erschien ihm ruchlos. Er war rein ethisch (im Gegensatz zu pathisch) eingestellt. Vom Geiste her beurteilt, war er terre-à-terre, wie kein Mensch vor ihm und nach ihm. Was waren doch seine Götter! Numina, d. h. ungefähr das, was wir heute Abstraktionen heißen. So konnte es natürlich kleine und kleinste, private und privateste Götter geben; ich denke an die Penaten, die Laren, ja das Göttlein strepitus. Aber andererseits war alles Wort im Römer Fleisch, die Voraussetzung des Christlichen Zwiespalts zwischen Seele und Leib negierte seine bloße Substanz. Zwar lehrte gerade das Christentum, das Wort müsse Fleisch werden, jedoch im Sinne dessen, daß transzendenter Geist sich irdisch verkörpern muß. Für den Römer gab es keine Transzendenz. Er war rein diesseitig. Doch er war deshalb mitnichten oberflächlich. Es war niemandem weniger ähnlich als dem heutigen Materialisten. Er war einfach Heide im Unterschied vom Christen. Er war nicht irreligiös, seine Religiosität war nur besonderer Art; Vergleichbares ist heute nur mehr in Japan zu finden, wo der Patriotismus ebenso Tiefes bedeutet, wie beim Deutschen Gotteserleben. Der antike Heide war der ganz tiefe, vollständig und vollkommen ungebrochen im Diesseits verkörperte Mensch. Dies ergab ein Minimum geistigen Erlebens, jedoch ein Maximum geistgeborenen Tuns.

Heide in diesem Sinn nun ist der Italiener geblieben. Gewiß ist er nicht mehr antik. Seine lebendige Beziehung zum klassischen Altertum gibt folgender Passus aus Prezzolinis Culture italienne (die auch sonst viel Anregung bietet), sehr vollständig wieder:

Die klassische Kultur hat sich restlos in neuen Formen verkörpert, gleichwie die Züge des Vaters in denen des Sohns. Man versteht kein Lateinisch mehr, jedoch man redet italienisch; es gibt keine großen Rechtsgelehrten mehr, aber der juristische Geist ist allverbreitet. Es dominieren bei uns die Kultur der Familie, ein solider Eigentumssinn, das Bedürfnis nach Klarheit, Präzision, einer gewissen Architektonik in den Ideen — alles dieses ist antik. Antiker Abstammung ist noch die majestätische Eleganz, mit der eine Bäuerin sich in ihr Tuch hüllt oder der Mann des Volks in seinen Mantel, der die Toga fortsetzt.

Richtig antik ist also der Italiener freilich nicht mehr. Aber ganz gewiß ist er noch heute Heide. Religiosität im deutschen oder französischen Sinne kennt er nicht. Franz von Assisi war seelisch Franzose. Religiöse Problematik versteht der Italiener nicht einmal, deshalb gab es in seinem Lande nie echte Religionskriege. Er versteht wohl, daß die Religion politischen Zwecken diene, nicht aber daß Politik einen religiösen Inhalt haben könne. So ist in Italien auch alles Protestantisieren im Sinn des Willens, eine persönliche Beziehung zum Göttlichen zu finden, national undenkbar. Wer selbständig dachte, war in Italien von jeher Freigeist oder Skeptiker. So spielen dort die Katholiken als solche im Geistesleben kaum eine Rolle. Gleiches gilt auch von der Kirche. Es war vom italienischen Standpunkt keine Anomalie, daß der wiedergeborene Staat außerhalb des katholischen Gesetzes lebte: ähnlich war es in der römischen Kaiserzeit des öfteren. Der Katholizismus in vom italienischen Standpunkt eine rein politische Institution, nicht anders wie die heidnische Religion es immer war. Entwickelt der Katholizismus in Deutschland zur Zeit eine gewaltige Kulturoffensive, so macht Rom an sich nicht mit. Es läßt sie gewähren, denn für Deutsche ist dergleichen gut. Aber gleichwie an der Speiche eines Rades eine Bewegung von einem Millimeter genügt, um der Bewegung von Metern im großen Kreise zu entsprechen, so vollzieht Rom immer rechtzeitig die politisch notwendige Wendung. Daß diese rein heidnische Institution, diese eigenste Schöpfung des realistischen Italienergeistes, außerhalb Italiens mit tiefstem religiösen Inhalt gefüllt werden kann, und daß sie diesen aushält, ist nur ein Beweis dessen, wie tief das antike Heidentum ist. Als politisches Wesen kann der Heide, und er allein, seine religiöse Tiefe bekunden.

Heute ist nun ein neues Zeitalter angebrochen, das nicht mehr religiös im Sinn des Christentums ist; inwiefern, lese man in den drei Schlußkapiteln meiner Wiedergeburt nach. Der Bedeutungsakzent ist vom Pathos zurück aufs Ethos gerückt. Dies führt zur reinen Veroberflächlichung oder zum Satanismus, wo die Bejahung des Diesseits Negation jedes Jenseits bedingt. Für den Heiden gibt es diese Scheidung nicht, denn er hat überhaupt keine theoretische Weltanschauung. Er glaubt weder an die Materie noch an den Geist, schon gar nicht an Programme: er ist einfach. So verdichtet sich in ihm alles Wirkliche im Persönlichen. Der große Mensch erschien im Höchstfall unmittelbar als Gott, unter allen Umständen als übermenschlicher Heros, denn er vertrat persönlich immer zugleich seinen ganzen Hintergrund. Daher der Cäsarenkult. Aber eben daher auch die römische Idee des Papsttums. Und eben daher die Stellung Mussolinis. Damit gelangen wir denn dazu, den Fascismus vom Bolschewismus, mit dem wir ihn zunächst auf eine Linie stellten, schroff abzugrenzen. Der Bolschewismus ist antimetaphysisch, denn der Russe ist der polar zerrissene Mensch: hie Tier, hie Gott. Zur Zeit entschied er sich für das Tier. Daher sein Kollektivismus. Das Tier hat nur eine Gruppenseele, denn der Einzelmensch hat sich erst spät aus der Gruppe herausdifferenziert. Hypostasiert der Bolschewismus heute den kollektiven Menschen, hofft er Persönlichkeit dereinst gar durch einen Apparat zu ersetzen1, so ist dies der absonderliche Erfolg der Synthese von vorindividuellem Urgefühl mit mechanistischem Denken. Der antike Heide nun verkörperte das vollkommenst denkbare psychophysische Gleichgewicht nicht allein, sondern zugleich das vollkommenste Gleichgewicht innerhalb der Seele. Auch er war nicht Individualist. In antiken Tagen ging der Staat allem vor. Allein der Staat war nie eine Horde und nie ein Mechanismus, sondern ein Organismus, in welchem jeder Einzelne freiwillig zum besten der res publica lebte. Und als dann die Stunde möglicher Geburt der modernen Individualität schlug, da mußte sie zuerst in Italien, dem einzigen Land, in dem der politische Geist der Antike noch fortlebt, geboren werden, weil dort das Gleichgewicht zwischen allen Elementen des Lebens selbstverständlich war.

So führt denn der gleiche Zeitgeist, der in Rußland den Kollektivmenschen zur Herrschaft berief, in Italien zu einem neuen Organismus. Wohl sollen alle berechtigten Massenideale, soweit als möglich, erfüllt werden. Insofern verleugnet der Fascismus seine sozialistische Wiege nicht; ja was er an Ideologien besitzt, entspricht am meisten dem Geiste Sorels, dem Begründer des Syndikalismus. Aber die vom Sozialismus gewollte Gemeinschaft soll eben aus Individuen bestehen. Begreifen wir nun, woher dem Fascismus, trotz seiner vielen und großen Fehler, trotz seiner Barbarei, die große Werbekraft kommt? Nur in Form einer teilweisen Wiedergeburt des antiken Zustands, ja nur von dieser her ist das Zeitideal im Guten zu realisieren. Die neuentstehende Welt wird dann allein nicht flach werden oder satanisch, wenn sie durch ihre Abkehr vom Christentum nicht den Zwiespalt fortsetzt, sondern eine neue antikische Einheit im Menschen aus sich gebiert. Unter allen Umständen liegen die Dinge so und nicht anders in Europa. Die primitive Urform des neuen Ideals bietet das neue Italien. Es bietet die primitive Urform, erstens, weil der neue antikische Herrenmensch dort in Form des Chauffeurs in die Erscheinung tritt; sodann, weil der Italiener an sich primitiv ist. Aber eben deshalb gibt er das beste Sinnbild ab dafür, was allen Massen des Westens nottut. Der äußerlich verstandene Imperialismus der Fascisten ist freilich eine Lächerlichkeit; moderne Napoleone können nur mehr als innerpolitische Größen Bedeutung im Guten haben. Und unter keinen Umständen wird sich irgendein Volk von den heutigen Italienern für die Dauer erobern und beherrschen lassen, denn ein Herrenvolk wie die alten Römer sind sie nicht. Durch Bedrückung ist ferner niemand mehr zu gewinnen — solche steigert nur mehr das Selbstbewußtsein der Bedrückten. Nicht als Erlediger des Liberalismus an sich, sondern als dessen Fortsetzer, wie das noch so verschieden geartete Kind den Vater fortsetzt, hat der Fascismus Zukunft. Aber wenn die Italiener von Rom her in Form des Katholizismus noch heute einen großen Teil der Welt beherrschen, so kann das Sinnbild der Wiedergeburt der Antike in modernem Fleisch dem modernen Italien allerdings ein gewaltiges neues Prestige schaffen. Möchte es nur verstehen, worin seine wahre Aufgabe liegt. Möchte es mehr an römische Haltung denken, wie an römische Expansion. Möchte es seinen Hang zur Nüchternheit über den zum Theater siegen lassen. Möchte es, endlich, seinen Machiavellismus (im weitesten Verstand) überwinden und die altrömische Vornehmheit in sich wiedergebären. Es ist eine große Sache, daß in der heutigen Welt eine Wiedergeburt der großen antiken Seele überhaupt möglich ist. Es ist eine große Ehre für ein modernes Volk, wenn es als Körper dazu auch nur in einigen Hinsichten geeignet scheint. Als Mensch verkörpert der moderne Spanier mit seiner gravitas und wesentlichen Vornehmheit am meisten antikes Römertum. An außenpolitischer Befähigung hat Frankreich am meisten von diesem geerbt. Von Natur aus steht der heutige Italiener mit seiner Kunstbegabung und Geschmeidigkeit unter alten Völkern den Etruskern am nächsten. Aber mit dem Fascismus allein tritt Römerartiges als neues Motiv zuerst und bewußt ins moderne Leben. Möchte sich Italien der Möglichkeiten, die diese Situation ergibt, gewachsen und würdig erweisen.

1Der Historiker Sowjetrußlands Pokrowsky erklärte, als er den proletarischen Massen die Bedeutung Lenins für die revolutionäre Entwicklung der Menschheit schildern wollte, die kommunistische Auffassung des Phänomens Lenin, nach Fülöp-Miller, buchstäblich folgendermaßen:
Wir Marxisten sehen in der Persönlichkeit nicht den Schöpfer der Geschichte, denn für uns ist sie nur der Apparat, durch den die Geschichte wirkt. Vielleicht kommt einmal eine Zeit, da man diese Apparate künstlich herstellen wird, so wie wir heute unsere elektrischen Akkumulatoren bauen. Bisher aber sind wir noch nicht so weit, vorläufig werden diese Apparate, durch welche die Geschichte wirkt, diese Akkumulatoren des gesellschaftlichen Prozesses, noch elementar gezeugt und geboren.
Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Italien
© 1998- Schule des Rades
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