Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Ungarn

Unverbrauchtheit

Doch nun endlich zum Spezialprobleme dieses Landes. Dieses habe ich bisher vor allem als Sinnbild behandelt, und ich gab schon zu verstehen, daß die Wirklichkeit dem Ideal nur in bedingtem Grade entspricht. Und hier muß ich sogar, nach dem Vorhergegangenen, mehr abdämpfen, als mir persönlich lieb ist, damit der Leser das Grundsätzliche nicht unwillkürlich auf den Sonderzustand übertrage. Das feudale Ungarn stellt in der modernen Welt, bei allen seinen absoluten Vorzügen, natürlich auch ein Zurückgebliebenes dar, und vieles wird sehr anders werden müssen, ehe Ungarn das werden kann, was in ihm liegt. Repräsentative Stellung bedingt, wo das Volk bestimmte Typen als repräsentativ nicht anerkennt oder wo ihr Repräsentantentum dem Zeitgeist nicht mehr entspricht, unter allen Umständen, selbst im Fall des größten persönlichen und Gruppen-Wertes, physiologische Rückbildung; sei es im Sinn der Verknöcherung, des nicht-mehr-Verstehens dessen, was um sie her vorgeht, oder der Entartung. Dies hat sich am tragischsten beim baltischen Adel erwiesen, insofern dieser noch das Land zu vertreten glaubte, wo er es nicht mehr vertrat — das Land im historischen Sinn ist nie die Scholle, sondern das auf ihr vorherrschende Menschentum — insofern er bis zu seinem Sturz für geschichtlich tote Ideale weiterkämpfte und sich nicht fähig erwies, die neuen Zeitaufgaben rechtzeitig zu erkennen. In Ungarn liegen die Verhältnisse ganz anders, weil der ungarische Adel das Land tatsächlich repräsentiert, die Gesamtbevölkerung aristokratisch gesinnt ist, eine kastenmäßige Abschließung nie stattfand und überdies der politische Instinkt so groß ist, daß für den Adel als ganzen verhängnisvolle Fehler im großen in der Umsturzzeit nicht vorgekommen sind. Aber die alten Aristokraten als solche sind in der neuen Welt nicht mehr die geborenen Führer. Deshalb hat ihr Repräsentieren im großen und ganzen nicht mehr das Pathos letzter Verantwortung; entsprechend nimmt das rein Spielerische in ihrer inneren Verfassung zu. Und die Sonderart der Herrenstellung der ungarischen Aristokraten, die dem Allgemeinzustande des 17. Jahrhunderts zuletzt ganz gemäß war, hat ihre Seelen entsprechend primitiv erhalten. Genau so wie Sklaverei dem Sklavenhalter mehr noch schadet als dem Sklaven, hemmt die bloße Möglichkeit, einen Diener unter Umständen schlagen zu können, die Entwicklung zu der Überlegenheit, die den Grandseigneur auch ohne Privilegien als Höchsttypus erscheinen läßt. Die Seelen ungarischer Magnaten sind, bei ihrer großen Verstandesbegabung und ihrem prachtvollen Temperament, in diesem Sinne überraschend primitiv. Und diese Primitivität, nicht nur die verlorene letzte Verantwortlichkeit, erklärt das Extreme ihres Spielertums. Dieses geht dort gelegentlich heute noch beinahe so weit, wie in Indien im Zeitalter des Mahabharatam, wo Fürsten ihre Frauen verspielten. Ebendaher die häufige Phantastik ihrer Politik — zur Phantastik führt Phantasie immer nur den, dessen geistgeborene Einbildungskraft noch nicht so weit ist, sich der Wirklichkeit organisch einzugliedern. Für beides gibt Mihály Károlyi das extreme Beispiel. Er spielte als Politiker va banque, auf ganz unwahrscheinliche Möglichkeiten hin. Und dies tat er hauptsächlich einer Frau zulieb. Die Sonderart des ungarischen Legitimismus ist ihrerseits irrealen Geists. Vorzeitlichen und insofern verjährten Geistes sind die Magyaren auch in ihrem fortlebenden Duellantentum, das an die Bretteur-Zeit Rußlands gemahnt, sowie in dem, daß sie mehr Parlamentarier als Politiker sind: das Debattieren kann allein dort als Selbstzweck gelten, wo eine Ordnung ein für alle Male fest- und wo dabei nichts Wesentliches in Frage steht. Daher die merkwürdige bisherige Armut dieser hochbegabten Nation an entsprechend bedeutenden Persönlichkeiten: solche entwickeln sich nicht; Unwesentliches gilt in Ungarn so sehr als wesentlich, daß das ursprünglich Schöpferische entweder verborgen bleibt oder verschüttet wird und keinesfalls seiner besten Eigenart gemäß zur bestimmenden Macht wird.

Trotz allen diesen Mißständen war es, noch einmal, berechtigt, daß ich gerade anläßlich Ungarns meine Betrachtung über den absoluten Wert des seigneurialen Typus anstellte. Denn wie immer es heute sei: dieser Typus kann in diesem durchaus vornehmen Volk auf evolutivem Wege neu und zeitgemäß werden. Hier bedeutet das Zurückgebliebensein im großen und ganzen nicht Erledigtheit, sondern historische Jugend. Die Ungarn sind ein noch unverbrauchtes Volk. Bisher haben sie wahrscheinlich nur gerade ihr frühes Mittelalter hinter sich. Herrschte das bürgerliche Zeitalter nun weiter, dann blieben sie vermutlich noch lange im Hintertreffen. Nun aber ist es um. In allen Kreisen, nicht zuletzt denen des Proletariats, lebt die Sehnsucht nach einem neuen adligen Ideal. Darum besteht die Möglichkeit, daß die Magyaren, auf anderem Wege, wie die Italiener und die Russen, einige Etappen überspringen und so auf einmal höher hinaufgelangen als sie jemals standen. Hierfür spricht nicht zuletzt ihre geopolitische Lage. Sie sind all ihren Nachbarvölkern überlegen. Sie sind ebenso urwüchsig und nicht minder schlau als irgendeins von diesen. Und dabei tragen sie eine noch ältere parlamentarische, also modern-politische Erfahrung in ihrem Blute als die Briten. Sie sind ein politisch reifes Volk; dies ist ja auf allen Stufen möglich, sonst hätte es nicht schon vor der Moderne politisch reife Völker gegeben. So ist denn nichts verständlicher, als daß die magyarische Nation es einstimmig als Unbill empfindet, wenn sie zur Zeit unter die Unterdrückten geraten ist; sie kann gar nicht anders empfinden, als wie die englische unter ähnlichen äußeren Verhältnissen täte. Ich behandelte hier im ganzen nur den Hochadel. Aber was von diesem gilt, gilt grundsätzlich von allen echten Magyaren. In allen Kreisen herrscht der gleiche Geist, das gleiche Ideal; deshalb allein wird ja der Hochadel gelten gelassen. So befindet sich Ungarn, innenpolitisch betrachtet, in einem ähnlichen Zustand wie England etwa zur Zeit Robert Peels; und das ist nur vom Standpunkt der Rückblickenden ein Nachteil: von dem der Vorausschauenden bedeutet es einfach Unverbrauchtheit. Also müssen die Magyaren wieder hochkommen. Und sie tun es auch schon mit Riesenschritten. Außenpolitisch kann es gewiß nur langsam vorwärts gehen. Das Volk ist klein, durch furchtbare Zwangsverträge gefesselt. Aber wie geht es im Inneren voran! Während der letzten Jahre kam ich öfters nach Budapest: jedesmal strömte mir eine kräftigere, vitalere Luft entgegen.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Ungarn
© 1998- Schule des Rades
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