Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Die Niederlande

Häßlichkeit

Um gleich ganz klarzumachen, was ich meine, erinnere ich, zunächst an Volendam, jenes seltsame Fischerdorf, das da lebt von Fremdenindustrie. Dort werden die Trachten aus der Zeit der großen Maler weitergetragen, nur daß sie mit letzter Raffiniertheit darauf angelegt sind, nicht das Gefällige, sondern das Häßliche zu akzentuieren. Möglichst große Füße, möglichst breite Hüften, möglichst schmale Schultern, möglichst kleine Köpfe. Dazu kommen noch, dank einer beispiellos konsequent betriebenen Inzucht, raffiniert groteske Gesichter. Das Ergebnis nun ist nicht etwa ein unästhetisches, sondern, im Gegenteil, ein höchst ästhetisches Gesamtbild. Hier sieht man gleiche Schönheit als Leben dargestellt, die einem als Kunst bei den niederländischen Meistern entgegentritt. Denn auch diese bevorzugten überall das Häßliche. Sogar der mit allen Schönheiten des Auslands vertraute Rubens tat dies offenbar; sonst hätte er wenigstens manchmal weniger scheußliche Frauenleiber gemalt, als sie seine Bilder regelmäßig zieren.

Das Bedeutsame ist nun, daß kein Niederländer, von dem ich wüßte, je bis zum Gegenideal der beauté du diable vordrang. Die niederländische Kultur ist recht eigentlich eine Kultur der häßlichen Norm. Und das ist wohl verständlich, gerade insofern die Niederländer ein Kulturvolk sind. Kultur auf Grund des Natürlich-Schönen setzt dessen mögliches Normalsein voraus. Kein Volk verträgt als repräsentative Darstellung, was ihm seine eigene Minderwertigkeit zum Bewußtsein bringt, so wie der Wähler höchst ungern für einen Parlamentskandidaten stimmt, den er sich überlegen fühlt. Daher der Naturalismus des häßlichen 19. Jahrhunderts. Daher die Verherrlichung des Chaotischen seitens der Russen. Die Erfahrung an letzterem Volk zumal hat mir ganz klargemacht, um ein wie objektiv Wirkliches es sich bei Schönheit handelt: mit vollendet sicherem Instinkt zerstörten die Bauern während der Revolution an erster Stelle das Schönste; dessen Anblick ertrugen sie nicht. Doch ist Rußland aus Häßlichkeit kulturfeindlich, so haben die Niederlande auf der Basis ursprünglicher Häßlichkeit eine hohe Kultur erschaffen. Insofern stellen sie eine Stätte größeren Triumphs des Geists dar als Griechenland. Sintemalen dort das Häßliche am natürlichsten scheint, haben die Künstler im Sinne des Natürlich-Häßlichen gesteigert und stilisiert. So sind sie zu geistiger Schönheit gelangt. Was immer an der Kunst der Niederländer wirklich schön ist, von den Werken des Teniers, Brueghel, Höllenbrueghel bis zu Rembrandts Altersbildern, beruht auf Kultur der Häßlichkeit. Daß viele einzelne Niederländer gut aussehen, zumal bei geringer Zumischung von Malayenblut, ändert nichts am Problem: etwas Sonderliches stellt diese Kultur nur als solche der Häßlichkeit dar.

Und der Satz, daß die Naturbasis des niederländischen Menschentumes häßlich ist, gilt auf der ganzen Linie. Das psychische Äquivalent der äußeren Unschönheit ist eine Art Brutalität, die, weil sie sich zur preußischen nicht unähnlich verhält wie eine Tenierssche Kirmesse zu einer Exerzierstunde im alten Potsdam, deshalb nicht minder auffällt. Noch heute ist die holländische Hafenbevölkerung eine der wüstesten der Welt. Holländischen Huren nahte sich selbst Satan nicht ohne Umsicht. Nie werde ich’s vergessen, wie ein mastodontischer Kolonialer aus Java einen Neger, weil er für Straußenfedern zu viel verlangt hatte, in Aden einfach vom Schiff ins Wasser warf, wobei der Arme sich, am Fallreep aufschlagend, fast das Genick brach, und dabei schmunzelnd meinte, dies sei die richtige Art, mit Farbigen umzugehen. Untereinander trauen sich nichtgebildete Bewohner der Niederlande weniger als andere Menschen über den Weg. Noch immer gilt da der altenglische Vers:

In matters of commerce the way of the Dutch
Is giving too little and asking too much.

Wenn in Holland Untergebene noch selbstverständlich geduzt werden, wenn die Anrede Mevrouw nur Angehörigen des Adels und des höheren Bürgertums zukommt (alle anderen werden Juffrouw, Fräulein, angeredet, und empfinden es als Hohn, wenn man mevrouw zu ihnen sagt), so beweist dies in einem demokratisierten und hochzivilisierten Lande ganz unzweideutig ursprüngliche Natur-Roheit. Ganz im gleichen Sinne sind mir unter höchstgebildeten Holländern Ausbrüche von Flegelhaftigkeit begegnet, die unter vergleichbaren Vertretern anderer Völker undenkbar wären und mich vollkommen desorientiert hätten, wäre mir nicht klar gewesen, daß es sich beim holländisch Häßlichen eben um die Naturgrundlage handelt, für welche Gott allein die ganze Verantwortung trägt. Wie steht es denn mit der Sprache? Der Deutsche, der sie nur oberflächlich kennt, kann nicht umhin zu denken, daß sie irgendeinmal in Herrengesellschaft gegen drei Uhr morgens erfunden worden sei. Ihre Grundanlage ist tölpelhaft. Wie tief dieses Tölpelhafte wurzelt, sieht man auch an der besonderen Art, wie Holländer falsch deutsch reden oder schreiben. Auch beim Häßlichen handelt es sich eben um ein objektiv Wirkliches, wie denn schon kleinste Kinder intuitiv erfassen, welche Worte unpassend sind, und diese mit Vorliebe verwenden. — Aber mittels dieses ungefügen Natur-Materials haben die Niederländer, noch einmal, eine hohe Kultur erschaffen. Wie viele ihrer Bewohner von ihr unberührt bleiben mögen: sie besteht. Und darauf kommt es an.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Die Niederlande
© 1998- Schule des Rades
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