Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Die Niederlande

Belgien

Wenden wir uns nunmehr Belgien zu. Die holländisch-belgische Gegensätzlichkeit spiegelt die deutsch-französische im Rahmen einer Familie im Miniaturformate wider: daher ihre Schärfe. Deshalb mußten sich die nordöstlichen und süd-westlichen Niederlande noch in letzter historischer Stunde endgültig voneinander scheiden. In der belgischen, und zwar gerade auch der vlämischen Natur dominiert das französische Element. Wer das nicht merkt, vergißt, daß Pantagruel und nicht Voltaire französischer Urtyp ist und daß die fränkische Einwanderung und Zumischung die Galloromanen nicht zu Deutschen, sondern eben zu Franzosen machte. Ich wüßte in der Tat nicht einen Unterschied zwischen belgischem und holländischem Wesen, der nicht en miniature den zwischen französischem und deutschem widerspiegelte. Ist der schlechte Holländertypus brutal, so ist der schlechte belgische grausam, nachtragend, rachsüchtig, schikanös. Schwelgten die belgischen Maler in ihrer großen Zeit wie keine anderen in der Schilderung von Foltern in der Hölle und auf Erden, so weigerte sich in Belgien allein zehn Jahre nach Weltkriegsende der größte Teil des Volks, die Patrioten, die nicht so dachten wie die siegreiche Mehrheit, zu amnestieren. Ist der Holländer reserviert, cossu, so ist der Belgier lärmend, scheinfreudig, farbenprächtig. Die ganze Herrlichkeit des Kolorits der vlämischen Kunst ist erst in Unterscheidung von der holländischen ganz zu würdigen. Auch die belgische Kultur ist wesentlich eine der Häßlichkeit — aber erhebt Holland feierlich die Not zur Tugend, so ästhetisiert Belgien lachend das Ungefüge zur Groteske. Wie sehr die lachende Roheit des Volksvergnügens, wie die vlämische Kunst sie offenbart, noch heute lebt, erlebte ich jüngst in einem belgischen Hotel. Ich zog mir eine sehr unangenehme Muschelvergiftung zu. Anstatt im Interesse des Geschäftes zu erschrecken, war das gesamte Personal entzückt von der bonne farce und jubelte: von zehn Gästen erkranken regelmäßig acht auf ähnliche Art. Von Belgien aus mußte ich in der Tat immer wieder an das Belgien des Ostens, meine baltische Heimat denken, wie sie in meinen Jugendtagen war. Wie ein junger Edelmann an der spanischen Seuche dahinsiechte, geriet ein alter Kurländer außer sich: Was seid ihr für ein Geschlecht — zu meiner Zeit fragte man, wenn einer erkrankte: was fehlt ihm außer dem Franzosen? Mir selbst begegnete in meiner Studentenzeit das Folgende. Wir zechten in einem Kruge auf dem Lande schwer. Darauf schlief ich ein. Ich erwachte an seltsam schaukelnder Bewegung und Choralgesang. Die Augen öffnend gewahrte ich, daß meine Kommilitonen mich auf meinem Bett zu einem lodernden Scheiterhaufen trugen, auf dem schon ein Teil des Gasthausmobiliars brannte. Ohne daß die anderen es merkten, schwankte ich aus dem Bett heraus, das nun tatsächlich, unter fortdauerndem Choralgesang verbrannt wurde … Solche bonne farce wäre sicher auch belgischen Studenten nach dem Herzen gewesen; zu Jordaens Zeiten jedenfalls hätte keiner an ihr ein Sonderliches gesehen; wie denn die wahre Geschichte der niederländischen Freiheitskriege gegen Spanien, zu Anfang wenigstens, nichts anderes war als eine Fronde baltenähnlicher Baronie. — Ja, Belgien ist wirklich wesentlich französisch, von Holland aus gesehen. Und nichts beweist die politische Unbegabung der Deutschen schlagender, als daß sie auf die Abstraktion des germanischen Rassegedankens hin dem überrannten Land germanische politische Orientierung aufzwingen wollten. Schon das dem Blute nach kern-germanische Holland wäre wie ein Mann aufgestanden, hätte ihm Deutschland Ähnliches zugemutet. Für die Niederlande ist eben wesentlich, daß sie germano-romanisches Grenzland sind, und folglich von sonderlicher Seele.

Hieraus ergeben sich denn wichtige Erkenntnisse für die germano-romanische Grenzscheide überhaupt und, allgemeiner, das Wesen und die Grenzen des nationalen Gedankens. Elsaß-Lothringen ist sprachlich zum größeren Teile deutsch — aber das Französische ist so stark mitbeteiligt an seiner Seele, daß ein Lothringisches Reich allein noch heute, wie vor tausend Jahren, eine endgültige Lösung bedeuten würde. Zu dem kommt es nun wohl nicht mehr. Aber wird ein deutsch-französischer Krieg einmal wirklich unmöglich, weil als Idee verjährt, — und bald sind wir so weit —, dann wird der regionalistische Gedanke zusammen mit dem der Kulturautonomie, so oder anders, den Sinn eben jenes Reiches wieder erstehen lassen. Was für Belgien, was für Luxemburg gilt, gilt genau so für Elsaß-Lothringen. — Und nun die Rheinlande. Als die Franzosen auf Grund des rheinischen Separatismus Politik zu machen suchten, irrten sie sich, wie ihnen so oft geschieht, um über ein Jahrhundert. Vor 1815, wo Preußen sie übernahm, wäre es nicht unmöglich gewesen, auch aus dessen nördlichen Teil ein ähnlich Besonderes zu machen wie aus Belgien. Dies wäre dann gewiß im selben Sinne immer deutscher geworden, kulturell, wie Belgien immer französischer wird, aber es hätte doch zu einem lebendigen Sonderorganismus erwachsen können. Denn der Nord-Rheinländer war nicht nur zur Zeit der niederrheinischen Kunst dem Vlamen und Burgunder verwandter als dem östlichen und südlichen Deutschen, er ist es heute noch. Er ist für einen Deutschen ungeistig. Sein Materialismus einerseits, sein Karnevalsgeist andererseits ist dem belgischen ähnlich. Aber da auch dieser Rheinländer eben doch wesentlich Deutscher ist, so ergibt das, was sich beim Belgier so oder anders positiv auswirkt, im Gesamtbild Minderwertigkeit. Es fehlt die Kraft sichtbarer Formung. Ist die belgische Gartenlandschaft schön, so ist die um Köln herum meist kitschig. Nicht ohne Sinn, so scheint es, gehen Kölner Hauptbahnhof und Dom nahezu ineinander über: diesem fehlt es an Atmosphäre. Der kölnische Nationalgeist ist der reinste Schiebergeist, den ich in Europa traf. Nur wo das Rheinland des 18. und früherer Jahrhunderte irgendwie noch fortlebt, gibt es da noch Kultur. Sonst wirkt dieser gesegnete Landstrich, und zwar desto mehr, weil die Erinnerungen schöner und großer Tage noch stehen, kulturloser als Ostpreußen. Der niederrheinische Charakter wird dann erst eine rein positive Form gewinnen oder vielmehr wiedergewinnen, wenn er nur deutsch geworden ist.

Aber aus dem Rheinland hätte allerdings, noch bis vor hundert Jahren, ein besonderer Staat werden können. Da sieht man denn, um ein wie Zufälliges, von irgendeinem einseitigen Gesichtspunkt aus beurteilt, es sich nicht nur bei politischen, sondern auch bei nationalen Gebilden handelt. Weder die Rasse entscheidet noch auch die Kultur. Das beste über das, was wahrhaft Nationen bildet, hat meines Wissens immer noch Renan gesagt:

Une nation est une âme, un principe spirituel. Deux choses, qui, à vrai dire, n’en font qu’une, constituent cette âme: l’une est la possession en commun d’un riche legs de souvenirs; l’autre est le consentement actuel, le désir de vivre ensemble, la volonté de continuer à faire valoir l’héritage qu’on a reçu indivis.

Diese Bestimmung erklärt nicht allein alle Vergangenheit, sie weist zugleich den Weg zu immer neuen Völkerschöpfungen die kommenden Jahrtausende entlang. Auf Grund des ungeheuren Erlebnisses des Weltkrieges entstehen zweifelsohne neue Nationen. Zum Teil sind es die, die die Verträge noch so künstlich schufen. Zum Teil sind es sehr unbeabsichtigte: Groß-Deutschland wird seine Wiege einmal im Versailler Vertrage anerkennen. Nur die unerhörte innere und äußere Isolierung, die es von 1914 bis … erlebte, konnte dieses einerseits mehr pathische als ethische, andererseits a-nationale Volk zur starken Volkseinheit zusammenschweißen. Nicht viel anders steht es mit dem neuen Rußland, dem neuen Italien. Nein, noch vieles kann sehr anders werden, und dazu noch viele, viele Mal. Kein Volksgebilde stellt eine definitive Größe dar. Zwar glaube ich nicht, daß in der neuentstehenden Welt kleine Völker an sich besonders bedeutsam sein werden. Auf dem mitteleuropäischen Kontinent gibt es tatsächlich nur zwei große Kulturformen, die deutsche und die französische; was die anderssprachigen kleinen Völker darum herum hervorbringen, wird immer mehr Dialektabwandlung bedeuten. War Belgien einmal nicht nur ein selbständiges, sondern ein bestimmendes Kulturzentrum, so geht es in den modernen weiteren Verhältnissen zwangsläufig immer mehr im französischen Kulturkreis auf. Aber als Dialekt-Abwandlungen sind die kleinen Völker desto bedeutsamer. Sie allein können das erhalten, was nur im Rahmen des Regionalismus und Partikularismus lebensfähig ist.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Die Niederlande
© 1998- Schule des Rades
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