Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Portugal

Stolz

Mit einer gefundenen Kausalerklärung ist nie Wesentliches erreicht, weil a priori gewiß ist, daß der Satz vom zureichenden Grunde überall gilt. Demgemäß steht es mit allen Lebendigen schlecht, dessen Dasein mit einer Überwertung dieses Satzes steht und fällt; und selten schmunzelte ich vergnügter, als da ich las, daß nachdem Einstein in sozialdemokratischem Milieu die Gültigkeit der Kausalgesetze relativiert hatte, ein Genosse aufbrauste: Ja, Herr Professor, was soll denn aus der Marxistischen Lehre werden, wenn die Kausalität erschüttert wird1? — Immerhin kann eine kausale Erwägung das Verständnis des letztlich Disparaten im portugiesischen Charakter erleichtern, wenn sie auch hier nichts wirklich erklärt, denn dieses Disparate bestand schon lange vorher, nur weniger als heute als Generalnenner wirksam. Seit 1668 — dem Ende der kurzen Union von Spanien und Portugal — wollte letzteres vom ersteren nichts mehr wissen. Nun ist es aber, wie es sich auch stelle, ein integrierender Bestandteil der iberischen Halbinsel, nicht nur geographisch, sondern vor allem seelisch; es gehört an erster Stelle zu ihr, und dann erst zu Europa. Dies fällt jedem verstehenden Beobachter als erstes auf: Portugal verhält sich nicht so zu Spanien, wie etwa Norwegen zu Schweden, oder Holland zu Deutschland, von wesensverschiedeneren Nachbarländern in Europa zu schweigen — so fanatisch seine Bewohner auf ihrer Einzigkeit und zumal ihrer Unterschiedlichkeit von Spanien bestehen. Der Portugiese ist ein peninsularer Mensch unter anderen, wie die Basken, Catalanen, Aragonesen auch. Daß Portugal schon im Frühmittelalter politische Selbständigkeit errang, innerhalb der ungefähren Grenzen seines heutigen Zustandes, änderte nichts an seinem bejahten Hispaniertum: diese war nur der Extremausdruck des alles Hispaniertum charakterisierenden Regionalismus und Partikularismus. Wohl mag die Lusitanität, worauf portugiesische Historiker so großen Wert legen, eine uralte Bluts- und Kultur-Monade bedeuten, aber gleiches kann von beinahe jeder Region Hispaniens behauptet werden, und die Rasse spielt hier keinesfalls die entscheidende Rolle, da auch in Portugal von alters her in größtem Maßstabe Blutmischungen stattgefunden haben. 1668 nun trennte sich Portugal nicht allein endgültig von Spanien ab, es sagte sich von ihm los. Damit nun tat es einen tiefen, nie wieder geheilten Schnitt durch seine Wurzelsubstanz; hier hat Salvador de Madariaga (man lese das Portugal-Kapitel seines Spanien) seinen portugiesischen Kritikern gegenüber unbedingt recht. Politisch mußte es sich nunmehr England unterordnen. Damit hat sich der echt hispanische Stolz des Portugiesen niemals abgefunden. Seither erscheint er wesentlich bitter jedesmal, wo er sich seiner politischen Stellung bewußt wird, und sucht seine Unbefriedigtheit durch große Gesten überzukompensieren. Daß der Portugiese allgemein nicht für stolz, sondern nur für maßlos eitel gilt, rührt hauptsächlich von dieser schiefen Situation her. 1799 sagte John Offley, ein in Portugal ansässiger Weinhändler, zu Farington: Die Portugiesen sind in einem lächerlichen Grade stolz. Sie sehen sich selbst als die Beschützer Englands an, das ihrer Meinung nach eine bloße Insel ist, in keiner Weise mit einer Kontinentalmacht zu vergleichen2. Mir gegenüber meinte ein im übrigen einsichtiger portugiesischer Professor, es sei hohe Zeit, das Portugiesische überall als Weltsprache zu lehren. Wer in sich Tiefsten abschneidet oder verdrängt, verliert sein Gleichgewicht und lebt im jähen Wechsel letztlich ohnmächtiger Extreme aus, was sich sonst als machtvolle Einheit auswirken würde.

Obige Erwägung erklärt viele der heutigen Erscheinungsformen des portugiesischen Disparate. Aber wie keiner je durch äußeren Choc verrückt wird, der dazu nicht die Anlage hatte, so bestand das portugiesische Disparate grundsätzlich von jeher, seitdem die Nation sich als solche konsolidiert hatte. Und dessen Sinn gehört zum Interessantesten und Bedeutsamsten, was mir auf dem Gebiet der Völkergeneration und -filiation überhaupt begegnet ist. Mit Portugal hat sich aus dem Hispaniertum sein richtiges Gegenstück herausdifferenziert. Und damit der äußerste Gegensatz zu seinem Integral, als welches Castilien verkörpert.

1Vgl. das Novemberheft 1930 der Zeitschrift für Ingenieure, Berlin.
2Dieses Zitat, wie ferner manche Einsicht in den portugiesischen Charakter, verdanke ich einem Manuskript des besten nichtportugiesischen Portugalkenners, Aubrey F. G. Bell, welches dieser mir freundlichst zur Verfügung stellte.
Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Portugal
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME