Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Portugal

Volksmusik

Mich dünkt, das Geschriebene genügt, um die Originalität der portugiesischen Linie im Spektrum Europas deutlich zu machen. Ich kenne überhaupt kein ähnliches Volk. Der einzige Vergleich, der mir einfiel, war der mit den Griechen, den alten sowohl als den neuen. Aber auch von ihm mußte ich bei genauerer Überlegung absehen, denn die Hellenen waren nie explosiv, und der Akzent lag und liegt bei ihnen im Intellektuellen und nicht, wie bei den Portugiesen, im Emotionellen.

Was kann nun Portugal in Zukunft im europäischen Zusammenhang bedeuten? Ein politisch bedeutsames Volk kann es kaum wieder werden, es sei denn, es schließe sich einmal mit Spanien zu einer iberischen Föderation zusammen, in welchem Falle seine größere Differenziertheit ihm sofort ein bedeutsames Wirken in großem Zusammenhang ermöglichen würde; bis dahin müssen alle Hoffnungen auf Größe auf die Tochternation, die Brasilianer übertragen werden, was die einsichtigsten unter den Portugiesen, ob sie es wahrhaben wollen oder nicht, auch alle tun. — Bei der Zerrissenheit und Komplikation und deshalb Problematik der Portugiesenseele läge es nahe, die moderne Bedeutungsmöglichkeit in der Problematik als solcher zu suchen, wo man sie in den verwandten Fällen Deutschlands und Norwegens tatsächlich findet. Aber Bedeutung in der Problematik ist nur in sich gekehrten, wesentlich erlebenden Menschen erreichbar, welchen geistige Lösung organische Lösung bedeutet. Von den Portugiesen aber gilt zweierlei: sie sind erstens die extremsten aller Romanen darin, daß sie ihre Lösung und Erlösung nur in der herausgestellten Form, im äußeren Ausdruck finden können; hier ähneln sie tatsächlich von allen lebenden Völkern am meisten den alten Griechen — den Vorbildnern dessen, was man heute romanisch heißt: wie diese sich zur geschlossenen Schönheit zwecks Bändigung des Chaos in sich bekannten, so flieht der Portugiese in die objektivierte Form aus der Uferlosigkeit seiner saudade. So sehr fürchtet er Überwältigung durch diese, daß er sich lieber zu plattestem Positivismus und oberflächlichstem Formalismus bekennt, als sich der Unlösbarkeit eines Problems geistig bewußt zu werden. Dann aber bedeutet den Portugiesen geistige Problematik nichts; letztlich entscheidet überall persönliches Gefühl. Nie ist mir oberflächlicheres und unwesentlicheres Denken begegnet, wie seitens portugiesischer Kritiker philosophischer Gedankengänge: handelte es sich da nicht um ignorantia invincibilis, ich würde unmittelbar auf mala fides schließen. Mangelnder Sinn für geistige Problematik allein erklärt auch den scheinbar unwiderstehlichen Hang der Portugiesen zu äußerlichem Historismus und Philologismus, ihre Neigung, dort mit formaler Logik zu operieren, wo Wesensschau allein in Frage kommt, und ausgerechnet dort die Geschichte anzurufen, wo jede capitolinische Gans sich lächerlich vorkäme, falls sie es täte. Gleiches erklärt ihren archivarartigen historischen Sinn, gleiches sogar zum Teil den Naturalismus ihrer größten Kunst. Naturalistische Kunst, so bedeutend sie sei, ist nämlich jeder inspirationsgeborenen gegenüber wesentlich minderwertig.

Doch ich beeile mich hinzuzufügen: bei diesen Gebrechen handelt es sich in den meisten Fällen nicht um ursprüngliche Äußerlichkeit oder Flachheit, sondern um gefürchtete Tiefe. Auch das Gefühl versteht. Und wo Gefühl so reich und differenziert ist, wie bei ihnen, bedeutet Oberflächlichkeit in dubio unbewußt Gewolltes oder Kompensation. Man bedenke, daß für das Gefühl Verletzt- oder Nicht-Verletztsein letzte Instanz ist… Unter diesen psychologischen Umständen kann offenbar nur objektivierende Kunst dem Leben Lösung und Befreiung bringen. Und das tut sie in Portugal wirklich: dort lebt heute Europas lebendigste, national bedeutsamste und dabei klassischste Volksmusik. Und es hat tiefe symptomatische Bedeutung, daß dort gerade nur die Volksmusik groß ist: nur bei ursprünglichen einfachen Menschen wirken die behandelten psychologischen Schwierigkeiten nicht hemmend und verbildend, weil sie dort allein keine Bestandteile des Bewußtseins bilden.

Es gehört zu den bedeutsamsten Begebenheiten meines Lebens, daß ich mit dieser Volksmusik bekannt ward. Und immer werde ich’s dem Maestro Francisco de Lacerda, dem edlen Musiker und unermüdlichen Sammler und Neubeleber des musikalischen Nationalschatzes seines Landes danken, daß er mir dies Erlebnis vermittelt hat. Zunächst einiges Tatsächliche, das ich dem handschriftlichen Text eines Vortrags Lacerdas in Sevilla entnehme.

Das portugiesische Volkslied kennzeichnet an erster Stelle seine Einfachheit, die Sobrietät (ein richtiges deutsches Wort gibt es nicht für diesen fundamentalen Begriff) seiner Linienführung und Ornamentik. Sie hält sich fast durchaus an ein Schema; selten verbilden Chromatismus oder überflüssiger Schmuck die einfache, strenge und eigenwillige Linie. Die wesentlich symmetrische Melodie fügt sich in klarer Ordnung einer engen Quadratur von 8 oder 16 Takten ein und einem vokalen Ambitus, der sehr selten die Oktave überschreitet. Mit Ausnahme gewisser bailes de soda (entsprechend den französischen rondes), der chulas und der viras ist die Bewegung des portugiesischen Volksliedes in der Regel langsam, streng und ernst. Das portugiesische Volk hat nicht in genügendem Grade den Geschmack und Sinn für Harmonisation; seine ganze wunderbare Erfindungskraft konzentriert sich auf die Melodie, den Rhythmus und vor allem die Worte, d. h. die poetische Form und den oft tiefen Sinn der Trovas. Die Zahl dieser Trovas ist nahezu unglaubwürdig. Ein einziger der bisher gesammelten Cancioneiros Portuguezes enthält über zehntausend Trovas und Cantigas, und der Reichtum, die Mannigfaltigkeit und Vielfalt dieser Volkslyrik ist ganz außerordentlich1.

Dies alles ist buchstäblich so. Woher aber die besondere werbende Kraft gerade dieser Volksmusik? Sie kommt daher, daß sich in ihr die unselige Seele dieses Volks tatsächlich erlöst. Es handelt sich um den einen klassischen Fall der Befreiung durch Projektion (im psychoanalytischen Sinn), von dem ich unter lebenden Völkern weiß. Jede spezifische Erlösung durch Objektivation ist nun aber menschheitsvorbildlich; klassische Einfachheit befreit und beglückt jedermann: so kann diese Volksmusik nicht umhin, jedem Verstehenden in äquivalentem Sinne einzuleuchten, wie griechische Kunst. Dem inhaltlich äußerst konzentrierten, in der Form extrem prägnanten Wortlaut der portugiesischen Vierzeiler weiß ich gar nichts Europäisches zur Seite zu stellen: einzig die klassische japanische Lyrik bietet Ähnliches — und auch die Japaner sind von Hause aus ein kompliziertes, zähes und explosives Volk. So führt hier die Kompression in der Kunst zur seelischen Integration. Und ebenso erlöst die immer typusgerechte, große, weit ausholende, ausladende und strenge Linie der Melodie von der Wirrnis und Verschränkung der eigenen Seele.

Das ist ganz große Volkskunst. Das ist gleichzeitig klassische Kunst. Und sie erhält besondere europäische Bedeutung dadurch, daß sie den Geist einer Kultur verkörpert, die sonst nur in einem, gerade erst wiedererwachenden Volke nicht verstorben ist und zum Bedeutendsten gehörte, was Europa überhaupt hervorgebracht: der provenzalischen. Es ist schwer festzustellen, wieviel provenzalische Einflüsse in Portugal wirksam gewesen sind: sicher ist, daß der Sinn der spezifisch portugiesischen Kultur eines Sinnes ist mit dem der Provence, weshalb sich, wo direkte Einflüsse fehlten, ganz natürlich Konvergenzerscheinungen ergaben. Daß es sich hierum handelt, beweist unzweideutig die Liederkunst der Catalanen — sie sind das zweite Volk, auf das ich hinwies —, die aus dem alten Provenzalentum hervorgegangen sind, welche Kunst bei aller Unterschiedlichkeit — die Catalanen sind herber, intellektueller, dynamischer, französischer — mit der portugiesischen offenbar einer Gattung angehört. Was charakterisierte nun den Eigengeist der Provence? Exklusiver Schönheitskult unter Ablehnung aller Metaphysik; ihre Kultur war ausschließlicher noch eine der Sinnlichkeit (aller fünf Sinne), als die des klassischen Hellas. Eben deshalb ging aller Anstoß zur Zivilisierung der nordischen Erben des Römerreichs von der Provence aus — nur extremer Formkult konnte diese Widerspenstigen zähmen.

So gewinnt Portugals mangelnder Sinn für geistige Problematik zuguterletzt einen positiven Aspekt. Portugal ist freilich nicht die alte Provence. Aber viel von deren bestem Geiste lebt heute im ganzen Portugiesenvolk lebendig fort, wenn auch in neuer Spezifizierung, die dank der saudade schon Portugals alte Kunst der modernen Romantik eigentümlich ähnlich sehen läßt. Und das ist für Europa ein kostbarer Besitz. Möchten nun die Portugiesen recht bald ihre moderne Bedeutungsmöglichkeit in diesem ihrem Besten und Einzigartigen erkennen. Bisher leben sie, wie kein zweites mir bekanntes Volk, aus Wahnvorstellungen oder Wunschbildern heraus. Sie identifizieren sich als Volk mit großen Einzelnen ihrer Geschichte, die schon bei Lebzeiten wahrscheinlich Ausnahmeerscheinungen waren und zur Berufung auf welche jedenfalls kein heutiger Portugiese ein Recht hat. Sie geben nicht zu, daß die Tatsache, daß sie noch heute ein großes Kolonialreich besitzen, reiner Zufall ist: hätte England kein Interesse an seinem Fortbestehen, es wäre längst aufgeteilt; kein heutiger Portugiese könnte ein Kolonialreich schaffen, und nur wer seinen Besitz persönlich erwerben könnte, hat ein inneres Recht auf ihn. Möchten die Portugiesen sich ein für alle Male eingestehen, daß sie wesentlich, nicht zufällig ein kleines Volk sind. Kein modernes Beispiel zeigt klarer, als dasjenige Portugals, daß äußere Größe oder Kleinheit bei einem Volk nichts Zufälliges sind. Das bekannte Witzwort, nach dem drei Engländer zusammen schon das britische Weltreich konstituieren, spricht wahr. Die unaufteilbare Weite Rußlands entspricht der Großzügigkeit der Russen, Deutschlands Scheitern als Weltvolk seiner Bürgerlichkeit. So hat andererseits das spanische Weltreich nie wesentlich aufgehört zu existieren, weil der Spanier zu den großen und weiten Menschenarten gehört. Das innerlich weite und große Brasilien ist, demgegenüber, wesentlich nicht mehr Portugal. So ist erste Vorbedingung neuer Bedeutsamkeit Portugals, daß es sich so sehe, wie es wirklich ist. Daß es alle Ansprüche aufgäbe, die ihm nicht entsprechen. Dann aber den Nachdruck auf sein wirklich Bedeutsames legt.

1Wer eine wirklich gute Auswahl lesen will, dem empfehle ich die von Agostinho de Campos herausgegebenen und eingeleiteten Mil Trovas (Librarias Aillaud e Bertrand, 73 rua Garret, Lisboa). In die Geschichte führt gut ein M. Rodrigues Lapa’s Das origens da poesia lirica en Portugal na Idade-Media (Seara Nova, Lisboa). — Wen dieses Kapitel dazu bewegen sollte, sich näher mit diesem merkwürdigen Lande zu befassen, der lese die klassische Historia de Portugal von Oliveira Martins (Parceria Antonio Maria Pereira, Rua Auguste 44, Lisboa). In weiterem Rahmen behandelt Portugal die jetzt auch englisch erhältliche Geschichte der iberischen Zivilisation des gleichen Autors (A history of Iberian Civilization, Oxford, University Press) und das besonders vorzügliche Kapitel des vorzüglichen neuen Standardwerkes über Spanien von Salvador de Madariaga (deutsch bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart erschienen). — Wer nun die wundervolle portugiesische Volksmusik studieren will, die außerhalb des Landes noch gar nicht zugänglich ist, und doch verdient, allen Menschen zugänglich zu werden, der täte zunächst am besten, direkt zu Maestro Francisco de Lacerda, Châlet Utilia, Estorie, Portugal, in Beziehung zu treten. Sehr wichtig wäre, daß ihn jemand bei der Herausgabe seines Cancioneiro unterstützte.
Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Portugal
© 1998- Schule des Rades
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