Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Schweden

Toleranz

Wie ich kaum vom Vortragspult im festlich geschmückten Saal des Stockholmer Grand-Hotels, den die erste Gesellschaft Schwedens, Hof, Regierung, Geburts- und Geistesadel füllte, abgetreten war, vernahm ich Lautenklänge. Als ich mich umwandte, sang schon ein Bänkelsänger ein lustig Lied. Ein deutscher Freund brauste auf: wir sollten fortgehen; das sei unerhört nach so tiefernstem Vortrag. Ich erwiderte, wir kennten die Landessitten nicht; mißfielen sie uns, so hätten wir nicht kommen dürfen. Hast du den Speisezettel gesehen? Ich ließ ihn mir reichen. Und siehe, da stand in Druckschrift zu lesen: Vortrag Keyserling, Bänkelsänger X., Souper, Tanz. Nun, sagte ich, ich war eben der Fisch. Jetzt kommen andere Speisen. — Beim Souper fügte ich mich dann selbst in den mir neuen Rahmen ein. Ganz furchtbar ernste Reden waren auf mich gehalten, vielmehr bedächtig von Maschinenschrift-Vorlagen abgelesen worden. Da schlug ich eine andere Tonart an, indem ich zunächst die Schlußszene von Platons Gastmahl evozierte, wo Sokrates und Aristophanes als letzte unter den Zechern den Morgen wach erwarten, darüber debattierend, ob nicht der wahre Tragödiendichter auch die besten Komödien zu schreiben fähig sei; dann aber verallgemeinernd ausführte, die Tragödie verlange überall, als unmittelbare Folge, das Satyrspiel. Dafür sei nunmehr die Stunde gekommen. Damit war aller Bann gebrochen. Auf jenen ersten Abend folgten immer bessere. Der Geist Gösta Berlings stieg mitunter leibhaftig zu uns herab. Ich entsinne mich phantastischer Szenen in einem alten Kellerlokal, wo, als wir bei Wachskerzenbeleuchtung zur Begleitung Bellmannscher Balladen zechten, ein Gast einmal, zerschlagenem Geschirre folgend, vom Obergeschoß köpflings über die Stiege vor unsere Füße stürzte; ich weiß nicht mehr, ob lebend oder tot, Notiz nahm keiner von ihm. — Und dann wiederum gedenke ich einer Nachtfahrt im carrière bei klingenden Glocken nach einem Schloß den Berg hinan: schier eine Meile hatte der Graf, um uns zu ehren, die Schneebahn mit brennenden Teerfackeln umstellt; wir jagten wie in ein Sternbild hinein. In dieses Land, dieses Leben fand ich mich leicht hinein. Denn ich erkannte bald, daß es ein Geist ist, der das Gebiet von Schweden über Estland bis nach Ingermanland mit Petersburg umfängt. Der hat nichts mit Germanentum zu tun: es ist ein besonderer nordischer Geist, nur wenig verschieden in der Erscheinung, ob er einen nord-russischen, einen baltisch-deutschen oder schwedischen Körper trägt. Die Schweden besitzen, trotz ihrer Langsamkeit, in festlichen Stunden eben das, was die Russen Duch heißen, jenen selben Schwung, der den Balten so radikal vom Deutschen unterscheidet; sie sind absolut nicht bürgerlich-philisterhaft. Im ganzen sind sie indolent und leichtsinnig; schilt man sie unzuverlässig, so rührt der Eindruck daher, daß niemand solcher Gesinnung bei schweren blonden Menschen gewärtig ist. Und dann schätzen wohl auch viele, die sie mißverstehen, den Intellektualitätsmangel der Schweden nicht hoch genug ein. Sie sind direkt gegen den Sinn. In anderem Verstände, aber doch ähnlich, wie in Wien, könnte der Kluge und Vorausschauende auch dort als fade gelten. Nicht Gustav Adolf ist dementsprechend Nationalheld, sondern Karl XII., der Mann ohne jedes ernst zu nehmende Ziel, der nichts richtig plante, dessen Leben ein einziges Podrett war1. Und die Schweden sind nicht nur unintellektuell, sie sind gewiß, als Masse, das geistig unbegabteste Kulturvolk Europas. Daß sie so viele gute Schauspieler hervorbringen, widerspricht dem nicht, es hängt damit vielmehr zusammen. Denn Schauspieler sind Medien; nur im äußersten Falle dürfen sie eigene Gedanken haben.

Auf tiefverstehende Deutsche wirken die Schweden oft direkt unheimlich: die Ursache dazu liegt im Vorhergesagten. Und vollends verständlich wird der Sachverhalt, wenn man bedenkt, daß in Schweden 16. und 20. Jahrhundert zusammenbestehen. Gewiß ist Schweden, von seinen Einrichtungen und dem reibungslosen Zusammenleben seiner Bewohner her beurteilt, eins von Europas zivilisiertesten Ländern. Aber andererseits ist das Leben daselbst gegenüber dem unkomplizierten Zustande unserer — auch meiner — nordischen Vorfahren der Reformationszeit kaum verändert. Besonders an den Frauen fällt dies auf. Sind sie hochgezüchtet, so wirken sie wie Walküren. Sie sind gesund, stark, schön, seelisch sowohl als körperlich. Jedoch so unwahrscheinlich unkompliziert, welche Einfalt sich dank ihrer Unbefangenheit wie nackend gibt, daß ich mir immer wieder sagte: so müßte es im Paradies gewesen sein, wenn Adam und Eva Gesellschaft gehabt hätten. Geistige Nuancen kennen Schwedinnen selbstverständlich nicht. Doch auch auf seelischem Gebiet, auf dem sie gut begabt sind, fehlt jede romantisch bedingte Komplikation. Es geht im allgemeinen so harmlos zu wie unter Tieren; was eben nicht Unmoral bedeutet. Zwar soll es innerhalb niederen Bürgertums passieren, daß ein Mädel einem einmalig Gesehenen durchs Telephon zuruft: Ich sehne mich nach dir und damit das letzte meint, was dann auch sofort geschehen muß; sowie daß zu einem Ausgangstag mit einem nicht notwendig intim Bekannten ganz selbstverständlich, als Dessert, das gleiche gehört. Aber auch dieses Treiben wirkt dann wesentlich unschuldig; ganz anders wie in der übrigen Welt. Was aber die höheren Stände betrifft, so herrscht dort ganz sicher weniger Demoralisation als im Nachkriegseuropa. Nicht zwar aus tenue, doch aus der Sicherheit der Naturnähe heraus. Frauen sind ja immer irgendwie unheimlich sicher und klar in dem, was sie von Natur aus tun. Wie ich einer feinsinnigen und hochgezüchteten Österreicherin einmal von einem Mädel sagte, dieses würde sich, falls ein Mann solches wünschte, ohne weiteres vor ihm ausziehen, erwiderte sie ohne nachzudenken: gewiß, wenn sie das Gefühl hat, daß er es ernst meint. So tun die meisten Frauen als Mütter die allmächtigen, so lügen sie oder sprechen sie die Wahrheit, so geben sie sich hin oder versagen sie sich, je nachdem es die instinktiv erfaßte Lage verlangt. Ehen deshalb können die gleichen, die sich vor zwanzig Jahren schämten, wenn nur ihr Schienbein sichtbar war, heute erröten, weil sie zu viel anhaben. Das eine und das andere bedeutet in der Tat dasselbe in verschiedener Situation. Doch sind Frauen so hochgezüchtet und unkompliziert zugleich, wie die Schwedinnen, dann ergibt dies ein beinahe urtümlich unheimliches Bild. Schwedinnen sind so gesund, daß sie Erkrankung eines Mannes als lächerlich empfinden. Sie sind oft phantastisch stark; ohne weiteres könnte ein Schwedin unter Umständen so handeln wie Brünnhild gegenüber Günther, nachher im Quinten-Singsang der landesüblichen Stimme den Vorgang als selbstverständlich erklärend. Ich meine das, was die Nibelungensage also faßt:

Da nahm sie einen Nagel
Und hing ihn an die Wand.

Es gibt schwerlich irgend etwas, was Schwedinnen nicht selbstverständlich fänden. So ungebrochen waren sogar die Frauen Boccaccio nicht. Ich weiß nicht, ob sie die Liebe, die unser Mittelalter schuf und der die Romantik die letzte Feile gab, schon gehabt haben; ich möchte daran zweifeln. Dagegen darf man ja nicht zimperlich sein, wenn man Schwedens Schlösser besucht: die practical jokes, die einen dort nachts seitens der Damen erwarten, sind zwar paradiesisch unschuldig, jedoch andererseits urburschenhaft.

Doch hier gilt es schnell den möglichen Eindruck, als seien die Schweden wüst, wie die Russen und die Balten, zu korrigieren. Das sind sie doch wesentlich nicht. Sie fanden bloß ihre endgültige Form in wüster Zeit und sind so unwahrscheinlich gesund, daß es in ihr noch heute weitergeht. Das Wesentliche des Schweden ist vielmehr naturhafte Gutartigkeit, sehr oft durch seltene Seelenschönheit verklärt. Immer wieder erscheint mir Schweden, wenn ich daran zurückdenke, im Sinnbild des Lichten; weit mehr noch wie das alte Griechenland. Die freie weite Landschaft, die unvermischten leuchtenden Farben der Trachten, das offene Lachen, nicht zuletzt die ganze herrliche Liedkultur — nirgends, außer vielleicht in der Südsee, ist das Leben so wesentlich melodisch, nirgends wird so viel gesungen, gehört das Lied so notwendig ins Leben hinein —, sie schaffen das Grundbild. Und was in Schweden gelten soll, muß sich ihm harmonisch einfügen. Das Leben soll gut und schön sein. Dies führt denn, beim vollendeten Mangel an Sinn für geistige Nuancen, ohne weiteres zu dem, was der Deutsche so gar nicht versteht. Mein Erlebnis beim Vortrag erklärt sich sehr einfach daraus, daß alles in Schweden, wenn nicht allein, so doch an erster Stelle instinkthaft darnach beurteilt wird, ob es überhaupt gefällt, d. h. die Stimmung erhöht. Unter diesen Umständen kann wirklich das Seltsamste nebeneinander bestehen, ohne daß dies für das Gefühl einen Widerstreit ergäbe, genau wie bei einem Diner. Wenn ich nicht irre, entspricht das Adjektiv, das der Schwede üblicherweise verwendet, wo etwas positive Empfindung in ihm weckt, handele es sich um guten Wein, eine Bachsche Fuge, die Erlösung dank Christi Tod oder eine Orgie, dem deutschen hübsch. Freilich bedingt dies eine gewisse Unsicherheit in der Beurteilung geistiger Werte. Es wird aber andererseits auch die unpersönlichste Sache an erster Stelle menschlich gewertet, und das ist schön; es ermöglicht eine ganz wunderbare, wirklich von Herzen kommende Toleranz. Der Psychoanalytiker Poul Bjerre gelangte zur Überzeugung, daß Gottes zehn Gebote verfehlt seien, und stellte ihnen seine eigenen besseren entgegen. Er tat dies des öfteren von Kirchenkanzeln aus. Erzbischof Söderblom schüttelt freilich das Haupt, doch lächelt er dabei, und es fällt ihm nicht ein, zu protestieren. Eben dies macht den Verkehr in den geistigen Zielen dienenden Versammlungen Schwedens so sehr erfreulich. In Stockholm existiert eine Vereinigung — der Name ist mir entfallen —, die jeden Monat tagt und in der alle Kreise Zusammentreffen, um ersten Geistern zu lauschen. So wohnten einem überaus schwierigen Vortrag von Svante Arrhenius über die Relativitätstheorie außer den Geistesgrößen Vertreter der Hofgesellschaft, der Polizeipräfekt, das Stadthaupt, die Chefs der Feuerwehr, der Handelskammer, Husarenoffiziere usw. bei. Die meisten verstanden sicher nichts. Aber nach dem Vortrag erhob sich der Sekretär und erfüllte seine Pflicht, in witziger Rede den Vortrag zu persiflieren. Da konnte alle Welt mit. Und selten hörte ich je so herzliches erlöstes Lachen. Der Gesamteindruck war einfach herrlich: insofern die Akzentlage beim Geistigen auf das Menschliche gelegt wird, kam jenes tatsächlich allen nahe. Ja unter Geistigen selbst ist dies der eine Weg, einander auszuhalten. Deshalb war das Symposion der typische Rahmen für altgriechisches Philosophieren. Ebendeshalb trachte ich in Darmstadt immer mehr, einen ähnlichen Stil heranzubilden. Damit bedeutende Menschen, ohne daß ihr Selbständigkeitsgefühl verletzt würde und ohne daß ihre sachlichen Gegensätze Schwierigkeiten schüfen, unbefangen Zusammenleben, damit andere mit Gewinn an ihrem Zusammenspiele teilnehmen können, muß eine besondere, vom Standpunkt der vorhandenen Gegensätze neutrale Ebene geschaffen werden, auf der sich das sonst Trennende irrealisiert und es jedem einzelnen möglich wird, zu sich selbst ironisch zu stehen, ohne sich etwas zu vergeben. — Nun, aus dem gleichen Grund der grundsätzlichen Akzentlegung auf das Nur-Menschliche, können in Schweden überhaupt bedeutende Einzelne gedeihen. Sie gedeihen ja dort besonders gut, was der Behauptung der Ungeistigkeit der Nation zu widersprechen scheint. Das tut es nicht: es wird einfach bedeutendenfalls das Geistige an sich zuletzt beachtet. Die große Einfachheit, Einfalt und Menschenfreundlichkeit des Volks läßt auch den Exzentriker, der das Genie ist, gewähren. Schafft er Erfreuliches — z. B. indem er dem Lande Ehre einbringt —, so ehrt es ihn gar. Doch nicht, weil es ihn verstände, sondern weil es aufs Verstehen fast gar nicht ankommt. Das Nicht-Verstehen wirkt dann seinerseits produktiv. Endlich gibt ein ähnlicher Umstand dem begabten Einzelnen in Schweden einen besonderen Ansporn, der den außerordentlichen Deutschen besonders groß werden läßt: die Gegensätzlichkeit zu den anderen wirkt sich schöpferisch aus.

In dieser Akzentlegung auf das Menschliche berührt sich Schweden übrigens mit England, das trotz seines starren Ideals der Norm der Exzentriker, wenn er nur taktvoll ist und gegen die letzten unverrückbaren Grenzen der Konvention nicht verstößt, mehr gewähren läßt, als andere Länder tun. Überhaupt springt die Rassenverwandtschaft zwischen Schweden und Engländern in die Augen. Auch die Engländer sind unintellektuell. Auch ihre Hauptvorzüge sind menschlicher Natur. Auch sie lassen in erster Linie jeden als Menschen gelten. Deshalb ja können sie andere beherrschen. Deshalb gesteht man ihnen allein Kasten- und Rassenhochmut zu. Auch die Engländer sind in erster Linie seelisch begabt. Das gilt auch von den Schweden, nur daß deren Seelen primitiver und einfältiger sind. Wären sie psychologisch nicht begabt, sie schrieben nicht, nächst den Briten, die besten Kriminalromane.

1Podrett — ein ursprünglich russisches Wort — hieß unter Dorpater Studenten eine sinnlos wüste Fahrt auf Landschenken.
Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Schweden
© 1998- Schule des Rades
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