Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

England

Menschenrecht

Doch mit der Bestimmung der Engländer als tierartiger Geschöpfe ist natürlich nicht alles gesagt. Selbstverständlich ist ihr Anspruch, eine höhere Rasse zu sein, nicht nur gegenüber anderen Europäern, sondern auch gegenüber Chinesen und Indem lächerlich. Sie sind ihnen nur als politische Tiere überlegen, und es ist sehr die Frage, ob die aristotelische Bestimmung nicht gerade insofern zutrifft, daß das politische Können noch der Tierstufe angehört. Aber die Briten haben auch sonst große Vorzüge. Sind sie intellektuell minderwertig, so sind sie psychologisch desto begabter. Ihre Fähigkeit der Menschenbehandlung ist außerordentlich. Und diese setzt voraus, daß sie mehr denn tierische, und abgesehen von den intellektuellen, hervorragende rein-menschliche Eigenschaften besitzen müssen. Der Engländer hat in der Tat wie kein zweiter Europäer, und dies wohl gerade dank seiner Unintellektualität, ein unmittelbares Verhältnis zum Menschen im Menschen. Es ist der Mensch, den er in erster und letzter Instanz im Menschen sieht und versteht. Das tut er auch im Fall von praktisch Bedrückten. Nie tut er so, als ob sie keine Menschen wären, immer gesteht er ihnen ihre Eigenart als Menschenrecht zu; nie erweckt er das Gefühl, als gelte ihm das Sachliche mehr als das Persönliche. Dies ist denn der Grund, warum er auch seitens der Bedrückten immer geachtet wird. Denn daß ein Mensch einen anderen niederringt und daraus persönlichen Vorteil zieht, findet jeder natürlich; was er niemals verzeiht, ist einzig und allein, daß sein Sosein als solches negiert wird. In dieser Hinsicht nun ist der Engländer der allermenschlichste Mensch. Jedem gesteht er seine sämtlichen Vorurteile zu. Alle Gebräuche werden erlaubt, solange sie als fairly harmless gelten können (die Grenze liegt in Indien bei der Witwenverbrennung). Diese Achtung sitzt so tief, daß sie in jeder Redewendung zum Ausdruck kommt. Nie wird, außer direkten Untergebenen, befohlen, dies und das zu tun. Es heißt: may we suggest to you that you may perhaps wish to do such and such a thing? Unter allen Umständen bleibt die Form gewahrt, daß jedes Einzelnen Wille letztlich entscheidet. Nie wird eine so scharfe Wendung gebraucht, daß eine Behauptung Gegenbewegungen auslösen könnte. Ist etwas über das Wetter zu bemerken, so sagt der Betreffende wohl: I think I may say without fear of contradiction — at least, it seems to me so and I should not wish for anything to hurt anybody’s feelings — that the weather of today may perhaps be safely called not really bad, that would perhaps be saying too much, but somewhat less satisfactory than the weather of yesterday. Don’t you think so too? Wo nein geantwortet werden müßte, wird wenn irgend möglich ganz geschwiegen, Unangenehmes grundsätzlich nicht berührt, und wenn doch, dann in desto verbindlicherer Form. In diesem Verhalten liegt nun auf alle Fälle, vom praktischen Standpunkt beurteilt, absolute Weisheit. Denn hier erscheint jeder Mensch tierisch primitiv. Nur unangenehme Eindrücke trägt er wirklich nach. Was er erst als Geschehnis rekonstruieren muß, nimmt nur der Ausnahme-Mensch dem anderen übel. So galt aller Haß in Rußland nach 1905 den Gutsbesitzern, die bei den Strafexpeditionen gesehen wurden. So kann man jeden zu allem möglichen bewegen, wenn man ihm nur die Möglichkeit läßt, sich für das Geforderte rein persönlich zu entscheiden — und bestehe diese Freiheit auch in nichts Besserem als darin, angesichts der höflich vorgestellten Alternative, zwischen der Börse und dem Leben zu wählen, sich für letzteres zu entscheiden. Nicht anders beherrschen kluge Frauen von je die Männerwelt. Auf diese Art nun, mit dem freien Willen der anderen an erster Stelle zu rechnen, nie auch nur daran zu denken, deren Willen zu brechen, beruht die ganze Möglichkeit des englischen Imperiums. Es gibt nur zwei Arten des Beherrschern: Gewalt und Autorität. Gewalt frommt nie für die Dauer; hier ist die materielle Macht die erste und letzte Instanz, und der Herrschende ist immer in der Minorität. Doch nicht nur jeder erfahrene Menschenbeherrscher, auch jeder einigermaßen fähige Tierbändiger operierte von jeher, nachdem er einmal auf gewaltsamem Wege gesiegt, grundsätzlich nicht mit Gewalt, sondern mit Verständnis und Achtung und der sich daraus ergebenden Autorität. Dauernde Macht hatte immer der allein, der zwar über alle Möglichkeiten des Zwangs verfügte, doch solchen nur im Extremfall ausübte und auszuüben brauchte; denn nur er verfügte über die Naturkraft des freien Willens der Beherrschten. Wahrscheinlich verdankt England diese Einstellung übrigens der Tradition, die seine größte Frau, Königin Elisabeth, in die Welt setzte: sie zuerst erhob die Inkonsequenz und Passivität zum schöpferischen Prinzip, und ihr Erfolg machte Schule für alle Folgezeit. — Daß nicht nur die englische Politik, sondern auch die englische Kindererziehung auf die skizzierte Weise vorgeht, ist allbekannt.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
England
© 1998- Schule des Rades
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