Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Das Baltikum

Neue Einheit

Welche Zukunft ist dem Baltikum zu prophezeien? Zweifelsohne eine sehr bedeutsame. Wie so oft, wird sich auch hier Zurückgebliebensein als Vorzugsstellung erweisen. Deutschland steigt neuerdings recht eigentlich wegen des Dreißigjährigen Kriegs, der es zurückwarf, unaufhaltsam hoch: dank dem hat es noch begabungsschwangere Mittel- und Unterschichten, hat seine Bildungspyramide eine so breite Basis; heute steht ja fest, daß Demokratie die Unterschichten an Begabung sterilisiert und begabte Erblinien frühzeitig aussterben läßt: gegen Wohlleben muß man ebenso immunisiert werden wie gegen Blattern, und bei allzu schnellem Aufstieg bleiben die Vorbedingungen solcher Immunisierung unerfüllt. Im Baltikum nun sind wertvollste nordische Menschen bis vor wenigen Jahren ganz erdverhaftet geblieben. Der ganze Schwindel vom einzig wertvollen Germanentum ist heute ja wissenschaftlich erledigt: es ist der nordische Mensch, ob rein, ob mit ostbaltischem Blut vermischt, auf den es ankommt, und diesem Typus gehören auch die Esten und Letten an. Aber die deutsche Herrenschicht war gleichfalls auf ihrer Ebene zurückgeblieben; und insofern sie ein abgeschlossenes Sonderdasein führte, insofern sie in einem vormodernen Zustand verweilte, ist auch sie unverbraucht. Wie aller Einfluß von oben nach unten geht, so machen die Esten und Letten jetzt zunächst unsere Fehler nach. Wir begingen den Fehler, das Deutschtum als politische Idee aufzufassen, was es unter den gegebenen Verhältnissen nicht sein konnte. Im gleichen Sinne sehen die Esten und Letten jetzt ihre Ziele im Esten- und Lettentum; ihr Nationalismus ist nicht sinnvoller als der unsere. So werden die verschiedenen Stämme, die das Baltikum bewohnen, denn wohl eine Weile in interner Fehde miteinander leben. Aber die eigentliche Geschichte meines Heimatlandes kommt ja erst. Was bisher auf seinem Boden vorging, war nichts anderes, wie was überall nach ersten Eroberungen geschah. Die eigentliche Geschichte des Ostens Westeuropas hat ungefähr um tausend Jahre später begonnen als die seines Westens. Dies wiederum entspricht der Nachbarschaft mit Rußland, dessen eigentliche Geschichte vielleicht noch gar nicht begonnen hat; dessen zaristische Zeit wird möglicherweise einmal mit der vorminoischen Periode gegenüber dem klassischen Hellas verglichen werden. Hier denn müssen wir wieder an Belgien denken, jenes genaue Pendant, im Westen, des Baltikums, wenn wir richtig sehen wollen. Was ist auf dessen Boden nicht alles geschehen! Wer hat dort nicht alles geherrscht! Zuletzt, sehr spät, entstand ein dauerhaftes selbständiges Reich eigenen Charakters. So steht das Baltikum ganz gewiß noch im Beginn seiner Entwicklung. Erst kam das Ritterzeitalter — dessen Verkörperer waren wir Deutschbalten; jetzt ist das der Urbewohner angebrochen. Aber dabei wird es nicht bleiben. Zwangsläufig werden immer mehr Vermischungen stattfinden. Zwangsläufig wird das Eingezwängtsein zwischen Deutschland, Polen und Rußland auf die Dauer eine neue Einheit schaffen, und dies zwar gleichsinniger Art, wie es die der baltischen Ritterschaften war. Ob diese Länder immer selbständig bleiben, wer kann es sagen? Jeden Augenblick mag Rußland sie überrennen; sie mögen auch wieder unter andere Fremdherrschaft geraten. Aber wenn der so wenig zahlreiche Adel schon nicht eigentlich zu erobern, geschweige denn zu assimilieren war, so wird dies erst recht von den weiter gefaßten Volkheiten gelten. Und immer mehr werden, in der Gefahr, alle Balten zusammenstehen, so wie die deutsch-baltische Jugend in derselben Zeit, da das Baltentum vernichtet werden sollte, ganz selbstverständlich ihr Blut gegen die roten Armeen vergoß. Bis daß sich das neue Rußland konsolidiert hat, wird das Baltikum dauernd gefährdet bleiben. Das war Belgien jahrhundertelang auch. Doch desto sicherer, des bin ich überzeugt, wird eine neue baltische Nation sich bilden. Und ist es dann soweit, dann werden auch die, die uns Deutschbalten heute hassen, in uns die ersten Bildner des Reiches anerkennen. Dann werden die alten Wappenschilder wieder hervorgesucht werden. Dann wird die Ritter- und Domkirche zu Reval, heute estnische Bischofskirche, die Denkmäler der Ritterschaften, unter anderen den Ehrenkranz für den Ritterschaftshauptmann Alexander Keyserling, nicht mehr als Überbleibsel der Fremdherrschaft bewahren, sondern als Wahrzeichen früher nationaler Geschichte.

Rußland als solches gehört ins eigentliche Bild Europas nicht mehr hinein. Es beginnt ein neues historisches Dasein. Was es Europa war, durch seine große Literatur, gehört, wesentlich gesehen, einer vom Standpunkt der Gegenwart beinahe ebenso belanglosen Vergangenheit an wie das perikleische Zeitalter in bezug auf die neugriechische Politik. Dort wird Gewaltiges, Bedeutsamstes, doch im Zusammenhang einer neuen, außereuropäischen Welt, nicht anders wie in Amerika. Aber wie ich anläßlich Spaniens ausführte: als angrenzendes Land gehört Rußland doch wiederum zu Europa. Dieses geht im Osten, psychisch wie geographisch, in Rußland über, gleichwie es mit Spanien in Afrika übergeht. Insofern bedeutet nun das Baltikum viel mehr als Belgien, mit dem ich es zuerst verglich. Letzteres Land vermittelt nur zwischen nahe verwandten Kulturen: das Baltikum und das Baltentum vermitteln innerlich und äußerlich zwischen zwei gewaltigsten wesensverschiedenen Kulturkreisen. In dieser Vermittlerrolle sehe ich denn die große baltische Aufgabe. Höchst merkwürdig war es, wie sich im neuen Estland in kürzester Frist nach der Revolution ein Zustand konsolidierte, den man nicht anders als nachbolschewistisch heißen kann; nachbolschewistisch nicht allein wegen der radikalen Reformen, welche als erstes einsetzten, auch nicht wegen der Überwindung des Bolschewismus an sich, sondern weil der neue, entschieden westengemäße Zustand doch ein Kind des bolschewistischen Geists ist, im Gegensatz zum liberal-demokratischen; es hat dort also Zukunft konsolidiert. Der russische Einfluß wird im Baltikum immerdar sehr stark sein. Und er war es immer. Trat dies vor dem Kriege nicht für alle sichtbar in Erscheinung, so lag dies an der Gegensatzstellung gegenüber Rußland, zu dem das Baltikum politisch gehörte, und dessen Russifizierungspolitik. Die meisten wissen nicht, daß Feindschaft ebenso Gemeinschaft schafft wie Liebe und nur der Gleichgültige unbeeinflußt bleibt. Jetzt, wo diese äußere Hemmung fehlt, kann sich der russische Einfluß nur immer stärker manifestieren. Wenn nicht die meisten, so doch die besten und repräsentativsten baltischen Emigranten in Deutschland finden mehr und mehr, wieviel von Rußlands Seele in ihnen lebt; und die Esten gar reden gern untereinander russisch, so wie die Balten noch zu meines Großvaters Zeiten französisch redeten. So muß im Baltikum auf die Dauer ein richtiges Übergangsgebilde zwischen Rußland und Europa entstehen, ein Übergangsgebilde, das aber doch sein Zentrum im Westen hat. Und ein solches Übergangsgebilde braucht Europa. Wie Rußland ein Fenster nach Europa haben mußte — Peter der Große schuf es —, so bedarf Europa heute mehr denn je eines Verbindungsglieds mit dem neuwerdenden Osten, und zwar eines lebendigen, verleibten Bindeglieds, nicht bloß vermittelnder Theorie. Denn Rußland vertritt heute eine Zukunft, an welcher jeder, so oder anders, teilhaben muß, der sich den Aufgaben der neuen Geschichtsperiode gewachsen erweisen will. Am Polarisationszentrum Moskau erneuert sich nicht allein ganz Asien: gewaltig ist seine Bedeutung auch für den Westen. Aber ganz unabhängig vom historischen Symbolträgertum seines heutigen Zustands bedeutet Rußland für Europa viel: auch der Einfluß, den es seit Dostojewsky ausübt, wirkt stetig und gleichsinnig fort. Warum besitzt der doch so chaotische Dostojewsky-Mensch so ungeheure werbende Kraft? Nicht allein wegen seines Verflüssigungszustands gegenüber der Erstarrung vieler alteuropäischer Gestaltungen, wovon wir anläßlich Spaniens handelten: sondern weil in Rußland der Mensch jener weitesten inneren Spannung vorgebildet ist, dessen Typus allein den Aufgaben der Ökumene ganz gewachsen erscheint. Für deren Bewältigung ist der Europäer bisheriger Artung zu eng, zu provinziell. Da dies nun jeder zukunftsträchtige Europäer unbewußt fühlt, so muß Rußland eine ungeheure werbende Kraft beweisen, was immer Bewußtsein vorschütze; man erinnere sich der Betrachtung am Eingang des England-Kapitels über den Sinn der Liebe von Volk zu Volk. Unter diesen historischen Umständen nun scheint mir der Baltentyp eine bedeutende Zukunftsmöglichkeit zu verkörpern; so winkt auch dem kleinen Land, von dessen Dasein vor dem Weltkrieg die wenigsten auch nur etwas ahnten, wenn nicht alle Zeichen trügen, bedeutende Zukunft. Gewiß nicht im Sinn politischer Größe. Doch in dem sehr viel wichtigeren: einer Wiege bedeutsamer Individuen. Die Aufgabe des Landes als solchen liegt auf einer Linie mit der von Polen und Rumänien: alle drei verkörpern die innerlich befestigte Grenze Europas gegenüber dem Osten. Polen ist virulenter katholisch und okzidental als irgendein Land, weil es dank seinem Slawentum seine Unterschiedlichkeit vom Russengeist besonders spürt. Rumänien betont krampfhaft seine Zugehörigkeit zur lateinischen Welt (das nächste Kapitel wird zeigen, daß es sich in Wahrheit um die griechisch-byzantinische handelt), weil der Südrusse nicht nur dicht neben ihm, sondern auch in seiner Seele sitzt. Der baltische Nationalismus und Protestantismus hat die gleichen Wurzeln. Aber im Unterschied vom Rumänen und vom Polen fühlt sich der Balte, gegenüber dem Russen, nicht wesentlich als Feind; er ist nach Osten zu nicht nur abgeschlossen, sondern auch offen. In ihm lebt der Russe auch als Verwandter. Vom Standpunkt Europas ist er geradezu der Russe westeuropäischer Abart, wofür er ja allgemein vor Weltkriegsausbruch galt. Das aber bedeutet: in ihm lebt, trotz seines Westländertums, die weite russische Natur, die starke russische Spannung, nur eben in Form traditioneller Kultiviertheit. So mag der Balte früher als manche andere den ökumenischen Typus aus sich heraus gestalten, den ökumenischen Typus ostwestlicher Varietät.

… Ich habe weit vorausgeschaut. Nun fliegt mein Geist zur Stätte meines Ursprungs zurück; zum Familienfriedhof von Rayküll. Wie zufällig ward er gegründet: bei einem Spaziergang mit seinen Kindern durch sumpfigen Wald stieß mein Großvater auf einen erratischen Block und sagte wie aus innerer Eingebung: Hier wollen wir alle einmal begraben werden. Mein Vater, ein Melancholiker, frühen Sterbens gewärtig, dichtete aufs gleiche Wäldchen hin:

Ich weiß es wohl, nur gar zu bald
Werd’ ich zugrunde gehen.
Am fernen Nord, im Tannenwald,
Dort wird mein Grabstein stehen.

Seiner steht noch da, wahrscheinlich schon bemoost, von wucherndem Gehölz bedeckt. Meiner wird nicht mehr dort stehen. Ohne Bitternis gedenke ich des. Meine Erinnerung kann mir niemand rauben. Meines Ursprungs bin ich mir auch so bewußt. Meiner Heimat fühle ich mich nach wie vor gehörig, soweit ein Gast auf Erden solches fühlen kann. Und nie werde ich’s vergessen: eben weil ich Balte bin, nicht Reichsdeutscher, zwei Welten innerlich angehörig, ein Grenzbewohner im Sinn des Raumes wie der Zeit, Wiking und Steppenmensch, Träger alter Tradition und ferner Zukunft zugleich, bin ich zu dem befähigt, was ich leisten kann. Mag auch die junge Baltengeneration dies meditieren. Möge sie sich weder verengen in deutschvölkischem Nationalismus, noch aufgehen im Vorläufigen des Esten- und Lettentums, sondern am Bewußtsein festhalten und dieses kräftigen, steigern, daß gerade das Baltentum als solches eine europäische Sendung hat. Doch das Dasein historischer Sendung steht und fällt mit dem Glauben an sie.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Das Baltikum
© 1998- Schule des Rades
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