Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Der Balkan

Türkei

Nun endlich die Türken. Von diesem Volk ist es jetzt, wo Fez und andere Unterscheidungsmerkmale gefallen sind, leichter, ein richtiges Bild zu gewinnen als ehedem. Jetzt erst sieht man, wie blutsverwandt es mit den übrigen Völkerschaften des Nahen Ostens ist: nur in Ausnahmefällen kann man von einem Türken, es sei denn, er sei anatolischer Bauer oder dessen direkter Sproß, mit Gewißheit sagen, daß er nichts anderes sein könnte als eben Türke. Desgleichen leuchtet einem jetzt beim ersten Anblick ein, daß die Modernisierung hier ein nicht nur schicksalsmäßig fälliger, sondern normaler Vorgang war: unnormal war einzig die späte Stunde ihres Eintritts. Wer weiß, was psychische Atmosphäre bedeutet, dem ist a priori klar, daß der Kontakt mit dem Griechengeist und -leben seit siebenhundert, die nahe Beziehung zum übrigen Europa seit bald fünfhundert Jahren eine psychologische Vereinheitlichung bedingen mußte, die als Voraussetzung Japan vollständig fehlte, als es sich uns anzugleichen begann. Deshalb bietet die mögliche Modernisierung der Türken gar kein Problem. Desto mehr fällt einem auf, auf dem Hintergrunde gerade der übrigen Balkanvölker, wer diese Türken sind. Es ist wirklich ein Einzigartiges um das turanische Blut, wenn es die geistige Formkraft des Islam (über die ich im Reisetagebuch gesagt habe, was ich zu sagen habe) zum Adjutanten hat. Diese Menschen sind grundsätzlich genau die gleichen, trotz aller Blutmischung, als die, welche die ersten großen Eroberungszüge vollführten. So ist auch alles, was seit dem Friedensschluß von 1919 geschah, aus ihrem Geist allein zu verstehen. Erstens sind die Türken noch immer wesentlich Nomaden. Heute verlassen sie Konstantinopel, innerlich, wenn auch nicht äußerlich: es ist schon — und zu gleich noch — so, als wären sie nie dagewesen; die eigenste Atmosphäre der Stadt ist wieder oder noch immer byzantinisch; im übrigen erinnert sie an Rom. An Dauerhaftem haben die Türken einzig die Moscheen, die herrlichen, hineingebildet; aber dies wiederum nicht anders, als wie Timur-Lenkh in der Wüste Schädelpyramiden aufrichtete. Alles andere war oder ist Zelt oder Karawanserei, von Hause aus abbruchreif. Diese Zelte haben sie nun am Ende des Weltkriegs abgebrochen und sich gemäß der Taktik ihrer Väter bis auf weiteres in die heimische Steppe — heute Angora — zurückgezogen; nicht anders kehrte Dschingis Khan immer erneut nach Karakorum zurück. So ist auch die beschleunigte Modernisierung eine Art von Feldzug. Wenn ausgerechnet das türkische Budget im Gleichgewichte ist, wenn keine Inflation herrscht, wenn alles in einem Tempo geht, welches das des fascistischen Italiens übertrifft, so ist das Kriegszustand. Eben deshalb geht es trotz schwerster materieller Lage für die meisten Einzelnen weiter. Ist die Zahl der Selbstmorde unter der Jugend, besonders der weiblichen, erschreckend groß, so bedeutet das nicht Dekadenz, sondern Schlachtverluste: wo in der alten patriarchalischen Familie Frau und Kinder nichts kosteten, ist es heute materiell kaum möglich, weiterzuleben. Es geschieht dennoch, nur eben unter Blutopfern. Von hier aus allein ist überhaupt die ganze grandiose Leistung des Ghazi Mustafa Kemal und seiner Helfer zu verstehen, gewiß weitaus die größte seit Bismarcks Reichsgründung. Eine vollkommene Katastrophe bog er in vollkommenen Sieg um. Die Mittel dazu boten der anzestrale türkische Heroismus und die ebenso anzestrale Genialität in der Diplomatie und der dem englischen ebenbürtige, wenn nicht überlegene Sinn für das Mögliche. Aber der Geist, der diese Mittel nutzte, war der der großen Nomadenvölkerfürsten. Von einem Tag zum anderen wurde das Imperium des Osmanen preisgegeben, zugunsten eines neuen national-türkischen Staats. Der war nicht besiegt worden; der hatte am Weltkrieg überhaupt nicht teilgenommen. So konnte er als ein Novum eingreifen, die anderen Mächte schlagen. Und Siegergefühl allein schwellt heute des Türken Brust. Aber dies ist wiederum nur möglich, weil er wesentlich Nomade ist. Das vollkommene Losgelöstsein von naher Vergangenheit fällt heute Deutschen besonders auf; sie begründen es durch das islamische Schicksalsgefühl (Kismet). Darin irren sie: diese Losgelöstheit hat der Islam nur unter Türken bewirkt, weil er Vorhandenes bestärkte. So durften unter Türken allein, daß ich wüßte, Brände unter Berufung auf Gottes Willen nicht gelöscht werden. Wie der Araber nicht in zum Verbrennen prädestinierten Holzhäusern wohnt, so ist er auch nicht annähernd so detachiert. Der Türke ist eben Nomade, Nomade in der Zeit wie im Raum. Er ist heute, unter Verbrennung seiner Zelte, aus dem osmanischen ins national-türkische Reich, aus Istanbul nach Angora, aus dem Mittelalter in die Moderne nach dem Weltkrieg hinübergewechselt, wie zu Urväterzeiten von der Winter- zur Sommerweide.

Soviel vom Nomadentum der Türken. Es bedeutet sicher ein noch wichtigeres Moment als ihre Zugehörigkeit zum Islam, die der Ausbildung vorhandener Anlagen nur zustatten kam. Nur weil dem also ist, ist die von Türken beherrschte Welt nie eigentlich türkisiert worden; wo unter Türken Kultur erblühte, war die bis auf wenige Sondergebiete, wie dem der Keramik, arabische Kultur, die sie gewähren ließen, wie alles, was ihnen untertan war. Ebenso förderte die Zugehörigkeit zum Islam nur das spezifisch türkische Herrentum, das Herrentum auf der Basis vollkommener Gleichheit aller Menschen, sie erschuf es nicht. Die Türken sind wohl das reinste Herrenvolk, von der die Geschichte Europas und des Nahen Ostens weiß: sie sind es im reineren Sinne noch als die Magyaren, insofern sie von Hause aus nur herrschen können. Jeder Herrenmensch ist für sich arbeitsscheu im Sinn des Arbeitsethos. Kann er einerseits besseres als arbeiten, so ergänzt dies psychologisch notwendig tatsächliche Faulheit, die ihn aus Selbsterhaltung Mittel erfinden läßt, andere für sich arbeiten zu lassen. Insofern ist sogar der Engländer wesentlich faul. Aber der Türke mag — oder mochte doch bisher — überhaupt keine Arbeit, außer der, die von je als adlig galt: Landbebauung und Krieg. Und er nahm sich auch niemals die Mühe, einen administrativen Apparat zu ersinnen, der ihm sein herrenmäßiges Faulsein erleichtert und gesichert hätte. Bis zum Sturz der Sultane glich die Stellung des Großwesirs der des Djafar, des Gehilfen Harun al Raschids.

Formell betrachtet, regierten meistens Favoriten. Nur konnten diese gewöhnlich nicht nur etwas, sondern viel. Diese Auswahl war nun die Folge der ganz wunderbaren türkischen Menschenkenntnis. Ja eigentlich wurde das Türkische Reich von je von Menschenkenntnis allein, an sich gleichsam, administriert. Die Distanz zwischen den Menschen, welche solche ermöglicht, setzt wiederum wesentliches Herrentum voraus. Und erst recht gilt dies von der Freiheit, die notgedrungen gewährt werden muß, wo kein kleinlicher Apparat die schmutzigen Geschäfte besorgt. So war denn der Türke, als Beherrscher grundsätzlich noch großzügiger als der Brite. Nur eben von orientalischer Lebensbasis aus — man war wohl als Bettler, als Maultiertreiber, als Derwisch frei, nicht aber als moderner Mensch — und soweit die Sicherheit des despotischen Regimes dies zuließ. Dieser Herrencharakter nun ist für den Türken so wesentlich, daß er trotz aller umständebedingten Annäherung an den Bolschewismus, der sich auch in den Formen mancher maßgebenden Persönlichkeiten äußert, bestehen bleibt und ohne Zweifel fortbestehen wird. Wohl mag der Glaubensverlust hier entgegenwirken: wenn Menschen beinahe gleichen Bluts als Griechen Levantiner, als Türken Herren sind, so geht dies zum Teil gewiß auf den Islam zurück. Aber die Türken werden eben psychologisch Muslims bleiben, auch wo sie nicht mehr glauben: der Islam hat sie geformt. Deswegen gerade glaube ich fest an eine neue islamische Einheit (vgl. meine Neuentstehende Welt), die sich auf psychologischer Ähnlichkeit und Traditionsgleichheit, nicht religiösem Glauben aufbaut. Vor allem aber wird der Herrencharakter des Türkenvolks dank dem traditionellen Bewußtsein, gegenüber den früher beherrschten Völkern ein Höheres darzustellen, und das Selbstgefühl des geborenen Herren bestehen bleiben. Wer Türke im besten Sinne ist, und die Menschen und Dinge dementsprechend in Distanz sieht; wem Geld nicht alles ist, wessen Selbstgefühl von der äußeren Stellung nicht abhängt, der muß sich dem familiären und feilen Griechen, dem pöbelhaften Bulgaren, dem weichen Rumänen, dem schwachen Ägypter und irreellen Araber unbedingt überlegen fühlen.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Der Balkan
© 1998- Schule des Rades
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