Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Europa

Zukunftsmöglichkeit

Bei der Behandlung der einzelnen Nationen wurde genug gesagt, um jedem Einsichtigen ihrer Vertreter nahezulegen, von selbst darauf zu kommen, inwiefern er an der seinen arbeiten soll. Und das spanische Motto nunca insistir ist mehr als irgendwo Völkern gegenüber am Platz. So will ich denn zum Schluß nur noch zu zeigen versuchen, inwiefern Europa als Ganzes sich umstellen, worin es seine wahre Aufgabe sehen muß, um als positiver Faktor der Menschheitsentwicklung weiterzubestehen.

Mit seiner materiellen Vormacht ist es aus. Es ist gegenüber der neuen Welt sehr schwach, sehr klein geworden. Auch seine Vormachtstellung im Osten wird bald zu Ende sein. Vielleicht rückt gar das industrielle Zentrum unseres Planeten nach Asien hinüber. Erfindung ist schwierig, nachahmen kann der Affe. Bald wird all unser technisches Können menschliches Gemeingut sein. Bald werden wir Europäer, wenn wir uns mit unseren Errungenschaften brüsten, so angesehen werden, wie Cornelius Nepos geschähe, wenn er mit dem Anspruch auf allgemeine Verehrung unter uns träte: wir sind unsere eigenen Klassiker geworden. So ist unser Prestige, der wichtigste aller Machtfaktoren, hin. Vor allem aber unterminieren die sozialen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte unsere materielle Macht. Unter diesen Umständen zwingt die bloße Selbsterhaltung Europa, sich auf das einzustellen, was es am besten kann, was ihm niemand nehmen kann. Das nun ist seine Geistigkeit.

Europas ganze Bedeutung beruhte von je auf ihr; wer das nicht weiß, versteht den Begriff Geist falsch. Es handelt sich nicht um Intellekt, Logik, Prinzipien und dergleichen: Geist ist ganz allgemein das Sinn-Prinzip im Menschen, der Urgrund aller Schöpfung, aller Form, aller Initiative, aller Übertragung und subjektiv alles Verstehens. Die zwei Grundkategorien, im Rahmen derer er sich äußert, sind die, welche man seit Griechentagen Logos und Ethos heißt. Auf Logos und Ethos beruht nun alle europäische Bedeutung. Rein ethisch war die Bedeutung der Juden, die, an der Bildung des europäischen Geists in höchstem Grade mitbeteiligt sind und heute zum mindesten im selben Sinne notwendig zu uns gehören wie bestimmte Parasiten zum Darm. Der Logos und das Ethos des Christentums, nicht sein Eros, sind die Urquelle seiner historischen Macht. Im Logos und Ethos, in verschiedener Gewichtsverteilung, lagen die Sinne des Griechen-, des Römertums. Mit den Germanen trat vor allem ein neues höheres Ethos in die Welt. Mit Renaissance und Reformation glitt der Akzent wieder mehr auf den Logos-Pol. Aber unter allen Umständen war es der Geist, auf den in Europa immer alles ankam. Es ist ein durch nichts zu rechtfertigendes Vorurteil, im Fall von Europa den Akzent nur im mindesten auf den Eros zu legen. Selbstverständlich war auch dessen Prinzip in ihm am Werk. Aber wurde es so überstark herausgestellt, so hing dies mit dem Leonardo-Wort zusammen: dove si grida, non è vera scienza. Jeder Inder, jeder Chinese, jeder Araber lebt mehr Liebe als ein Europäer. In diesem Vorwiegen des Logischen und Ethischen liegt eine Beschränkung, doch eine im großen nicht zu ändernde, mit der der Europäer sich abzufinden hat. Vor allem aber liegt in dem dem Negativen korrespondierenden Positiven seine ganze Bedeutung. Überall macht Beschränkung den Meister. Wir wären nicht die berufenen Träger der Geistigkeit auf Erden, wir wären nicht, wie ich’s im Reisetagebuch formulierte, Gottes Hände, wenn nicht auf dem Geistigen bei uns der ausschließliche Bedeutungsakzent ruhte. Griechische Form liegt noch Ost-Asiens Kunst zugrunde, jüdisches Ethos allem in der Welt wirkenden Ethos überhaupt. Alle Wissenschaft ist europäischen Ursprungs. Was aber das Christentum betrifft, so beruht dessen expansive und wandelnde Kraft eben darauf, daß es auf die Praxis gerichtetes Verstehen verkörpert. Es gibt in Asien wenn nicht tiefere, so doch ebenso tiefe Religionen; aber in ihnen lebt nicht das Prinzip des erdbeherrschenden Geists. Dank der besonderen Synthese von Geist, Seele und Körper, die der Europäer verkörpert, wird das Letztgeistige irdisch wirksam.

So beruhte Europas Bedeutung von jeher auf seiner Geistigkeit. Daß es zeitweilig, hin und wieder, auch äußerlich mächtig erschien, war nicht primärer Ausdruck des europäischen Geists, sondern dessen Folge im Reich der Anwendung, so wie Vermögen auf Grund von Erfindungen entstehen, die ein weitabgewandter Forscher aus rein geistigem Interesse betrieb. Heute nun beruht Europas Bedeutung auf seiner Geistigkeit wie nie zuvor. Denn das ist das eine, worin es noch einzig ist. Es ist zugleich das eine, was gerade jetzt in unerhörtem Grade steigerungsfähig ist. Alle Sinnesverwirklichung auf Erden hat empirische Spannungen zur Voraussetzung. Diese nun steigern sich in Europa in einem Grad, wie es nie früher vorkam. Extrem gespannt ist das innere Verhältnis unseres Kontinents gegenüber dem neuen Westen wie dem neuen Osten. Die Annäherung der verschiedenen Völker Europas untereinander hat ihrerseits extreme Spannung-Schaffung zur Folge. Dazu kommt die äußere Notlage, sich durch geistige Überlegenheit zu behaupten. So kann Europa eben jetzt in die Ära seiner höchsten Geistigkeit eintreten. Jetzt können auch die an sich ungeistigen Völker Europas an ihrem Werke teilnehmen. Die Spannung an sich zeugt neue Fähigkeiten und wer nicht führen kann, mag dennoch, als Europäer, immer noch ein besserer Zweiter sein als irgendein Nicht-Europäer. Doch die Hauptursache dessen, warum Europa in dieser einen Hinsicht größte Zukunftsaussichten hat, beruht darauf, daß Geistigkeit nur dort regieren kann, wo aller Nachdruck auf dem Einzigen ruht und seinem Wert. Alle Werte sind personal. Wie Christus den unendlichen Wert der Menschenseele proklamierte und lehrte, daß kein Weltgewinn den Schaden an der eigenen Seele auf wöge; wie alle Ethik im freien Entschluß des Einzigen ihren Sinn hat; wie jede schöpferische Originalität im Einzigen wurzelt, wie es kein anderes als persönliches Verstehen gibt: so steht und fällt die Herrschaft des Geists auf Erden damit, daß der Bedeutungsakzent auf dem Individuum ruht und nur auf ihm. Das nun tut er heute allein beim Europäer.

Damit hätten wir denn die konkrete Bestimmung dessen gefunden, worin Europas Aufgabe im kommenden Zeitalter besteht. Sie besteht im Vertreten des Prinzips des Individualismus. Sie liegt in direktem Gegensatz zu dem, was desorientierte Weltverbesserer auf Grund des Erlebens des Weltkriegs wähnen. Europas Zukunft liegt nicht im Sieg des Sozialismus. Ich bin der letzte, den ungeheuren Wert des sozialistischen Gedankens zu verkennen, am wenigsten in seiner Verkörperung im historischen Materialismus. Tag für Tag krampft sich das Herz in mir zusammen, wenn ich sehe, wieviel mehr minderwertige Kinder, nicht nur im physischen, sondern auch im geistigen und moralischen Verstände, in armen Familien erwachsen, als innerhalb vornehmer Häuser; dies beruht ohne Zweifel auf materiellen Umständen. Wäre es anders, in sozialer Niederung verharrende Bastarde, deren es Millionen gibt, würden ihren hochgeborenen Vätern gleichen; wäre es anders, man fände es nicht selbstverständlich, wie es fast jeder tut, daß solche in der mütterlichen Schicht verbleiben. Und umgekehrt, die häufigen Bastarde, die den großen Namen ihres nicht-wirklichen Vaters tragen, würden nicht allgemein ganz natürlich als der pseudoväterlichen Schicht zugehörig anerkannt. Immer wieder habe ich gestaunt, wie selbstverständlich getreue Untertanen von der wahren Abstammung ihrer Landesherren reden, ohne daß dieses ihren Legitimismus beeinträchtigte. Der historische Materialismus hat in sehr hohem Maße recht; in meinen Augen beweist es niedrigste Hartherzigkeit und bösen Willen, dies abzuleugnen. Die sozialistische Welle, die heute über unseren ganzen Planeten hinfegt, und trage sie noch so viele Höhen und Berge ab, ist unmittelbar ein Segen. Nachdem wir endlich soweit sind, materielle Werte schaffen zu können, nachdem es nicht nur mehr den Weg des Erbes unverzinsbarer Nibelungen-Horte gibt, muß es dahin kommen, daß Wohlstand Normalzustand wird. Es muß vor allem die Lohnsklaverei aufhören, die darin besteht, daß Arbeit mit Ware gleichgesetzt wird. Weil es darauf an erster Stelle ankommt, daß das allgemeine Niveau gehoben werde, kann sich, sozial beurteilt, der spirituelle Gandhi mit Lenin berühren. Doch was für Rußland und Indien Evangelium sein kann, kann es für Europa nicht mehr. Europa hat den sozialistischen Gedanken in die Welt gesetzt. Soweit als ohne Vernichtung der europäischen Kulturtradition möglich ist, hat es ihn bereits verwirklicht oder wird es ihn doch bald verwirklicht haben. Also kann es bei ihm, sofern es noch Lebenskraft hat, nicht mehr verweilen. Also können und müssen sich ihm neue und höhere Ziele stellen. Der Individualismus steht an sich genau so viel höher als der Sozialismus, als Christi Lehre vom unendlichen Wert der Menschenseele über der antiken Sklavenverachtung stand1. So ist Europas Aufgabe zwar nicht anti-, wohl aber jenseits-sozialistisch. Und darauf beruht seine ganze große Zukunftsmöglichkeit.

Knüpfen wir jetzt an dem Punkte wieder an, an dem uns klar ward, daß jede Monade unter den Menschen ihre Qualifikation und Stellung auf Grund ihrer spezifischen Relation zum Ganzen erhält. Wir sagten damals, Europa konstituiere sich zwangsläufig auf Grund seiner Gegensatzstellung zu Amerika und zum Osten. Was sehen wir nun in Amerika? Dort entdifferenziert sich unaufhaltsam das Individuum, trotz aller Ellenbogenweite auf dem Gebiet der Leistung; die ganze Entwicklung bewegt sich in der Richtung der Standardisation. Beruhte das Gleichheitspostulat zuerst darauf, daß daraufhin allein ein Zusammenleben der Allzuverschiedenen möglich war, so wirkt es nun immer mehr auf die Natur zurück. Der amerikanische Individualismus gilt heute einzig und allein noch auf geschäftlichem Gebiet, insofern jeder tun kann, was ihm Verstand und Macht zu tun erlauben. Das Individuelle wird nur mehr ausnahmsweise als Wert verstanden. Immer mehr will jeder allen anderen gleichen. Zwangsläufig wird immer mehr der Mann auf der Straße zum Ideal. Das kann zunächst von Jahr zu Jahr nur schlimmer werden. Unter allen Umständen muß Amerika durch eine lange Primitivierungszeit hindurch und damit von Europa immer mehr abrücken2.

Und nun zu Rußland. Zunächst sei kurz an die Ausführungen in Amerika erinnert, die erweisen, wie sehr letzteres Land mit Sowjet-Rußland konvergiert,. In Amerika wie Rußland sinkt das Individuum im gleichen Sinn in die undifferenzierte Gruppe zurück. Im übrigen aber ist Rußland ein Spezifisches, und gerade dieses Spezifische schafft zu Europa die Spannung. Das heutige Rußland hat eingestandenermaßen den kollektiven Menschen im Gegensatz zum selbstbestimmten Individuum zum Ziel. Dort hofft man geradezu (man erinnere sich des Zitats im Italien-Kapitel) die bisher leider unvermeidliche Persönlichkeit einmal durch einen Apparat zu ersetzen. Wer selbst nicht Rußland kennt, d. h. seine Seele innerlich versteht, der assimilierte René Fülöp-Millers Geist und Gesicht des Bolschewismus (Amalthea-Verlag), das einmal als das klassische Buch über die leninistische Phase gelten wird; es wird dem Positiven des neuen Rußland nicht gerecht, desto vollkommener jedoch dem, was Rußland für Europa bedeutet. Der Bolschewismus als Volksbewegung — der ein ganz anderes ist, als was seine doktrinären Vorkämpfer meinen — ist nur aus der im Unbewußten fortwirkenden Leibeigenschaft heraus zu verstehen: er verspricht das paradiesische Reich der namenlosen Masse. Und wie es zu gehen pflegt: das Zukunftsideal hat mit dem, was es am meisten bekämpft, die größte Ähnlichkeit. Das russische Arbeiterideal erinnert an nichts so sehr, als an den Zustand einer römischen Trireme, wo die Sklaven, zu bestimmten Stunden abgelöst, nach den Hammerschlägen des Aufsehers im Takt die Ruder führten. Der Fünf-Jahresplan ist nur unter ähnlichen Voraussetzungen denkbar, wie sie für die pyramidenbauenden Pharaonen galten. Da der Bolschewismus das Paradies für solche vorbereitet, in deren Seele die Leibeigenschaft noch fortlebt, ist auch der Maschinen-Gott, den er an die Stelle des Christengotts zu setzen strebt, kein Ungeheuerliches. Solchem armen Teufel ist das Essen ein Heiliges. Mit dem hier Gesagten nehme ich von dem nichts zurück, was ich in der Neuentstehenden Welt zugunsten des Bolschewismus schrieb. Zweifelsohne ist er heute das Evangelium für die Massen des Ostens, denn diesen tut heute in erster Linie materieller Aufstieg not; zweifelsohne sind die führenden Bolschewisten Idealisten. Die symbolische Bedeutung Moskaus für den Osten im prospektiven Sinn steht nicht in Frage. Aber unmittelbar verächtlich erscheint mir der Europäer, der darüber die Tatsache vergißt, daß Millionen gerade der Menschen, die unseren, den europäischen Geist in Rußland verbreiteten, auf scheußlichste Weise hingeschlachtet wurden. Unmittelbar verächtlich dünkt mich der Europäer, der darüber hinweggeht, daß es für den Bolschewismus nur Klassenethik gibt: was für die sogenannten Arbeiter geschieht, ist gut; allen anderen gegenüber ist schlechthin alles erlaubt. Das ist nicht nur Verleugnung des europäischen Freiheitsideals: es ist unzweideutige Verbrecherethik. Deren Geist ist nicht eines Sinnes mit dem der katholischen Inquisition, denn diese glaubte ehrlich, durch Verbrennung die Seele des Ketzers zu retten, während die Sowjet-Regierung nur den materiellen Vorteil einer bestimmten Menschenklasse wahrt. Hier ist der herrschende Satan nicht Luzifer, sondern jener Teufel, den Dostojewsky schildert: ein schäbiger städtischer Intelligenter mit einer Lakaienseele. Die neu-russische Ethik ist zu verstehen und insofern zu entschuldigen allein aus dem Geist des russischen Sektierertums. Lenin pflegte zu sagen: es tut nichts, wenn drei Viertel aller Menschen zugrunde gehen, wenn nur das überlebende Viertel kommunistisch ist. Das ist, insofern Lenin ein großer Mann war, religiöser Fanatismus. In der Tat ist die entscheidend wichtige Erkenntnis, die wiederum Fülöp-Miller uns vermittelt hat, die, daß der Bolschewismus grundsätzlich eines Geists ist mit allen echtrussischen Sekten. Sie alle wollen das Himmelreich auf Erden verwirklichen; sie alle standen in Opposition zur Kirche vor allem deshalb, weil deren Heilsversprechen nicht genügend positiv und irdisch war. So war auch die ganze russische Intelligenz von jeher militärisch; geistige Interessen um ihrer selbst willen kannte sie nie. Man erinnere sich des Ausspruchs Leo Tolstois, ein einziges Paar Stiefel sei wertvoller als der ganze Shakespeare. So ist denn die bolschewistische Diesseitigkeit in erster Linie typisch-russisch. Ihr Idealismus und Fanatismus ist eines Sinnes mit dem irgendeiner russischen Sekte. Verabscheut der Bolschewist den Bürger, sieht er in der Freiheit ein bürgerliches Vorurteil und im Niedermetzeln der Ketzer keine Sünde, so hat dies keinen anderen Sinn, wie die Verurteilung der herrschenden Kirche im großen, oder im kleinen des Tabakrauchens, oder die Selbstverstümmelung oder die Selbstverbrennung der Duchoborzen und Chlysty. Nun wird es beim heutigen Zustand in Rußland gewiß nicht bleiben. Schon die Erziehung steht dafür Gewähr: werden die Kinder unmittelbar zum Ungehorsam erzogen, so muß dies zur Folge haben, daß die nächste oder übernächste Generation ebenso autoritätsungläubig werden wird als die heutige autoritätsgläubig ist. Ferner wird die Klassenkampf-Ideologie, die eigentliche Triebkraft aller heutigen russischen Bewegtheit, sehr bald ihre Macht verlieren, da es keine Bourgeoisie mehr gibt. Desgleichen wird, entsprechend der die russische Seele beherrschenden Polarität, das heute herrschende Tier sicher wieder einmal dem Gotte wenn nicht Platz machen, so ihm doch irgendeinen Platz an der Sonne einräumen. Aber kollektivistisch wird Rußland auch dann bleiben; seine individualistische, d. h. europäische Periode ist um. Der Kommunismus war in irgendeiner Form jedes Russen Ideal. Nie fühlte er sich als Besitzer im Recht; immer hatte er als irgendwie Bevorzugter ein schlechtes Gewissen. Deshalb wird der Nachdruck in Rußland für lange, lange Zeit auf den dumpfen Massen ruhen bleiben. Und da diese noch ganz barbarisch sind, mit Urherdeninstinkten, so kann es in Rußland so bald keine neue Kultur geben. — Jetzt ist wohl klar, daß Europa mit allem, was an ihm Wert ist, in ebensolchem Gegensatz zu Rußland steht, wie zu Amerika. Und auch dies auf lange Zeit hinaus. Innerhalb der Gesamtmenschheit wird Amerika als Wirklichkeit und Symbol und Rußland zum mindesten als letzteres noch in der nächsten Zukunft auf alle Fälle vorherrschen. Warum? Weil in Zeiten der allgemeinen Barbarisierung das Primitive dem Zeitgeist am besten entspricht. Es ist nun einmal das Zeitalter des Chauffeurs und des Negertanzes. Hier sei denn ein weiteres Wort über den sozialen Fortschritt gesagt. Jedes Lebensphänomen ist vieldeutig. Das des herrschenden sozialen Gedankens hat nun auch den Sinn, daß die Einzelseele in die primordiale Gruppenseele zurücksinkt. Das amerikanische Ideal des Service, vermeintlich das höchste der christlichen Zivilisation, deckt sich psychologisch mit der Norm jedes Negritostamms. Es ist ein furchtbares Zeichen der niederlagebedingten deutschen Demoralisation, daß sonst ernstzunehmende Vertreter des deutschen Geists im Ideal Henry Fords den Exponenten eines höchsten Ethos, ja gar des Vornehmheits-Ethos sehen. Und ebenso ist es ein furchtbares Zeichen der Entgeistigung, daß eine Philosophie (wohl zu unterscheiden von der psychotherapeutischen und pädagogischen Methode) wie die Alfred Adlers, die auf den Mitmenschen, also einen Relationsbegriff, den Nachdruck legt, nicht für menschenfeindlich gilt. Was Adler als Wertschöpfer will, was Amerika als Wirklichkeit vertritt, ist, von der Seele her beurteilt, identisch mit dem Ideal des bolschewistischen Kollektivismus. Der Mensch soll wieder in der Gruppe untergehen. Daraus erklärt sich letztlich die Wertfeindlichkeit von Amerika sowohl als von Rußland: Die Dimension der Werte ist die der Einzigkeit. Daraus folgt denn für Europa nicht nur ein verschiedenes Sosein, sondern das Dasein einer von der der anderen Erdteile verschiedenen Aufgabe. Ja Europa hat heute die größte Aufgabe, die sich ihm jemals stellte. Ihm und ihm allein ist es anheimgegeben, das Heilige Feuer des Geists in der langen geistigen Nacht, die der Menschheit als Ganzem bevorsteht, vor dem Verlöschen zu hüten.

1Vgl. die Ausführung und Begründung dieser Gedankengänge im Kapitel Sozialismus von Amerika.
2Die in früheren Auflagen über Amerika folgenden Ausführungen habe ich gestrichen, da diese seither in Amerika ihre Endgestalt gefunden haben.
Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Europa
© 1998- Schule des Rades
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