Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Europa

Individualismus

Daß Europa diese Aufgabe erfüllen kann, liegt daran, daß sein Eintritt in die neuentstehende Welt, und zwar Europas allein auf Erden, ohne Unstetigkeitsmoment erfolgt. Wissenschaft und Technik sind echtgeborene Kinder seines Geists: deren Rezeption bedingt deshalb keine Revolution im psychischen Gefüge. So bedeutet uns der Sozialismus nur eine Folge unter anderen des Christentums; er ist unmittelbar auf tiefst-geistige Wurzeln zurückzubeziehen. Dementsprechend sind nicht nur die europäischen Eliten, sondern auch die europäischen Massen gegen Amerikanismus und Bolschewismus grundsätzlich immun. Keine Bewegung im großen kann in Europa mehr um der Materie willen den Geist verwerfen. Es ist der ganzen übrigen Welt psychologisch voraus. Amerika muß sich primitivieren, weil jetzt erst sein Urgeist, nach langer Okkupation durch fremde Geister bestimmend wird, und dieser nicht minder primitiv ist als der russische. Des letzteren Jugend liegt auf der Hand. Der Osten und Ferne Osten wiederum muß zunächst, wie in der Neuentstehenden Welt begründet wurde, durch eine Phase des Materialismus hindurch. Und auch wo er spirituell bleibt: seine besondere Art der Spiritualität entspricht nicht mehr modernen Verhältnissen; der traditionelle indische Heilige ist nicht Vorbild mehr. Er ist vom Standpunkt psychologischer Differenziation dem Europäer nicht ebenbürtig; sein Bewußtsein ist noch im hohen Grade Kollektivbewußtsein. Jetzt gilt es aus strikt persönlicher Initiative, aus ausdrücklichem Einzigkeitsbewußtsein heraus die spirituellen Werte zu verwirklichen, welche Indien noch in Funktion eines undifferenzierten Gruppenbewußtseins realisiert1. Damit gelangen wir denn zum Problem der Grundform Europas als Ganzheit zurück. Europas Sinn liegt in seinem Individualismus; heute mehr denn je in diesem Zeitalter des siegreichen Kollektivismus. Welcher Europäer nun wäre, mit dem Amerikaner und Russen verglichen, nicht Individualist? Der Spanier ist es als Mensch von Fleisch und Blut; der Franzose als gesellschaftliches, der Brite als politisches Wesen; der Deutsche ist als Erlebender Individualist, der Italiener als Persönlichkeit schlechthin. Aber keiner war es bis heute ganz bewußt; deshalb allein war die Groteske möglich, daß Europa zum Nährboden kollektivistischer Tendenzen ward. Jetzt nun liegen die Dinge so, daß Europa sich nur insofern überhaupt behaupten kann, als es den bewußten Akzent auf sein Individuelles legt. Auch nur irgendeinen Nachdruck auf das zu legen, was Amerika, Rußland und das erwachte Asien in erster Linie vertreten oder von Anlage wegen besser können, bedeutet verhängnisvolles psychologisches und politisches Mißverstehen. In der neuen enger zusammenhängenden Menschheit hat jede Monade Bedeutung ausschließlich auf Grund ihrer Einzigkeit. Also bedeutet jede Akzentlegung auf Sozialismus, Demokratie und Prosperität im Fall Europas ein Akzentlegen auf seine minderwertige Funktion; es bedeutet dasselbe, wie wenn Deutschland seinen Stolz nicht in Goethe, sondern im Unteroffizier erblickte. Selbstverständlich wird auch in Europa das Sozialisierbare sozialisiert werden; das gehört ins Kapitel der pünktlich gehenden Straßenbahn. Selbstverständlich wird auch alles Amerikanisierbare amerikanisiert werden; das gehört ins Kapitel des gut organisierten Warenhauses. Aber kein Europäer sollte je weiter damit prunken, was in diesem Sinne gut funktioniert. Der Akzent darf in Europa einzig und allein auf dem Qualitativen und damit dem Individualistischen und Einzigen ruhen. Denn auf der heute von der Menschheitsvorhut erreichten Bewußtheitsstufe gibt es Werte Verwirklichung nur mehr vom Individuellen und Einzigen her, mittels rein persönlicher Verantwortung und Initiative. Wir leben nicht mehr im Zeitalter der herrschenden Natur-Mutter, der Gruppe; wir leben auch nicht mehr in dem des Mittlers, des Sohns; wir leben im Zeitalter des Heiligen Geistes, da jeder von sich aus und für sich das Heil für sich und alle zu wirken hat…

… In diesen letzten Betrachtungen sprach ich viel von Sollen. Das ist, weil Europa noch nicht ist; weil hier viel Spielraum für die Freiheit bleibt. Aber geschildert habe ich doch seinen wirklichen Geist genau in selben Sinn, wie ich in den früheren Kapiteln den seiner Komponenten schilderte. Ich begann dieses Buch in heiterer Stimmung. Tiefernst klingt es aus. Wie sollte es nicht? Das Dasein des ganzen schönen bunten Spektrums, an dem ich mich während des Schreibens so freute, hängt heute davon ab, daß der spektroskopierte Gesamtkörper fortlebt. Und das braucht nicht zu sein. Irdische Zielsetzungen sind immer mißlich. Das herrliche Epos von Goethes Leben klang in Vernichtung aus. So manche Kultur verging, bevor sie ihren Höhepunkt erreichte. Der Gondwana-Kontinent, die Atlantis ging unter. Die menschliche Dummheit, die menschliche Trägheit ist unermeßlich groß… Ich konnte nur zeigen, was sein, was werden kann…

1Die Grundlagen der neuen Spiritualität, die allein der Gegenwart und Zukunft entspricht, habe ich im Kapitel Spiritualität von Amerika hingezeichnet.
Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Europa
© 1998- Schule des Rades
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