Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

England

Tier und Engel

Jetzt sind wir so weit, dem Vorbildlichen des Engländertums verstehend gerecht zu werden. Dazu brauchen wir das Bisherige nur aus dem Gesichtswinkel eines ziemlich allgemein bekannten Mythos zu betrachten: dem vom Sündenfall. Der Mensch verlor seine Unschuld und damit das Paradies, nachdem er vom Baume der Erkenntnis aß. Zweifellos ist das Tier vollkommener als der Mensch. Es ist dieses sowohl an sich, als in seiner Einstellung im kosmischen Zusammenhang. So ist der Engländer von Hause aus richtiger eingestellt und harmonischer ausgebildet als irgendein anderer Europäer. Er balanciert den Ich- und Du-Pol grundsätzlich richtig. Gemeinschaft und Einzigkeit erscheinen sinngemäß gegeneinander abgegrenzt und in ihren Wirkungsbereichen verteilt. Lebe ein Engländer noch so sehr für sich, nie isoliert er sich innerlich von der Gesellschaft, welcher er angehört und den moralischen Grundsätzen, die sie Zusammenhalten. Gerade dies gibt seinem Egoismus — wie dies das Leben für die Kinder bei jeder Mutter und beinahe jedem Vater tut — eine Unbefangenheit, welche einerseits dazu führt, daß der Brite dem ausgesprochenen Kontinentalen als der rücksichtslose Egoist par excellence erscheint — also gerade als das, was dieser dem selbstsuchenden und auf diesem Weg über sich hinausstrebenden Deutschen vorwirft —, daß man ihm aber andererseits seine Selbstsucht selten verübelt. In sich selbst legt der Engländer allen Nachdruck auf den Charakter, das heißt den harmonischen Zusammenhang seiner Fähigkeiten, wobei er den Körper nicht geringer achtet als den Geist und das Moralische über das Intellektuelle stellt. So schafft er aus sich den all-round-man. Der englische Gentleman ist in seinem höchsten Ausdruck in der Tat der einzige Typ, der den Vergleich mit dem griechischen καλὸς κἀγαϑός verträgt. Zieht man hierzu die Konstante der Menschlichkeit und der hohen psychologischen Begabung in Betracht, so genügt es, um das schlechthin Überzeugende des englischen Wesens zu erklären. Es überzeugt durch sein Sein. So haben die Briten auch nie zu anglisieren gebraucht, auf daß die ihrem Einfluß ausgesetzte Welt verengländerte, im Gegenteil: weil sie sich diese Frage gar nicht stellten, erfolgte die Anglisierung ganz von selbst. Überhaupt ist die englische Vormachtstellung der stärkste Beweis für Coué und gegen jede Absichts- und Willenskultur.

Das bisher Angeführte gilt auf der Ebene des Durchschnittsmenschen. Wie nun, wenn solche Einstellung zum Ausdrucksmittel persönlicher Tiefe wird? Dann ist unmittelbar Außerordentliches die Folge. Da das Persönliche, dieses so Zarte, leicht Vergrämte, grundsätzlich nicht gestört und nicht verredet, sondern als Heiligtum für sich wie andere anerkannt wird; da es nie Vergewaltigung durch präexistierende Norm erfährt; da endlich das englische Leben seinen anerkannten Schwerpunkt im Unbewußten hat, weshalb nicht Bereden und nicht-sich-Eingestehen nie pathologische Verdrängung impliziert, so ist das Einzige des Engländers seinem schöpferischen Grunde typischerweise näher als bei irgendeinem Europäer. Deswegen hat er so viel Einfälle, als die Verhältnisse überhaupt erlauben; daher sein Reichtum an persönlicher Initiative. Daher die Tiefe seines Verstehens der Wirklichkeit, unabhängig von aller Kenntnis und aller Erfahrung. Seltener als irgend jemand erstarrt der Brite in Verstandesvorurteilen. Er erweist sich auch hier als der Menschen unbefangenster. — Und weiter. Salvador de Madariaga bemerkte unlängst, England vertrete jene Harmonie zwischen dem ethischen Himmel und der positiven Erde, die für den Menschheitsfortschritt dasselbe bedeute, wie für das Gehen des Menschen das instinktive Bündnis von Auge und Fuß. Das hängt damit zusammen, daß jede auf ihrer Ebene richtige Einstellung zum möglichen vollkommenen Ausdrucksmittel letzter Tiefe wird. Wer die Erde aus vollkommen richtiger Perspektive betrachtet, sieht sie potentia mit den Augen Gottes. Der gesunde Menschenverstand hat seinen Grundton unmittelbar in der tiefsten Weisheit. So ist England, das Land des irdischen Positivismus, der Höchsteinschätzung des Reichtums, des problemfeindlichen gesunden Menschenverstandes, zugleich das Land der sublimiertesten europäischen Spiritualität. Die englischen Intellektuellen halten den Vergleich mit denen, welche andere Völker hervorbringen, selten aus. Aber nirgends gibt es häufiger ganz tiefe und ganz schöne Seelen. So ist England das einzige moderne Land, welches Glück unmittelbar als spirituelle Qualität versteht. Sieht man sich das typische Treiben englischer Jugend an, so kann man, noch einmal, nur an Tiere denken und es nur insofern gelten lassen. To have a good time erscheint da als Α und Ω alles Lebens-Sinns. Doch begegnet einem im Rahmen dieses unschuldigen Daseins eine von Hause aus tiefe Seele, dann erscheint ihr Glück als das der Seligen. Dann bedeutet es die Verankerung in jenem Frieden, der aus seiner Kraft heraus alles Leid der Welt freudig bejahen kann. Dann bedeutet es das Jenseits möglicher Tragödie. An sich ist die englische Weltanschauung, so weit sie bewußt ist, untragisch. Konflikte werden möglichst ignoriert, Probleme möglichst beiseite liegengelassen, das Leben regiert der Kompromiß. So steht der Engländer mittleren Formates unter jedem, in dem die Tragik des Daseins bewußt ward. Doch die englische Grundlage ermöglicht andererseits, daß der Tiefe auf einmal aus der kindlichen Lebensbejahung zur Freudigkeit des Engels hinübergelangt; Tier und Engel reichen sich in der Tat über den Menschen hinweg die Hand. Funktion der gleichen Anlage ist die Fähigkeit to rise to emergencies, to face things, die in jedem Roman ohne Ausnahme als Grundtugend gefeiert wird: sie bedeutet nichts anderes als die Fähigkeit, jeden Opportunismus von innen heraus durch absoluten geistgeborenen Heroismus zu überwinden. Man erinnere sich der Szene, als beim Untergang der Titanic alle Frauen und Kinder in die Rettungsboote gesetzt wurden und die Männer dann gelassen beim Gesange des Chorals Nearer, my God, to Thee in die Tiefe sanken. Aus der gleichen Quelle entspringt denn auch die tiefe angelsächsische Religiosität. Aber eben aus ihr stammt, umgekehrt, die besondere Düsternis des Angelsachsen, wo er nicht tierisch ist und seinen Grund nicht im letzten Frieden fand. So schrieb mir jüngst ein tiefer Vortreter dieses Stamms (ich zitiere englisch, um dem Gesagten nichts von seinem ursprünglichen Charakter zu nehmen):

It seems to me that the Anglo-Saxon, if left to himself, tends to gravitate more inevitably towards scepticism and denial than the German, and to take refuge in a bitter cynicism and general distrust of the reality of the spirit. This has of course been overlaid by religion; but in spite of his preoccupation with religion, it has rarely gone very deep with the Anglo-Saxon, and as soon as he shakes it off he almost inevitably takes refuge in negation. It has always seemed to me that the true Anglo-Saxon attitude was admirably expressed by the Saxon chief who, after listening to the preaching of Paulinus, addressed the king to the effect, that the life of man was like the sparrow that flew through the hall, tarried for a moment in the light and warmth, and then flew out again into the darkness, no one knowing whence it came or whither it went.
Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
England
© 1998- Schule des Rades
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