Schule des Rades

Hermann Keyserling

Unsterblichkeit

Über den Unsterblichkeitsglauben überhaupt

Mythologien

Schon mehrfach haben wir ein eigentümliches Verhältnis gestreift: das Alogische jedes Glaubens. Zwar kann ich auf die kritische Seite des Problems noch nicht eingehen, doch muß die faktische schon jetzt berührt werden, weil sonst ein volles Verständnis der Jenseitsvorstellungen unerreichbar bleibt.

Die meisten Eschatologien erscheinen dem denkenden Menschen sowohl unvorstellbar als unbegreiflich; entweder übersteigen sie jede mögliche Anschauung, oder sie widersprechen den Denkgesetzen, oder aber sie widersprechen sich selbst. Der letzte Fall ist besonders häufig: so war das ägyptische Jenseits geradezu aus Widersprüchen zusammengesetzt. Das störte aber die Gläubigen nicht im Geringsten. Bloß die Ägyptologen stört es gelegentlich, welche dann, im gutgemeinten Bestreben, jenen Mythen einen rationellen Sinn unterzuschieben, die historische Wahrheit vergewaltigen. Und daß die Irrationalität gewisser christlicher Dogmen die Kirchenväter beunruhigte, ist schließlich auch nur zum Schaden des Christentums gewesen. Wozu das Unbegreifliche erweisen wollen? Es ist ja unmöglich; zuletzt strandet man beim tertullianischen Credo quia absurdum. Man sollte nie vergessen, daß jeder Mythos als Symbol ursprünglich eine letztmögliche Erklärung darstellte, die gar nicht weiter kommentiert werden konnte. Alle Mythologien, soweit sie sich nicht auf geschichtliche Ereignisse beziehen, sind Überreste aus konkreten Denkstadien; eine abstrakte Zeit ersinnt nie anschauliche Religionen, sie erdenkt allenfalls eine Philosophie. Von den Widersprüchen innerhalb religiöser Vorstellungen zu reden, ist daher gerade so sinnreich, wie einem Gemälde vorzuwerfen, daß es kein Begriff ist.

Bleibt die Frage, warum die Menschheit in der Regel alogische Mythen geschaffen hat, wo diese doch (theoretisch gesprochen) gerade so gut hätten logisch sein können? — Die Antwort ist Sache der Wahrscheinlichkeitsrechnung — bis auf einen, sehr wesentlichen Fall: den, wo der Mythos einer kausalen Fragestellung seinen Ursprung verdankt, eine ursächliche Erklärung bedeutet. Dieser ist psychologisch unschwer zu verstehen.

Wir glauben seit Kant, daß alles Forschen nach der Ursache seinem Wesen nach den regressus ad infinitum postuliert. Das ist erkenntniskritisch richtig, psychologisch hingegen falsch: es ist für das Denken der meisten Völker und Individuen sogar charakteristisch, daß die Frage nach der Ursache den genannten Rückschritt nicht fordert. Wie unter uns noch heute das Weib, das Kind und der Kranke, verlangt der naive, mythenschaffende Mensch, wenn ein Warum? ihn beunruhigt, bloß eine Erklärung überhaupt. Diese muß möglichst naheliegend, konkret, eindeutig und unmißverständlich sein; sie wird dann ohne Weiteres geglaubt. Weiterzufragen, fällt dem Primitiven ebensowenig ein, wie der Menge, welche gläubig den grundlosen Beteuerungen ihres bewunderten Führers lauscht. Wie diese jeden Begründungsversuch als Abschwächung des Wahrheitswertes seiner Behauptungen auffaßt, so ist jener weit eher geneigt, an einer bewiesenen Sache zu zweifeln, als an einem peremptorisch verkündigten, mit dem nötigen persönlichen Prestige schroff aufgestellten Glaubenssatz. Die erste beste Erklärung hat eben zu genügen; der Glaube macht auch das Unsinnige gewiß. So ist nichts charakteristischer für die kausale Bedürfnislosigkeit der Menschheit, als ihre kosmogonischen Vorstellungen. Auf die Frage, wer denn die Welt erschaffen, nennt der Australier einen Papagei. Und nicht allein Naturvölker sind so bescheiden in ihren Erklärungsansprüchen: Thales lehrte, alles stamme vom Wasser, und Xenophanes, alles sei aus Erde hervorgegangen. Nach japanischer Sage wurden Sonne und Mond (beides göttliche Wesen) seinerzeit in Japan verfertigt und nachher in den Himmel exportiert. Gilt nicht von jedem Schöpfungsmythos, dem mosaischen inbegriffen, letzthin das Gleiche? Wer da sagt, ein Gott habe die Welt erschaffen, beweist mehr Einsicht, als der Verehrer des Papageis, doch schneidet auch er den rückgreifenden Kausalnexus willkürlich ab, begründet überdies das Bekannte mit Unbekanntem und leitet alles Sein zuletzt von einem Ursein ab, dessen Transzendenz wenig geeignet ist, sein problematisches Wesen deutlich zu machen. Ob Vogel, Wasser, πϱώτη ὕλη oder Gott: überall dient zur Erklärung der Natur ein Mythos, der nicht verständlicher ist, als das zu erklärende Phänomen, und im Übrigen als Tatsache ungewiß. Sogar die moderne Physik verfährt nicht wesentlich anders1. — Doch erscheint dieser Umstand nur den Wenigsten als Übelstand.

Schon Platner hat bemerkt, daß der Mensch alles Un- und Übernatürliche in der Regel leicht versteht, und daß Unbegreiflichkeit eigentlich nur im Natürlichen stattfindet; das erste ist eben seine eigene Erfindung, während ihm die Normen des Naturverlaufs nicht unmittelbar gegeben sind. Deswegen fällt ihm das Irrationelle seiner Voraussetzungen so selten auf. Aber wie sollte eine letzte Welterklärung jemals intellektuell befriedigen? Eine letzte Ursache kann doch nur der entdecken, der auf den regressus ad infinitum verzichtet; und das ist ein irrationelles Verfahren. Am Ende der Vernunft setzt der Glaube ein, und dieser verleiht auch dem Absurden mehr Wahrheitswert, als dem bloß Vernünftigen der beste Beweis. Wie wenig stört den gläubigen Orientalen die Tatsache des Übels in der Welt (die doch ein guter Gott eigens für den Menschen geschaffen haben soll), mit dessen Erklärung sich die Philosophen bis heute vergeblich abmühen! Noch die alttestamentlichen Juden, deren Gott eine moralisch nicht eben einwandfreie Persönlichkeit war, kannten dieses Dilemma nicht: Jehovah hat eben die Macht, er kann tun, was er will; sein Wille ist selbstverständlich Willkür; und weil er die Macht hat, ist er eo ipso im Recht, ist sein Verhalten auch gut. Weiter zu raisonnieren wäre gottlos. So urteilen die meisten Asiaten, wenn der anerkannte Despot ein grausames Gericht abhält; so urteilt wohl stets der primitive Mensch. Macht und Recht sind ursprünglich auch de jure, wie heute noch de facto Wechselbegriffe.

1Vgl. mein Gefüge der Welt, 2. Aufl., Darmstadt 1920, I. Kapitel.
Hermann Keyserling
Unsterblichkeit · 1907
Eine Kritik der Beziehungen zwischen
Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt
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